Der Piper Verlag legt mit „Der Symbiont“ einen alleinstehenden Titel des britischen Science Fiction Autoren Adrian Tchaikovskys. Der Originaltitel „Alien Clay“ ist deutlich ambivalenter und versteckt eine der Prämissen dieser geradlinigen, aus der Ich- Erzählerperspektive verfassten „Forst Contact“ Geschichte. Das dem altbekannten Genre neue Aspekte in geschickter Kombination alter Ideen -sowohl Michael Coney als auch Brian W. Aldiss lassen in einem der zahlreichen zu wenig abgeschlossenen Seitenhandlungszweige kräftig grüßen – und einer neuen Perspektive abgewonnen werden können, unterstreicht der stringente Roman überdeutlich. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Genreautoren ist Adrian Tchaikovsky zwar ein Erzähler großer und großartiger Ideen, aber kein Schwätzer. Seine bisherigen Romane zeichnen sich trotz ambitionierter World Building Ideen durch eine ausgesprochen geradlinige Handlungsführung; eine eher solide als expressive Charakterisierung der handelnden Figuren und zufriedenstellende Pointen aus. Das gilt insbesondere auch für seine gegenwärtig im Heyne Verlag publizierte „Kinder der Zeit“ Serie, in welcher wirklich jeder Roman in sich abgeschlossen ist.
Hier zeigt sich auch eine der Schwächen. Neben den angesprochenen, aber leider nicht ausreichend entwickelten Verweise auf die Werke Coneys und Aldiss bleibt der totalitäre Hintergrund des über die Erde herrschenden Mandats eher vage. Es gibt anscheinend eine totale Kontrolle. Das Mandat kontrolliert alle Aspekte des alltäglichen Lebens und Abweichler werden drakonisch bestraft. Dabei kommt es anscheinend auf den Nutzen an. Einige werden direkt auf der Erde hingerichtet, andere wie der Ich- Erzähler Professor Arton Daghdev zum Exoplaneten Kiln geschickt. In erster Linie, weil man sein Wissen hinsichtlich der verschiedenen Evolutionstheorien braucht. Denn auf dem vor Leben überfliessenden Planeten Kiln wurden die Spuren einer hochstehenden Zivilisation gefunden, die plötzlich verschwunden ist. Anscheinend kannte sie nicht die Raumfahrt, was ihr Verschwinden um so seltsamer macht. Die nach Kiln geschickten Strafgefangenen sollen nicht nur sozialisiert werden – bislang ist niemand von Kiln zurückgekehrt -, sondern mittels eher mit primitiven Hilfsmitteln unterstützter Forschung und entsprechenden lebensgefährlichen Expeditionen außerhalb der geschützten Strafgefangenen Kolonie das Geheimnis Kilns ergründen. Anscheinend verspricht sich das Mandat von diesen Erkenntnissen einen Wissensvorsprung. Dieser Wunsch wird sich in der finalen Wendung auf eine auf den ersten Blick originelle, kritisch betrachtet allerdings auch aus einer Aneinanderreihung von Klischees bestehenden Art und Weise erfüllen.
Das erste Drittel des Buches ist in erster Linie eine klassische Gefangenen Geschichte, wie sie Autoren wie Stephen King auch verfasst haben. Ein Intellektueller, der nicht nur rüde mittels Einwegkapseln kaum aus dem Tiefschlaf erwacht über dem Planeten abgesetzt wird, sondern der auch seine Lebensgefährtin bei dieser Art der unmenschlichen Verschiffung verloren hat. Der schnell bei seinen Mitgefangenen aneckt, weil er angeblich vom leicht narzisstischen, aber nicht sadistischen Kommandanten aufgrund seiner bisherigen Veröffentlichungen bevorteilt werden könnte.
Da die Geschichte zwar aus der Ich-Erzählerperspektive, aber einer immer wieder deutlich gemachten Distanz – Professor Daghdev greift einigen Ereignisse mit lakonischen Bemerkungen vor – wirken die brutalen Szenen nicht einmal so emotional ergreifend. Wenn er entweder von den Wachen als Einordung oder den „Zellengenossen“ aus Neid verprügelt wird, dann erleidet er Schmerzen, empfindet aber diese Art der Bestrafung mehrmals als nicht so schlimm. Später außerhalb des Lagers während einer Expedition in die Natur Kilns wird er schlimmere Verletzungen erleiden und diese auch immer wieder dem Leser mitteilen. Aber der Autor versucht in dem ersten Drittel der Geschichte vor allem den unmenschlichen Strafvollzug in der Tradition von Orwell oder Huxley darzustellen, unterminiert diese Ambition aber auch immer wieder mit dem exotischen Hintergrund, der bei einem Forscher suchterregend ist.
Kiln ist so anders, so unerklärlich und vor allem auch wegen der Sporen zu grausam tödlich, das die Qualen im „Knast“ eher wie Peanuts wirken. Im Laufe der Geschichte bemüht Adrian Tchaikovsky noch zwei weitere Klischees. Einen Aufstand und schließlich die finale Revolution gegen die Wächter, wobei es sich ohne Eroberung der Zubringerraumschiffe eher im Pyrrhussiege handelt. Die Actionszenen wirken wie durch einen subjektiven Filter geschrieben. Auf der einen Seite der perfekte Plan; auf der anderen Seite die bittere Realität. Finale Erklärungen liefert Adrian Tchaikovsky in dieser absichtlich auch paranoid gehaltenen Geschichte nicht. Der Leser muss sich stellenweise auf den fragmentiert erzählten Szenen die „Wahrheit“ selbst herausfiltern.
Neben den Gefängnissequenzen als roter Faden ist es vor allem Kiln, das nicht nur den Ich-Erzähler, sondern vor allem auch die Leser fasziniert. Ein exotischer Planet mit den angesprochenen Hinterlassenschaften. Um einen der relevanten Plätze haben die Menschen ihr Lager gebaut. Phasenweise wirkt es so, als wenn sich Kiln gegen die menschliche Besiedlung zu wehren sucht. Aber anstatt auf dieser Ebene den Klischees zu folgen, sucht der Autor keine einfache, sondern eine komplexe, vielleicht auch komplizierte Lösung.
So sehr sich die Menschen auch gegen Kiln abschotten – so werden die Häftlinge allerdings eher sporadisch und zu selten desinfiziert; Infizierte werden kurzzeitig zur Abschreckung zur Schau gestellt, bevor sie getötet werden und das Verlassen der Lager ist die finale Todesstrafe; Überreste von Menschen sind nicht gefunden worden – so effektiv drängt sich Kiln in die Menschen. Das zeigt das Finale.
Bis dahin folgt der Leser den Erkenntnissen nicht nur des Ich-Erzählers, der schließlich zu den Expeditionssträflingen versetzt worden ist. Das ist in der Theorie auch nur konsequent, da Kiln nur aus erster Hand „erforscht“ und damit auch gelebt werden kann. Resourcenverschwendung ist es nicht, denn anscheinend hat das Mandat auf der Erde inzwischen den größten Teil der Wissenschaftler als staatsfeindlich e gebrandmarkt und zumindest Adrian Tchaikovsky folgend überwiegend nach Kiln versetzt.
Bei der Erforschung dieser Welt geht weniger der Protagonist als Adrian Tchaikovsky ausgesprochen ambivalent vor. Kiln ist eine Hommage an Michael Coneys „Der Sommer geht“ ohne dessen melancholische Grundnote und Brian W. Aldiss „Heliconia“ Trilogie. Hier liegen auch die Erklärungen für das angebliche Verschwinden der Kiln Zivilisation. Der größte Unterschied zwischen „Der Symbiont“ und den angesprochenen Werken ist nicht der Zeitpunkt, zu dem die Geschichte spielt, sondern dessen Auswirkungen. Coney und Aldiss beschreiben in ihren Büchern den Wendepunkt, den beginnenden Niedergang der Welten und den Übertritt in den Jahrhunderte dauernden Winterschlaf. Das Ende allen Seins macht den unverwechselbaren Reiz dieser Bücher aus. Bei Kiln ist das genaue Gegenteil der Fall. Das wirkt auf den ersten Moment überraschend, zumal die von Adrian Tchaikovsky formulierten Folgen hinsichtlich der Pointe ein wenig zu starr konzipiert erscheinen. Der Abschied von etwas Beständigen erweckt im Leser immer Wehmut; die Aussicht auf etwas Unbekanntes/ Neues immer Neugierde und eine gewisse Erwartungshaltung, die der Autor durch das konsequente, aber auch konstruiert wirkende Ende unterminiert. Es ist immer schade, wenn der Protagonist – und Ich-Erzähler – als einzige Identifikationsfigur des Lesers nicht nur plötzlich über mehr Wissen verfügt, sondern eine gewisse Gelassenheit ausstrahlt, weil er nicht nur das große Ganze erblickt, sondern schon einen evolutionären Schritt weiter ist.
Hier schließt sich eine zweite „Schwäche“ von „Der Symbiont“ an. Das Ausgangsszenario ist dem Leser bedingt vertraut. Ein Gefängnis auf einem fremden exotischen Planeten ist keine neue Idee, aber die Prämisse, das die meisten Gefangenen absichtlich auf diese Welt gebracht worden sind, um aktiv für die diktatorische Regierung zu forschen und ihre revolutionären Ideen abzulegen. Daher überzeugt die erste Hälfte des Buches auch deutlich mehr als der zweite Teil, in welchem Adrian Tchaikovsky neben den angesprochen., aber konträr eingesetzten Ideen Aldiss und Coneys auch auf Autoren wie Alan Dean Foster („Die denkenden Wälder“) und hinsichtlich der Kommunikation, aber nicht der finalen Folgen auf Lems „Solaris“ zurückgreift. Nur sind die Menschen wie bei Foster mitten drin und nicht nur wie bei Lems „Solaris“ außenstehende Betrachter. Im direkten Vergleich mit Lem wirkt die Kommunikation auch weniger einseitig, sondern eher wie eine weitere brutale Kontrolle. Der Titel impliziert eine Art Symbiose, aber der Autor macht sich nicht die Mühe, die finale Wendung überzeugend zu erklären. Außerirdischer „Ton“, aus dem neue Menschen geformt werden, welche nicht nur humanistische Züge tragen, sondern den grünen Gedanken Kilns symbolisieren, trifft das Finale deutlich besser.
Aber Adrian Tchaikovsky kann es bei diesen evolutionären Aspekten nicht lassen. Im finalen Kapitel muss er noch eine weitere Wendung einfügen, welche die bisherige Entwicklung vor allem des Ich-Erzählers wieder hinterfragt. Dazu bleibt seine Persönlichkeit zu wenig kantig. Natürlich ist er ein Intellektueller, der auch narzisstische Züge trägt. Dessen Überheblichkeit durch die Verhaftung ist ordentlich gestutzt worden ist. Zusätzlich die Erkenntnis, dass es in den Augen des Mandats kein zu kleines Rad geben darf, das nicht kontrolliert und notfalls eliminiert werden muss. Der Fall von seinem Elfenbeinthron hat Professor Arton Daghdev zugänglicher werden lassen, auch wenn die kontinuierliche Paranoia vor dem nächsten Verräter sich positiv in Hinblick auf die Spannung durch die ganze Geschichte zieht. Aber aus dieser charakterlichen Beschreibung lässt sich die finale Wendung, der nächste evolutionäre Schritt, nicht so klag- und widerstandslos nachvollziehen. Das ist etwas zu wenig und unterstreicht teilweise die Ambivalenz, mit welcher der Autor seine Geschichte entwickelt hat.
Als Roman mit vertrauten Elementen und inhaltlichen ein wenig mechanisierten Handlungszügen liest sich „Der Symbiont“ aber vor allem durch den lakonisch zynischen Erzähler bis weit in die zweite Hälfte ausgesprochen kurzweilig. Negativ ist sicherlich, dass der Leser dem Protagonisten ab einem bestimmten Punkt der Handlung wissenstechnisch voraus ist. Science Fiction lesen bildet doch. Trotzdem präsentiert Adrian Tchaikovsky ein konsequentes, zynisch betrachtet auch positives Ende, in dem die Diktatur des Mandats durch etwas Anderes beendet wird. Positiv oder negativ muss sich der Leser selbst beantworten.

- Herausgeber : Piper
- Erscheinungstermin : 31. Juli 2026
- Auflage : 2.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 448 Seiten
- ISBN-10 : 3492707270
- ISBN-13 : 978-3492707275
- Originaltitel : Alien Clay
