Perry Rhodan Comic Band 1- "Die Kartographen der Unendlichkeit"

Kai Hirdt, Marco Castiello

Der Cross Cult Verlag wagt sich an ein sehr ambitioniertes Projekt. Nach den in letzter Zeit unregelmäßig erschienenen Ausgaben der „Alligator Farm“ soll wieder ein Perry Rhodan Comic mit einer durchlaufenden Handlung publiziert werden. Dazu hat der Verlag mit Kai Hirdt einen jungen, bislang professionell im Bereich von „Perry Rhodan Neo“ agierenden Autoren verpflichtet. Der in den USA für verschiedene Comics wie Justice League“ oder jetzt „Star Wars“ arbeitende Italiener Marco Castiello ist der Zeichner. Der ebenfalls in den USA arbeitende Farbgestalter Michael Atiyen kompliziert das Tema. Anscheinend ist die Zielrichtung des Verlages auch der amerikanische Markt.

Perry Rhodan Chefredakteur Klaus N. Frick hat eine in der Romanserie kaum, in den Planetenromanen eher sporadisch beschriebene Episode der lang laufenden Serie herausgesucht. Im Jahr 3540 ist die Erde „verschwunden“ gewesen, um einem Krieg in der Milchstraße auszuweichen. Die Position der Erde ist unbekannt gewesen. An Bord des legendären Fernraumschiffs SOL macht sich Perry Rhodan auf die Suche nach der Heimatgalaxis, um dort für Ordnung zu sorgen. Die relative Position zwischen dem neuen Versteck der Erde und der Milchstraße ist nicht bekannt gewesen. Die Ereignisse zwischen den Perry Rhodan Romanen 701 und 710 ist bislang nur gestreift worden, so dass Kai Hirdt zusammen mit Klaus N. Frick auf eine der beginnenden stärksten Phasen der Serie unter William Voltz, den Mantel von K.H. Scheer immer souveräner abstreifend zurückgreifen konnte. Klaus N. Frick erstellte laut „Comicreporter Alfonz“  den Handlungsrahmen für die ersten Ausgaben. Die Geschichte sollte immer in Dreierabschnitten erzählt werden, wobei Kai Hirdt vor allem im ersten Comic auch das Hintergrundszenario erläutern sollte. Dieser Comic weist inhaltlich einige Punkte auf, welch neben den vor allem hinsichtlich der handelnden Personen zeichnerisch schwachen Ebene für Diskussionen sorgen.

 Die SOL ortet eine kriegerische Auseinandersetzung. Anscheinend wird eine Art Radioteleskop angegriffen, das evtl. über die notwendigen Daten verfügt. Wie in der laufenden Erstauflage mit der Reise durch den Zeitriss in die tiefste Vergangenheit wird wenig diskutiert, ob und auf welcher Seite man eingreifen soll. Eine kurze Warnung, dann wird die SOL in ihre drei Segmente aufgespalten und der Feind angegriffen. Dabei vergisst Kai Hirdt, dass der Mittelteil der SOL nicht zuletzt wegen SENECA das Herz des Raumschiffs ist und in Kampfsituationen sich in Sicherheit bringen sollte, damit die beiden Kugelraumer schwer bewaffnet dem Feind gegenüber treten können. Außerdem zeigen zusätzlich die Bilder des Angriffs, dass Autor und Zeichner nicht wirklich räumlich denken. Beiboote gibt es keine. Es ist schade, dass wenn auf die Tradition zurückgegriffen wird, die bisher bekannten Fakten einfach ignoriert bzw. relativiert werden. Der Feind wird in die Flucht getrieben. Auf der Station befinden sich aber noch gegnerische Bodentruppen, die Perry Rhodan zusammen mit Icho Tolot und Gucky zu vertreiben sucht. Auch hier stellt sich die Frage, wo die terranischen Truppen sind. Kai Hirdt rückt dieses Plotelement sehr stark an die Superheldengeschichten heran, aber Perry Rhodan funktioniert vielschichtiger. Auch wenn es am Ende dieses kurzweilig zu lesenden, aber sehr einfach gestalteten Handlungsbogen eher ein Pyrrhussieg ist – die wichtigen Informationen bleiben ihnen vorenthalten und der Hinweis auf einen deutlich vielschichtigeren Konflikt zwingt Perry Rhodan ohne Frage, die Fronten näher zu untersuchen -, baut Kai Hirdt zu wenig nachhaltige Spannung auf. Es wird noch eine exotische Frau an Bord genommen, so dass Perry Rhodan wie zu Beginn impliziert mehr als der Schwarm einer weiblichen Gestalt sein könnte. Die Actionszenen sind solide gezeichnet, aber in dieser farbenfrohen, von dunklen Tönen beherrschten Gestaltung wirken sie auch unrealistisch im Vergleich zur Heftromanserie. Natürlich will Kai Hirdt zusammen mit seinem Team seinem Comic auch den eigenen Stempel aufdrücken, aber seinem Abenteuer fehlt vor allem die Tiefe, die einige Ausgangsszenarien auszeichnet. Vieles muss komprimiert werden und wird dann ein wenig zu statisch zeichnerisch manifestiert. Erklärungen sind bislang rudimentär. Auf der anderen Seite positiv ist Gucky kein klassischer Kommunikator und kann vor allem die Gedanken der Außerirdischen eher erahnen als sie aufgrund ihrer Fremdartigkeit lesen. Damit wird die bisher vor allem im ersten Teil der Serie eingesetzte „Deus Ex Machina“ Waffe mit dem großen Mäulchen deutlich reduziert und positiv „vermenschlicht“. Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich der Handlungsbogen entwickelt. „Die Kartografen der Unendlichkeit“ wirkt eher wie ein klassisch klischeehaftes Nullachtfünfzehn Abenteuer aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren – wobei sich diese Strukturen in der laufenden Erstauflage leider wiederholen -, in dem unbedingt Action gezeigt werden muss, um Leser bei der Stange zu halten. Ausgerichtet auf ein eher jugendliches Publikum ignorieren Klaus N. Frick und Kai Hirdt die gesetzten Leser, die vielleicht angesichts des faszinierenden Titels eine nuancierte und vor allem vielschichtiger gestrickte Eröffnung erwartet haben. Das Potential ist ohne Frage da, es ist die Frage, ob das Team es wirklich heben kann. Da wird einfach die Außenhülle der Station von Icho Tolot aufgebrochen, ohne Rücksicht auf potentielle Überlebende zu nehmen. Nachdem eindringen, wird diese dann durch eine Art rosefarbendes Kraftfeld wieder verschlossen. Die Technik wirkt uneinheitlich und nicht selten greift Kai Hirdt nach erstaunlich einfachen Wegen, die aber im Widerspruch nicht nur zum damaligen Stand der Serie, sondern selbst zur Entwicklung der laufenden Erstauflage stehen. 

Eine deutlich Schwäche sind vor allem die Zeichnungen. Immer wenn technische Hintergründe wie das erste Bild der kompletten SOL  - es gibt auch ein entsprechendes Poster – im Mittelpunkt stehen, dann funktionieren Castiellos Zeichnungen sehr gut. Bei den handelnden Personen greift seine Phantasie. Grundsätzlich nichts Schlechtes, aber nicht zuletzt dank der hervorragenden Figuren Produktion der HJB Verlages sind viele der handelnden Personen dreidimensional für die Ewigkeit gegossen worden. So wirkt Gucky zu tierisch. Seinen Zügen fehlt die Weichheit und vor allem hat Kai Hirdt keinen eigenen Zugriff auf den Mausbiber. Icho Tolot inklusiv seines abschließenden peinlichen Auftritts als Asteroidenspringer ist ebenfalls verschenkt. Die Dialoge – man sitzt sich noch zu diesem Zeitpunkt der Serie, was Kai Hirdt im Gegensatz zur richtigen Verwendung der SOL übernommen hat – sind gestelzt und wer sich in dem Perry Rhodan Universum nicht auskennt, wird kaum an die Figur herankommen. Und Perry Rhodan zusammen mit zwei attraktiven weiblichen Nebenfiguren auf dem Titelbild mit futuristischen Schulterklappen, aber Muskeln wie Superman passt überhaupt nicht. Auch hier wird versucht, eine andere Kundschaft anzusprechen, die sich neben dem „Superman“ oder „Batman“ auch einen Perry Rhodan Comic kaufen soll.

Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich die „Perry Rhodan“ Comics entwickelt, aber angesichts der Ambitionen und der Risiken des Verlages ist es schade, dass Kai Hirdt mit einer ohne Frage über Potential verfügenden Geschichte so schwach und so eindimensional klischeehaft startet. Die Zeichnungen wirken eher wie eine weitere Variation der „Neo“ Reihe, die sich im luftleeren Raum jenseits der Originalserie etabliert hat und wahrscheinlich über die Perry Rhodan Sammler hinaus den klassischen Superhelden Anhänger ansprechen soll. Sollte es über die Schiene gelingen, sich ein Stammpublikum aufzubauen und anschließend eher positive gesprochen typische Perry Rhodan Geschichten zu erzählen, dann wären die Ziele erreicht. So bleiben viele  Fragezeichen und zusammenfassend unterhält die Geschichte eher, wenn man fast alle Gedanken an die Originalserie nach hinten schiebt und sich vor allem an den schönen Zeichnungen der SOL erfreut.     

Cross Cult Comics

Erscheinungsdatum: 14.10.2015

17x26, SC, 4c, 36 Seiten und Poster
keine ISBN
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