Wolfszone

Christian Endres

Christian Endres „Cyber-Thriller“ hat neben der später als Prequel entstandenen Kurzgeschichte „Maschinenwölfe“ eine längere Entstehungszeit, die ins Jahr 2019 zurückgeht. Die daraus entstandene Kurzgeschichte „Wer hat Angst vorm bösen W@lf?“ erschien 2021 im Magazin „Spektrum der Wissenschaft“. Von seinen Betalesern erhielt Christian Endres allerdings schon zur Kurzgeschichte das Feedback, dass der Stoff für einen Roman ausreicht. Inzwischen gibt es neben der Kurzgeschichte einen Roman und das nicht notwendige, aber interessant zu lesende Prequel, das Christian Endres im Anschluss verfasst hat. Es ist kostenlos als Ebook downloadar. 

In der Vorgeschichte schleichen sich die junge Aktivistin Lisa – im Roman das Objekt der Begierde – mit ihrem Freund Helge – im Roman anfänglich ein Mann, der aus Eitelkeit falsche Spuren legt – aus dem Camp in die verbotene Zone, um einen Maschinenwolf zu sehen.

Im Roman folgt Christian Endres den eher klassischen Thrillerlementen und baut aus der subjektiven, aber nicht ausschließlichen Perspektive des Privatdetektivs Joe Denzinger das Szenario auf. Auch wenn Joe Denzinger nicht dem typischen Sam Spade/ Philip Marlowe Klischee entspricht – so rührt die Journalistin Charlotte ordentlich in Denzingers metaphorischen Drink, nachdem sie ihn heiß gemacht, aber notwendige Informationen nicht erhalten hat - , nutzt Christian Endres einige der vertrauten Schemata, um beginnend mit dem Auftrag den Plot, aber auch die paranoide Atmosphäre um die Wolfszone herum zu entwickeln. Denzinger ist nicht der knallharte Macho mit einer harten Schale und einem weichen Kern. Er weiß, wann er sich zurückziehen muss. Wie viele männliche Privatdetektive nimmt er es mit der Unterrichtung der Auftraggeberin hinsichtlich seiner Fortschritte nicht sonderlich genau; scheint eher durch die Einöde zu irren als wirklich zu recherchieren und wird prompt entlassen, was ihm einen Geistesblitz nach einer Zufallsbegegnung beschert und nicht nur diesen Handlungsteil erstaunlich schnell abwickeln lässt. Joe Denzingers Weg mit zahlreichen Tiefen und wenigen Höhen ist symbolisch für die Entwicklung vieler anderer Charaktere, denen der Leser begegnet. Christian Endres ist kein Zyniker, der sympathische Figuren in ihrem Elend zurücklässt, so dass die finalen Wendungen vielleicht ein wenig zu pragmatisch, zu zuckersüß sind, aber den Geschmack eines breiteren Lesepublikums treffen als nur den Zyniker der Woche ein Lächeln auf die derben Gesichtszüge zu zaubern.  

Joe Denzinger soll nach der Tochter einer Großindustriellen suchen, die ihren Reichtum mit Rüstung gemacht hat. Die Tochter hat sich einer Ökoaktivistengruppe angeschlossen, die in den brandenburgischen Wälder in der Nähe der von der Bundeswehr bewachten Sperrzone campieren. Er soll aber nur berichten, dass es ihr gut geht, nachdem sich das Mädchen längere Zeit nicht gemeldet hat. Keine klassische Rückholaktion, im Grunde nicht mal größere Vorwürfe der Tochter gegenüber. Joe Denzinger ist bei diesem Auftrag auf sich alleine gestellt. Noch schwieriger wird es, als er gleich bei der Anreise einen Unfall mit seinem Wagen hat und einige Zeit in diesem heißen Sommer auf die eigenen Füße oder Mitfahrgelegenheiten bei der attraktiven wie freien Journalistin  Charlotte angewiesen ist. Lange Zeit agiert Joe Denzinger erstaunlich pragmatisch, hat so gut wie keinen Zugriff auf die Ereignisse und lässt sich selbst von dem in der Vorgeschichte angesprochenen Surfer Typ Freund Helge des verschwundenen Mädchens an der Nase herumführen.

Auch wenn Joe Denzinger die am leichtesten zugängliche Identifikationsfigur für den Leser ist, verknüpft der Autor eine Reihe von Handlungssträngen geschickt, aber stellenweise auch ein wenig mechanisch miteinander. Da wäre die schon angesprochene freie Journalistin, die gleichzeitig attraktiv, kokett und auch eigenwillig ist. Sie steht auf Joe, Joe steht auf sie und trotzdem gibt es (berufliche) Regeln. Nicht jedes Klischee will Christian Endres erfüllen, auch wenn er quasi stellenweise arg mit den imaginären Leitplanken wedelt. Für die Klischees gibt es nach dem furiosen, intensiven aber auch sehr kurzen Showdown immer noch Zeit und Hotelzimmer. Alles auf Neuanfang scheint die Idee zu sein, die der Autor mit seinen überlebenden Protagonisten präsentieren möchte. In dieser Ballung wirkt das allerdings auch ein wenig zu bemüht und vor allem auch wie ein Kompromiss gegenüber dem zahlenden Mainstream.  

Aus dem Haufen der Bundeswehr ragt der Sohn Tariq von syrischen Auswanderern heraus, der sich freiwillig gemeldet hat, um später zu studieren. Er ist das Zielobjekt einer Reihe von rassistischen Provokationen und Steinen im Weg, denen er nur teilweise ausweichen kann. Im Wald findet er eine relevante Spur, die allerdings einen seiner Kollegen an den Rand des Wahnsinns bringt. Das gipfelt in einer dramaturgisch gut geschriebenen Szene, die unabhängig von der Übersprungshandlung allerdings auch gewollt wirkt. Im Umkehrschluss werden die anderen Bundeswehrsoldaten inklusive der Vorgesetzten als stupide Befehlsempfänger ohne Eigeninitiative im Dienst, aber beim abendlichen Trinken oder der Jagd nach den wenigen verfügbaren Frauen im Disco Bunker aktiv beschrieben. Christian Endres lässt hier wie an einigen anderen Stellen seiner stringenten Geschichte auch kein Klischee aus. Das reicht bis zur opportunistischen Befehlsverweigerung, die in Belobigungen und selbst ein wenig Respekt von den meistens gegenüber der Drangsalierung schweigenden Soldaten Masse gipfelt.      

Eine Evolutionsbiologin mit einem eigenen zahmen Wolf scheitert an den Beziehungsproblemen mit ihrer in Hamburg gebliebenen, aber so verständnisvollen Ehefrau. Lange Zeit vergräbt sie sich in diesen Problemen, anstatt dem Leser die eigentliche Problematik beizubringen.  Unabhängig von ihrer Beziehungskrise muss sie aufgrund der chaotischen Umstände etwas ihr Liebes “opfern” (sie wird mit einem anderen Projekt am Ende belohnt). Wer lange Zeit Tiere um sich hat, wird diese irgendwie distanziert und gekünstelt wirkende Reaktion eher neutral bis ablehnend verfolgen. Natürlich erfolgt eine innere Katharsis durch eine Eruption von Gewalt, aber die Spuren, welche solche Begleiter in den Seelen der Menschen hinterlassen haben, kann Christian Endres nur bedingt in Worte fassen. Hinsichtlich der emotionalen Ebene ist das daher eher ok und die Figuren sind mit ihren zahlreichen Schwächen, wenigen Stärken auch zugänglich, es sind nur zu viele irgendwie gleichgeschaltete Nebenkriegsschauplätze.

 Und dann gibt es die ehemalige Extremsportradfahrerin, die sich inzwischen als Fahrrad- und Drogenkurier auch durch die Sperrzone ihr Gehalt verdient, um in der Nähe ihres geschiedenen Mannes und ihrer Tochter zu bleiben. Ein Adrenalinjunkie, die von einer heilen Familie träumt; die weiß, dass sie mit den Fahrten für die lokale Eisbude in Schwierigkeiten kommt, die es aber eher für den Kick macht. Je schneller , je gefährlicher, desto mehr lebt sie auf. Zu Beginn des Buches gibt es ein paar beinahe Kollisionen, die sich kurzzeitig zu einer Art Running Joke entwickeln, bevor Christian Endres sie nach einer gefährlichen Fahrt durch die Zone in eine absehbare und nicht zuletzt auch dank ihrer Geschäftspartner lebensgefährliche Situation bringt. Auch hier gibt es emotionale Tiefpunkte und Christian Endres bedient sich als Vorbereitung des langen Showdowns einer Vielzahl von Schemata aus dem Drogenkrimi Milieu, ordentlich amerikanisch angestrichen, bevor als nicht gleich “gut”, aber hoffnungsvoll wird.  

Auch die liebende Mutter, welche Denzinger auf den Weg schickt, wird schließlich zu einer Art Klischee. Ihr gehört einer der wichtigsten und anscheinend modernsten Rüstungskonzerne Deutschlands. Ihr Name hat überall Gewicht und öffnet Türen (nicht immer freiwillig). Sie ist manipulativ, einflussreich, die klassische Eiskönigin.  Am Ende äußert sie sich pragmatisch, dass man auch auf andere Art und Weise Geld verdienen kann. Da wird ein ökologisches Herz entdeckt. Damit überspannt Christian Endres endgültig den Bogen der Glaubwürdigkeit und der Leser kann diese stupide Abfolge von charakterlichen Entwicklungen nur noch kopfschüttelnd verfolgen. Das passt ins amerikanische Seifenkino, aber weniger zu einem hochmodernen Thriller mit einer Reihe von kritischen Punkten. 

Auch wenn sich einzelne Szenen vor allem in der Zusammenfassung wie eine Aneinanderreihung von Klischees aus der Sparte „Herausforderungen des Alltags“ lesen, bemüht sich Christian Endres, ihnen mehr Tiefe durch eine teilweise umgehende Selbstreflektion der Protagonisten zu geben. Sie wissen, dass sie einen kleinen oder großen Mist gemacht haben; sie können sich ihre Irrwege  vielleicht nicht gleich erklären, aber sie schieben auch nicht die Verantwortlichkeiten ab. Das hilft, manche inhaltliche Klippe besser zu überstehen.

Da es keine klassischen Schurken  - selbst der Befehlshaber des Bundeswehr Camps ist kein reiner Kommisskopf und die Drogendealer in der Eisbude sind so nahe an die Farce hin charakterisiert, dass der Leser sie nicht wirklich ernst nehmen kann – in dieser Geschichte auf menschlicher Seite gibt, will Christian Endres das auf der tierischen Seite auch nicht so stehen lassen.  Die einsamen Reflektionen eines Cyberwolfs dominieren einzelne Seiten. Teilweise wechselt der Autor für eine Sequenz auch die Perspektive und beschreibt sie aus menschlicher wie tierischer Seite. Das ist ein schmaler Grat, auf dem sich Christian Endres bewegen muss. Die Zeichnung der Persönlichkeit eines Wolfs generell, eines Cyberwolfs im Besonderen sollte schon exotisch überzeugend sein und das gelingt dem Autoren lange Zeit nicht wirklich. Die Passagen wirken eher seitenfressend und nehmen der Dynamik der Geschichte deutlich Geschwindigkeit.  Natürlich ist der Versuch ehrenwert,   dem „Feind“ – als blanke Ironie auch noch selbst erschaffen – ein Gesicht zu geben, aber hier reichen Christian Endres schriftstellerische Fähigkeiten noch nicht wirklich aus. Das hat der Autor in einigen seiner Kurzgeschichten besser hinbekommen.

In zahlreichen Interviews hat Christian Endres die Quellen seines Romans gut gekennzeichnet. Der Umgang mit hoch industriellem Müll, der nicht nur in die dritte Welt entsorgt wird. In diesem Fall ist das brandenburgische Dorf Dölmow mit seinen Wäldern Opfer einer Entsorgung von Wissenschaftlern, die ihre Nanobots dort ausgesetzt haben. Das zweite Thema ist die Rückkehr der Wölfe in die deutschen Wälder. Das sorgt insbesondere bei den Bauern, die Angst um ihre Herden haben, nicht unbedingt für Begeisterung und die Diskussionen um die Jagd auf Wölfe schlagen hohe Wellen in der Presse. Die ausgesetzten Nanobots finden in einem Wolfsrudel ein gutes Ziel und bauen die Tiere um. Aus ihnen sind Cyberwölfe entstanden, die anscheinend Fähigkeiten eines Terminators haben, wie Christian Endres während des teilweise arg konstruierten Showdowns offenbart. Auf die Details kommt es nicht an und diese bleiben im vorliegenden Roman auch vage.

Die erste Maßnahme der überforderten Bundesregierung ist es, eine Sperrzone zu errichten, in welcher die Wölfe verbleiben sollen. Wovon sich das Rudel ernähren soll - auf längere Sicht - steht auf einem anderen Blatt. Die Bundeswehr rückt an und errichtet ein Camp. Die Ökobewegung errichtet ebenfalls ein Camp. Dazwischen die überforderten Dorfbewohner, welche derartige Aufmerksamkeit nicht gewohnt sind und natürlich die Presse. 

Nur ein kleiner Teil des Buches spielt in der Zone, die in der Theorie gut bewacht ist, praktisch aber immer löchriger wird als ein Schweizer Käse. Einen Zugang gibt es über den Schrottplatz, den ein älterer skurriler Mann seit vielen Jahren betreibt; dann gibt es Routen durch die Zone,  welche unter anderem die Extremsportlerin beim nächtlichen Transport nutzt und schließlich auch noch während des Finals einen Zugang, durch den die Dorf Mafiosis mit ihren Geißeln kommen. Vertrauen in die immer chaotisch agierenden Sicherheitskräfte gibt es nicht. 

Während eine nicht nur politische Fraktion die Wölfe am liebsten isolieren und dann ignorieren möchte, gibt es eine andere Gruppe, welche den finalen Schlag (Atombomben? Viren?) ausführen und das Rudel ausrotten möchte. Die Entscheidungen werden im nicht einmal so fernen Berlin getroffen, tröpfeln als spärlich, als sich teilweise widersprechende Informationen in die  laufende Handlung ein. Es ist kein  Zufall, dass ein großes “Finale” vorbereitet und dann nicht umgesetzt wird. Auch das entspricht eher dem klassischen, aber stellenweise auch klischeehaften Wissenschaftsthrillergenre, dem es Michael Chrichtons hinsichtlich dynamischer Dramaturgie schon in den frühen siebziger Jahren mit “Andromeda- tödlicher Staub aus dem Weltall” gezeigt hat, bevor der Amerikaner selbst in dieser Mühle von erkennbaren Plotelementen hängen geblieben worden. 

Bis auf den mit den Menschen in Zwischenkapiteln kommunizierenden Einzelgänger bleiben die Cyberwölfe ein Schatten. Nicht ihrer selbst, sondern auch hinsichtlich ihrer Vorgehensweise. In ein oder zwei Szenen zeigt Christian Endres, wie überlegen die getunten Tiere jetzt sind, aber die Szenen wirken überzogen und manchmal um ihrer Selbst willen konzentriert. Vor allem erklärt der Autor an keiner Stelle die Herkunft dieser seltsamen Nanobots, die sich entweder selbst weiterentwickelt haben oder in dieser Form konditioniert worden sind. Um Menschen unbesiegbar zu  machen? Auch zum Umbau der Wölfe bedarf es entsprechender Materialien und “Titanklauen” aus dem Nichts zu erschaffen, wird cineastisch effektiv, aber logisch bemüht. Natürlich ist “Wolfszone” ein futuristischer Cyberthriller, der vor einem realistischen Hintergrund mit den entsprechenden Versatzstücken spielt, aber insbesondere während des Finals wäre deutlich weniger mehr und vor allem glaubwürdiger gewesen. Christian Endres hat anscheinend zu viele “Terminator” Filme gesehen. 

Dabei streift Christian Endres in seinem Buch eine Reihe von relevanten Themen. Beginnend mit der Macht der Fake News unkontrolliert vertreibenden Presse über das angesprochene Mobbing gegen gut integrierte und sich vor allem besser als die stupiden Deutschen benehmende fleißige Migranten hin zur Klimaveränderung - immer wieder wird auf die Wasserknappheit und die Hitze hingewiesen - und schließlich den Gefahren einer rücksichtslosen Forschung ohne Absicherung und Moral. Alle Themen sind präsent, aber wirken angesichts der stringenten Handlung mit ihrem hohen Tempo auch teilweise zur Seite gedrückt, wenn der finale Dreiershowdown es notwendig macht. Hier konzentriert sich Christian Endres auf cineastische Unterhaltung, inspiriert von zahlreichen Filmen (Sergio Leone oder Tarantino mit Tierchen auf dem Schrottplatz? ) . Das ist grundsätzlich keine Kritik und ein spannend geschriebenes Buch kann die Leser auch zum Nachdenken anregen. Aber diese Intention unterminiert der Autor mit dem zu langen, zu optimistischen Epilog, in dem er jeder seiner Figuren ein wenig Hoffnung auf eine glücklichere private Zukunft präsentiert. Was in Dölmow und Umgebung passiert ist, bleibt auch in Dölmow. 

“Wolfszone” ist ein überzeugender Debütroman mit zahlreichen Stärken wie den anfänglich interessant entwickelten Figuren und der “Bedrohung” durch die Cyberwölfe, sowie einigen Schwächen wie der tapsigen Vorgehensweise Joe Denzingers; der seltsam distanzierten Auseinandersetzung mit den Nanowölfen und schließlich des ein wenig bemüht wirkenden Endes. Im Laufe der Lektüre verliert die Geschichte kritisch gesprochen deutlich an Faszination. Da wollte Christian Endres zu sehr den Massengeschmack befriedigen, als wirklich ein bahnbrechendes Buch zu schreiben. Das zeigt sich insbesondere an den Cyberwölfen, die lange Zeit ihren natürlichen Vorbildern in Nichts nachstehen, aus den Tiefen des Waldes eher beobachten als agieren und unter dem Gehetze statt des guten Timings leiden, bis der tierische Arnie sein Haupt erhebt. Dann wirkt “Wolfszone” teilweise wie eine Farce. 

Wolfszone: Cyberthriller

  • Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 15. Mai 2024
  • Auflage ‏ : ‎ Originalausgabe
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 512 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3453274717
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453274716