Frank M. Robinsons verfilmter Thriller "The Power" - der Originaltitel ist ambivalenter und besser passend als "Die lautlose Macht" - liest sich auch fast sechzig Jahre nach der Erstveröffentlichung erstaunlich packend und zeigt aus der Distanz auf, wie effektiv cineastisch der 2014 verstorbene Autor den nicht unbedingt innovativen Stoff strukturiert hat. Viel effektiver ist, dass Frank M. Robinson diese klassisch, vielleicht sogar klischeehaft eindimensionale Idee eines Supermanns mit intellektuellen, körperlichen und PSI Fähigkeiten weit über die überdurchschnittlich talentierten Menschen hinaus in das reinrassige Thrillergenre übertragen und Elemente aus Alfred Hitchcocks Paranoia Filmen hinzu gefügt hat. John Farris hat in seinem ebenfalls verfilmten Roman "The Fury" die Grundzüge Robinsons geschickt extrapoliert, einige Motive allerdings auch wohlwollend gesprochen kopiert.
Bill Tanner ist ein Professor an einer kleinen Universität in Chicago. Er arbeitet wahrscheinlich mit militärischer Förderung in einem kleinen Team an einem Projekt, das Menschen im Allgemeinen aber Soldaten im Speziellen stärker machen soll. Die Thesen der Evolutionslehre Darwins bilden dabei das Grundgerüst. Es geht nicht nur um das Züchten einer körperlich überlegenen Menschengruppe, sondern eine intensive Förderung des Verstandes unter Ausschaltung der Urinstinkte und der Furcht. Tanners Kollege rutscht raus, dass er der festen Überzeugung ist, ein solcher Supermann befindet sich schon heimlich unter den Mitgliedern des Teams. Ein kleines Experiment soll den Kollegen beruhigen, zeigt aber die Möglichkeit auf, dass der "Fremde" in Wirklichkeit doch unter ihnen weilt. Am nächsten Tag ist der Kollege tot. Anscheinend während des Verfassens eines Briefes an einem Herzinfarkt gestorben. In dem Brief findet sich ein Name: Adam Hart. Tanner macht sich auf die Suche nach diesem Mann, der in einer kleinen Gemeinde im Mittelwesten gelebt haben soll und zumindest ein Jugendfreund des Toten nicht. Doch kaum kommt er in dieser seltsamen Gemeinde an, muss er erst erkennen, dass die Polizei ihn plötzlich des Mordes verdächtigt und nach einigen gescheiterten Festnahmen jemand beginnt, seine Existenz aus dem Bewusstsein aller Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zu tilgen.
Wie schon angesprochen nutzt Frank M. Robinson nicht nur Elemente des Thriller Kinos, in mancher Hinsicht bis auf die wenig überraschende, aber zynisch effektive Pointe folgt der Autor den Vorgaben, die Orson Welles in seinem unterschätzten Meisterwerk "Mr. Arkadin" ein Jahr vorher offen gelegt hat. Zu Beginn seiner Suche ist Tanner in der Offensive. Er hat einen Namen und einen vagen Plan, sich Informationen zu besorgen. Schnell muss er aber erkennen, dass Adam Hart von Beginn an ein Monster, im übertragenen Sinne sogar der neue Führer Amerikas sein könnte. Ein Mann, der Menschen aus der Entfernung nicht nur töten, sondern vor allem ihnen seinen Willen aufzwingen kann. Ein verwöhnter Junge, der sich alles genommen hat, was er wollte. Der seine sexuellen Begierden genauso ausgespielt hat wie seine Terrorherrschaft. Ein Mann, der mit seinen Fähigkeiten nicht einen Schritt zu einem Gottstatus gewesen ist, sondern wie in Orson Welles Film eher dem manipulierenden Teufel ähnelt. Je mehr der Leser über Adam Hart erfährt, desto unsympathischer wird er ohne aktiv in Erscheinung zu treten. Mit dem beginnenden Auslöschen seiner Existenz dreht sich der Plot. Aus dem theoretisierenden Jäger wird ein Gehetzter, ein Opfer. Hinzu kommt, dass nach und nach alle Mitglieder des kleinen Teams unter mysteriösen Umständen ums Leben kommen. Adam Hart ahnt nicht, dass er es so auf der einen Seite Tanner einfacher macht, ihn zu identifizieren, während Tanner auf der anderen Seite nicht weiß, dass seine Vermutungen nicht zwangsläufig richtig sein müssen. Routiniert, aber unterhaltsam kompakt spult Frank M. Robinson alle Elemente des Verfolgungsthriller hintereinander ab. Manches wirkt aus der Distanz von sechzig Jahren wie ein Klischee, andere Szenen sind aber nicht nur gut geschrieben, sondern atmosphärisch nuanciert mit einem Hauch des Perversen entwickelt. Aus noch nicht erkennbaren, aber rückblickend auch logischen Gründen ist Tanner von Harts Verhalten angewidert und angezogen zu gleich.
Hinter den Kulissen versucht sich Frank M. Robinson mit verschiedenen moralischen Fragen auseinanderzusetzen. Gelten für ein gottgleiches Wesen die gleichen Regeln wie für einen normalen Menschen? Der Autor weigert sich abschließend, eine Antwort drauf zu geben, zumal er die Gabe auch zu ambivalent beschreibt. Auch zielt die Moral nur in eine Richtung, dass zu viel Macht schlecht ist und absolute Macht korrumpiert. Hinsichtlich Adam Harts Ambitionen bleibt der Roman zu oberflächlich. An einigen Stellen suggeriert der Plot, dass Adam Hart sich zu einer Art PSI begabten Hitler aufschwingen könnte, dem die Massen freiwillig folgen. Auf der anderen Seite hat er bislang im Geheimen agiert, zwar sein Heimatdorf als Jugendlicher tyrannisiert und inzwischen auch in Chicago sich eine Nischer erarbeitet, er hat aber aktiv keine Ambitionen gezeigt, aus seiner Deckung heraus nach der politischen Macht in den USA zu greifen. Der Katalysator ist der Hinweis Olsons und das Experiment. Letzteres ist allerdings sehr vage beschrieben und die Warnungen Olson fallen nur aufgrund seines seltsamen Todes auf fruchtbaren Boden. In dem mehrere Jahrzehnte später veröffentlichten, aber nicht übersetzten "Waiting" hat Robinson die Thriller Elemente zurückfahren und eine vergleichbare Idee hintergründiger aufgegriffen. Hier bemüht er sich, der Motivation seiner einzelnen Figuren mehr Tiefe zu geben.
Die Auflösung ist ein zweischneidiges Schwert. Ohne Frage effektiv und cineastisch zu gleich hinterfragt der aufmerksam über die Mechanismen des Plot hinaus schauende Leser die Pointe. Adam Hart ist bis dahin ein Kuriosum der Natur gewesen. Ein Mensch mit unglaublichen Fähigkeiten, der sich dieser Verantwortung für das Allgemeinwohl im Vergleich zu egoistischen Opportunitäten nie stellen musste. Die Idee, das Adam Hart nicht alleine ist, stellt sich erstens dem Leser über weite Strecken nicht und wird zweitens während des Showdowns auf die Möglichkeit eines Wechselbalgvirus reduziert, der in keiner Form aufzuhalten ist. Zumindest verzichtet Frank M. Robinson positiv auf die bizarr erscheinende Idee einer außerirdischen Intelligenz und hält seine Prämisse so vage wie möglich. Im Vergleich zu der zu langen, zu oberflächlichen Verfilmung - der letzte SF Film, den George Pal produzierte - aus den sechziger Jahren erscheint der zugrundeliegende Roman deutlich kompakter. Vielleicht sind die Nebenfiguren - selbst Adam Hart bleibt lange ein Rätsel und sein abschließendes arrogantes Auftreten wirkt wie ein negativer Höhepunkt einer langen, sehr vielschichtigen und Moral kritisch hinterfragenden Reise - zu eindimensional, zu funktionell beschrieben, aber diese Gesichtslosigkeit als Handlanger Harts macht auch ihren Reiz allerdings auch erst rückblickend aus. "Die lautlose Macht" in der vorliegenden Form ist ein auch heute noch kurzweilig zu lesender Thriller, den Robinson aber für die Neuauflage inklusiv entsprechender Hinweise auf den Golfkrieg unnötig überarbeitet hat. Es empfiehlt sich, die Erstauflagen zu suchen oder auf die deutschen Veröffentlichungen zurückzugreifen, um diese Klippe zu umschiffen.
- Broschiert: 190 Seiten
- Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg. (Oktober 1982)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3548310370
- ISBN-13: 978-3548310374
