1982 veröffentlichte der Bastei Verlag im Rahmen seiner Reihe mit eher klassischer phantastischer Literatur Friedrich Schillers Fragment „Der Geisterseher“, zum bitteren Ende erzählt von Hanns Heinz Ewers. Der empfehlenswerten und von Klaus Schiemann stimmungsvoll illustrierten Taschenbuchausgabe stand ein Vorwort von Michael Goerden vor, dazu ein Nachwort von Hanns Heinz Ewers. Beide Texte überschneiden sich zwar, aber vor allem Ewers Erinnerungen aus der Entstehung der Vollendung sind ein markantes literarisches Zeugnis. Auch wenn Ewers auf Kleinigkeiten im Handlungsverlauf eingeht, ist es sicherlich empfehlenswert, das Nachwort vor der eigentliche Lektüre zu lesen. Ewers relativiert viel.
Auch wenn Schiller heute inzwischen in der Popularität auf der gleichen Stufe wie Goethe steht, arbeitete der in Marbach geborene Dichter auf einer anderen Ebene. Immer wieder zog in das Verbrecherische, das Räuberische und damit auch das Sensationelle an. Werke wie „Die Räuber“ könnte niemals aus Goethes Feder stammen. Und mit dem nicht abgeschlossenen Fortsetzungsroman „Der Geisterseher“ agierte Schiller im Bereich der Kolportage. Autoren Karl May oder Robert Kraft sollten in die großen Stiefel treten. Zu Lebzeiten erschien der Roman in Fortsetzungen zwischen 1789 und 1791 in der Zeitschrift Thalia in Fortsetzungen. Das erste lange Kapitel war eine Geisterbeschwörung in Venedig, der zweite Abschnitt bestand aus Briefen, in denen dem inzwischen wieder in Deutschland weilenden Erzähler die weiteren Ereignisse aus der italienischen Stadt erzählt worden sind. Der Roman war bislang Schillers größter Erfolg, die Verkaufszahlen hoch. Trotzdem entschloss sich der Dichter, den Stoff fallen zu lassen und sich anderen Themen zuzuwenden. 1793 erschienen die bislang veröffentlichten Teile von „Der Geisterseher“ in einer dreibändigen Buchausgabe.
Erst 1909 regt der Verleger H. Conrad Hanns Heinz Ewers dazu an, an eine Fortsetzung der Fragments zu denken. 12 Jahre und einen Weltkrieg später war der Stoff fertig. Zu diesem Zeitpunkt war Ewers nicht zuletzt aufgrund seines „Alraune“ Romans zwar in aller Munde, galt aber eher als Schundautor. Das ist in der nur acht Bücher umfassenden „Galerie der Phantasten“ auch klassische Autoren mit phantastischen Texten publiziert hat, ist genauso in Vergessenheit geraten wie die Tatsache, das Schiller hier einen echten Kolportageroman für das eher einfach lesende Volk oder die an Sensationen interessierten Adligen und ihre Frauen verfasst hat. Keine dramatische oder vielleicht dramaturgische Wortkunst, auch wenn man beide Autoren nicht absprechen kann, das sie einen selbst heute noch erstaunlich lebendigen und vielschichtigen Roman zusammen erschaffen haben. Ewers rückt auch die Kritiker, welche ihn vor Vollendung des Werkes schon an die Wand gedrückt haben. Sonderlich gestört hat es ihn nicht, denn in diesem Nachwort macht er deutlich, dass er bei der Vollendung des Fragments gar nichts anders konnte als zu schillern. Schiller hatte viele wichtige Aspekte seines Romans in den ersten drei Teilen manchmal nur mittels einer Bemerkung angelegt. Diesem roten Faden musste Ewers nur folgen. Hinzu kommt, das sich Ewers vor dem Beginn der Arbeit noch einmal ausführlich mit Schillers umfangreichen, aber thematisch auch erstaunlich fokussierten Werk auseinandergesetzt hat. Auch wenn es nur bedingt erkennbar ist, hat Schiller gerne mit bestimmten zwischenmenschlichen Konstellationen gearbeitet, die sich fast alle in der zweiten Hälfte von „Der Geisterseher“ wieder finden. Und das nicht nur, weil Ewers möglichst nahe an das Original heran wollte, ohne die schriftstellerische Eigenheit zu verlieren, sondern weil es schlicht und ergreifend aufgrund einzelner Hinweise zum Beispiel bzgl. der Thronnachfolge gar nicht anders ging.
Zur Lesbarkeit der Geschichte trägt ohne Frage bei, dass Ewers in einem Punkt Schiller geändert hat. Die Menschen tragen wieder vollständige Namen, die Orte werden bezeichnet. Schiller hat in seinem Original immer wieder mit Auslassungen und Sternchen gearbeitet, um der Geschichte eine unnötige Allgemeingültigkeit zu geben und vor allem historische Persönlichkeiten nicht zu blamieren. Dabei ist die Charakterisierung vor allem der Herrschenden derartig oberflächlich und allgemeingültig, das wahrscheinlich selbst in der damaligen Zeit ein Leser keinen Bezug zu lebenden gekrönten Häuptern hätte finden können. Weder von der Charakterisierung noch aufgrund ihres besonderen Verhaltens. Gehurt, gezecht und Schuldengemacht haben sehr viele von den im Ausland weilenden und auf ihre Ernennung wartenden Prinzen. Und je mehr Brüder es zwischen dem Vater und einem selbst gab, um so exzessiver wurde auf Kosten anderer gelebt.
Schiller beginnt seinen Roman mit einer Geisterbeschwörung. Der Ich- Erzähler befreundet sich mit dem in Venedig lebenden Prinzen Alexander. Die Geschichte spielt im Jahr 1779. Alexander lebt dort bescheiden. Eines Abends werden sie von einem geheimnisvollen Mann – im Laufe des Buches erhält er neben der Bezeichnung der Armenier noch weitere, historisch bedeutsame Namen – während einer Geisterbeschwörung förmlich gerettet. Anscheinend wollten Unbekannte Alexander manipulieren und gefügsam machen. Für den Fall, dass er nach dem Tod seines Bruders den Thron besteigen könnte. Das es noch ein weiteres Familienmitglied gibt, ahnt Alexander zu dieser Zeit nicht. In klassischer Manier entlarvt der Armenier den Aufwand des seit vielen Jahren als Geisterbeschwörer durch das Land ziehenden Betrügers und wird so zu einem Freund Alexanders. Der Ich- Erzähler reist zurück nach Deutschland und erhält Briefe nicht von Alexander, sondern auch dessen Bediensteten. Mehr und mehr zeigt sich, das der Armenier eigene Interessen hat und ein besseres Manipulator ist als es der Geisterbeschwörer je gewesen sein kann.
Schiller und Ewers haben keinen phantastischen Roman vorlegt. Es ist allerdings phantastische Literatur im qualitativen Sinne. Schiller entlarvt den Geisterseher in der ersten langen Sequenz als Scharlatan, der auf willige und unfreiwillige Opfer lauert; ihre Umgebung und sie aushorcht und anschließend manipuliert. Alles ist ein Inszenierung, wie später auch das Leben der verschiedenen Protagonisten, die aus Machtgier – Macht korrumpiert vor allem die Jungen – oder Liebe – Liebe macht in allen Abschnitten des Romans blind – auf ein komplexes Marionettenspiel reduziert wird. Sie tanzen alle an den Fäden des routinierten Spielers, der allgegenwärtig ist und doch nur wenige Auftritte hat. Während der Armenier – die Persönlichkeit dahinter zu verraten wäre Spoilern – bei Schiller noch einen langen, freundschaftlichen Auftritt hat, wird er mehr und mehr zu Alexander forderndem Gegenspieler. Der Armenier braucht Alexander in einer bestimmten Position. Nicht mehr, aber vor allem auch nicht weniger. Auf dem Weg dahin wird Alexander vom ein wenig naiven, in Venedigs Grachten eher zurückgezogen lebenden unwahrscheinlich Thronerben zu einem leiden liebenden Mann; zu einem Opportunisten, der selbst vor Mord nicht zurückschreckt.
Sowohl bei Ewers wie auch Schiller fühlt sich vieles wie bei einem Puzzlespiel an. Hinzu kommen die Winkelzüge des Armeniers. Auch wenn die Erzählung durch den Ich- Erzähler und die Briefe immer auf Augenhöhe der Leser erzählt wird, spannt sich der Handlungsbogen mindestens zwanzig oder dreißig Jahre in die Vergangenheit. Nicht jeder Rückblick steht in einem engen Zusammenhang mit den Planungen des Armeniers, aber jedes Element aus der Vergangenheit hat einen mehr oder minder gewichtigen Einfluss in der Gegenwart.
Schiller und vor allem Ewers legen Wert auf Stimmungen. Manche Passagen mag vor allem heutigen Lesern ein wenig schwülstig und gedungen erscheinen, aber neben der immer morbider werdenden Atmosphäre versuchen beide Autoren das 18. Jahrhundert in der Zeit vor der französischen Revolution mit eckigen/ kantigen Protagonisten zu beleben. Schiller als Augenzeuge dieser Zeit fiel das vielleicht einen Hauch leichter als Ewers, der sich nicht nur in Schillers erstaunlich bodenständigen Stil und seine besondere Art der Charakterführung hineindenken musste, sondern gleichzeitig aus den Hinweisen sowie Querverweisen von Schiller selbst oder in Schillers Werk einen zufrieden stellenden Abschluss „konstruieren“ musste. Schiller hat zwei sehr lange Szenen den Lesern präsentiert. Einmal die erste Geisterbeschwörer und dann einen Briefwechsel. Insbesondere der Sprung von der Ich- Erzählerebene in die distanzierte Form der schriftlichen Kommunikation hinterlässt im Leser das Eindruck, als wenn Schiller schon nach der ersten langen Szene das eigentliche Interesse an der Handlung verloren hätte. Ewers dagegen nutzt die Briefe, um historische Lücken zu schließen und den Ich- Erzähler stellvertretend für den Leser über das Geschehen zu informieren, das weder vor seinen Augen noch im direkten Umfeld Alexanders sich abspielt. Ewers schaut mit diesen Abschnitten des Romans nach außen, Schiller scheint sich eher für die simple, aber nicht primitive Autor der Auftaktszene entschuldigen zu wollen.
„Der Geisterseher“ ist kein Grusel- oder Horrorroman. Übernatürliches findet nur bis zu den nachfolgenden, in sich logischen Erklärungen statt. „Der Geisterseher“ ist ein klassisches Familiendrama mit einem Manipulator der ersten Güte. Eine charismatische Figur, die von Dutzenden von Autoren in unzähligen Inkarnationen immer wieder belebt und gelebt worden ist. Der Armenier ist – wie schon erwähnt – der Dreh- und Angelpunkt der Handlung, auch wenn seine Auftritte im Grunde spärlich ist. Aber „Der Geisterseher ist in der vorliegenden Form dieser einzigartigen Kooperation immer noch ein Buch, dessen Einfluss vor allem auch auf Robert Kraft – man muss nur seine Seancensequenzen in seinem Spätwerk in einem direkten Zusammenhang mit „Der Geisterseher“ betrachten – erkennbar ist. Wie Robert Krafts Kolportageromane ist „Der Geisterseher“ ein umfangreiches, nicht immer leicht zu lesendes, aber die Aufmerksamkeit des geduldigen Lesers auch fesselndes Werk. Michael Görden ist es noch heute zu danken, dass er in der unterschätzten Bastei Reihe der Phantastischen Literatur einige Perlen von anerkannten Autoren wie Mark Twain, Honore de Balzac oder D.H. Lawrence einer neuen Lesergeneration zugeführt hat. Und Schillers/ Ewers „Der Geisterseher“ ist in dieser Hinsicht einer der Höhepunkte.

- Publication: Der GeisterseherPublication Record # 404875
- Authors: Hanns Heinz Ewers, Friedrich Schiller
- Date: 1982-06-00
- ISBN: 3-404-72015-6 [978-3-404-72015-6]
- Publisher:
- Pub. Series: Phantastische Literatur
- Pub. Series #: 72015
- Price:DM 8.80?
- Pages: 347
- Format:pb?
- Type: OMNIBUS
- Cover: Der Geisterseher by Roland Winkler
