1983 veröffentlichte Walter Tevis mit „Far from Home“ seine einzige Kurzgeschichtensammlung. Sein Storywerk ist nicht viel größer als die Anzahl seiner Romane, alle Genre betrachtend. Der Autor hat die Sammlung in zwei Teile aufgeteilt: „Close to Home“ zu Beginn beinhaltet die in den letzten vier oder fünf Jahren veröffentlichten Geschichten. Dazu Texte, die hier ihre Erstauflage erlange. „Far from Home“ greift weit in die fünfziger Jahre zurück und präsentiert die restlichen, ausschließlich phantastischen Geschichten. Die Vorlage für „Haie der Großstadt“ ist seit ihrer Erstveröffentlichung nicht mehr nachgedruckt worden.
Die Auftaktstory „Rent Control“ (1979) nimmt sich einer sehr bekannten Idee innerhalb der Science Fiction an. Die Zeit kann angehalten werden. Die Prämissen sind allerdings eher ungewöhnlich und werden bis zum pragmatischen Exzess durchgespielt. Ein Pärchen wohnt in einer Mietkontrollierten Wohnung in New York. Sie können sich einen teureren Wohnraum leisten, aber es ist praktisch. Durch einen Zufall finden sie heraus, dass sie die Zeit stoppen können. Und zwar außerhalb ihres Bettes und nur dann, wenn sie körperlichen Kontakt haben. Nicht immer Sex, eine Berührung reicht. Was anfänglich ein Spiel ist, wird im Laufe der Monate zu einer Obsession, denn neben der Kontrolle über ihre zeitliche Umgebung und den daraus resultierenden Vorteilen offenbart sich ihnen bis zum bitteren Ende gedacht eine weitere Möglichkeit. Walter Tevis hat viel Spaß, diese Idee abschließend auf die Spitze zu treiben. Dabei ist der Titel der Geschichte Ausgangsbasis und tragischer Endpunkt zu gleich. Den Mietkontrollierten Wohnungen haben einen entscheidenden Nachteil, an den die Protagonisten nicht gedacht haben. Die beiden Protagonisten nicht dreidimensional gezeichnet, ihre kindliche Naivität angesichts der Entdeckung der ungeahnten Möglichkeiten jederzeit für den Leser nachvollziehbar.
„A Visit From Mother“ ,„Daddy“ und „Sitting in Limbo“ sind Erstveröffentlichungen. Die ersten beiden Geschichten gehören inhaltlich komplett zusammen, bauen aufeinander auf. „Sitting in Limbo“ nutzt die Grundidee der „lebendigen“ Toten, in dem sie aus der Perspektive eines dieser im Limbo wartenden Menschen spielt. Es ist auch wichtig, die beiden Texte in der Reihenfolge der Sammlung zu lesen. Die technischen Hintergründe sind eher vage. Nahe an der Gegenwart spielend ist die einzige Idee, das die Toten sich in einer Art Limbo befinden. Anscheinend auch nicht alle Toten, sondern der monetäre Hintergrund muss vorhanden sein. Von dort können sie die Lebenden besuchen, mit ihnen kommunizieren, Getränke und Essen zu sich nehmen. Dürfen aber in der Regel nicht berührt werden. Sie können ihr Alter verändern, aber nicht ihren originären Tod. Den müssen sie immer wieder nach dem Ablauf einer nicht näher bestimmten Zeit durchleben.
Der Protagonist lädt seine beiden Eltern in seine neue Wohnung ein. Mit der Veröffentlichung eines Bestsellers über Viren ist er aus dem Nichts heraus reich geworden. Aus den Gesprächen erst mit seiner narzisstischen und egozentrischen Mutter und seinem stoischen, in sich gekehrten Vater entwickelt sich für den Sohn eine Art exzentrische Psychotherapie, in welcher seine Lust auf die Mutter genauso durchscheint wie der Hass für den Vater, der in wichtigen Abschnitten seiner Jugend – eine schwere Krankheit, aber auch die Probleme eines Teenagers – nicht da gewesen und sich mit Alkohol abgeschossen hat.
Immer ein wenig pathetisch, vielleicht auch kitschig setzt sich der erwachsene Sohn in den Zwiegesprächen mit seiner Mutter und seinem Vater auseinander. Ändern kann er nichts und Verständnis erntet er auch nicht. Eine zynische, nicht unbedingt autobiographische Geschichte, an deren Ende auf beiden Seiten verletzte Gefühle zurückbleiben.
„Sitting in Limbo“ beschreibt diesen seltsamen Zustand komplett aus der Sicht eines Toten. Erst gegen Ende der Geschichte kann an Hand einer einzigen Szene der Leser erkennen, um wen es sich handelt. Allerdings scheint der Tote nicht über vollständige Erinnerungen zu verfügen, ansonsten wüsste er, dass er sich mit diesem sexuellen Trauma seiner Kindheit schon auf eine sehr besondere Art und Weise zu Lebzeiten auseinandergesetzt hat. Der Limbo ermöglicht es den Verstorbenen, ihr Leben wie in einer Simulation noch einmal zu betrachten und entsprechend zu verändern. Es geht nicht um große, die Welt verändernde Dinge. Es geht um die persönlichen Fehler während der Beziehungen; der peinliche Moment vor der Lehrerin und schließlich der Augenblick, in dem ein Mann seine Sexualität bestimmt bekommt.
Zusammen wirken „A Visit from Mother”, “Daddy” und “Sitting in Limbo” wie eine Stunde auf der Coach eines Beziehungstherapeuten. Die reinige Wirkung lässt schnell nach und zurück bleiben drei Menschen voller Komplexe und schlechten Gewissen. Ihren geliebten Familienmitgliedern und vor allem sich selbst gegenüber.
„The Apotheosis of Myra“ spielt 60 Jahre nach der Entdeckung eines erdähnlichen Planeten durch den Pionier Benson in „The Steps of the Sun“. Der Roman ist erst zwei Jahre nach der Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht worden. Es ist nicht notwendig, „The Steps of the Sun“ vorher zu kennen, es hilft aber. Die Schmerzmedizin Endolin wird inzwischen auf dem Planeten abgebaut und zur Erde transportiert. Der Protagonist lebt mit seiner reichen, aber von chronischen Arthritis geplagten Frau Myra auf dieser Welt. Allerdings ist die Ehe nicht glücklich und er möchte sie am liebsten ermorden, um sie auf der einen Seite loszuwerden, auf der anderen Seite das Geld nicht zu verlieren. Natürlich geht sein perfider Plan furchtbar schief und schmiedet die Beiden in der Tradition der viktorianischen Geistergeschichten mit einem Science Fiction Element untrennbar zusammen.
Der Plot entwickelt sich stringent und Walter Tevis ist sich nicht zu schade, einen egoistischen und rücksichtslosen Charakter in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen, dessen Strafe obligatorisch direkt auf den Fuß erfolgt. Während in „The Steps of the Sun“ einzelne Aspekte wie das singende Gras dieser Welt und die fast perfekte, nicht Sucht erregende Wirkung Endolin eher als eine Episode im Romankomplex angerissen worden sind, geht Walter Tevis in dieser vorher entstandenen Geschichte mehr in die Details.
„Out of Luck“ handelt ebenfalls von einem Looser. Harold ist ein ehemaliger Alkoholiker, der seine Frau auf einer Art Selbstfindungstrip für eine attraktive und vermögende jüngere Gespielin verlassen hat. Er wohnt in ihrer Wohnung in New York, während sie beruflich unterwegs ist. Er versucht, ein Bild fertig zu stellen. Durch einen Zufall nimmt ihm ein Mann in Adidas Schuhen sein Taxi vor der Nase weg. Ab diesem Moment begegnet ihm der Mann immer wieder. Schließlich sieht er ihn auch in einem französischen Film auf der Leinwand. Walter Tevis arbeitet nicht heraus, ob Harold - wie fast alle Charaktere in Tevis Kurzgeschichten – plötzlich in ihrer jeweils persönlichen Twilight Zone gefangen ist oder diese Begegnungen „wahr“ sein könnten. Hinsichtlich des geistigen Verfalls Harolds spielt das auch nur eine untergeordnete Rolle, wobei das offene Ende inklusive der Implikation der Rückkehr eines Toten in fast melodramatischer Manier in mehrere Richtungen deutet. Den geistigen Zerfall eines von Beginn an labilen, sehr auf sich selbst bezogenen Menschen beschreibt der Autor nicht nur in „Out of Luck“ ausgesprochen überzeugend.
Mit einem ebenfalls altbekannten Themen der Science Fiction – Der Schläfer – setzt sich „Echo“ auseinander. Ein Mann lässt sich Bewusstsein als Gefallen einem Freund gegenüber auf einer Magnetspule speichern. Mehr als 27. Jahrhunderte später wacht er in einem neuen Körper auf. Durch einen Zufall haben die zukünftigen Generationen diese Spule gefunden und einen entsprechenden Körper in Cleveland gezüchtet. Eine Frau aus dem 22. Jahrhundert ist der erste Versuch, wie man ihm in der Zukunft deutlich macht. Walter Tevis fokussiert sich in dieser Geschichte auf die Schwierigkeit zwischen Mann und Frau in einer ihnen komplett fremden Umgebung, wobei die Frau anscheinend über einen latenten Gedächtnisverlust verfügt. Die Pointe kopiert die brillante abschließende Idee aus David Gerrolds Zeitreisegeschichte „Zeitmaschinen gehen anders“. Die Zeichnung der Protagonisten ist zufrieden stellend, der Hintergrund der Geschichte eher rudimentär entwickelt und die Anspielungen auf Schach erinnern heute eher an Walter Tevis sehr erfolgreich verfilmten Roman „Das Damen Gambit“, auch wenn es sich bei dem simulierten Spiel um ein König Gambit handelt.
Warum die Menschen in der Zukunft allerdings diese Risiken eingegangen und ihre Versuchsobjekte nicht informiert haben, wird genauso wenig herausgearbeitet wie der Aspekt mit dem in einem anderen Körper verlorenen Gedächtnis. Hier verschenkt Walter Tevis zu Gunsten der Pointe sehr viel Potential.
Der zweite Teil der Sammlung „Far from Home“ – inklusive der Titelgeschichte – umfasst insgesamt sechs Kurzgeschichten aus den fünfziger und sechziger Jahren. Von der Struktur her sind alle Storys deutlich kürzer als die Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre verfassten Texte des ersten Abschnitts dieser Anthologie.
Die sechs Geschichte teilen sich auf drei Themenbereiche auf: Wissenschaftliche Zufallsentdeckungen; Science Fiction Pointengeschichten und schließlich Pakte mit dem Übernatürlichen. Die kürzeste Story ist dabei die Titelgeschichte. In „Far from Home“ findet ein Hausmeister plötzlich einen riesigen Wal im Swimming Pool der von ihm betreuten Anlage. Davor steht ein Junge. Während der Hausmeister Hilfe sucht, löst Walter Tevis die Pointe geschickt und stringent auf. In „the Scholar´s Discipline“ präsentiert der Autor eine Variation des Faust Pakts. Ein Student will erst vom Teufel seine Masterarbeit geschrieben haben, später ein Jahr als Lehrer in Auszeit sein Leben genießen und schließlich alles noch einmal verhandeln. Natürlich wird er am Ende von der Stimme im Hintergrund hereingelegt. Stilistisch ansprechend mit pointierten Dialogen treibt Walter Tevis die altbekannte Idee auf eine interessante Spitze und zeigt natürlich den Genremechanismen folgend, dass die Abgesandten der Hölle nicht nur immer einen Schritt cleverer sind, sondern vor allem auch über ungeahnte Resourcen verfügen.
Die früheste von Walter Tevis veröffentlichte Geschichte „The Other End of Line“ ist eine dieser vertrackten Zeitreisegeschichten. Filme wie „Frequency“ haben die Idee auf eine andere Art und Weise aufgenommen. Durch einen Fehler wählt der Protagonist die eigene Nummer zu Hause und spricht mit seinem zukünftigen Ich, das ihm einige Wett- und Börsentips geht. Innerhalb weniger Monate wird er reich, muss allerdings in der Zukunft auf den Anruf aus der Vergangenheit warten. Seine Ungeduld zahlt sich natürlich nicht aus. Eine typische Pointengeschichten, an deren fatalistischen Ende sich die Frage stellt, wie der Kreislauf jetzt neu eröffnet werden kann. Aber Walter Tevis geht es um dem Moment und der Autor will keine hintergründigen Fragen zu Zeitschleifen und Paralleluniversen beantworten.
In „The Goldbrick“ findet die Armee beim Aushöhlen eines Berges für eine neue, natürlich möglichst schnurrgerade verlaufende Eisenbahnlinie einen großen Ziegelstein aus purem Gold. Alle Versuche, den Goldklumpen zu bergen, scheitern. Das Abtragen des Berges – die Geschichte ist in den sechziger Jahren entstanden, wo das Militär noch gottgleiche Befugnisse hatte – zeigt, das er in der Luft schwebt. Die Ideen der Militärs werden immer absurder. Die Prämisse basiert auf einer eher obskuren physikalischen Idee, die auf den letzten Seiten ausführlich erläutert wird und zeigt, dass manche Ursache doch eine Wirkung haben kann.
„The Big Bounce“ und „The Ifth of Oofth“ verfügen über die gleichen Charaktere, auchwenn die Geschichten nicht aufeinander aufbauen. In der ersten Geschichte entwickelt der Garagentüftler Farnworth eine neue Art Radiergummi. Allerdings erweist sich der Ball als eine Art Perpetuum Mobile, der durch kontinuierliche Bewegung Energie aus der Umgebung abzapft und dadurch an Momentum gewinnt. In „The Ifth of Oofth“ geht es um einen besonderen Oktaeder, der in alle Dimension reicht. Während die erste Geschichte eher auf Slapstick basiert und aus einer Jagd nach einem immer höheren springenden Radiergummiball besteht, erreicht Walter Tevis mit der zweiten Story Philip K. Dicks Dimensionen. In beiden Geschichten fügt der Autor teilweise pseudowissenschaftliche Erklärungen während der jeweiligen Auflösung der Plots hinzu und erreicht wie in „The Goldbrick“ absurde Dimensionen.
Wie eingangs erwähnt sind die älteren Geschichten eher Pointenstorys, in denen der Autor auf das Ende deutlich fokussierter ist als in den neueren Storys, in denen seine dem Alkohol zuneigenden, melancholischen und selbstverliebten Protagonisten eher mit den eigenen Unzulänglichkeiten im Leben fertig werden müssen als das sie wissenschaftliche Probleme lösen. In dieser Hinsicht lesen sich die älteren, ein wenig absurden und mit einem Augenzwinkern erzählten Geschichten zeitloser und packender. Bei den neueren Texten wirken vor allem die drei exklusiv in dieser Anthologie publizierten Storys wie eine Art Selbstanalyse, in welcher sich hinsichtlich des Charakters und seinem Verhältnis zu den Eltern, aber auch sich selbst Abgründe auftun.
Generell präsentiert „Far from Home“ aber einen sehr guten ersten Einblick in das schmale, aber fast fünfundzwanzig Jahre umfassende phantastische Werk eines außerhalb der Genres durch die Verfilmung seiner Romane weiterhin sehr bekannten Autoren.

- ASIN : B01DT7MSEG
- Herausgeber : Gateway (19. Mai 2016)
- Sprache : Englisch
- Dateigröße : 720 KB
- Text-to-Speech (Vorlesemodus) : Aktiviert
- Screenreader : Unterstützt
- Verbesserter Schriftsatz : Aktiviert
- X-Ray : Nicht aktiviert
- Word Wise : Aktiviert
- Haftnotizen : Auf Kindle Scribe
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 163 Seiten
