Karla Weigands neuer Roman ist trotz des Titelbilds und des Titels kein historischer Roman. Die romantisch-kriminalistische Geschichte spielt in der Gegenwart mit einem übernatürlichen Einschlag. In dieser Hinsicht setzt die Autorin die Tradition der viktorianisch- gothic Erzählungen fort, in denen das Übernatürlich einen wichtigen Einfluss hat, sich aber nicht beweisen lässt.
Auf den knapp einhundertfünfzig Seiten erzählt die Autorin eine kompakte Geschichte, die immer wieder mit gegenwärtigen wie historischen Wissen über Malta als Insel, über den Tourismus auf der Insel sowie die vielschichtige, von verschiedenen Eroberungen dominierte Historie bereichert wird. Auch wenn Karla Weigand an ein oder zwei Stellen den etablierten Handlungsfluss unterbrechen muss, um ihr Wissen nicht immer perfekt positioniert anzubringen, verbinden sich Fiktion und Fakten anfänglich sehr effektiv, gegen Ende eher ein wenig zufrieden stellend miteinander.
Die Hauptfigur ist die attraktive blonde Krankenschwester Jane. Ihr Vater Deutscher aus Hamburg, ihre Mutter Engländerin. Nach einer schlechten Beziehung mit einem narzisstischen Arzt hat sie in England gekündigt und sich nach Malta versetzen lassen. Sie liebt die Arbeit im Krankenhaus, geht voll in ihrem Beruf auf, hat eine kleine Wohnung mit einer schönen Terrasse und einem Blick über die malerische Altstadt und geht gerne in die St. Catherine Kathedrale, die Kirche und Museum zu gleich ist. Nicht nur wegen der andächtigen Ruhe, der schönen Kunst, sondern der attraktive und sehr aufmerksame, ebenfalls in seinem Beruf aufgehende Museumsführer hat es ihr eher schmachtend angetan.
Die Geschichte beginnt an einem Monat morgen nach dem Nachtdienst. Jane begegnet zwei jungen Männern, die in großes Paket schleppend schon früh aus der Kathedrale kommen. Das kommt ihr komisch vor, auch wenn die beiden Männer in Arbeitsklamotten eher wie Handwerker denn die Diebe aussehen, die sie sind. Jane denkt sich nicht viel dabei, tauscht einige Belanglosigkeiten mit den Männern aus und setzt ihren Weg fort. Erst Tage später wird sie aus der Zeitung lesen, dass sie Augenzeuge eines dreisten Kunstraubs geworden ist. Nicht der erste auf der Insel, denn das Klauen und Verkaufen von Kunst ist der Broterwerb eines örtlichen Paten Santano, in dessen Auftrag die beiden Männer arbeiten.
Santano ist allerdings nicht davon begeistert, dass mit Jane eine Augenzeugin vor Ort gewesen ist. Er fordert die beiden eher durchschnittlich intelligenten Männer auf, das Problem Jane zu beseitigen.
Soweit das Ausgangsszenario, welches Karla Weigand in verschiedene Richtungen weiterentwickelt. Da gibt es die persönliche Ebene mit einigen fast schematisch angelegten Figuren. Jane als Krankenschwester wirkt teilweise ein wenig überzeichnet. Aus spannungstechnischen Gründen muss Karla Weigand zwei Szenen einfügen, die eher kontraproduktiv sind. So stellt Jane auf einem belebten Marktplatz später einen der Diebe und will ihn in der Öffentlichkeit bloß stellen. Auch wenn sich die beiden Diebe bislang hartnäckig geweigert haben, das Problem „Jane“ final und im Auftrag zu lösen, bringt sie sich unnötig in Gefahr. Sie lernt auch nicht aus dieser Situation. Später entdeckt sie – inzwischen allerdings mit dem perfekten Mann an ihrer Seite – den zweiten Dieb bei seinem neuen Broterwerb und will ihn ähnlich provozieren. Ein Handyanruf bei der Polizei hätte spätestens im zweiten Fall ausgereicht und ihr sehr viel Ärger erspart. Aber diese Punkte muss der Leser akzeptieren, sie wirken allerdings konstruiert.
Es gibt aber noch einen seltsamen Punkt. Ein aufdringlicher und vor allem auch arbeitsscheuer Kollege wird aus dem Nichts heraus plötzlich nett und Jane glaubt ihm alles. Auch diese Wendung wirkt nicht natürlich, dient aber dazu, die finale Gefahrensituation heraufzubeschwören. Natürlich ist es nicht leicht, in einer so kurzen Geschichte die entsprechenden Stellen ausreichend herauszuarbeiten und verschiedene spannungstechnische Höhepunkte zu setzen, aber Karla Weigand zeigt bei diesem Krimi – es ist ja nicht der erste aus ihrer Feder – einige kleinere Schwächen. Spätestens wenn das Mobbing los geht, müsste Jane die Situation viel mehr hinterfragen und nach dem Verursacher suchen. Da sie eine beliebte Kollegin ist, wirkt die Ratlosigkeit des Teams auch ein wenig zu statisch. Auch wenn das Krankenhaus über sehr viel Personal verfügt, interagieren die einzelnen Stationen deutlich besser und eine die Harmonie/ Arbeitsabläufe störende Quelle würde sehr viel intensiver gesucht werden. Zumal auch die Stationsleitung und der Oberarzt einen, sogar den richtigen Verdacht haben.
Mit Matteo lernt sie den perfekten Mann kennen. Ein Treffen nach Feierabend und schon ist alles in geregelten Bahnen. Hilfreich ist, dass Matteos jüngerer Bruder nach einem Unfall im Krankenhaus liegt und natürlich auch Jane für seine Pflege verantwortlich ist. Der kleine Bruder ist hellauf begeistert von seiner potentiellen Schwägerin.
Die Romanze kommt – wahrscheinlich der engen Taktung der Geschichte geschuldet – ein wenig zu schnell. Da wird innerhalb von wenigen Tagen nicht nur vom Zusammenziehen, sondern auch der Hochzeit gesprochen. Auf der anderen Seite will sich Jane zu selten in den entscheidenden Situationen ihrem Matteo anvertrauen. Aber durch die Beziehung zwischen den beiden jungen Menschen hat der Leser mehr Möglichkeiten, das andere weniger touristische und eher historische Malta kennen zu lernen. Hier werden die relevanten Informationen deutlich besser miteinander verbunden.
Der Gangsterboss wirkt wie eine überdrehte Parodie. Ein Westentaschengangster, der seine „Angestellten“ genauso betrügt wie seine Geschäftspartner. Viele wertvolle Kunstschätze hat er bei sich in einem Lager für den Weiterverkauf/ Weitertransport eingelagert. Malta ist – wie Karla Weigand selbst mehrmals betont – eine Insel mit einer überschaubaren Bevölkerung. Irgendwann begegnen sich die Menschen immer wieder, vor allem in der Hauptstadt. Daher wirkt es konstruiert, dass eine Vielzahl von Kunstdiebstählen, welche ein Lager füllen, nicht wirklich auffallen und die Polizei vor allem zu Beginn der Geschichte zwar die Ermittlungen aufnimmt, aber im Grunde keinen echten Schritt weiterkommt. Als Pate macht man sich nicht die Hände schmutzig, sondern heuert Gehilfen an.
Aus der Situation heraus wirkt einiges logisch und nachvollziehbar. Den ganzen Roman betrachtend fügen sich die Puzzlestücke aber nicht wirklich zufrieden stellend zusammen. Auch die beiden eher einfach gestrickten Helfer mit gewissen moralischen Vorstellungen erscheinen eher wie Persiflagen. Aber sie haben zumindest aus ehrlichen Berufen kommend ihre Grundsätze.
Das phantastische Element ist der Malteser Ritter. Von Gutenfels hat mehrere effektive Auftritte beginnend mit der ersten Rettung Janes. Während die Protagonisten noch an einen exzentrischen Künstler – kraftvoll, aber in alter Kleidung unterwegs – glauben, ahnt der Leser, dass es sich um einen Geist aus einer alten Zeit handeln, der noch etwas zu erledigen hat. Auch hier spielt Karla Weigand ein wenig mit der Logik der Handlung. So warnt er Jane, dass ihr Gefahr droht, aber er wird auf sie aufpassen. Viel effektiver wäre es, die Gefahr im Vorwege auszuschalten, da der Ritter schon einen Verdächtigen im Auge hat. Anscheinend kann er aber nur reagieren, wobei die Autorin diesen Aspekt nicht wirklich extrapoliert. Mit Einschränkungen könnte die Story auch ohne diese historisch verankerte Figur – die Malteser sind ein wichtiger Teil der Geschichte der Insel – funktionieren. Der Ritter müsste durch einen menschlichen „Retter“ ersetzt werden, wobei es einmal sogar mittelbar schon der Fall ist. Aber mit dieser Gestalt gibt Karla Weigand ihrer Story eine besondere Note.
Der Plot ist geradlinig. Die Autorin konzentriert sich auf das doppelte Finale. Der Weg dahin ist stellenweise ein wenig steinig und wenn Jane nicht einem Impuls folgend zweimal „falsch“ und gegen ihre bislang rationalen Handlungen agiert hätte, wäre die Story viel früher positiv und weniger gefährlich zu Ende gewesen. Aber dann hätte Karla Weigand auch keinen zufrieden stellenden Roman und der Leser keine solide Unterhaltung. „Der geheimnisvolle Malteserritter“ ist im direkten Vergleich zu Karla Weigands während der französischen Revolution spielenden Krimis um den Inspektor Lavalle simplere Unterhaltung. Mit dem Wort „simpel“ soll keine Abklassifizierung ausgedrückt werden. Die Charaktere sind solide, teilweise sehr sympathisch entwickelt worden. Der Plot ist stringent beginnend mit dem Momentum, am richtigen Ort zur falschen Zeit zu sein. Der Ritter als mehrfach angesprochenes übernatürliches Element verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit, auch wenn die finale Erklärung wahrscheinlich cineastisch besser funktioniert als in einem geschriebenen Werk. Es fehlt die emotional aufwühlende Hintergrundmusik, die lange Kamerafahrt und schließlich die Entdeckung. Karla Weigands Stil ist in diesen emotionalen Sequenzen ein wenig zu sachlich, zu distanziert. Hinzu kommt, dass sie diese relevanten Szenen dann wieder mit Hintergrundinformationen zu erweitern sucht, welche den Leser aus der entwickelten stimmigen Atmosphäre reißen. Auf der anderen Seite hat die Autorin – bis auf ein mögliches Nachwort – allerdings keine andere Stelle, an welcher sie diese gut recherchierten Fakten hätte platzieren können.
„Der geheimnisvolle Ritter“ ist eine kurzweilige Sommerunterhaltung – im Winter lässt sich eine Geschichte, die auf einer Sonneninsel spielt, natürlich auch lesen - , die einige erfreuliche Stunden beschert. Nicht mehr, aber auf keinen Fall weniger.

- Herausgeber : p.machinery
- Erscheinungstermin : 25. März 2025
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 152 Seiten
- ISBN-10 : 3957651816
- ISBN-13 : 978-3957651815
