Das Automatenzeitalter

Ri Tokko

Der neunte (und wahrscheinlich letzte Band) der “Wiederentdeckten Schätze der deutschsprachigen Science Fiction “Das Automatenzeitalter” kommt mit einleitenden und nachstehenden Worten versehen als eine Art Besonderheit daher. Es handelt sich im Gegensatz zur vor vielen Jahren im Shayol Verlag publizierten Fassung um eine überarbeitete und damit auch gekürzte Version des als Vorlage dienenden Manuskripts. Damit schlägt der Hirnkost Verlag wieder den Bogen zur ersten Auflage im Amalthea Verlag, die von der nationalsozialistischen Reichsschrifttumskammer relativ schnell wegen seiner pazifistischen Haltung in die Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums aufgenommen worden ist.

Neben dem ebenfalls schon in dieser Reihe aufgelegten “Utopolis” aus der Feder Werner Illings die vielleicht wichtigste Utopie der Weimarer Republik, wobei die Herausgeber auch deutlich machen, dass Ri Tokko sich vielleicht von einem ungefähr dreißig vorher publizierten Text hat inspirieren lassen:  Paul Mantegazzas “L´ Anno 3000” aus dem Jahr 1897. In Deutschland unter dem Titel “Das Jahr 3000” . Der Verlag Dieter von Reeken hat diesen Roman nachgedruckt. 

Sowohl beim Shayol Verlag als auch der Hirnkost Neuauflage ist schon der Umfang der optisch gelungenen Hardcover eindrucksvoll.  

Fast achthundert Seiten eines gänzlich unbekannten, prognostischen Romans des deutschen Autoren Ri Tokko. Der Hirnkost Verlag hat sich eher für ein ambivalentes Cover entschieden, während die imposante Stadt auf dem Shayol Titelbild – der Originalausgabe des Amalthea-Verlages nachempfunden –  mehr an Fritz Langs Metropolis erinnert,  denn an die im Roman beschriebene künstliche gigantische Mitteleuropa bedeckende Siedlung.

 Der Autor, mit bürgerlichen Namen Ludwig Dexheimer, verlor im Herbst 1929 seine Arbeit, wie Millionen andere Menschen im Laufe der Weltwirtschaftskrise. Der umfassend gebildete Ingenieur-Chemiker nutzte die ungewollte Freizeit, um seinen einzigen Roman zu schreiben.

Wie angesprochen, ist die Shayol Ausgabe behutsam nach dem ursprünglichen Manuskript herausgegeben worden, die Passagen, die in der Erstveröffentlichung gekürzt worden sind, sind hervorgehoben. Dabei ist es faszinierend, die nahtlosen Übergänge – manchmal innerhalb eines Satzes – zwischen Vorlage und Druck zu verfolgen.

Der Hirnkost Verlag hat sich für eine bearbeitete Fassung basierend auf der angesprochenen Erstauflage entschieden. Neben den aus der Zeit gefallenen Hinweisen auf die Eugenik haben die Herausgeber verschiedene belehrende Abschnitte mit kulturellen Hintergründen gestrichen. Mittels Scan kann der Leser aber auf die originäre Fassung zurückgreifen und die einzelnen Änderungen im Detail nachvollziehen. Natürlich kann er mit diesem Link auch nur den ursprünglichen Texts des Manuskripts lesen und sich ein komplettes Bild des ganzen Werkes unabhängig von den Bearbeitungen machen.   

Alle technischen wie teilweise sozialen Ideen sind aus dem vor Ideen überquellenden, aber nicht überzeugend strukturierten Manuskript sind in diese Fassung eingeflossen. Es spielt auch keine Rolle, welche Version der Leser sich zur Brust nimmt.

Sowohl die Worte zum Geleit wie auch das Nachwort von Ralf Bülow, welcher den Text schon für den Shayol Verlag aufbereitet hat, geben neben den biographischen Hinweisen des Autoren den Lesern eine Art Leitfaden zur Lektüre mit. Die wichtigsten technischen wie teilweise sozialen Ideen werden im Nachwort noch einmal zusammengefasst; das Vorwort weist auf das Umfeld hin, in dem das Buch erschienen und schließlich von der Regierung auch verboten worden ist. Einige Aspekte finden sich sowohl im Vor- wie auch dem Nachwort, wobei es sich empfiehlt, das Nachwort auch wirklich erst nach abgeschlossener Lektüre zu goutieren, da ansonsten wichtige Plotelemente vorher bekannt sind.    

 “Das Automatenzeitalter” ist eher eine Art warnendes Fanal, eine theoretische Utopie und weniger ein Roman. Selbst für die utopisch- technischen Arbeiten der Weimarer Republik ist dieses Mammutwerk ein Ideensteinbruch, aus dem andere Autoren mindestens ein halbes Dutzend Romane fertigen könnten. Auf der anderen Seite ist es eben kein Roman, was sich an der oberflächlichen Zeichnung der Charaktere, den fehlenden Spannungsbögen und schließlich auch einigen roten Fäden zeigt, die im inhaltlichen Nichts hängenbleiben. Ein oder zweimal kann ein Leser solche Oberflächlichkeiten verzeihen. Zahlreiche Kolportageautoren wie Robert Kraft oder Karl May zeigen in ihren umfangreichen, aber hastig niedergeschriebenen Werken eine vergleichbare Schwäche. Aber in “Das Automatenzeitalter” häufen sich diese inhaltlichen Irrwege.   

 Grundsätzlich ist »Das Automatenzeitalter« eine interessante, in ihrem tiefsten Inneren auch positive Utopie. Der Roman ist fest verwurzelt in der wissenschaftlichen Bildung seines Autoren und dem Drang, dieses Wissen zu extrapolieren. Immer an der Grenze zur Belehrung. Vor allem ist es einer der wenigen Romane, in denen sich die Menschheit über einen Zeitraum von mehr als fünfhundert Jahren und einigen tiefen dunklen Zeiten eine freie, fast kommunistische Gesellschaft erschaffen haben, in welcher Eigentum wegen des vorhandenen Überflusses nichts bedeutet und Frauen wie Männer sich mit gegenseitigem Respekt behandeln. Dieses Paradies ist aber nur möglich, weil negativ gesprochen frühzeitig hinsichtlich der Gesundheit eine Auslese getroffen wird - der dunkelste und fragwürdigste Abschnitt des ganzen Buches -, während positiv gesprochen sich ein technisches Perpetuum Mobile entwickelt hat, in dem der Mensch intellektuell frei sein darf. Im Grunde frei sein muss, um in die automatisierten Abläufe nicht negativ eingreifen zu können oder zu dürfen. Das Ergebnis ist eine perfekte pazifistische wie neugierige neue Gesellschaft, deren Wurzeln aber im Handeln der eher eindimensionalen wie stereotypen handelnden Personen noch rudimentär zu erkennen sind. Ganz kann sich der Autor von den sozialen Exzessen seiner Gegenwart nicht lösen, um ein perfektes futuristisches Modell zu entwickeln. Dabei erinnern einige seiner Gedanken an H.G. Wells sozialistisches Vorgehen. Der Brite hat aber niemals eine so brillante wie komplexe Stadt der Zukunft entworfen. “Metropolis” ohne Unterwelt mal vier. 

Basierend auf seinem technischen Wissen trifft der Autor eine Vielzahl von zur Zeit des Erscheinen noch utopischen, höchstens diskussionswürdigen und aber in der heutigen Gegenwaert sehr treffenden Vorhersagen: ein globales Kommunikatonsnetz oder die technologische Fähigkeit, innerhalb kurzer Zeit an jeden bekannten Ort der Erde zu gelangen. Dabei bevorzugt Tokko eindeutig den privaten Individualtourismus und nicht das Massentransportmittel. Energie kostet ja nichts. 

Totale Geburtenkontrolle mit entsprechenden Verhütungsmöglichkeiten verstärken die Tendenz, zusammenzuleben und nicht durch eheliche Pflichten gebunden zu sein. In seinen Beschreibungen bleibt Tokko aus heutiger Sicht zahm,doch entschlossen legt er das Joch der monarchistischen Ehrvorstellungen ab. Die Eugenik bildet wie mehrfach erwähnt die negative Seite ab, wobei sich Ri Tokko bei seinen Beispielen mit dem durch ein Verbrechen erblindeten Mann, der zum Wohle der Gemeinschaft Selbstmord verüben sollte. Diese Exzesse sind selten und wirken im Vergleich zu einigen anderen bis ins Dritte Reich schreibenden Autoren “harmlos”. Dieser Begriff ist aber nur vergleichend und nicht entschuldigend verwandt worden.  

Das Haus wird zum ständigen Wegbegleiter und Homaten – künstliche roboterähnliche Wesen – lesen ihren Besitzern jeden Wunsch von den Augen ab. Die in gesunden Körpern lebenden, jungen und elitären Menschen vertreiben sich die Langeweile durch Ausflüge oder bilden in diesem Roman einen Debattierklub,in dem verschiedene Themen der Reihe nach vorgestellt und diskutiert werden. Indirekt wird Leser an Thea von Harbous und damit auch Fritz Langs dekadente Oberwelt in “Metropolis” erinnert.

Grüne, anscheinend kostenlose Energie, welche zumindest in der “Automatenstadt” ein Leben auf dem Niveau des gehobenen Bürgertums ermöglicht und weit weg ist von der Realität der Weimarer Republik mit der Massenarbeitslosigkeit und damit auch der entsprechenden Armut.   

 Natürlich ist alles eine Frage der Perspektive. Die totale Überwachung inklusive der Unwilligkeit, Kinder zu bekommen, steht einer grenzenlosen Reisefreiheit zu anscheinend günstigen Konditionen gegenüber. Die Arbeit ist nicht mehr Knechtschaft. Das 21. Jahrhundert lässt hier in einzelnen Punkten erstaunlich überzeugend grüßen.  

Trotz seines Umfangs und dem fehlenden Romankonzept bleibt »Das Automatenzeitalter« eine interessante Lektüre, weil es im Grunde zumindest aus Sicht Ri Tokkos keine Erzählung, sondern eine Vision ist. 

Vergleicht der Leser kritisch den sekundärliterarischen Teil – alle Reden, Artikel und Forschungsergebnisse – und setzt diesen ins Verhältnis mit der eigentlichen Handlung, so überwiegt ersterer deutlich. Mehr als einmal räumt der Autor barsch seine Figuren literarisch aus dem Weg, um von neuen Ideen und prognostischen Visionen zu berichten. Die flachen Dialoge dienen oft nur als Aufhänger. Keine seiner Protagonisten mit ihren kurzen Namen wie Mi und Lu, überzeugt in charakterlicher Hinsicht. 

Neben den fiktiveren sekundärliterarischen Exkursen sind es die bizarren Ideen, welche Ri Tokko aus dem Nichts heraus in jedem der mehr oder minder kurzen Abschnitte des Buches präsentiert: in einem Kapitel entdeckt man ein außerirdisches Raumschiff in einem Kohleflöz, in dem die Überreste seit Millionen Jahren fast unbeachtet liegen. Professor Quatermass wird in den sechziger Jahren ebenfalls im Zuge des Ausbaus der britischen U- Bahn eine vergleichbare Entdeckung machen. In einem anderen Kapitel wird eine  eingefrorene Frau gefunden, deren Mann sich für ihr Überleben vor Jahrhunderten geopfert hat. Immer wieder greift Tokko auf die Vergangenheit zurück, um exemplarisch und schicksalhaft die neue Zeit zu propagieren.

 Im Gegensatz zu den utopischen Romanen Hans Dominiks, der Kurd Laßwitz oder Alfred Daibler mit seinen großdeutschen Abenteuerstoffen folgte, oder den Werken Rudolph Daumanns, predigt Ri Tokko in “Das Automatenzeitalter” meist einen aktiven Pazifismus. Immer wieder rechnet er vor, was insbesondere der Erste Weltkrieg an Produktionskosten verschlungen hat und an Produktionskraft (Mensch und Material) der Gesellschaft genommen hat. 

Dabei ist seine Vision einer Volkswirtschaft mit kommunistischen Zügen – es ist nie expliziert dargestellt, ob es noch das klassische Arbeitervolk irgendwo auf der Welt gibt – eine vergleichbare Katastrophe wie der grenzenlose Investitionswahn, der schließlich die Weltwirtschaftskrise auslöste. 

Die Idee, dass die meisten Menschen aus freiwilliger Neugierde in einer perfekten, zukünftigen Welt weiterforschen, ist genauso weltfremd wie die sich erneuernden Energien, die, ohne Rückstände zu bilden, dem durch den Tag treibenden Menschen ein paradiesisches und unbefangenes Leben ermöglichen. 

Die Natur hinterlässt in seinem Roman einen gezüchteten Charakter; sie ist vorhanden, aber dem Menschen untertan. Den Preis für den übertriebenen, luxuriösen und lasterhaften Lebensstil zahlt in seinem Epos keiner der Bürger der Automatenstadt, Ri  Tokko präsentiert ihnen noch nicht einmal den Hauch einer Rechnung.

So schwach der eigentliche Roman ist, so überwältigend vielfältig und breit sind die Ideen, die der Autor oft nur in Nebensätzen einfließen lässt. Die Wetterkontrolle durch die Freisetzung von Kohlendioxid ist ein ebenso innovativer Ansatz wie das Nachzüchten ausgestorbener Arten aus aufgefundenen Eiern. Heute eher alte Hüte, in den dreißiger Jahre mit den amerikanischen Mad Scientists aus den Pulpmagazinen und mit Reaganzgläsern bewaffnet top aktuell. 

In »Metropolis« warnte uns Fritz Lang mit seiner Frau Thea von Harbou vor dem bösen Geist des technologischen Fortschritts, Ri Tokko in seiner offensichtlichen Gegenrede beschwört seine Schöpfung, den Menschen im Schoß der Automatenstadt, quasi im künstlichen Mutterleib, nach vorne zu sehen und zu gehen. Mit Li und ihren Freunden lernen die Leser diese utopische Gesellschaftsordnung in Form  von unterschiedlichen Referaten kennen.

Das nimmt dem Text den oft in alten Romanen aus dieser Zeit zu findenden nationalen Gedanken. Wie seine Figuren grenzüberschreitend leben, so argumentiert der Autor auch international. Dem Kampf um neuen Lebensraum – in Automatenstadt gibt es Millionen von gleichen Häusern – nimmt er genauso die Schärfe, wie der Jagd nach neuen Bodenschätzen.

Es gibt Neid und Missgunst nur noch als auf spielerischem Niveau stattfindenden emotionalen Ballast einer sich weiter entwickelnden Menschheit. In mehr als einer  Szene erinnern Tokkos Charaktere an die friedlichen Eloy aus H. G. Wells »Die Zeitmaschine« – naiv, liebenswert und gerade wegen der sie umgebenden Technik unreif und im Grunde verloren. Dann finden sich wieder Passagen, die direkt aus H. G. Wells' »Things To Come« stammen könnten, ohne das Pathos einer sich aus den Trümmern des endgültigen Krieges befreienden Gesellschaft.

Der Leser fühlt sich gefangen in einem Buch, das er am besten in einzelnen Abschnitten – davon gibt es mehr als siebzig – über einen längeren Zeitraum liest, wie Artikel in einem wissenschaftlichen Magazin, das jemand aus einer Parallelwelt unbeabsichtigt im Bus liegen gelassen hat. Ein Blick aus einer für viele unverständlichen Vergangenheit in eine fremdartige Zukunft, die rasend schnell auf uns zukommt. In einigen Weltmetropolen erkennt der aufmerksame Leser schon Züge der Automatenstadt, doch sie ist nicht so friedlich und lebenswert wie in Ri Tokkos einzigartiger romanhafter Vision.

 

Hardcover, Hirnkost Verlag

Seitenzahl 760

ISBN 978-3-98857-078-9

 

Das Automatenzeitalter: Ein prognostischer Roman (Wiederentdeckte Schätze der deutschsprachigen Science Fiction)