Erst 1997 erschien der 1859 von Jules Verne verfasste Roman in einer überzeugenden Übersetzung von Elisabeth Edl im Paul Zsolnay Verlag in Deutschland. Zeichnungen der französischen Originalausgabe sind für den handlichen Hardcover übernommen worden.
Jules Verne hat in dieser Geschichte einige Aspekte seiner eigenen Reise mit dem Komponisten Aristide Hignard, für dessen Opern der Franzose Libretti schrieb, nach Schottland verarbeitet.
Es ist quasi die erste Geschichte, in welcher sich der berühmte Autor als Jacques Lavarat allerdings für Unwissende so gut wie nicht erkennbar selbst verewigt hat. Der Name seines Freundes ist in diesem Roman zu Jonathan Savournon geändert worden.
Der Verleger Hetzel lehnte das Buch ab und so wurde „Fünf Wochen im Ballon“ die erste Buchveröffentlichung Jules Vernes. Das Buch ist zu Lebzeiten Vernes unveröffentlicht geblieben. Teile finden sich in den später erschienenen Werken Schwarz- Indien und Der grüne Strahl wieder. Die Geburtsstadt Nantes erwarb die Rechte 1981 und acht Jahre später erschien es zum ersten Mal.
In Jules Vernes Büchern wird viel gereist. Das macht den Reiz dieser Geschichten aus. Aber der Anlass ist immer gewichtig. Eine Wette; eine Herausforderung, ein Unglück während der Reise, nicht selten mit einem Stranden auf einer Insel; technische Erfindungen, um zum Mond zu reisen oder manchmal durchs Sonnensystem zu gleiten (wieder nach einem Unfall). Jules Verne gibt seinen getriebenen Protagonisten immer die entsprechende Motivation mit auf die Reise.
Der große Unterschied zwischen den „Voyages extraordinaires“ und diesem Buch liegt in der Motivation der Protagonisten. Lavarat und Savournon sind die ersten Vertreter einer neuen Spezis: sie sind Touristen. Dadurch ist der ganze Tonfall des Buches deutlich heiterer und Jules Verne kann sich vom Beginn der Geschichte an auch einige Spitzen gegen die eigenen Landsleute nicht verkneifen.
Technische Ideen, großartige Erfindungen darf ein Leser bei „Reise mit Hindernissen nach England und Schottland“ nicht erwarten, aber der Titel ist vom ersten Moment des Aufbruchs aus Paris Richtung Norden über den Süden Frankreichs – die erste von den Charakteren mehrfache betonte Absurdität – Programm.
Im Nachwort vergleicht die Übersetzerin Jules Vernes eigene Reise mit dem beschriebenen. Sowohl in der Realität wie auch dem hier vorliegenden Reisebericht wurde den “Touristen” das Rückgrat geschenkt. Eine kostenlose Passage auf einem Fracht- Passagierschiff nach Liverpool im Auftrag der Reederei. Daher müssen die beiden Protagonisten - wie auch Jules Verne - erst in den Süden Frankreichs reisen. Insgesamt zwei Monate wollen sie unterwegs sein. Bis sie endlich ein Schiff nach Großbritannien erreichen, sind über zwanzig Tage vergangen. Erst der verkehrte Hafen in Frankreich, dann eine Zubringerfahrt des kleinen Grauens mit Ebbe/ Flut; Verspätungen durch das Beladen des Schiffes. Es ist eine Abfolge von kleineren Katastrophen, wobei sich nicht nur durch die Reise in Frankreich, sondern den ganzen Roman die Angst vor dem Vergessen von Passagieren zieht.
Die Exkursion in die Nähe seiner eigenen Heimat nutzt Jules Verne zu einigen Seitenhieben auf die eigenen Landsleute. Das wird sich im Laufe des Romans auf die Schotten und Briten mit ihren Essgewohnheiten ausdehnen, aber es ist bezeichnend für den ungestümen jungen Jules Verne, wie er mit der eigenen Heimat umgeht. Mit den Schotten - seine Mutter hatte schottische Vorfahren - geht er im direkten Vergleich mit den Engländern und Franzosen am Gefälligsten um.
“Reise mit Hindernissen nach England und Schottland” ist vor “Fünf Wochen im Ballon” geschrieben worden. Jules Verne hat aber den zweiten Roman zuerst eingereicht und dafür auch einen langfristigen Vertrag bekommen. “Reise mit Hindernissen nach England und Schottland” ist aber ein aus heutiger Sicht interessanter Schritt zum phantastischen Reiseromanschriftsteller.
Namentlich als literarische Vorbilder werden Charles Nodier und Walter Scott erwähnt. Während Charles Nodier mit seinen satirischen Texten den Beginn des Romans dominierte, ist die Reise durch Schottland eine einzigartige Verehrung Walter Scott. Schon vor Reiseantritt werden dessen Romane noch einmal gelesen. In Schottland entwickelt sich eine Art Fanreise zwischen Euphorie - wenn man Schlösser und Landschaften aus den Büchern wieder erkennt - und Enttäuschung. Der eine Roman ist in Frankreich unter einem anderen Titel erschienen und deshalb in Schottland unbekannt. Das Gefängnis als Haupthandlungsort ist vor vielen Jahren abgerissen worden, einzelne Teile hat Walter Scott in sein Schloss transportieren lassen.
Die Reise von Schottland nach London durch die von der Kohle dominierten Industriegebiete ist stark von Charles Dickens beeinflusst worden. Wie Dickens beschreibt Verne das Elend der Arbeitermassen, wohlweislich vergleichbare Zustände in Frankreichs industriellem Herz ignorierend. Auch stilistisch versucht Jules Verne durch intensive Beschreibungen seinem literarischen Vorbild näherzukommen.
Die schottische Seenlandschaft - das erste Loch und der erste echte Berg werden euphorisch gefeiert - ist James Fenimore Cooper nachempfunden, der ebenfalls erwähnt und fast wörtlich zitiert wird.
Technische Erfindungen werden in London gestreift. Die Beschreibungen sind oberflächlich und wirken eher satirisch, als dass sie auf damals vorhandenen technischen Entwicklungen basierend extrapoliert worden sind. Lustig ist die Idee eines Laufbandes an Bahnhöfen, wie die Reisenden es heute von Flughäfen kennen. Auch bei Jules Verne wurde das so “verschiffte” ordentlich ramponiert und insbesondere einer der beiden Franzosen hat Angst, seinen im Koffer befindlichen Reisepass niemals wieder zu sehen.
Jules Verne bewegt sich auf einem schmalen Grat. Den Massentourismus mit dem Streifen von Sehenswürdigkeiten beschreibt er zwar, aber der Antrieb ist nicht der klassische Viehtrieb moderner Tourismusgruppen. Die beiden Franzosen sind von Beginn ihrer Reise im Verzug und versuchen so viel wie möglich in Schottland und England zum ersten und normalerweise auch zum letzten Mal zu sehen. Aber der technische Fortschritt mit Dampfschiffen und Eisenbahn macht diese Art von Reisen erst möglich. Auf die Spitze wird Jules Verne diese Jagd gegen die Zeit natürlich in “In 80 Tagen um die Welt” treiben. Davon ist er im vorliegenden Roman weit entfernt.
Insbesondere im mittleren Abschnitt des Romans leidet das Buch auch ein wenig unter fehlendem Gehalt. Die beiden Franzosen besuchen ihre Verwandten, werden gut verkostet und finden immer wieder einen Reiseführer. Dabei ist Edinburgh zu Fuss derart anstrengend, dass sie eine Kutsche zurück ins Hotel nehmen müssen.
Die Reise findet ihren Abschluss in London. Jules Verne ist selbst nicht nach London gereist, auch wenn die Stadt zum Beispiel in “In 80 Tagen um die Welt” aus Ausgangs- und Endpunkt der Reise eine wichtige Rolle spielte. Jules Verne geht zwar auf die besonderen Sehenswürdigkeiten der Stadt ein, zieht ein wenig wieder die Charles Dickens Karte, aber im Vergleich zur Reise durch das schottische Hochland per Bahn, aber auch per Schiff wirkt die britische Hauptstadt fast aseptisch. Neben den typischen Sightseeing Punkten von St. Pauls über die Themse/ das Parlament bis zu den klassischen Theatern stellt Jules Verne fest, dass das Betteln eine kommerzielle Art und Weise erreicht hat und das Werbe Fieber in teilweise grotesken Präsentationen ausgeufert ist. Sogar ein Theaterprogramm für eine Aufführung von MacBeth - was sonst - hat Jules Verne um Authentizität bemüht, seinem Buch beigefügt.Das er seine Geschichte aber mit einem Hinweis auf den angeblichen Verrat an Napoleon während der Schlacht in Waterloo enden lassen muss, ist purer Nationalstolz im Schatten der Bakerstreet, damals noch ohne den berühmten Detektiv.
Jules Verne stellt mehrmals fest, dass die Franzosen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Dickköpfigkeit Fremdsprachen Resistent sind. Das führt zu einigen Verwechslungen bei den beiden sprachlich eher rudimentär entwickelten Franzosen in England bzw. Schottland. Die Übersetzerin hat versucht, eine intelligente Brücke zu bauen, indem sie einzelne Begriffe im englischen Verne original gelassen und nur die Erklärungen übersetzt hat. Dadurch entstehen an einigen die vom Autoren gewünschten Missverständnisse, an anderen Stellen ist selbst eine falsche Aussprache nicht ausreichend genug, um die Verwirrung zu erklären.
Aber selbst zwischen dem Norden und Süden Frankreichs gibt es sprachliche “Unterschiede”, wie der Name eines bekannten Flussfisches demonstriert. Aber für die eigenen Landsleute hat Jules Verne einiges anderes an Spott in seinem schriftstellerischen Köcher.
“Eine Reise mit Hindernissen nach England und Schottland” zeigt - wie die Veröffentlichungen früher Werke im Verlag Dornbrunnen - einen jungen, ungestümen und literarisch- technisch noch nicht so ambitionierten Jules Verne. Die Geschichte liest sich kurzweilig und die beiden Franzosen sind teilweise bis an die Grenze der Selbstkarikatur überzeichnete Landsleute. Das Buch weist einige schöne Passagen voller Beschreibungen der damaligen Städte und Landschaften auf, wie zusätzliche Einblicke in das bescheidene oder mondäne Reisen am Vorabend des Massentourismus. Allerdings verzettelt sich Jules Verne bei den verwandtschaftlichen Beziehungen im mittleren Abschnitt inklusive ausführlicher Beschreibungen der verschiedenen Gänge beim Abendessen ein wenig. Ohne Frage sind aber die Wurzeln des zukünftigen Abenteuerreise Schriftstellers von Weltruf klar zu erkennen.

- ASIN : B01LYD7PKA
- Herausgeber : andersseitig.de (7. Oktober 2014)
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