Die vom Glück Verdorbenen

Gabriele Behrend

Vor allem Gabriele Behrens Romane sind im positiven Sinne Wundertüten. Nicht nur die thematische, aber immer emotionale wie soziale Breite, sondern die schwierigen Ausgangsprämissen – beginnend mit Geisteskrankheiten und endend mit einer allerdings leicht schematischen Auseinandersetzung ökologisch- sozialer Probleme in der vorliegenden Geschichte,  machen ihre von pointierten lebendigen Dialogen geschriebenen Geschichten so besonders. Dass die längeren Arbeiten ihr die Möglichkeit geben, ihre grundsätzlich lebendigen, aber mit Ecken und Kanten versehenen dreidimensionalen Protagonisten noch dreidimensionaler zu entwickeln, versteht sich fast von selbst.

Eingeleitet mit einem selbst kreierten Titelbild ist „Die vom Glück Verdorbenen“ – der Titel ist eher symbolisch anzusehen – eine breite Mischung aus Werner Zilligs Grundidee aus „Die Parzelle“ – eine kleine Gemeinschaft anarchistischer Charaktere wehrt sich in isolierten Räumen gegen das kapitalistische System – und „Feld der Träume“ – ihr müsst nur an die eigene Stärke, an die eigene Überzeugung glauben, dann kommt er zwar  nicht, aber die Mauern in den Köpfen vieler Menschen werden durchlässiger - , aber trotzdem eine eigenständige kurzweilige Lektüre.

Die größte Schwäche des Buches ist das Ende. Es kommt schnell, es ist romantisch, kitschig, cineastisch und irgendwie auch zu pragmatisch. Natürlich sind die Türen ein klein wenig offener hinsichtlich einer fairen Zukunft; einem Zugang zu gesunden Lebensmitteln; natürlich haben sich einige Protagonisten nach dieser wilden, aber hinsichtlich des Epilogs auch einige Jahre zurückliegenden Zeit das im Titel angesprochene „Glück“ verdient, das sie nicht verdorben hat, sondern dass sie sich mit harter Arbeit und fast stoischer Willenskraft unter entsprechenden Opfern verdient haben. Aber Gabriele Behrend spielt auch nicht ganz fair mit ihren Figuren, denn das öffentliche Glück ist ihnen quasi durch den Tod einer wichtigen Figur und dessen im Grunde vergifteten Erbe in den Schoß gefallen. Und es wird auch nur ein kleiner Teil dieses Erbes umgewandelt. Hinzu kommt, dass eine der Figuren im Grunde ihre Wurzeln, die kraftvolle Quelle ihrer Persönlichkeit zu Gunsten eines persönlichen Glücks und damit auch einer anderen Lebensqualität zur Seite schieben muss. Nichts gegen Romantik, gegen ein wenig Kitsch oder gar das Kino… aber Gabriele Behrend hätte den zu Beginn etablierten anarchistischen Wurzeln ihrer Hippie Bewegung treuer bleiben können, um diesen progressiven und intellektuell an vielen anderen Stellen auch stimulierenden Roman aus einer mehr provozierenden, aber nicht weniger stimmigen Note enden zu lassen.

Betrachtet der Leser die Geschichte allerdings aus zwei unterschiedlichen, auf den ersten Blick konträren Perspektiven, wird das Ende stimmiger. Es ist in vielen Punkten auch eine Coming-of – Age Geschichte, wobei die Charaktere keine Jugendlichen sind. Aber sie sind emotional nicht alle ausreichend entwickelt.

Ausgangsbasis ist in einer südenglischen Stadt namens Basingstoke die Entwicklung der Bevölkerung. Basingstoke steht dabei eher für eine globale Bewegung, wobei Gabriele Behrend  Politik außerhalb der Stadtgrenzen weitgehend ignoriert und sich alleine auf die Entwicklungen in dieser mittleren englischen Stadt konzentriert. Seit einigen Jahren mussten die Anbauflächen der stetig wachsenden Bevölkerung weichen. Ganze Wohnviertel voll anonymer Hochhäuser, umgeben von einer pragmatischen wie seelenlosen  Infrastruktur sind entstanden. Die Menschen sind vor allem von den dominierenden Lebensmittelproduzenten in Klassen eingruppiert worden. Auch hier konzentriert sich Gabriele Behrend auf das Notwendigste, reduziert die Geschichte auf den Konflikt zwischen der kleinen Gruppe von Oligarchen, welche den Markt unter sich aufgeteilt haben; der lange Zeit passiv zuschauenden Lebensmittelbehörde und den schon angesprochenen im Titel erwähnten Anarchisten, die alle unterschiedliche Interessen gegenüber und an ihren Kunden, den Verbrauchern haben. Die verbauten Weideflächen sind durch perfektionierte Hydrokulturen ersetzt worden, die im vertikalen Anbau entlang der Hochhäuser fast ironisch überzogen blühen und gedeihen. Es sind minderwertige Lebensmittel, die nicht selten „optimiert“ werden, damit die Gewinne der Konzerne weiter sprudeln. Ohne Kontrolle der entsprechenden Behörden.

Viggo Carver ist der CEO einer dieser Anbau Fabriken. Er stellt fest, dass die Wasserversorgung unregelmäßiger wird. Anscheinend wird irgendwo Wasser abgezapft. Er vermutet hinter diesen Aktionen die Wildgärtner, die Guerilla Gardeners, welche vor allem die arme Bevölkerung zusätzlich mit Obst und Gemüse zum Selbstkostenpreis versorgt. Das schmälert ausgerechnet die besten Margen.

Rufus Orer ist Carvers illegitimer Sohn aus einer früheren Beziehung. Rufus Orer hat gerade die Wildgärtnerin Stella kennengelernt und sich in das Mädchen verliebt. Aber Rufus Orer ist weniger auf der Suche nach Liebe, sondern Anerkennung durch seinen Vater, der ihn für eine Undercover Mission missbraucht. Er soll mehr über die Wildgärtner herausfinden, damit Carver sie mittels seines paranoiden Sicherheitschefs – fast wie ein Klischee gibt er sich als Spitznamen die Bezeichnung seiner Waffe Sig – vernichten kann.

Natürlich steht Rufus – typisch für diese Art von Geschichten und doch von Gabriele Behrend mit einer doppelten Zwickmühle interessanter aufbereitet, als der Leser es erwartet – zwischen beiden Stühlen. Er beginnt die  Guerilla Gardener und ihre offene Lebensart zu schätzen. Er mag die Arbeit an den Pflanzen, versteckt auf den Dächern der Hochhäuser – wobei hier die Tatsache ignoriert wird, dass es anscheinend in Gabriele Behrens Gesellschaft keine opportunistischen Spitzel gibt – oder den seelenlosen Betonlandschaften. Aber vor allem hat er sich in Stella verliebt, die in ihm lange mehr einen Kameraden als einen potentiellen Liebhaber oder gar einen Mann fürs restliche Leben sieht.   Auf der anderen Seite in seinem ihm zur Verfügung gestellten Appartement, der Gier nach Aufmerksamkeit und sozialer Anerkennung, nicht nur durch seinen Vater, ist die Verführung groß. Rufus bewegt sich auf einem schwierigen Pfad zwischen Familie – hinsichtlich seines narzisstischen Vaters mit einem unterdrückten schlechten Gewissen eher ironisch gemeint – und einer perfekten, gleichberechtigten wie bunt gemischten Gemeinschaft, die über nur rudimentären hierarchische Strukturen verfügt; dezentral organisiert ist und den Menschen nur Gutes tun will. Zurück zur Natur und damit zu gesunder Ernährung, ausgerechnet durch die Menschen, denen in der Gegenwart der Leser viele Vorurteile und Skepsis entgegenschlagen. Nicht umsonst beschreibt Gabriele Behrend diese kleine Gemeinschaft – der Leser lernt im  Grunde nur die Sektion D kennen, nicht die erste Gruppe – als Hippies, vielleicht auch als Träumer, die aber schnell auf eine erstaunlich pragmatische Art und Weise lernen, die eigenen Träume und Vorstellungen zu relativieren und das zu schützen, was ihnen wichtig ist.

Rufus ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Ein Mann, der seinen Vater sucht und Verantwortung zu übernehmen lernt. Rufus als Getriebener zwischen den Welten. Gabriele Behrend stellt ihn bewusst nicht als Täter dar. Es gibt viele kleine Szenen, in denen der Leser vielleicht sogar ein aktives Handeln gegen die Guerilla Gärtner aus emotionaler Enttäuschung verstehen könnte, aber auf diese Plattitüden verzichtet Gabriele Behrend. Rufus ist von Beginn an mehr Opfer als Täter. Vom eigenen Vater mit falschen Versprechungen eingefangen, kann Rufus nur noch reagieren, obwohl er gegenüber seinem  Vater auch aktiv agiert. Aber jede Aktion fordert auch eine nicht zu kontrollierende Reaktion heraus und am Ende (bis zum Epilog) ist es nur ein Pyrrhussieg, der errungen werden kann. Der moralische Sieger ist der klassische Verlierer eines von Konglomeraten kontrollierten Systems, über das selbst Männer wie Carver die Kontroller verloren haben.

Rufus als Romeo steht seiner Julia namens Stella gegenüber. Sie ist lebendig, sie ist offenherzig. Ihre freundliche Art könnte und wird von Männern falsch verstanden. Sie ist aber auch entschlossen, sie ist entscheidungsfreudig und vielleicht emotional auch ein wenig blind hinsichtlich ihrer erotischen Ausstrahlung. Im Gegensatz zu Rufus steht sie nicht im Mittelpunkt der Guerilla Gardener. Diese Rolle hat Gabriele Behrend einigen wirklich schön gezeichneten Nebencharakteren überlassen, die mit ihrer Präsenz eine gewisse Rationalität in diese ökologisch anarchische Gruppe, aber noch keine Bewegung bringen. Aber wie Rufus ist Stella auch ein Mittler gegenüber dem Leser, in dem sie stellvertretend Rufus die Bestrebungen, die Ziele der kleinen Gruppe erläutert und beide – Leser wie Rufus – quasi in diesem sehr stringenten, auf der einen Seite kompakten, aber niemals wirklich hektischen Roman mitreißt.    

Wo es „Helden“ gibt, muss es auch Schurken geben.  Viggo Carver ist ein schwieriger Charakter. Er ist sicherlich nicht der schlimmste Besitzer/ Geschäftsführer der Lebensmittelproduzenten – auch zu diesem Thema hat Gabriele Behrend einen kleinen Exkurs im Köcher, der aber unbefriedigend im Nichts endet - , aber er geht am Aktivsten gehen die Gärtner Anarchisten vor und scheut sich auch nicht, Menschen zu töten. Da hilft auch das vor allem „traumatische“ schlechte Gewissen gegenüber seiner erste Liebe und Rufus Mutter nicht viel. Er nutzt Rufus aus, ihn interessiert lange Zeit seine Herkunft trotz der immer wieder angesprochenen Träume nicht wirklich. Die Läuterung ist Propaganda; der verzweifelte Versuch, in den erstaunlich passiven Öffentlichkeit nicht ganz das Gesicht zu verlieren. Seine rechte Hand – der paranoide Sig – wirkt dagegen zu sehr dem Klischee geschuldet. Brutal, narzisstisch und vom Ehrgeiz getrieben. Aber solche Figuren benötigt die Geschichte, um  sie spannungstechnisch voranzutreiben und vor allem die Dramatik zwischen den einzelnen Charakteren plastischer, griffiger und überzeugender darzustellen. Gewinnmaximierung zu Lasten der Kunden; eine hierarchisch fast monopolistische Gemeinschaft, welche den “Markt” nach Vierteln unter sich aufgeteilt hat. Der einzige Wettbewerb kommt von oben aus den wilden Gärten. Es ist ein Wettbewerber, dem sich die Konzerne nicht wirklich stellen können, denn der kommunale und damit auch rein sozialistische Gedanke der kleinen Gruppen mit ihrer grundsätzlich autarken Lebensweise - die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln zum Selbstkostenpreis kommt nur oben drauf - ist nicht multiplizierbar.   Natürlich lässt sich sachlich ökonomisch diskutieren, ob die wilden Gärtner überhaupt in der Lage wären, die Bevölkerung ausreichend zu versorgen. In dieser Hinsicht fehlen der Geschichte notwendige Hintergrundinformationen. In Gabriele Behrens Konzeption sind sie einfach der sympathische Stachel im Fleisch der kapitalistischen “Konzerne” und damit auch der Gegenentwurf der Gewinnmaximierung.    

Grundsätzlich bevölkert Gabriele Behrend – wie schon angesprochen –  gerne und überzeugend ihre Geschichten neben den Helden/ Schurken mit zahlreichen lebendigen, ambivalent agierenden Nebenfiguren. „Das Dorf am Grunde des Sees“ mit seiner isolierten Gemeinschaft – auch im vorliegenden Roman isoliert die Autorin das Geschehen nicht überwiegend unter einer Kuppel am Grunde des Sees, sondern der englischen Stadt – lebt von den liebevoll gezeichneten Nebenfiguren, die manchmal mehr Eindruck hinterlassen an die im Vordergrund agierenden Hauptpersonen. Auf beiden Seiten des Gartenbeetes entwickelt Gabriele Behrend erstaunlich dreidimensionale zugängliche Figuren, bei denen sie sich im Rahmen des stringenten Romans auch Zeit wie Raum lässt, um ihre jeweiligen Handlungen manchmal auch gegen den Strich direkt oder indirekt zu erläutern. Sie beleben insbesondere das deutlich dunklere, aber nicht nihilistische Ende der Geschichte.

Die Grundidee mit dem Ausbruch einer kleinen Gruppe von das System nicht ablehnenden, sondern konsequent deren soziale Lücken positiv füllenden Anarchistischen ist überzeugend in der angesprochenen Nische gestaltet. Der Leser beginnt schnell, den stoischen Pragmatismus dieser kleinen Gruppe nicht nur zu bewundern, sondern wert zu schätzen. Gegen das System und für die Menschen. Voller Überzeugung, aber ohne  das belehrende Sendungsbewusstsein mancher alternativer Gruppen. Die Tat ist der Weg, der Weg ist das Ziel.  Wenn die Lebensmittelkontrolleurin die Gärtner auf ihrem Dach, in ihrem Versteck besucht; die Pflanzen  bewundert und eine wohlschmeckende Erdbeere und kein Kunstprodukt probiert, dann glaubt der Leser, dass sich die Zeiten wieder zum Besseren wenden können, auch wenn es eines Rufus Bedarf, der am Ende der hier beschriebenen Reise und weniger Suche in mehrfacher Hinsicht aus dem Vollen schöpfen kann und geben darf. Aber diese Kompromisse geht der Leser gerne angesichts der lebendig beschriebenen Grundidee voll aktueller Bezüge, aber keinen Belehrungen ein.         

 



Gabriele Behrend
DIE VOM GLÜCK VERDORBENEN
Roman
Zwischen den Stühlen 7
Zwischen den Stühlen @ p.machinery, Winnert, März 2023, 160 Seiten
Paperback: ISBN 978 3 95765 327 7 – EUR 13,90 (DE)
E-Book-ISBN 978 3 95765 776 3 – EUR 4,49 (DE)