In dem kurzen Vorwort zur eigentlichen Anthologie und weniger in den einleitenden Worten zu den einzelnen acht direkt oder indirekt von H.P.Lovecraft inspirierten Geschichten schreibt der Joe R. Lansdale davon, dass Lovecraft für ihn ein eher mittelmäßiger Autor mit einem schwülstigen Stil, aber sehr großen Ideen – insbesondere „Die großen Alten“ – gewesen ist. Trotzdem ist Lansdale immer wieder auf Aspekte von Lovecrafts Werk zurückgekommen, hat sie verfremdet, manchmal auch nur geschüttelt, aber immer wieder neu interpretiert. Nicht alle Storys dieser Sammlung beziehen sich auf Ideen aus Lovecrafts Werk, aber die Wurzeln sind zumindest klar erkennbar.
Bei der Auftaktgeschichte „Der blutende Schatten“ vermischt Joe R- Lansdale den Hardboiled Krimi mit Lovecrafts „Die Musik des Timothy Zahn“ in Kombination mit der auch von Walter Hill verfilmten Legende um den farbigen Bluesmusiker, der seine Seele an den Teufel verkauft hat. Im lakonischen Ich- Erzählerstil geschrieben präsentiert der ohne Lizenz arbeitende farbige Detektiv seine weiche Seite. Eine sehr attraktive Prostituierte, mit welcher der Ich-Erzähler ein kurzes Verhältnis hatte, bittet ihn, nach dem Bruder zu schauen, den der Erzähler als Schmarotzer disqualifiziert. Er hat seiner Schwester eine Schallplatte mit einer seltsamen Musik geschickt.
Die Geschichte folgt dem vom H.P.Lovecraft etablierten Muster mit der seltsamen Musik, welche Dinge von „außen“ aufhält. Das Ende ist eher pragmatisch und wird durch die Ich-Erzählerperspektive unterminiert. Es ist der lakonische Tonfall des tief in seinem Inneren weichen Protagonisten; es ist die nihilistische Stimmung in dem heruntergekommenen Hotel und schließlich ist es auch irgendwie die Verzweiflung des jungen Musikers, der schon sehr früh erkannt hat, welche Bedeutung eine Seele hat, die den Reiz dieser kurzweilig geschriebenen, Lovecrafts Original sehr gut folgenden Geschichte ausmacht.
Joe Lansdale liebt wie Philip Jose Farmer Crossover. „Insel der Furcht“ ist der beste Ausdruck für diese Art von literarischen Spielereien mit den Charakteren anderer Väter und Mütter. Unter dem Originaltitel „Dread Island“ ist die Novelle in der Anthologie „Classics Mutilated“ publiziert worden. Auch wenn auf die eine oder andere Art der Titel der Anthologie auch in der vorliegenden Geschichte Programm ist, hat Joe Lansdale mit sehr viel Respekt das „Messer“ geschwungen und eine interessante, wunderschöne Geschichte erschaffen, die allerdings auch sehr viel Ähnlichkeit mit Jack Londons „Der rote Gott“ hat. Und das nicht nur, weil beide Texte auf Inseln spielen.
In der Einleitung verbeugt sich Joe Lansdale vor Mark Twain und seinen beiden bekanntesten Charakteren Huck und Tom. In regelmäßigen Abständen taucht mitten im Mississippi eine Insel auf. Niemand wagt sich, ihr zu nähern. Am nächsten Morgen ist sie wieder verschwunden. Ausgerechnet Tom Sawyer möchte mit einem Kumpel nachts auf die Insel und ihr Geheimnis erkunden. Betty bittet Huck Finn – der Erzähler der Geschichte – zusammen mit seinem farbigen Freund Jim, Tom zu folgen.
Die Übersetzerin Susanne Picard gibt sich viel Mühe, Joe Lansdale stilistische Imitation von Mark Twains einzigartigem Erzählstil zu treffen. Keine leichte Aufgabe, da Joe Lansdale selbst als osttexanischer Autor über die vielen Jahren einen eigenen, markanten Erzählstil entwickelt hat. Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich die Übersetzerin bewegt, zumal ausgerechnet der Erzähler ja selbst Mark Twain als Autor im positiven Sinne zu imitieren sucht, damit er endlich auch ein wenig Geld aus den eigenen Abenteuern ziehen kann.
Der erste Teil der Geschichte ist klassischer Mark Twain, in dem die einzigartige Stimmung des ewigen dahinströmenden Mississippi elegant und eloquent eingefangen wird.
Mit dem Betreten der Insel spaltet sich die Handlung in die schon erwähnte Lovecraft Hommage mit einem Opfer fordernden Gott aus der Unterwelt sowie den afroamerikanischen Volksmärchen um Brér Rabbit – Abkürzung für Brother Rabbit- und das Teerbaby auf. Walt Disney hat einige dieser Geschichten in „Onkel Remus Wunderland“ adaptiert. Der kleine schlaue Hase steht für den kleinen Mann, welcher die Mächtigen austrickst. In diesem Fall gelingt es dem Hasen trotz einer geopferten Pfote auf der Insel zu überleben und nicht geopfert zu werden. Aus Lovecrafts Universum kommt die doppelte Nutzung von Dimensionen: einmal zieht es die Insel in regelmäßigen Abständen nach einem kurzen Verweilen im Fluss wieder gen Himmel. Zum Anderen kommt der bedrohliche, bizarr beschriebene Gott aus dem Erdinneren, muss durch menschliche Opfer, aber auch Gesang „befreit“ werden. Zwischen Himmel und Hölle ist die Insel, welche Lansdale mit viel Liebe zum Details als eine Hommage unter anderem auch an die Schatzinsel beschreibt. Ihre inneren Abmessungen sind deutlich größer als es von außen der Fall ist. Es gibt natürlich einen See unterhalb der Gebirge, dessen eiskaltes Wasser einen Moment der Entspannung nach einer waghalsigen Flucht bietet. Es gibt flache Ufer mit Sand, aber auch dornige Büsche und schließlich eine Art Dschungel. Es ist ein perfekter Spielplatz für eine Horrorgeschichte, in deren Ende noch eine weitere Hommage einfließt. Es ist bezeichnend, dass sich Tom in Schwierigkeiten bringt, Huck ihn zu retten versucht, aber am Ende den beiden noch nicht erwachsenen jungen Männer eine Frau die rettende Hand reichen muss.
Das hohe Tempo der Geschichte nach einem allerdings ein wenig gemäßigten Auftakt lädt zu einer zweiten Lektüre ein. Viele Leser werden weniger mit den Geschichten um Br´Rabit als Mark Twains Figuren oder Lovecrafts Kreaturen vertraut sein. Die einzelnen Elemente werden effektiv miteinander gemischt und Lansdale macht nicht extra auf sie aufmerksam. Auf dieser wunderlichen Insel ist alles möglich und das nutzt der Autor ausgesprochen effektiv auch weidlich aus, um ein spannendes, aber auch gleichzeitig bizarres Garn zu spinnen, das dem Leser vielleicht mehr weniger der zahllosen Details als der generell stringent, aber hinsichtlich Lovecrafts Werk auch ein wenig mechanisch entwickelten Handlung im Gedächtnis bleibt.
Auch bei „Die grausige Affäre des blau glühenden Blitzes“ greift Lansdale auf fiktive Charaktere seiner Kollegen zurück. In diesem Fall auf Edgar Allan Poes Dupin. Hinsichtlich der Erzählstruktur folgt Lansdale aber sowohl Sir Arthur Conan Doyle mit einem in diesem Fall namenlosen Ich- Erzähler, welche die Fälle aufschreibt oder Rex Stout mit seinem Nero Wolfe. Der Ich- Erzähler könnte in diesem Fall Archie Goodwin sein, der nach der Lektüre eines seltsamen Phänomens in einer Lagerhalle – blaue Blitze scheinen von unten nach oben auszuschlagen – und grausigen Funden – ein abgetrennter Arm – sich unerlaubt in die Halle schleicht und dabei weitere rätselhafte Entdeckungen macht. Die intellektuellen Lücken schließt Dupin nicht nur mit einem Querverweis auf das Necronomicon, von dem sich ein Exemplar in seinem Besitz befindet, sondern auch einem „Vorfahren“ Frankensteins, der mit Menschen hinsichtlich einer Unsterblichkeit experimentierte und einen Nachfahren der Gebrüder Grimm in seinem verführerischen netz gefangen nehmen konnte.
Neben dem Hinweis auf das Necronomicon sowie dem Schlusssatz, der aus Lovecrafts zahlreichen Geschichten stammen könnte, schlägt Lansdale auch den Bogen zu einer der berühmtesten Geschichten Poes.
Die Handlung ist stringent. Das Phänomen – in der Zeitung und durch die offenen Augen eines Kindes beschrieben – wird „erläutert“, die ersten Untersuchungen fördern noch groteskere und nicht leicht erklärliche Tatsachen zu Tage, bevor der Ich- Erzähler zusammen mit Dupin aufbricht, um das Böse in diesem Fall mit den gleichen Mitteln zu bekämpfen. Lansdale ahmt die klassische Erzählstruktur Poes wie auch Doyles sehr gut nach, auch wenn die Handlung insbesondere im direkten Vergleich mit der längeren Erzählung „Inseln der Furcht“ auch eine große Schwäche Lovecrafts offenbart. Er neigt hinsichtlich der Struktur zu Wiederholungen und das zeigt sich in diesem Fall leider auch.
Joe R. Lansdale betont in den einleitenden Worten zu „Das hohe Gras“, das er diese Kurzgeschichte vor der Gemeinschaftsarbeit Joe Hills und Stephen Kings geschrieben und vor allem auch veröffentlicht hat. Die Idee des mannshohen Grases, in dem sich „Dinge“ aufhalten, ist beiden Geschichten gemeinsam. Aber im Gegensatz zu den grotesken Übertreibungen bei Hill/ King bleibt Joe Lansdale seiner Linie deutlich treuer und konzentriert sich auf Stimmungen. Die Geschichte spielt im Jahre 1901. Ein Zug bleibt nachts mitten in einem gigantischen Grasfeld stehen. Anscheinend nicht zum ersten Mal. Der Ich- Erzähler will unbedingt eine rauchen und tritt trotz der Warnungen des Schaffners vor die Gleise. Im mittleren Abschnitt mit der Verlorenheit im ewigen Grün; der paranoiden Angst, die sich als begründet herausstellt und schließlich den Bedrohungen, welche Lansdale nicht weiter erläutert, folgt der Amerikaner zwar der deutlich bekannteren und auch verfilmten Geschichte, aber gleichzeitig grenzt er sich auch ab. Sein Reisender ist deutlich sympathischer, wenn auch egoistischer. In der Hill/ King Kooperation wurden die Menschen durch Hilferufe in das hohe Gras gelockt, er kann der eigenen Neugierde nicht widerstehen. Dafür endet Lansdales Story auch auf einer deutlich optimistischeren Note, wobei die Hintergrundinformationen vom pragmatisch agierenden Schaffner indirekt nachgereicht werden. Die Geschichte hat wenig mit dem kosmischen Schrecken Lovecrafts zu tun, aber dank der beseelten grausamen Natur passt sie gut in einen erweiterten Lovecraft Kosmos, so dass ihre Integration in diese Sammlung nachvollziehbar ist.
„Der Fall der lebendigen Schatten“ ist chronologisch die erste Geschichte um die Privatdetektivin Dana Roberts. Die Geschichte schreibt Joe Lansdale zusammen mit seiner Tochter Kasey, wobei es sich bei „Der Fall der lebendigen Schatten“ um eine Joe Lansdale Soloarbeit handelt. Dana Roberts ist eine Ermittlerin in paranormalen Fällen und hat bei ihrem ersten Besuch in einem exzentrischen Club mit ihrer Geschichte für Aufsehen gesorgt. Der Erzähler hat sie heimlich mitgeschnitten. Bei ihrem zweiten Besuch erzählt sie von der übernatürlichen Begegnung, welche sie schließlich nicht nur in den Besitz ihres jetzigen Hauses, aber vor allem auf den Pfad gebracht hat, das Übernatürliche zu untersuchen.
In seinem Vorwort spricht Joe Lansdale davon, dass Kasey und er abwechselnd immer mehr Humor in die Storys eingebracht haben, von denen einige in der Sammlung „Terror is our Business“ gesammelt erschienen sind. Dabei handelt es sich bei „der Fall der lebendigen Schatten“ um eine dunkle, ernst gemeinte Geschichte.
Bei ihren Besuchen im Haus von Verwandten wird ihnen immer eingeschärft, nicht den nahen Wald zu betreten. Eines Nachts sind Dana und ihre Freundin der Ansicht, dass sie da eine Gestalt gesehen haben. Es dauert Jahre und umfasst auch den Tod der Besitzer des Hauses, bis Danas Freundin sich nachts heimlich aufmacht, um den Wald zu untersuchen. Natürlich ein lebensgefährliches Unterfangen, bei dem sie ohne Danas Eingreifen ohne Probleme ihr Leben verloren hätte.
„ Der Fall der lebendigen Schatten“ ist für sich alleinstehend keine schlechte Geschichte. Ein interessanter Rahmen mit einer selbstbewussten Erzählerin, eine solide Charakterentwicklung und schließlich auch ein übernatürliches, atmosphärisch stimmiges Ende. Aber in einer Anthologie mit von Lovecraft inspirierten Storys ist das zu wenig. Viele Schlüsselelemente kommen dem Leser aus den anderen Texten vertraut vor. Der Rahmen mit der Erzählerin weist darauf hin, dass sie allen Gefahren trotzen wird. Es geht nur um den Kollateralschaden. Die Gefahren im Wald sind solide beschrieben, aber ragen auch nicht im direkten Vergleich zum Warenhaus mit den blauen Blitzen oder der immer wieder auftauchenden Insel im Mississippi besonders heraus. Für viele Leser ist es in erster Linie interessant, Dana Roberts Anfänge als Ermittlerin zu lesen. Nicht weniger, aber leider auch nicht wirklich mehr.
Joe R. Lansdale gilt als einer der wichtigsten Vertreter des New Weird Western. Daher ist es nur konsequent, dass auch mit „Der dahin kriechende Himmel“ ein Vertreter dieses Subgenres natürlich inklusive einiger latenter Lovecraft Bezüge in dieser Sammlung vertreten ist.
Ein Reverend besucht eine abgeschiedene Siedlung und möchte einen Jungen mitnehmen, der in einem Käfig gefangen gehalten und mit Steinen beworfen wird. Reverend Jedidiah Mercer ist nicht nur ein Mann Gottes, sondern trägt auch zwei Revolver. Schnell erkennt er, dass die ganze Siedlung bis auf den Jungen besessen ist. Neben dem Jungen ist nur ein Mädchen noch nicht übernommen. Der finale Kampf findet schließlich in einer alten Steinhütte statt, dessen Wände aus mit Runen beschriebenen Steinen erbaut worden sind.
Wer Lansdale Weird Western in der Vergangenheit gelesen hat, wird nicht sonderlich überrascht. Alle Element beginnend mit dem an den Preacher erinnernden Protagonisten über die degenerierten Dorfbewohner und schließlich die wenigen Außenseiter sind vorhanden. Jedidiah Mercer ist eine charismatische Respektperson, die mit Gottes Wort, aber in diesem Fall auch handfeuerfesten Argumenten sich Respekt verschafft. Das übernatürliche Element ist wieder eine Kreatur aus der Erde, welche durch einen alten Brunnenschacht nach oben dringt und dort für Unheil sorgt. Das Finale ist zwar spannend und brutal zugleich angelegt, wirkt aber angesichts der mehrfach in dieser Anthologie vorhandenen Plots auch mechanisch. Isoliert als Comicadaption durch Lansdales Sohn Keith oder in der Shortstory Sammlung „Deadman´s Road” mit anderen, eben nicht von Lovecraft inspirierten Texten hätte die Kurzgeschichte deutlich stärker gewirkt.
Der kürzeste Text ist „Sternenlicht in hellen Augen“. Lansdale spricht selbst davon, dass es im Grunde keine vollständige Geschichte, sondern eher ein stimmungsvolles Fragment ist. Deutlich sanfter geschrieben, emotionaler und gleichzeitig trotzdem atmosphärisch dunkel, aber nicht nur bizarr provozierend überzeugt „Sternenlicht in hellen Augen“ durch die Idee, dass Artefakte außerirdischen Ursprungs einen seltsamen Einfluss auf die Menschen haben. Lovecraft kommt nicht direkt in dieser Geschichte vor, aber die Idee, aus den an Glas erinnernden einzelnen Komponenten eine Kreatur zu bauen, vielleicht auch eine Inkarnation der Großen Alten reicht aus, um dieses kurze Fragment in die Sammlung aufzunehmen.
Die Titelgeschichte „In den Bergen des Wahnsinns“ ist nicht nur die letzte und längste Story dieser Sammlung. Es ist auch die beste Geschichte. Der Auftakt erinnert ganz bewusst an den Untergang der „Titanic“ mit dem über den Bug sinkenden gigantischen Luxusschiff, dem Eisberg und den Überlebenden in den Rettungsbooten. Alles passt, bis plötzlich Haie die im Wasser schwimmenden Überlebenden angreifen. Ab diesem Moment entwickelt sich für die in Rettungsboot 3 befindlichen Menschen eine albtraumhafte Odyssee, in welche Lansdale teilweise mit sadistischen Vergnügen viele Aspekte und Ideen aus Lovecrafts Werk in Kombination mit einer wirklich exotischen Insel Schöpfung hat einfließen lassen. Der Leser kann in einem Alptraum Lansdale, Lovecraft, Edgar Allan Poe mit seinem Arthur Gordon Pym als würziges Element und Philip Jose Farmer in einem New Yorker Kaffeehaus der zwanziger Jahre zusammensitzen und Ideen in einen gigantischen kochenden Kessel schmeißen sehen, aus denen diese literarische Suppe im positiven Sinne entstanden ist. Alles ist größer, Furcht einflößender und seltsamer als in „Insel der Furcht“.
Unter Schwierigkeiten landen die Überlebenden mit ihrem Rettungsboot auf einer gigantischen Insel aus Eis. An den Ufern finden sich zahlreiche Schiffe auf verschiedenen Jahrhunderten. In den Wracks versucht die kleine Gruppe, nicht nur gegen die Kälte anzukämpfen, sondern auch Lebensmittel zu finden. Die in den Schiffskörpern gefundenen Leichen zeigen Spuren von brutalen Verletzungen, möglicherweise auch Hinweise auf Selbstmorde.
Jegliche Flucht scheint ausgeschlossen. Schon auf dem untergegangenen Schiff hatten die Überlebenden den Eindruck, als stünden die Sterne falsch und die Besatzung hätte sich verirrt. Auch jetzt wissen sie nicht, wo sie sich befinden.
Ein vereistes Flugzeug könnte für zwei, aber nicht alle Menschen die Rettung sein.
Nach dem Schiffsuntergang etabliert Joe R. Lansdale eine zweite bedrohliche Situation, aus welcher es schwer ein Entkommen gibt. Kaum sind die einzelnen Eckpfeiler etabliert und die einzigen nachhaltig sympathischen Charaktere kurz zusammen gekommen, wird Joe R.Lansdale im wahrsten Sinne des Wortes handgreiflich und schwenkt direkt in den Lovecraft Kosmos mit seinen bizarren Bedrohungen über. Dabei bewegt sich der Autor auf einem schmalen Grat zwischen dem psychologischen Horror Lovecrafts – die eisige Insel, die Hinterlassenschaften und schließlich als Hommage an Farmer auch eine goldene Stadt, die aber keine Rolle spielt – und dem graphischen Horror, der Lansdale frühe Romane und Kurzgeschichten ausgezeichnet hat.
Das Tempo verschärft sich stetig, wobei Lansdale Wert darauf legt, die paranoide (berechtigte) Atmosphäre auf der Insel immer wieder in den Vordergrund zu stellen. Er scheut sich nicht, sympathische Figuren aus dem Nichts zu töten.
Das Finale könnte nüchtern betrachtet absurd erscheinen. Aber in Verbindung mit einer biblischen Geschichte funktioniert es ausgesprochen gut . Als Film wären sehr viele Computertricks notwendig, um das finale Morphing überzeugend zu beschreiben. Aber in einem Text, in dem wie bei Lovecrafts großen Alten alles kosmisch und damit auch uralt und gleichzeitig auch ein wenig futuristisch erscheint, ist es das Finale- Tüpfelchen in einem immer verzweifelter werdenden Überlebenskampf. Die ganzen Actionsequenzen bedeuten auch einen Nachteil. Der kosmische Schrecken, den Lovecraft in seinen Geschichten bis zu den dunklen Pointen entwickelte, weicht einer Abfolge von immer bizarrer werdendenund manchmal auch dem Zufall geschuldeten Actionszenen. Das liest sich flott, das funktioniert sicherlich auf der großen wie kleinen Leinwand ausgesprochen gut, aber bis auf die beiden Hauptfiguren werden alle Nebencharaktere eher funktionell charakterisiert und die zahlreichen von Lansdale zu Beginn entwickelten Details gehen in der Hektik des allerdings gut geschriebenen Finals ein wenig verloren. So ist „In den Bergen des Wahnsinns“ eine vielleicht zu perfekte Hommage an Lovecraft, während Joe R. Lansdale in den anderen Geschichten seine eigenen Stärken deutlich mehr einbringen konnte. Auch ist der „Gott“ in der letzten Novelle niemand, der aus der Erde beschworen werden muss. Wo dieser Gott ist, soll nicht verraten werden, aber absichtlich und mit sadistischer Freude variiert Lansdale eines der markantesten Motive in Lovecrafts Werk und bietet Ultimatives an.
Die acht hier gesammelten Geschichten sind zwar von unterschiedlicher Qualität und einige der Anspielungen auf Lovecraft sind eher oberflächlich, manchmal sogar ein wenig konstruiert, aber vor allem die längeren Texte beginnend mit der Titelnovelle über „Insel der Fucht“ bis zum Auftakt mit „Der blutende Schatten“ unterstreichen die erzählerischen Stärken Lansdale und seine Kreativität, was Kombinationen von Themen angeht. Nur durch das strukturelle Korsett Lovecrafts eingeschränkt. Wer sich mit Lansdale inzwischen umfangreichen Krimi, Western, aber auch Horror Werk in seiner Breite und nicht nur Tiefe auseinandersetzen möchte, macht mit dieser in einer limitierten Auflage publizierten Sammlung vieles richtig. Lovecraft Anhänger werden nicht bei jeder Wendung vergnügt aufschreien, aber Lansdale hat sich wie viele andere Autoren bemüht , den Einsiedler von Provence ins 21. Jahrhundert zu holen. Und das stellenweise ausgesprochen erfolgreich.
Buchreihe H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens - LIMITED
Auflage Deutsche Erstausgabe
Umfang 416 Seiten
Ausführung Hardcover in der Festa-Lederoptik, mit Leseband
Format 21 x 12,5 cm
ISBN Vorzugsausgabe ohne ISBN
Erscheinungsdatum 27.11.2025

