Horst Pukallus "Krisenzentrum Dschinnistan" nimmt die in der Kurzgeschichtensammlung "Songs aus der Konverterkammer" veröffentlichte Geschichte "Die Opferhöhle" wörtlich. Sie bildet das erste Kapital des Romans.
Zwei Männer stranden beim Absturz ihres Raumschiffs auf dem Mond IO in einem unterirdischen Höhlenlabyrinth. Während sie ums Überleben kämpfen, machen sie sich seltsame Entdeckung. Die eigentliche Kurzgeschichte ist kompakt geschrieben, die Atmosphäre ist stimmig und der Plot packend. Hinzu kommt, dass in Horst Pukallus Zukunft Verbrecher die Möglichkeit haben, zwischen dem Begehen ihrer Tat und der Verhaftung/ Bestrafung sich bei der Raumflotte einschreiben können und so straflos davon kommen. Wobei sie zwischen den Sternen eher wie Menschen zweiter oder dritter Klasse in an Sklaverei erinnernden Arbeitsverhältnissen gehalten werden. Einer der beiden Gestrandeten ist ein Mörder. Er ist auch eine Heulboje, die sich kindisch naiv verhält und seinen Partner vor allem in einer zu Beginn lebensbedrohlichen Situation immer wieder in Gefahr bringt. Der Leser kann schon verstehen, wenn der erfahrene und logisch handelnde die Initiative ergreifende Prospektor Florens Bonnamy einen Moment darüber nachdenkt, den dickköpfigen Partner in den Höhlen zurückzulassen.
Nach dem dramaturgisch überzeugenden Auftakt baut Horst Pukallus allerdings einen Plot auf, der irgendwie den Eindruck hinterlässt, es handele sich um eine im All spielende Variation der japanischen Monsterfilme mit einem ausufernden Fungus. Schon in seinen Kurzgeschichten der erwähnten Sammlung hat der Autor manchmal Form über Inhalt gestellt und stilistisch überambitioniert dem Leser immer wieder den Erzählerspiegel ins Gesicht gehalten. Auch bei "Krisenzentrum Dschinnistan" bleibt das unbestimmte Gefühl, als wenn Horst Pukallus eher an einer Parodie mit satirischen Einschlägen denn einem ernsthaften Science Fiction Abenteuer Roman gearbeitet hätte. Vor allem der Auftritt des "Schurken" mit asiatischen Wurzeln in der Mitte des Buches wirkt wie eine Hommage an "Ming, den Grausamen" aus den "Flash Gordon" Serials.
Im Handlungsverlauf agiert der Autor allerdings sehr ambivalent, teilweise den Hintergrund eher fördernd als sich auf einen nachvollziehbaren und spannenden Handlungsverlauf zu konzentrieren. Horst Pukallus schenkt der Heulboje aus dem ersten Kapitel am Ende einen Moment des Ruhm, aber der Autor kann sich auch nicht entschließen, diese Momentaufnahme melodramatisch zu Ende zu spielen. Viel mehr zeigt sich in diesen Momenten, dass der Autor einen in der Theorie mit hohen Tempo laufenden Wagen immer wieder untersteuert und sich so vor allem auch für den Leser unverständlich eine gewisse Freude am Fahren, am Entwickeln einer rasanten Handlung nimmt.
Das sich in der von Florens Bonnamy gefundenen Höhle Kalksteinablagerungen befinden, wird als Indiz zumindest für früheres Leben angesehen. Dieser Handlungsbogen entwickelt sich über weite Strecken im Off, alleine die Folgen werden spürbar sein. Bonnamys Chefadministrator René Maigreur ist sein Gegenspieler. Er schickt Wissenschaftler und Abbauspezialisten in die Höhlen von IO, um nach außerirdischen Leben zu suchen.
Auf der Raumstation selbst schleppt sich der Handlungsbogen eher dahin. Neben Sexrobotern, die Horst Pukallus eher ambivalent bis zur Farce einsetzt, versucht die Autor die Besonderheiten der Station und das Leben zu erläutern. Irgendwie und irgendwo verrennt er sich so sehr in dieser Ende, das der Handlungsbogen zum Erliegen kommt.
Da auch der Showdown an Bord der Raumstation spielen wird und die Isolation, das Eingeschlossen sein und vor allem die fehlenden Fluchtmöglichkeiten ein wichtiger Aspekt des Krisenzentrums Dschinnistans sein wird, ist es in der Theorie gut, den Hintergrund ausführlich vorzustellen. Aber die Art und Weise macht keinen Spaß. Es bleibt wie vieles an dem Buch unübersichtlich, aber vor allem auch überkünstelt. Vor allem wenn soziale Komponenten wie eine Amnestie von Kapitalverbrechern durch die Aufnahme einer Tätigkeit jenseits der Erde angesprochen, aber niemals abschließend extrapoliert werden. Alleine diese Facette mit dem vielleicht schwierigen Zusammenleben auf grundsätzlich beengten Raum hätte dem ersten Drittel des Buches zusätzlich Fahrt verleihen können.
Hinzu kommt, dass die interessante Charakterisierung der Protagonisten auf der Strecke bleibt. In der Kurzgeschichte überzeugen auf sehr unterschiedliche Art und Weise die beiden Protagonisten. Die Gefahrensituation erlaubt keinen Raum für coole Sprüche oder exzentrisches Verhalten. Kaum kehrt vor allem Bonnamy auf die Raumstation zurück, entwickelt er sich zu einem selbstverliebten Macho, der wie eine Art James Bond der Raumstation zu agieren sucht. Immer an seiner Seite eine hübsche Frau.
Gegenspieler ist neben dem von außen Auftretenden Ming des Pukallus Universums der angesprochene Chefadministrator Rene Magreuer. Natürlich ist er machthungrig, selbstverliebt und versucht die einzelnen Parteien zu Gunsten der eigenen Kasse auszuspielen. Seine Untergebenen unterdrückt er, was zu einer verhängnisvollen Kette von Pannen führt, an deren Ende sich eine Seuch an Bord der Raumstation ausbreiten kann.
Auf der einen Seite beschreibt Pukallus eine gigantische Raumstation, auf der anderen Seite ist der Administrator in alle Vorgänge mehr oder minder involviert, was unglaubwürdig erscheint. Vor allem bleibt die Charakterisierung der Schurken derartig eindimensional, klischeehaft und stellenweise einfach aus dem Moment heraus opportunistisch, das der Leser keine Sekunde an eine wirkliche Gefahr glauben mag.
Ein zusätzliches Problem ist Horst Pukallus extrem schwieriger Schreibstil. In den achtziger Jahren hat sich Horst Pukallus zu einem glänzenden Übersetzer schwieriger Science Fiction entwickelt. Vor allem John Brunner hat er sehr gut ins Deutsche übersetzt. Leider scheint John Brunners experimenteller Erzählstil aber immer in Kombination mit einem relevanten Plot auf Pukallus abgefärbt zu haben. Die Dialoge sind theatralisch und unrealistisch. Vielleicht hätte es dem damals noch aufstrebenden Autoren gut getan, seine Dialoge einfach mal laut zu lesen. Dazu kommen an unnötigen Stellen Fremdwörtern, die mit wenig Fingerspitzengefühl in die Beschreibungen integriert worden sind. Die machen das Lesen das Textes schwierig. Die Eigenkreationen sind noch nachvollziehbar, auch wenn der Autor auch hier an einigen Stellen mit dem Kopf durch die Wand wollte.
Anstatt sich am Ende des Romans auf ein klassisches, vielleicht auch klischeehaftes Krisenszenario zu stürzen, das zumindest der Titel des Buches auch verspricht, fällt der grobe Handlungsbogen in einzelne Szenen auseinander. Diese sind solide bis teilweise auch gut geschrieben, aber an keiner Stelle hat der Leser wirklich das Gefühl, als identifiziere sich Horst Pukallus mit dem Drama, das er basierend auf einer nicht unbedingt neuen Ideen vor einem allerdings interessanten, aber rudimentär beschriebenen Hintergrund mit der Raumstation Dschinnistan entwickelt hat, nicht wirklich. Dem Text fehlt an einigen Stellen die erzähltechnische Ernsthaftigkeit, in anderen Abschnitten wirkt die Geschichte selbst für einen Roman aus den achtziger Jahren erstaunlich bemüht.
Vor allem im direkten Vergleich mit den in Kooperation mit Andreas Brandhorst in dieser Zeit veröffentlichten Büchern wirkt die ganze Geschichte für ein Science Fiction Pulpabenteuer, das aber in seinem tiefsten Herzen hochstehende, an Stanislaw Lem orientierte intellektuelle Science Fiction sein möchte. Stanislaw Lem konnte diese Art von Geschichten mit einer gekonnten Mischung aus Souveränität und dem entsprechenden teilweise bissigen Humor erzählen, während Horst Pukallus sich immer wieder bemüht, hochgeistig zu schreiben und doch eine enttäuschend vorhersehbare bis langweilige Geschichte auf dem Niveau der Pulpmagazine zu verfassen.
„Krisenzentrum Dschinnistan“ ist einer der deutschen Science Fiction Romane aus den achtziger Jahren, der leider immer noch unterstreicht, das vielen Autoren der Schwung fürs Erzählen in der Langfassung fehlt, während „Die Opferhöhle“ bzw. das erste Kapitel beweist, das Horst Pukallus zumindest ein talentierter Kurzgeschichtenautor ist.

- Format: Kindle Edition
- Dateigröße: 895 KB
- Seitenzahl der Print-Ausgabe: 222 Seiten
- Verlag: Uksak E-Books; Auflage: 1 (23. Dezember 2017)
- Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
- Sprache: Deutsch
- ASIN: B01IFP3DBE
