Neil Clarke resümiert in seinem Nachwort über den Weltcon, aber auch die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Magazinertragslage. Gunnar de Winter schreibt dagegen über „Space Bears and the Engineering the Next Generation of Astronauts” in Hinblick auf die lange Zeit, in welcher kein Mensch über den erdnahen Orbit hinaus geflogen ist und welche Probleme es gibt, ein solches Programm quasi auf dem gegenwärtigen technischen Fortschritt bei Null starten zu lassen.
Unterschiedlicher könnten die Gesprächspartner Arley Sorgs nicht sein. Auf der einen Seite der auch auf in „Clarkesworld“ vertretene Rich Larson, der über seine ersten Schritt als professioneller Autor, aber auch die längeren Arbeiten spricht. Auf der anderen Seite mit Ken Liu der erste Superstar der chinesischen Science Fiction und Fantasy im Westen. Nach Abschluss seiner „Seidenkrieger“ Trilogie kehrt Ken Liu wieder zur Science Fiction zurück und stellt seine neue Trilogie vor. Ausführliche Antworten auf Arley Sorgs sorgfältige recherchierte Interviews machen diese Sparte immer wieder zu einem Höhepunkt der „Clarkesworld“ Lektüre.
Isabel J. Kim eröffnet mit „Wire Mother“ den Oktober. Die Auslage mit einem halb Waisen Teenager Cassie und einem Vater, der ihr einen künstlichen Begleiter – AMY verfügt über alle Erinnerungen von Cassies Mutter – erschafft könnte als Klischee gelten. Während der Vater in AMY schnell einen Ersatz für die verstorbene Frau sieht, kann Cassie aufgrund einer Erkrankung keine menschliche Nähe ertragen. Gegen Ende der Story muss sie eine Entscheidung treffen, welche natürlich auch ihre weitere Zukunft mit oder ohne AMY beeinflusst. Die emotionale Tiefe wird durch die gut charakterisierten wenigen Protagonisten noch unterstrichen, während die Handlungsführung allerdings ein wenig zu manipulativ erscheint.
Die Postapokalypse grüsst in Fiona Moore´s „The Cancer Wolves“. Nicht so klischeehaft wie auf den ersten Blick erwartet, weil die Menschen die Traumata abgeschüttelt haben und sich wieder zu entwickeln beginnen. Die in einer in der Nähe gelegenen Versuchsstation gezüchteten Wölfe sollen Antikörper gegen Krebs bilden, sind aber inzwischen auf freier Wildbahn. Die Protagonisten versucht eine Basis zum Rudel zu finden, das es Wolf und Mensch ermöglicht, friedlich nebeneinander zu leben. Auch hier überzeugen die Protagonisten inklusiv der Wölfe mehr als die eigentliche Handlungsführung. Viele Klischees entwickeln sich nach dem gut etablierten Ausgangsszenario und geben der Story eine unnötige Vertrautheit.
H.H. Paks „Crabs don´t Scream“ fasst gleich eine Reihe von Klischees zusammen. Ein außerirdischer Zeitreisender – nur die Herkunft ist wirklich originell – verliebt sich kurz vor dem Ende der Welt. Aber sie haben ja im Umkehrschluss als Zeitreisende alle Zeit der Welt. Die Figuren agieren eher mechanisch und H.H. Pak konzentriert sich auf einen distanziert erzählten Handlungsverlauf, ignoriert dabei allerdings wichtige Aspekte wie Charakterentwicklung oder inhaltlich überraschende Wendungen.
Zu den bekanntesten und in diesem Fall auch besten Autoren dieser „Clarkesworld“ Ausgabe gehört Greg Egan, dessen „Understudies“ mittels eines Geräts – literarisch Cyranos genannt – durch ihre Träume lernen. Dabei präsentiert der Autor die ganze Bandbreite von den fleißigen Musterschülern bis zu den obligatorischen Betrügern. Höhepunkt sind Wettkämpfe, die auf den mathematischen Fähigkeiten der Teilnehmer basieren. Greg Egan hat trotz der originellen Ausgangslage ein inhaltliches Problem. Nur Nerds wollen Geschichten lesen, in denen sich die Protagonisten auf einer geträumten Ebene mit mathematischen Problemen duellieren, die weit über den Wissenshorizont des Durchschnittsleser hinausragen und deswegen irgendwie in ihrer Präsentation zu Lasten der Dramatik wieder geerdet werden müssen. Am Ende interessiert es den Leser nicht wirklich, mit welcher Lösung wer gewinnt.
Liu Maijias „Giant Grandmother“ ist eine seltsame Geschichte. Genetische Veränderungen ermöglichen es den Menschen, zu anderen Welten zu reisen. Ob ausgerechnet die Evolution zu einem Elefanten hilfreich ist, steht auf einem anderen Blatt. Auch wenn die grundlegende Prämisse ausgesprochen bizarr ist und der Leser Probleme hat, sich den einzelnen Charakteren wirklich zu nähern, überzeugt die hintergründige Ebene mit der Diskussion, was einen Menschen wirklich unabhängig von seiner körperlichen Präsenz auszeichnet deutlich mehr als die starre Erzählstruktur.
„The Job Interview“ Carrie Vaughn) ist einer der wenigen klassischen Science Fiction Geschichten. Lisle Rinzelli arbeitet an den Navigationssystemen einer Raumstation. Anscheinend gibt es einen Ausfall in der Kommunikation. Durch die Anweisungen ihres Vorgesetzen muss sie mit ihren Leuten das Problemen innerhalb sehr enger Bandbreiten lösen. Die originäre Prämisse muss der Leser akzeptieren, damit die Geschichte funktioniert. Es geht weniger um die Lösung der Probleme, sondern Kompetenzen und berufliche Eitelkeiten. Normal denkt man, der Mensch im All sollte diese Kleinigkeiten hinter sich gelassen haben, aber in Carrie Vaughn Geschichte werden sie nicht nur zu Herausforderungen, die Autoren etabliert sie als überzeugendes Spannungsmoment in einer ausgesprochen geradlinig geschriebenen und packend entwickelten Story mit einem pragmatischen, aber auch zufriedenstellenden Ende.
Phoebe Bartons „In Luck´s Panoply Clad I Stand“ handelt ebenfalls von einem Außerirdischen, der allerdings nicht wie bei H.H. Park durch die Zeit reist, sondern auf der Erde gestrandet den Menschen hilft, die Auswirkungen eines nuklearen Winters zu überstehen. Irgendwann erhält Alice Trimble die Möglichkeit, die Erde wieder zu verlassen und die Menschen zurückzulassen. Natürlich eine schwere Entscheidung, denn sie ist der Ansicht, ihre Mission ist noch nicht zu Ende. Die gute Charakterzeichnung überschattet die im Groben vertraute Handlung eines überdurchschnittlich guten Charakters, der sich für seine Ansichten, seine Mission und gegen sein Volk oder andersherum entscheiden muss. Es ist schwer, wirklich originell dieses Thema weiter zu entwickeln, so dass nach beendeter der Lektüre der Eindruck bleibt, einen neuen Freund in Alice Trimble zu haben und doch nicht wirklich intellektuell „satt“ geworden zu sein.
Der Oktober ist eine eher durchschnittliche „Clarkesworld“ Ausgabe mit einigen guten Ideen in den hier gesammelten Storys, aber nicht selten einer eher mechanischen Ausführung. Bei anderen Texten sind es die überdurchschnittlich entwickelten Protagonisten, welche den Plot überschatten. Zusammengefasst ist es leider Neil Clarke nicht gelungen, einen wirklich überdurchschnittlichen guten Texten für den Herbst einzukaufen.

