Der Graf von Chanteleine

Jules Verne

Knappe einhundertfünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung erschien die Novelle „Le Comte de Chanteleine“ das erste Mal in Deutschland. Eine der frühsten literarischen Arbeiten Jules Vernes erblickte zwischen Oktober und Dezember 1864 in der Zeitschrift „Musee des Familles“ ursprünglich das Licht der Welt. Auch wenn es sich um eine vor dem historischen Hintergrund der immer exzessiver und brutaler werdenden französischen Revolution spielende Abenteuergeschichte handelt, finden sich viele Aspekte aus Jules Verne späteren, deutlich bekannteren Romanen wieder.

 „Der Graf von Chainteleine“  ist nicht nur der Titel der Geschichte, sondern zumindest im ersten Teil auch die Hauptfigur. Ein von seinen Untertanen respektierter Landadliger, der sich um da Wohl und Wehe der ihm Anvertrauten kümmert. Seine Frau leistet seit vielen Jahren wohltätige Arbeit, seine hübsche Tochter wächst behütet auf.

 Als die französische Revolution ausbricht, übernimmt der ansonsten friedliche, fast pazifistische eingestellte Graf Verantwortung und befehligt aufopferungsvoll eine Einheit, die sich für König und Vaterland an die Seite der Bauern stellt und lange Zeit erfolgreich gegen die Revolutionäre ankämpft. Selbst als der Krieg verloren erscheint, kümmert sich der Graf an der Spitze der wenigen verbliebenen Truppen um die Flüchtlinge, bestehend aus alten Menschen, Frauen und Kindern. An seiner Seite steht sein treuer Diener Kernan, eine Art Tausendsassa, der im Laufe der Geschichte viele Gesichter vom einfachen Bauern über einen fähigen Fischer bis zum Seemann zeigen wird. Während des Rückzugs erkennt er den Bauern Karval als ein Anführer einer Rotte Jakobiner. Er erschreckt mit den Aussagen, dass sie auf dem Schloss der Chainteleine auf seinen Herrn und ihn warten. Anscheinend ist Chanteleines Frau und seine Tochter in Lebensgefahr.

 Gemeinsam mit Kernan macht er sich auf die beschwerliche Reise durch ein chaotisches Land in die eigene Heimat. In seinem Roman „Der Weg nach Frankreich“ beschreibt Jules Verne eine ähnliche Flucht. Nur fliehen in diesem Fall in Deutschland ansässige Franzosen angesichts des drohenden Kriegsausbruchs zwischen Deutschland und Frankreich in die eigene Heimat. Chainteleine muss das eigene, ihm durch die politischen Veränderungen fremd gewordene Land durchqueren. Es ist nur der erste Teil einer Reise, die auf dem Schloss und in den Gefängnissen der Stadt seinen ersten makaberen Höhepunkt findet.

 In der zweiten Hälfe der Geschichte tritt Jules Vernes charismatischer Held mehr und mehr in den Hintergrund. Er scheint das Feld den „Jungen“ zu überlassen. Einmal aufgrund der persönlichen Trauer, wobei er in der kleinen Patchwork Familie im übertragenen Sinne des Wortes nicht der einzige Mensch ist, der Familienmitglieder an die Jakobiner und ihre Terrorherrschaft mit den zahllosen Hinrichtungen verloren hat. Diese anfänglich unauffällige Verschiebung der Perspektive öffnet der Geschichte auch mehr Möglichkeiten. In vielen seiner späteren Romane hat Jules Verne eine Reihe von ambivalenten Übercharakteren wie den treuen Michael Strogoff, Matthias Sandorf, auch Kapitän oder Robur als Antihelden erschaffen, die immer Dreh- und Angelpunkt der jeweiligen Geschichten sind.

 In seinen frühen, vor einem historischen Hintergrund spielenden Geschichten verteilt er die Verantwortlichkeiten auf eine Reihe von Charakteren und wirkt dadurch glaubwürdiger. Auch wenn der Graf von Chanteleine ein Adliger ist, reiht er sich nahtlos und ohne Murren an die Seite des einfachen Volkes ein, das er während der Feldzüge verteidigt oder bei den Feinden geschont hat. Damit hebt Jules Verne seine Helden auch gleich vom dem narzisstischen, von Rache wegen einer gerechten Bestrafung getriebenen Karval ab, der für Jules Verne in dieser Geschichte zum dunklen, pervertierten Gesicht der französischen Revolution wird. Auch wenn der Franzose diese Geschichte mehr als zwei Generationen nach den historischen Vorfällen niedergeschrieben hat, zeigt er seine Sympathien deutlich.

 Zu Beginn der Geschichte muss sich vor allem ein mit den historischen Begebenheiten nicht vertrauter Leser durch eine Unmenge von Fakten kämpfen, die Jules Verne beiläufig präsentiert. Die empfehlenswerte Ausgabe im Verlag Dornbrunnen erläutert die Hintergründe durch eine Vielzahl von Fußnoten, welche teilweise Jules Vernes von Beginn an dynamische Story zu erdrücken drohen.   

 Auch gegen Ende nimmt Jules Verne die historischen Fakten wieder auf und baut sie mit ein wenig dichterischer Freiheit hinsichtlich des Finales gut und effektiv in die laufende Handlung ein. Dabei doppelt der Franzose zwei Hinrichtungsszenen, bei denen jeweils die Rettung aus dem literarischen Nichts kommt. Einmal für einen Menschen zu spät, was für einen anderen Menschen das Überleben bedeutet. Einmal dank der inzwischen relativ schnellen Nachrichtentechnik.

 Dazwischen finden sich einzelne sehr ruhige Passagen, in denen der Franzose das einfache Leben der Menschen jenseits des Mordens innerhalb der Städte beschreibt. Allerdings haben die Jakobiner ihre Augen und Ohren überall. Dieser Handlungsbogen endet schließlich in einem furiosen, vor einem wunderschönen Naturhintergrund spielenden vorläufigen Höhepunkt.

 Wie wichtig der katholische Glauben den Getriebenen ist, zeigen zwei sehr originelle Sequenzen. In der kleinen Fischergemeinde, in welcher sich die  Chanteleines versteckt haben, agiert ein unbekannter Priester, der heimlich und namenlos den Menschen hilft. Eine Nachricht in einem Baum holt ihn zur Hilfe. Bevor der Schurke Karval – ein klassischer Feigling, der nur in der von ihm befehligten Masse großspurig tut – bestraft werden kann, soll er noch seine Beichte ablegen. Keine leichte Aufgabe in einem Land, dessen katholische Priester gejagt werden. Auch in dieser Sequenz schließt Jules Verne einen Handlungsbogen, den er viele Kapitel vorher aufgegriffen hat.

 Die Zeichnung der Charaktere ist auf der Augenhöhe der Zeit. Natürlich verliebt sich Chanteleines Tochter in ihren Retter, auch wenn es lange dauert, bis die beiden jungen Leute ihre Gefühle offenbaren. Sowohl ihr Umfeld als auch die Leser haben es lange vorher erkannt. Neben dem teilweise ein wenig zu opportunistisch beschriebenen Grafen von Chanteleine ist es vor allem der treue Diener Kernan, der teilweise eigenständig mit grimmiger Entschlossenheit das begangene Unrecht rächt und sich vor dem Mord an einem Schuldigen nicht scheut. Er ist eine charismatische Figur, die – wie angesprochen – über ein erstaunliches allgemein praktisches Wissen verfügt und sich fast in jeder der französischen Gemeinschaften einleben/ einordnen kann. Nicht selten ist er auf der Flucht der Mittler zwischen Leben und Überleben.

 Neben dem beschriebenen, teilweise die Handlung ein wenig erdrückenden, aber jedem Franzosen vielleicht nicht in den Details, aber hinsichtlich der Übersicht bekannten historischen Fakten sind es die genauen Beschreibungen der jeweiligen Lebensumstände der einfachen Menschen in dieser immer chaotischer werdenden Revolution, die auf dem Höhepunkt nicht nur ihre Kinder, sondern tausende von Unschuldigen auf perverse Art und Weise gefressen hat, welche die Geschichte auch heute noch erstaunlich lebendiger erscheinen lassen.

 Überraschende Wendungen; ein hohes Tempo und die angesprochene Vielzahl von potentiellen Überhelden in einem starken Kontrast zu den eher schematischen beschriebenen Schurken – in diesem Fall gibt es nur einen Schurken, aber viele Verbrecher, deren brutale Taten kurz und prägnant beschrieben werden – zeichnen diese geradlinige Geschichte aus, welche vor dem abseits der bekannten Fakten liegenden Hintergründen der französischen Revolutionen zeigt, welch ein zeitloser und guter Erzähler Jules Verne schon vor seinen außergewöhnlichen Reiseabenteuern wirklich gewesen ist.

Der Graf von Chanteleine: Eine Episode aus der Revolutionszeit (Taschenschmöker aus Vergangenheit und Gegenwart)

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Dornbrunnen; Durchgesehene Neuauflage 2018 (15. November 2018)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 135 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3943275345
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3943275346
  • Originaltitel ‏ : ‎ Le Comte de Chanteleine
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