Titan 22

Brian W. Aldiss (Hrsg)

„Titan 22“ ist der erste Teil der „Evil Earths“ Anthologie von Brian W. Aldiss. In seinem ausführlichen Vorwort und den Einleitungen zu den insgesamt vier großen Blöcken geht Aldiss nicht nur auf die Bedeutung der Science Fiction selbst im Rahmen eines sich ändernden Zeitgeschmacks ein, sondern positioniert die ganze Reihe in einem genrehistorischen Kontext.

Aus heutiger Sicht sind die Anthologien fast vergessen, aber wer sich mehr mit den Genre auseinandersetzt, wird in den vierzehn Geschichten aus nur neun Magazinen beider Bände zusammen ein derartig breites Spektrum dreier Jahrzehnte finden, das es ihn auch heute noch verblüffen wird.

 „Das letzte Wort“ von Chad Oliver und Chareles Beaumont eröffnet die Ausgabe. Der Reisende – in der Tradition von H.G. Wells gestaltet – ist als Besitzer einer Zeitmaschine der letzte und auch der erste Mensch auf Erden. Er verliebt sich in eine Androidin und rettet die auf der Erde gestrandeten Marsianer. Auf nur wenigen Seiten parodieren die beiden Autorin wichtige Sujets des Genres auf eine erstaunlich distanzierte, aber auch intellektuell stimulierende Art und Weise. Alleine die Pointe ist zwar konsequent, aber angesichts der ersten dramaturgisch überzeugenden Seite ein wenig nachgeschoben.

 Das teuflische Genie des Menschen steht im Mittelpunkt zweier anderer Geschichten. Dabei ist Howard Fast „Die Wunde“ ausgesprochen modern. Mittels Atombomben soll eine Art Fracking Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre durchgeführt werden. Damals wie heute streiten sich die Geister. Ein Geologieprofessor soll eine besonders schwierige Sprengung absegnen, wobei deren Ende sowohl der Titel der Geschichte als auch einige Bemerkungen in der Handlung selbst implizieren.

 Noch interessanter ist auf den ersten Blick bis auf die pathetisch kitschige Botschaft am Ende John Scott Campbells „Film des Todes“. Der Titel ist irritierend. Ein Professor erfindet eine Möglichkeit, aus Blei im Grunde Bomben zu erschaffen, die mit ihrer Sprengkraft ohne Strahlung den Atombomben gleichen. Ein anderer Wissenschaftler entwickelt einen Stoff, der die Verdunstung des Wassers verhindert. Es kommt zu einer globalen Katastrophe. Campbell ist ein solider Autor, der seinen Plot wenig überraschend, aber sehr stringent erzählt. Mutig formuliert er die These, das eine globale Katastrophe die Menschheit von der Idee der atomaren Selbstvernichtung ablenken könnte. Das Ende ist dann relativ simpel konzipiert und vielleicht zu optimistisch. Es sind aber die mittleren Abschnitte mit der besonderen Bedrohung, die auch heute noch lesenswert und interessant sind. 

 Das Kapitel „Drei grüne Grashalme“ beschäftigt sich mit der Überlebensfähigkeit des Homo Sapiens. Die Texte könnten nicht unterschiedlicher sein. Allan K. Langs „Gastexperte“ zielt direkt auf die zynische Pointe zu. James Tiptree jr. wird sie später in einer ihrer besten Geschichten noch einmal minutiöser aufarbeiten. Richard Stockhams „Das Tal“ verfügt über eine der besten ersten Hälften der ganzen Anthologie. Die Menschheit ist im erforschten Universum nicht nur alleine, es gibt keine zweite Erde. Nur haben die Menschen diese gnadenlos in der Hoffnung auf ein Wunder heruntergewirtschaftet, wie die beiden zurückkehrenden Astronauten erkennen müssen. Die zweite Hälfte der Story wirkt dagegen ein wenig pathetisch kitschig und unterminiert die bitterböse, aber nachvollziehbare Eröffnung.

 Die beste Story ist „Der goldene Mann“ von Philip K. Dick. Auch wenn der Text immer wieder nachgedruckt worden und dadurch sehr bekannt ist, überzeugt der Plot inklusiv des hohen Tempos. Die Menschheit rottet gnadenlos Mutanten aus. Die Folgen des Atomkrieges. Bis sie mit dem goldenen Mann auf ein Exemplar stoßen, dass ihnen überlegen ist und droht, den Homo Sapiens abzulösen. Dick beschreibt überzeugend und eindrucksvoll dessen Fähigkeit, verschiedene Zukünfte sehen zu können und die einzelnen Wechselwirkungen nach Wahrscheinlichkeiten einzuordnen. Die Idee wird der Amerikaner in der später als verfilmten Story „Minority Report“  wieder aufgreifen, aber verfeinern. Dick ist ein einfühlsamer Autor, der nicht nur originelle Ideen präsentiert, sondern die zwischenmenschliche Tragik genauso in Worte fasst wie die einzelnen Abläufe minutiös auseinander nimmt und vor den Augen der verblüfften Leser wieder zusammenfügt. An Texten wie „Der goldene Mann“ kann der Leser heute die Überlegenheit des frühen Dicks schon erahnen. 

     William Tenns „Drunten bei den Toten“ ist eine kompromisslose Geschichte. Orson Scott Card scheint zumindest den aus menschlicher Sicht aussichtslosen Kampf gegen die Insektenrasse der Eoti übernommen zu haben. Die Menschheit droht den Kampf auch aufgrund des Mangels an Soldaten zu verlieren. Aus den Organen und Gliedmaßen der Toten werden „neue“ Kämpfer gebaut. Man gibt ihnen nicht selten das Aussehen gestorbener Kriegshelden, um die Truppe zu motivieren. Es gibt aber zwei Probleme. Diese Zombies werden vor allem von ihren Ausbildern nicht respektiert, was angesichts der katastrophalen Kriegssituation eher aufgesetzt erscheint und die Zombies fühlen sich berechtigterweise nicht als echte Männer.

Der Erzähler muss mit vier Zombies eine Selbstmordmission unternehmen, wobei die Truppe anscheinend an Selbstzweifeln leidet. William Tenn legt seinen Finger in eine Reihe von Wunden. Der verachtenswerte Umgang mit Soldaten spielt dabei die gleiche Rolle wie deren Ängste und Selbstzweifel. Anscheinend ist ein Mann nur ein Mann, wenn er sich fortpflanzen kann. Das Ende voller Optimismus wirkt aufgesetzt und ist für eine Geschichte der fünfziger Jahre ausgesprochen dunkel.

R.A. LAffertys „Bei den haarigen Erdmenschen“ ist eine dieser überdrehten Geschichten, die in ihrer surrealistischen Absurdität irgendwann Sinn machen. Auch diese Idee scheint mindestens einer der alten „Star Trek“ Folgen inspiriert zu haben. Sieben „Kinder“ von Göttern lassen sich auf der Erde nieder und beginnen perfide Spiele. Diese gipfeln in Schlachten und Kriegen. Sie sind unsterblich und können immer wieder die Körper wechseln. Lafferty reiht eine Reihe von Auseinandersetzungen aneinander und stellt sie als Werk dieser Mächtigen dar. Je schwieriger und herausfordernder ihre Wettkämpfe sind, desto mehr Menschen müssen grausam sterben. Das Ende ist konsequent, wirkt aber auch ein wenig belehrend aufgesetzt.

Fritz Leiber schließt die Anthologie mit „Später als sie glauben“ ab. Außerirische Archäologen untersuchen die Reste der Erde und kommen zu seltsamen Schlussfolgerungen. Stilistisch ein wenig übertrieben spielt der Autor absichtlich mit den Erwartungen seiner Leser, um abschließend eine nicht unbedingt an einen Paukenschlag erinnernde, aber solide Pointe zu präsentieren. Kurzweilige Unterhaltung. 

Interessant ist, dass sich nur zwei Geschichten – Fritz Leibers und R.A. Laffertys – mit dem Unwesen von Außerirdischen auf der Erde auseinandersetzen. Alle anderen Texte stellen den Menschen in den Mittelpunkt der Handlung, wobei “Das Tal“ ihn zur einzigen intelligenten Schöpfung macht, was nicht mit Krone der Evolution gleichzusetzen ist.

Brian W. Aldiss hat mit seinen intelligenten Kommentaren und pointierten Bemerkungen sehr gut die einzelnen Abschnitte zusammengefasst und leidet diese immer wieder auf den Gesamtkontext der ganzen Anthologie zurück. Im zweiten Band bzw. dem vierten Teil der Originalanthologie wird eine Novelle Henry Kuttners und C. L. Moore die Pulpaspekte des Genres beleuchten, während diese fast alle aus den fünfziger Jahren stammenden Texte die dunklen Seite der späteren Science Fiction gekonnt wie lesenswert vorwegnehmen.  

 

  • Broschiert
  • Verlag: Heyne Verlag
  • ISBN-10: 3453310780
  • ISBN-13: 978-3453310780
  • Umfang: 206 Seiten