Mit „Die Stimme des Wolfs“, einer Anthologie französischer Science Fiction Geschichten, begann im Jahre 1976 die Karriere des Anthologie- Herausgebers Jörg Weigand. In „Abenteuer Literatur“ wird er über vierzig Jahre später von seinem Studium in Paris berichten und der Idee, deutsche Science Fiction Nach Frankreich, aber auch umgekehrt französische Kurzgeschichten nach Deutschland zu bringen. Französische Science Fiction Romane erschienen neben den Klassikern Jules Vernes ab und zu schon in Deutschland, aber „Die Stimme des Wolfs“ stellte die erste rein französische Kurzgeschichtensammlung dar. Im Heyne Verlag legte Jörg Weigang mit „Sie sind Träume“ einen ergänzenden Kurzgeschichtenband auf. Einige Jahre später wird mit „Sterbegenehmigung“ im Rahmen der Playboy SF Reihe eine weitere Sammlung mit ausschließlich Science Fiction Geschichten folgen.
Auch wenn Jörg Weigand in seinem kurzen Vorwort nicht nur die Autoren vorstellt und einen kurzen Abriss über die französischen SF Magazine gibt, ist es für ein Buch aus den siebziger Jahren rückblickend ein wenig erstaunlich, dass die zusammengestellten sieben Kurzgeschichten in Frankreich zwischen 1959 und 1968 publiziert worden sind. Von den sieben Autoren erschienen von Gerard Klein schon Romane in Deutschland, Daniel Walter sollte einige Jahre später mit einigen Arbeiten im Rahmen der Ullstein Science Fiction Reihe folgen.
Die vorgestellten Texte streifen klassischen Science Fiction Sujets, nehmen ihnen aber die rein technische Betrachtung der angloamerikanischen SF. Francis Carsacs Titelgeschichte ist eine lange Zeit klassische First Contact Geschichte. Zum ersten Mal treffen die Menschen bei ihren Erkundungen auf ein fremdes Volk, das menschenähnlich ist. Die beiden Raumschiffe treffen sich im All, eine Kommunikation beginnt. Alles wirkt friedlich. Der Wendepunkt ist eine persönliche Begegnung auf einem erdähnlichen Planeten, den beide Völker aber nicht für sich beanspruchen. Auch wenn die tragische Pointe vielleicht ein wenig zu aufgesetzt wirkt und der Autor impliziert, dass Fremde und Menschen ihre tierischen Urinstinkte nicht verleugnen können, ist es lange Zeit eine interessante Geschichte. Der Kontakt wird ausführlich beschrieben; der Versuch, jeweils wichtige Begriffe der Anderen zu lernen ist beispielhaft und beide Raumschiffbesatzungen sind pazifistisch.
Stefan Wul „Spiele der Vestalinnen“ beschreibt auch die Begegnung zwischen Menschen und Fremden. Zwei Raumfahrer sind über einem Wüstenplaneten abgestürzt. Einer der Beiden hat beim Absturz einen See gesehen. Sie schleppen sich zum überwiegend unterirdischen See und machen eine erstaunliche Entdeckung. Immer an der Grenze zum Traum oder besser Alptraum entwickelt Stefan Wul eine Art Vorläufer zur virtuellen Realität, in welche einer der Raumfahrer durch das reale Eintauchen ins Wasser „versinkt“. Das Ende ist pragmatisch und schlägt den Bogen zu einigen Mythen der Erde, wie es der Titel schon bildlich ausdrückt.
Auch Jean- Michel Ferrers „Ein Cepheide“ setzt sich mit einem besonderen First Contat auseinander. Die Sonne einer entdeckten Welt schickt in einem regelmäßigen Abstand Eruptionen zu einem eher unwirtlichen Planeten. Ein seltsames Leben erblüht in dieser Phase. Einer der Erforscher will Gott spielen und in die Evolution eingreifen. Mit fatalen Folgen. Die wissenschaftliche Basis der Geschichte ist eher Science Fantasy und wirkt bemüht, aber Michel Ferrers abschließende Bilder einer neuen Bedrohung für die Menschheit sind intensiv und haben die stimmungsvolle Geschichte aus der Masse vergleichbarerer unwissenschaftlicher Texte positiv hervor.
Eine besondere Art der Zeitreise findet bei Charles Hennebergs „Mondfischer“ statt. Seine Wissenschafter sehen die Zeit zwar als eine Art Fluss, Veränderungen im Zeitkontinuum werden aber pragmatisch betrachtet. Wer weiß, ob nicht eine relevante Veränderung an der nächsten Flussbiegung wieder begradigt wird. Durch die wechselnde Perspektive ahnt der Leser allerdings, in welche Richtung der Plot verlaufen wird. Daher ist die zweite Hälfte der Geschichte weniger interessant. Zu Beginn sind die unterschiedlichen Thesen einschließlich der Art der Zeitreise in Form einer passiven Versetzung des Geistes anscheinend in einen aufnahmebereite, aber unwissenden Wirtkörper deutlich interessanter und für die Entstehung der Geschichte Ende der fünfziger Jahre schon ausgesprochen modern.
Die Folgen eines Krieges oder der Krieg an sich spielen in drei der Geschichten eine wichtige Rolle. Die Schlussstory von Daniel Walther „Knallt mir alles ab!“ wirkt wie eine Hommage an Robert a. Heinleins „Sternenkrieger“. Die Menschen sind auf einer Welt gelandet und haben schnell begonnen, das wirklich fremdartige Leben in einem aggressiven Vernichtungskrieg zu zerstören. Eine Kommunikation findet nicht statt, kann vielleicht auch nicht stattfinden, wie der Kommandant einer kleinen, abgeschnitten militärischen Einheit erkennt. Aber hinter den Fremden steht viel mehr und Daniel Walther impliziert, dass das sinnlose und rücksichtslose Töten vor allem auf menschlicher Seite seinen Höhepunkt überschritten hat. Drastisch, brutal, zynisch vielleicht auch in einem Kontext mit den Kriegen in Indochina oder auch Vietnam zu sehen.
Gerard Kleins „Die Städte“ spielt lange Zeit nach den Atomkriegen. Menschen leben isoliert in von Maschinen beherrschten und kontrollierten Städten in einer paradiesischen, aber auch den Intellekt lebenden Isolation. Der Zutritt aus einer anderen Stadt ist verboten. Am Ende zeigt der Autor auf, dass Maschinen nicht nur Fehler machen können, sondern das sie die Keimzelle der Vernichtung sind. Auch wenn der aufmerksame Leser durch Gerard Kleins intensive Betonungen das Ende der Geschichte zu ahnen scheint, überzeugt der kurze Text durch die pointierten Dialoge und einen mahnenden Ausblick.
Die Pointe von Jean- Pierre Andrevons „Das Reservat“ ist auch schnell zu erkennen. „Der Planet der Affen“ genau wie „The Twillight Zone“ lassen grüßen. In der ersten Hälfte mit der verzweifelten jungen Mutter isoliert in ihrer Behausung unter der Erde und bedroht von aggressiven Tieren kann der Autor das Ziel seiner Geschichte noch gut verstecken, am Ende wird es allerdings sehr viel schneller offensichtlich als es der Autor wahrhaben möchte. Durch die Vertrautheit des Plots ist „Das Reservat“ einer der schwächsten Geschichten dieser Sammlung.
Zusammengefasst präsentiert Jörg Weigand mit den sieben Texten ein thematisch breites Spektrum der französischen Science Fiction, welche die gleichen Quellen wie die amerikanische SF vor allem vor dem New Wave nutzt, sie aber auf eine faszinierend fremdartige und manchmal auch deutlich zeitlosere Art und Weise interpretiert. Wie eingangs erwähnt werden vor allem Gerard Klein und Daniel Walther mit längeren Arbeiten zumindest in den achtziger Jahren den Übertritt nach Deutschland schaffen. In ihren beiden Kurzgeschichten zeigen sich allerdings vertraut Aspekte ihres Werkes. Gerard Kleins „Herren des Krieges“ spricht genau die Themen an, die Daniel Walther in seinem intensiven Text kritisiert, während Daniel Walther zwar auch Military Science Fiction verfasste, aber später in den Bereich der Science Fantasy wechselte.
Selbst über vierzig Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung ist „Die Stimme des Wolfs“ angesichts der wenigen Übersetzungen französischer Science Fiction vor allem auch im 21. Jahrhundert eine Wiederentdeckung wert. Vor allem auch in Hinblick auf Jörg Weigands Tätigkeit als Herausgeber unterschiedlicher Anthologien. Es ist niemals verkehrt, auch einmal die Wurzeln zu betrachten.

- Herausgeber : Heyne Verlag; Dt. Erstveröffentlichung. Edition (1. Januar 1976)
- Umfang: 126 Seiten
- Sprache : Deutsch
- ISBN-10 : 345330361X
- ISBN-13 : 978-3453303614
