1975 kehrte Jack Vance auf den simpel „Großplaneten“ benannten Schauplatz seines dritten Romans “Big Planet” zurück. „Big Planet“ – wie das Buch im Original hieß – erschien 1952 und beschrieb einen einzigartigen Planeten, der von Menschen besiedelt, aber hinsichtlich der technischen Zivilisation in eine Karikatur des Mittelalters mit der Technik des 17. Oder 18. Jahrhunderts zurückgefallen ist. Ein Planet fast ohne Edelmetalle, mit einem gigantischen Kontinent, viel Wasser und einem gewaltigen Fluss namens Vissel, welcher den Amazones der Erde vor Neid erblassen lässt. Eine Welt, die vor Jahrtausenden von Menschen der Erde besiedelt worden ist. Die Kulturen haben sich aufgrund des Rohstoffmangels und der fehlenden regelmäßigen Belieferung auf ein mittelalterliches Niveau zurückentwickelt. Eine Periode, in welcher Jack Vance sich augenzwinkernd am Wohlsten fühlt.
Auch wenn „Großplanet“ und „Showboat Welt“ vor dem gleichen Hintergrund spielen, lassen sich die Texte schwerlich vergleichen. Der frühe Roman präsentiert vor einem später zu seinen Markenzeichen werdenden exotischen Hintergrund eine relativ simple Handlung, während Showboat Welt“ im Grunde der klassische Einstiegsroman für Jack Vance interessierte Leser ist. Exzentrische, aber irgendwie auch liebenswerte Charaktere; ein geradlinige Handlung mit einem griffigen Plot und vor allem der entsprechenden Motivation (Reichtum und Adelstitel); dazu mit den riesigen auf dem Fluss schwimmenden Unterhaltungsschiffen eine Hommage an die Mississippi Dampfer, obwohl die Schiffe eher wie große Handelskoggen aussehen. Die verschiedenen Kulturen mit ihren Sitten und Gebräuchen entlang des - dem Amazonas vergleichbar - ins gigantische extrapolierten Flusses mit dem simplen Namen Vissel.
Der Planet ist von Menschen besiedelt worden. Wie in den Geschichten von der Alten Erde ist das Erbe der Menschheit in den Köpfen der Menschen, auch wenn es in den Legendenstatus verbannt worden ist. So bietet die Entdeckung von alten Meistern in Buchform (!) die Möglichkeit, andere Stücke aufzuführen und bei diesem besonderen Wettbewerb weit vorne zu landen. Grundlage bildet natürlich Shakespeares “MacBeth”, das von den beiden oppositionellen Kapitänen des Showboat Schiffes entweder klassisch präsentiert oder effektiv für ein niederes Publikum umgestaltet werden soll. In diesen Passagen zeigt sich Jack Vance subtiler Humor, der von seinen Lesern ein bestimmtes Grundwissen erwartet. Auf der Fahrt in einen abgeschiedenen Teil des Planeten führen die Beiden ihr Stück immer wieder in leichten Variationen auf. Es gibt zwei Höhepunkte. Einmal gegen Ende der Geschichte mit einer besonderen Lady MacBeth und einem einzigartigen Auftritt.Und dann mitten in der Reise, als sich ein kleines Völkchen als besonders anhänglich erweist. Eine stetige Wiederholung von “MacBeth” in von Jack Vance immer absurder beschriebenen Variationen führt schließlich zu einer emotionalen Trennung in beiderseitigem Einvernehmen. Bis zu diesen Szenen ist es aber ein weiter Weg, der von Jack Vance - wie angesprochen - am Besten durch seinen exzentrischen, aber unverwüstlichen Protagonisten auf dem weiten Fluss charakterisiert wird.
Apollon Zamp ist Kapitän und Besitzer der Miraldas Verzauberung. Seit langer Zeit schippert er mit seinem Showboot den Villes entlang und präsentiert seine Bühnenshow, bestehend aus Musik, Akrobatik und ein wenig Taschenspielerei. Er ist ein Frauenheld, der gerne rothaarige Komparsen engagiert, um sie auf seiner imaginären Castingcoach mit Versprechungen zu verführen. Gegenüber seiner Mannschaft und seinem Essemble ist er geizig, aber einfallsreich. Das Unglück schlägt zu, als er von einem Konkurrenten einen Sklaven kauft, den er live während der Aufführung an der geeigneten Stelle im Stück hinrichten lässt. Dabei handelt es sich um einen beliebten Volkshelden.
Bei dem Aufruhr des Publikums verliert Zamp sein Schiff. Sein Geld wird ihm von einem seiner Crewmitglieder gestohlen. So ist er im Grunde mittellos, obwohl er in seiner großen Tasche einen Hauptgewinn hat. Er ist mit seiner Theatertruppe in das ferne Königreich Mornune eingeladen, um an einem Wettbewerb teilzunehmen. Der Gewinner erhält nicht nur einen Adelstitel, sondern wird quasi mit Eisen - das wertvollste Metall auf diesem Rohstoff armen Planeten - überschüttet. Dass sich unter seinen Gästen eine geheimnisvolle schöne Frau namens Damsel Blanche- Aster befindet, deren Verbindungen zu Mornune vielleicht enger als gedacht sind, hilft ihm nicht.
Die Frau schmiedet eine ungewöhnliche Allianz. Ausgerechnet der Besitzer des konservativen Museumsboots, Throdorus Gassoon, soll Zamp aus der Klemme helfen. Gassoon möchte die alten, von der Erde stammenden Dramen aufführen und braucht einen Impresario. Zamp braucht alles, von Geld bis zu einem passenden und kurzfristig verfügbaren Schiff. Die beiden unterschiedlichen Charaktere werden dabei von ihrer Liebe zu einer Frau zwischen ihnen getrieben, die aber ureigene Interessen vertritt. Dabei spielt sie nicht mal mit den beiden Männern, sondern zeigt sich bei Zamp gänzlich desinteressiert und Gassoon hält sie an einer sehr langen Leine. Das stachelt die beiden Kapitänen auf einem gemeinsamen Schiff natürlich nur noch mehr an.
Die Reise nach Mornune mit verschiedenen Zwischenstopps sowie der fast zu hektisch abgehandelte Wettkampf der unterschiedlichen Showboote sind der rote Faden, welcher die Handlung zusammenhält.
Durch die verschiedenen Stationen kann Jack Vance die Kultur des Planeten teilweise effektiv detailverliebt oder ironisch überdreht sowie leider auch an manchen Stellen ein wenig oberflächlich entwickeln und präsentieren. Auf Augenhöhe mit Zamp, der nur rudimentäre Informationen aus dem berühmt berüchtigten Fluss Buch entnehmen kann, lernt der Leser den gigantischen Fluss Vissel mit seinen Herausforderungen und vor allem auch Gefahren kennen. Dabei erweist sich Zamp als einfallsreicher “Gegner”, der zum Beispiel die räuberischen Schleusenwächter auf eine effektive Art und Weise mitnimmt. Auch mit nicht zufriedenem Publikum geht Zamp entsprechend um. Die Beschreibungen drohen im Gesamtkontext des Romans, die Handlung fast zu erdrücken. Dadurch wirkt “Show Boot Welt” stellenweise zerfahren und auf den Moment, die nächste Aufführung, fokussiert. Das zeigt sich besonders am Ende des Buches, wenn sich die Ereignisse in doppelter Hinsicht überschlagen und der Auftritt von Damsel Blanche- Aster in ihrer blauen symbolträchtigen Jacke von Gassoon überlagert wird, der in seinem Fundus etwas viel “Bedeutenderes” gefunden hat. Farben und Kostüme spielen bei vielen der kleinen Dorfgemeinschaften entlang des Flusses eine wichtige Rolle und Zamp muss seinen besonderen MacBeth immer den jeweiligen Realitäten anpassen. Auch hier ist der Leser der Zuschauer in der ersten Reihe und hat sicherlich Spaß an einem manchmal arg ins Schwitzen kommenden Zamp. Immer am Rande des Slapsticks und natürlich des Nervenzusammenbruchs versucht Jack Vance die Balance zwischen phantastischer Unterhaltung durchaus mit einigen dunklen Szenen und einer leichten Farce auf das Schauspielerleben zu halten.
Kaum hat der Leser dieses Szenario akzeptiert, fängt Jack Vance mit dem bittersüßen Epilog an, in dem der nimmermüde Zamp neue Träume heckt und Gassoon erkennt, das manchmal etwas weniger sehr viel mehr bedeuten kann. Der Leser fühlt sich ein wenig aus dem bis dahin wie der Fluss Villes dahin fließenden Roman hinausgeworfen, als wenn Jack Vance das Interesse an seinem theatralischen Gesamtwerk, aber auch seinen dreidimensionalen Figuren verloren hätte.
Wie mehrfach erwähnt, zeichnet sich der Roman aber neben dem exzentrisch übertriebenen Leben im alltäglichen Künstlerwahnsinn eine Vielzahl von kleinen, manchmal bizarren Ideen aus. Solange das Publikum zahlt oder wenigstens Naturalien gegen Kunst tauscht, ist es willkommen. Wenn der Besuch zu klettig wird oder Gefahr droht, dann hat Zamp mit dem Klappdeck seines Schiffes immer die perfekte Lösung parat. Auch ein doppelter Boden mit einem großen Netz am Kran befestigt ist in einigen Momenten hilfreich. Am Ende des Buches werden die technischen Hilfsmittel dieser beiden Taktiken zur Grundausstattung von Zamps lebenslangen schwimmenden Traum gehören.
Der Großplanet mit seiner kulturellen Vielfalt ist eine literarische Spielwiese, welche Jack Vance in seinen beiden dort spielenden Romanen höchstens angerissen hat. Im Gegensatz zu Gassoon, der am liebsten den unteren Flusslauf des Vissel niemals verlassen hätte und der indirekt durch sein Museum von der längst vergessenen Erde träumt, will der Leser mehr von diesem Planeten wissen. Nicht alle Wünsche erfüllt Jack Vance, manchmal bleibt er vage, aber um einen eher konservativen roten Handlungsfaden des Romans hat der Amerikaner so viele interessante wie unterschiedliche Szenen platziert, welche vor allem auch durch das nicht immer berechtigt pompöse wie bauernschlaue Verhalten Zamps positiv gesprochen zusammengehalten werden. Und Zamps Kampf gegen alle teilweise selbstverschuldete Widrigkeiten ist die Lektüre von “ShowBoot Welt” alleine Wert.

