Clifford D. Simaks Roman "The Werewolf Principle" verrät leider im deutschen unglücklichen Titel "Der Mann aus der Retorte" zu viel von einem wichtigen Plotelement. Hinzu kommt, dass der Untertitel im Grunde das Ende des Buches vorwegnimmt. Natürlich könnte sich der Autor kritisieren lassen, dass er bei seinem Titel "The Werewolf Principle" einen anderen wichtigen Aspekt der Handlung vorweggenommen hat, der im Plotverlauf erst aus der subjektiven Perspektive des Betroffenen, später durch ergänzende Unterlagen aus einer zweihundert Jahre zurückliegenden Vergangenheit abschließend geklärt wird.
Aber Clifford D. Simak ist ein sehr intelligenter Autor, der mit dieser Vorgehensweise auch eine gewisse Erwartungshaltung im Leser weckt, um sie in mehrfacher Hinsicht durch andere Ideen teilweise sehr bizarrer Natur aufzulösen.
Es finden sich aber in diesem kompakten und kurzweilig zu lesenden Roman so viele für Simak typische Merkmale. Zum Einen spielt die Handlung trotz Politikern und vor allem der Idee der fliegenden Häuser überwiegend bis auf einen kleinen Abstecher nach Washington abseits der großen Politik und Bühne in einer kleinen amerikanischen Stadt. Immer wieder hat Simak auf Kreaturen zurückgegriffen, welche der Leser eher in Fantasyromanen vermutet. Der Werwolf ist nur bedingt ein Horrormotiv, im Verlaufe der Handlung relativiert Simak diese Idee zu Gunsten eines deutlich komplexeren und vielschichtigen Wesens. Während sprechende Hunde ja "Als es noch Menschen gab" auszeichnete und unter anderem Banshees, Trolle und Goblins in "The Goblin Reservation" eine wichtige Rolle gespielt haben, finden sich hier mystische Kreaturen von den Sternen, in der deutschen Ausgabe Brownies genannt. Sie wirken wie die mystische Wunscherfüller, die in einer interessanten Symbiose mit den intelligenten fliegenden Häusern der Menschen leben und von den "Abfällen", mit welchen sie von den Häusern versorgt werden. Kritisch gesprochen wirkt der Brownie allerdings auch wie ein komisches Störelemente in einem grundsätzlich eher dunklen und nachdenklich stimmenden Roman. Die Weisheiten sind vor allem auch in der ansonsten guten und überzeugenden Übersetzung eher profan und irritierend. Wenn Simak für Verständnis gegenüber Außerirdischen werden wollte, dann ist er deutlich über das Ziel hinausgeschossen und hat seinem Protagonisten einen kleinen Bärendienst erwiesen.
Bevor auf die futuristischen Aspekte weiter eingegangen werden soll, lohnt sich ein Blick auf die soziale Gesellschaft, die Simak entwickelt hat. Im Grunde ist er eine Art Romantiker. Auch wenn die Handlung vieler seiner Bücher in einer fernen Zukunft spielt, ist die menschliche Gesellschaft der Gegenwart des 20. Jahrhunderts klar zu erkennen. So lebt der Senator, welcher dem Protagonisten hilft, in einem altmodischen Haus aus Holz und Stein, das zwar mit moderner Technik ausgestattet ist, aber ansonsten das Flair eines entsprechenden mittelamerikanischen Frontierhomes ausstrahlt.
Auch die sozialen Verbindungen zwischen den einzelnen Figuren aber auch der beschriebenen Gesellschaft wirken wie aus den dreißiger bis fünfziger Jahren stammend. Dabei spielt die Geschichte mehrere hundert Jahre nachdem die Menschen versucht haben, das All zu erforschen, fremdes Leben zu entdecken und sich teilweise auch den Verhältnissen im All anzupassen.
Hier schließt sich ein weiterer interessanter Aspekt an. Weniger wie John Campbells Novelle „Who goes there“, sondern Hal Clements Roman „Das Nadelöhr“ oder vielleicht auch Alfred Besters „The Stars my Destination“ geht es um das Aufeinandertreffen von Mensch und „Alien“ auf einer dem Leser mehr oder minder vertrauten Erde. Andrew Blake ist im All treibend gefunden worden. Seine Vergangenheit liegt im Dunklen. Erst nach und nach wird deutlich, dass er eine von zwei Menschen ist, die mit einer unglaublichen, technisch nicht weiter erläuterten Anpassungsfähigkeit in die Tiefen des Alls geschickt worden ist, um dort mit fremden Leben auf unbekannten Planeten in Kontakt zu treten. Wie der Brownie fast ironisch überzogen feststellt, ist Andrew Blake mehr als einer.
Andrew Balke ist auf der einen Seite ein gewöhnlicher, fast durchschnittlicher Amerikaner, der ins All aufgebrochen ist, um dort die angesprochene Mission fortzuführen. Im Rückblick wird ein intensiverer, aber nicht logisch extrapolierter Blick auf das im Titel der Originalausgabe erwähnte „The Werewolf Principle“ geworfen. Andrew Blake kann sich in zwei andere Wesen verwandeln. Das eine Wesen ist eine unzerstörbare Art Pyramide aus Schlamm, die ausschließlich logisch und emotionslos handelt. Das wirkt nicht nur auf den ersten Blick bizarr, im Grunde kann Simak dieser Kreatur kein Leben einhauchen. Das zweite Wesen ist natürlich der im Titel angesprochene Werwolf, wobei Simaks Schöpfung nicht hundertprozentig der Vorlage entspricht. Blake kann sich in den Phasen seiner Verwandlung nicht erinnern. Ganz bewusst verzerrt Simak diese Abschnitte ein wenig surrealistisch und versucht durch die übersteigerten Instinkte der sich in fremden Bereichen bewegenden Kreatur Spannung zu erzeugen. Neben den bis auf die Spitze getriebenen Sinne kann dieser Werwolf anscheinend auch Gedanken lesen. Eine der zahlreichen Ideen, die der Autor anreißt, aber nicht weiter extrapoliert.
Zu den Stärken des Romans gehört Alfred Bester folgend das Einfühlungsvermögen des Autoren in eine gänzlich fremde Gedankenwelt. Dabei darf man sich zwischenmenschlichen Aspekte nicht vergessen, denn der Ausgangspunkt ist weiterhin der Mensch.
Wie bei Richard Matheson gibt es bei Clifford Simaks Gott auch keine Null. Am Ende einer geradlinigen, teilweise zu sehr von den atmosphärischen Hintergrundbeschreibungen dominierten Handlung findet die Menschheit Verwendung für Blake und den Anderen. Während Blake allerdings ja wie eingangs erwähnt im All gefunden worden ist, entsteht das andere Wesen quasi durch Forschung und Rekonstruktion der alten Unterlagen. Hier baut Simak einen für die Zeit typischen, aber auch ein wenig unglaubwürdigen Kompromiss ein.
Andrew Blake ist aber mehr als die tragische Figur einer kurzweiligen Science Fiction Geschichte. Simak hat gerne den Lesern gezeigt, dass auch fremdartige Kreaturen im Rahmen ihrer eigenen Verständnisse menschlich agieren können, auch wenn sich die grundsätzlichen Moralvorstellungen unterscheiden. In diese Flanke von immer wieder dreidimensionalen wie zeitlosen Protagonisten reiht sich Blake gut ein. Seine Mitmenschen wirken teilweise ein wenig zu pragmatisch charakterisiert. Der Bogen reicht vom jovialen Senator über dessen schöne und modern denkende Tochter; den Psychiater oder die Krankenschwester bis zu den eher im Hintergrund agierenden bzw. eher reagierenden Behörden. Auch die obligatorische Liebesgeschichte scheint eher ein Kompromiss zu sein. Wahrscheinlich wollte Simak nicht die Distanz eines Alfred Besters zwischen Protagonist und Leser aufbauen.
Neben der Handlung und den einzelnen Figuren gibt es aber eine andere faszinierende Idee, welche den Roman aus der Masse heraushebt. Die Häuser sind nicht nur semiintelligent, was teilweise angesichts einfacher Aufgaben zu Komplexen bis zu ausufernden Neurosen bei den künstlichen Intelligenzen führt. Aber die Bewohner können mit all ihrem Hab und Gut über die Welt reisen. Beschränkungen gibt es nur, das auf anscheinend global normierten Fundamenten gelandet werden muss und wenn kein Platz auf diesem Häusercampingplatz frei ist, dann steht man eben in der Luft. Ob man für die Plätze etwas zahlen muss oder der Verkehr in der Luft bestimmte Regeln unterworfen worden ist, bleibt vage. Aber die Idee einer im Grunde globalen Nomadengesellschaft ist schon faszinierend und wahrscheinlich einen eigenen Roman wert.
„Der Mann aus der Retorte“ ist unabhängig von einigen kleineren schwächen ein überdurchschnittliche Simak Roman. Der Leser sollte sich nicht von der auf den ersten Blick atypischen fast surrealistischen Grundidee abschrecken zu lassen. Es handelt wirklich ein stringentes unterhaltsames, an einigen Stellen auch nachdenklich stimmendes Buch in der so emotionalen, aber nicht kitschigen Simak Art.

- Mass Market Paperback
- Publisher: DAW (February 1, 1982)
- Language: English
- ISBN-10: 0879977086
- ISBN-13: 978-0879977085
