1973 präsentierte Philip Jose Farmer mit „The Other Log of Philias Fogg“ nicht nur eine liebenswerte Hommage an Jules Vernes Klassiker „In achtzig Tagen um die Welt“, sondern mit Querverweisen auf andere Jules Verne Werke mit „20.000 Meilen unter den Meeren“ sowie mit Abstrichen „Die geheimnisvolle Insel“, aber auch dem Auftreten von fiktiven Persönlichkeiten mit Kapitän Nemo, Professor Moriarty und der Integration von historischen Geheimnissen wie dem Schicksal der Mary Celeste ist der stringente Roman in verschiedene Kosmen fest eingebunden.
Philip Jose Farmer führt den eigentlichen Plot mit nicht nur einem, sondern gleich zeit Vorwörtern ein. Im Anhang findet sich ein scheinbar fiktiver Artikel von H.W. Starr mit dem starren, aber auch ironischen Titel „A Submersible Subterfuge or Proof Impositive“, der 1959 im Magazin „Leaves from the Copper Beeches“ erschienen ist. Star geht auf die zahllosen Widersprüche zwischen „20.000 Meilen unter den Meeren“ und der scheinbaren Fortsetzung „Die geheimnisvolle Insel“ aus der Perspektive realen Geschehens und nicht eines Romans ein. Neben der Charakterisierung von Kapitän Nemo als eine Mischung aus narzisstischem Pirat und Wohltäter der Menschheit in Form eines Robin Hoods der Meere schlägt Starr noch einen weiteren Bogen zu einer von Arthur Conan Doyle entwickelten Figur: Professor Moriarty. Interessant ist, dass dieser Artikel vierzehn Jahre vor Farmers Buch erschienen ist, aber direkt Bezug auf eine der finalen Schlüsselideen Farmers nimmt.
„Das echte Log des Phileas Fogg“ ist zwischen der Erstveröffentlichung 1973 insgesamt vier weitere Male nachgedruckt worden. Die deutsche Ausgabe erschien schon drei Jahre nach der amerikanischen Erstveröffentlichung.
Aus den beiden Vorwörtern Farmers ist direkt wie indirekt abzulesen, dass sich Jules Verne schon zu seiner Zeit der Idee der Crossover Fiktion verschrieben hat. Das bezieht sich nicht auf Fortsetzungen im umfangreichen Werk des Franzosen, sondern Sir Arthur Conan Doyle vorgriff. Damit gehören Jules Vernes Romane untrennbar zu den Werken, welche die Welt der Newton Familie umfassen. Zu den weiteren bekanntesten Charakteren dieser in der Öffentlichkeit unbekannten, aber einflussreichen Familie von mindestens Helden, wenn nicht teilweise Superheldencharakteren gehören unter anderem auch der indirekt erwähnte Sherlock Holmes, aber auch Lord Greystoke alias Tarzan und vor allem aus dem 20. Jahrhundert Doc Savage. Im Gegensatz zu einigen anderen Newton Familiengeschichten, in denen Philipp Jose Farmer die unterschiedlichen fiktiven Helden mit einer Mischung zwischen Eleganz und Brachialität miteinander in nicht selten handlungstechnisch eher durchschnittlichen Geschichten miteinander verbunden hat, verfügt dieser Roman über ein starkes Handlungskorsett – Jules Vernes Roman „In achtzig Tagen um die Welt“ -, dessen Grundlage Farmer mit diesem anderen, geheimnisvollen Logbuch nicht nur in der aus Farmers Sicht Ausmerzung von einigen Ungereimtheiten in Vernes Buch ergänzt, sondern mit dem ewigen Kampf zwischen außerirdischer Rassen auf der Erde – die Gruppen umfassen inzwischen weniger als einhundert Mitglieder – um ein auf den ersten Blick typisches Science Fiction Klischee zu ergänzen sucht.
Von Beginn an macht Farmer klar, dass Jules Vernes Roman das Gerüst ist, an dem er sich als übergeordneter Erzähler orientiert. Aber aus nicht weiter erläuterten Gründen hat der Franzose nur die Wette, die Reise um die Erde in achtzig Tagen, in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt. Das andere Log – im deutschen Titel wird daraus das „echte“ Logbuch – wird nicht nur der wahre Grund der Mission erläutert - ein Teleportationsgerät, das in die Hände der Feinde gefallen ist -, sondern Philip Jose Farmer geht auch in der ersten Hälfte des Romans und dem erstaunlich langen Epilog – es folgen nach der Rückkehr nach London immerhin noch dreißig Seiten in der deutschen Ausgabe, gute fünfzehn Prozent des Gesamtumfangs – auf verschiedene Hintergründe ein.
Bei Jules Verne ist Phileas Fogg ein junger dynamischer britischer Gentleman mit einem stark ausgeprägten Zeitsinn und im Grunde einem Hang zur Pedanterie. Erst die Reise um die Erde zwingt ihn sowohl in Jules Vernes Geschichte, mehr noch in Philip Jose Farmers Zusammenfassung der wahren Mission zur Improvisation und damit auch zum eigentlichen Leben. Hinzu kommt in beiden Geschichten, dass er seine wahre Liebe unterwegs rettet und anschließend kennen lernt. Das romantische Element entkräftet Philip Jose Farmer nicht, er erdet ist. Über Phileas Fogg an sich erfährt der Leser in Jules Vernes Originalfassung nur das Elementarste. Bei Farmer handelt es sich – wie fast alle handelnden Charaktere – um einen Spezialagenten einer außerirdischen Macht, die seit vielen Jahrhunderten auf der Erde lebt. Immer wieder wird er zu Geheimmissionen gerufen. Wie auch der Jagd nach dem gestohlenen außerirdischen Artefakt, getarnt als spektakuläre und von der Presse fast auf Augenhöhe kommentierte Weltreise. Fogg ist das unsterbliche Stiefkind der außerirdischen Eridianer. Seinen Diener Passepartout – er macht weder bei Jules Verne noch bei Philip Jose Farmer seinem eigentlichen Namen Ehre – lernt er quasi kurz vor der Abreise kennen, da er seinen bisherigen Diener offiziell entlassen musste. Inoffiziell ist dieser zu Gunsten von Passepartout abberufen worden.
Auch wenn die Wette aus dem Affekt geschlossen worden zu sein scheint, dient sie – wie erwähnt – als Tarnung hinsichtlich der Suche nach dem außerirdischen Artefakt. Gleich zu Beginn führen Farmer und Verne mit dem etwas naiven Detektiv Fix – auch dessen Rolle wird Farmer gegen Ende der Geschichte relativieren – und der Ähnlichkeit zum Bankräuber in London Spannungselemente ein. Bei Fix wird sich Farmer erstaunlich lange an die Originalvorlage bis zum Finale mit dem Faustschlag halten.
Der erste Abschnitt der Reise ist auch weniger von der Suche nach dem Artefakt, sondern vor allem der Jagd mit der Zeit bestimmt. Farmer folgt Jules Verne erstaunlich eng.
Die erste große Abweichung ist die Bergung des geheimnisvollen Gegenstands und das Auftreten Kapitän Nemos, der als indischer Herrscher getarnt ebenfalls nach dem Artefakt gesucht hat. Kapitän Nemo ist ebenfalls ein Außerirdischer, dessen Vorfahren vom Capella zur Erde gekommen sind. Körperlich ist er Fogg überlegen. Allerdings vertraut Nemo neben seiner Rücksichtslosigkeit entgegen der Charakterisierung in den beiden entsprechenden Jules Verne Romanen vor allem seiner intellektuellen Überlegenheit. Kritisch gesprochen hätte die Wette und damit die Jagd nach dem Artefakt an zwei oder drei Stellen beendet werden können, wenn Nemo konsequenter agiert hätte. Bei einem „Helden“ wie Fogg glaubt der Leser nicht, dass er seinen wehrlosen Gegner brutal ermordet. Aber in Form der hier präsentierten Charakterisierung Nemos – und seinem späteren britischen Alter Ego, auf welches vor allem Starrs Artikel die Fakten beugend noch einmal ausführlich eingeht – wirkt das mehrmalige Zögern wenig überzeugend.
Nach diesem Exkurs folgt Farmer wieder lange Zeit Jules Verne und präsentiert die Reise durch Indien und das vordere Asien bis nach Singapur wie bei Jules Verne. Es gibt einige Anspielungen und vor allem die vom Scheiterhaufen gerettete Witwe entpuppt sich natürlich auch als Agentin Eridanis. Sie ist nur in emotionalen Dingen so hilflos wie bei Jules Verne. In allen anderen Dingen wie dem Ziehen und Abdrücken von Handfeuerwaffen; der Selbstverteidigung und einer gewissen Weitsicht ist sie Fogg ebenbürtig. Kein Wunder, dass sich der stoische britische Gentleman in die attraktive Witwe verlieben muss. Im Gegensatz zu Jules Verne kann Farmer auch die entsprechende Erklärung für die Heirat mit dem älteren Inder beifügen: auch sie suchte das Teleportationsgerät.
Die Überfahrt in die USA wird noch einmal durch einen interessanten Einschub unterbrochen. Die Reisenden finden ein verlassenes, auf dem Wasser treibendes Wrack. Es ist die legendäre Mary Celeste. Während das Verschwinden der Besatzung in der Realität der Leser zwar zahlreiche Spekulationen, aber keine finale Erklärungen bewirkt hat, präsentiert Farmer eine interessante Erklärung, die natürlich auch in einem engeren Zusammenhang mit den Außerirdischen steht. Durch die nahtlose Integration gehört dieser Abschnitt zu den stärksten „neuen“ Sequenzen des ursprünglichen Textes, während verschiedene andere Auseinandersetzungen ein wenig aufgesetzt erscheinen.
Das bekannte Finale entschärft Farmer auf eine erstaunliche Art und Weise. Die Erklärung, warum bei Ankunft Foggs die britischen Uhren zehn Minuten vor der vollen Stunden wie bei Jules Verne schlagen, wird nicht geliefert. Aber die Idee, dass Fogg relativ schnell erkannt hat, dass er erstens einen Tag mit der Umrundung der Erde gewonnen und damit noch pünktlich erscheinen ist, relativiert Farmer, in dem er seinen Fogg genüsslich sich ausruhen lässt. Natürlich will er dramaturgisch perfekt zehn Minuten vor der finalen Zeit im Club erscheinen und die Wette gewinnen. Aber bei Jules Verne ist es ein fast cineastisch eingesetztes Überraschungselement, bei Farmer teil der plötzlich wieder relevanten Berechnung, nach dem Fogg früh auf der Reise alle Uhren vernichtet hat.
Vor allem gibt es zwischen der ersten Ankunft in London und der finalen Fahrt zum Club noch eine weitere Begegnung, welche den schon angesprochenen langen Epilog vorbereitet. Im Gegensatz zu Jules Vernes Roman ist der Polizist Fix nicht Foggs einziger Feind. Kapitän Nemo erweist sich als besonders hartnäckig und schwer auszuschalten. So muss es noch zu einem im Vergleich zum ganzen Roman sehr langen finalen Kampf kommen. Farmer ist ein farbenprächtiger Autor, welcher in der Tradition der alten Pulps und teilweise deren Figuren nutzend die entsprechende Spannungsschraube bis zum Anschlag, in einigen Fällen aber auch über diesen Siedepunkt hinaus zu drehen vermag. Bei „Das echte Log des Phileas Fogg“ überschreitet der Autor diesen Punkt, weil er nicht nur die Konfrontation zwischen den markanten Vertretern zweier außerirdischer Rassen in den Mittelpunkt stellt, sondern wie angedeutet auch noch Arthur Conan Doyles Komos einbezieht. Wie Starr in seinem Artikel erläutert, leidet hier ein wenig die Glaubwürdigkeit, denn Professor Moriarty als Erzschurke ist vor allem ein Mann des Geistes, der sich nicht gerne direkt die Finger schmutzig macht. Und das muss er in Form von Kapitän Nemo, der vom ersten Auftreten an als nicht mehr ganz junger, aber besonders kräftiger wie großer Mann beschrieben wird. Ein Mann, der gerne selbst Hand anlegt. Jules Verne hat das in mehreren Episoden bei „20.000 Meilen unter den Meeren“ beschrieben, während chronologisch „Die geheimnisvolle Insel“ ein wenig aus dem Rahmen fällt. Im direkten Vergleich zwischen Moriartys Wirken und der Fortsetzung von „20.000 Meilen unter den Meeren“ sowieso.
Farmer hat gerne immer wieder auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise in seiner Newton Familie Superhelden familiär miteinander verbunden. Dabei spielte es keine Rolle, ob sie auf Seiten des Lichts oder der Dunkelheit agieren. Es gibt verschiedene Romane über Lord Greystoke, aber auch Doc Savage, in denen Farmer mit einer eloquenten Eleganz diese familiären Beziehungen inklusive der entsprechenden Konflikte entwickelt und extrapoliert hat. Im vorliegenden Roman wirkt es zu überdreht. Kapitän Nemo auf der einen Seite – theoretisch wäre eine Figur wie „Sandokan“ allerdings deutlich passender – und Phileas Fogg auf der anderen Seite sind ausreichend, mehr braucht es nicht, um aus Jules Vernes Abenteuergeschichte eine Science Fiction Geschichte mit einer originellen „Rettet die Menschheit“ Wendung zu machen.
Der Leser mag darüber lächeln, dass Philip Jose Farmer die Gleichheit der Initialen mit Phileas J. Fogg nutzt, um zu implizieren, dass der unsterbliche Fogg mit seiner hübschen Frau immer noch irgendwo im Verborgenen auf der Erde lebt und sich schließlich durch Farmers Niederschrift geoutet hat. Das ist amüsant, aber wirkt wie die finale Doppelinkarnation Nemos/ Moriartys ein wenig zu viel des Guten.
Als Roman ist „Das echte Log des Phileas Fogg“ eine detaillierte, manchmal ein wenig respektlose Hommage und Neuinterpretation des Originalstoffes. Von der Qualität erinnert die kurzweilig zu lesende Story an die Arbeit von Vater und Sohn Wellmann, die in einem Roman die beiden Überhelden Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes und Professor Challenger mit der Invasion der Marsianer aus H.G. Wells entsprechendem Roman verbunden haben. Als Zugabe gab es noch einen Hinweis auf H.G. Wells Kurzgeschichte „Das Kristallei“. Kenner der jeweiligen Original werden bei der Lektüre zwischen Amüsement und Entsetzen emotional hin und her schwanken. Wer die jeweiligen Original eher oberflächlich kennt, wird am Ende insbesondere von „Das echte Log des Phileas Fogg“ in Versuchung geführt, Jules Vernes Buch noch einmal zu lesen. Damit wäre das Ziel erreicht. Über weite Strecken bis auf die beiden angesprochenen überdrehten und in dieser Form unnötigen Exzesse ist der vorliegende Roman ausgesprochen unterhaltsam und vor allem spannend als Bericht, weniger als Logbuch, geschweige denn als klassische Erzählung neu strukturiert und temporeich umgesetzt worden. Farmer schenkt auch den Nebenfiguren nicht nur ihre eigene Existenzberechtigung, die bei Jules Verne während der temporeichen Reise eher untergeht, sondern immer wieder neben der Hetzerei einen Moment des Eigenlebens, was diese Geschichte beginnend mit der Frage, warum Passepartout seinem Namen niemals wirklich Ehre macht, so unterhaltsam und bizarr zu gleich macht. Mehr als eine Wiederentdeckung Wert.

- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 222 Seiten
- Heyne Verlag
- ISBN-10 : 3453310160
- ISBN-13 : 978-3453310162
