1908 veröffentlichte G.K. Chesterton mit „Der Mann, der Donnerstag war“ einen lange Zeit erstaunlich modernen Paranoiathriller, der Autoren wie Ian Fleming, Dick Francis, aber auch Filmschauspieler/ Produzenten wie Patrick McGoohan zu „The Prisoner“ inspiriert haben kann. Bei der Originalveröffentlichung hat der Autor dem Roman noch den Untertitel „A Nightmare“ hinzugefügt. Der Untertitel ist nur bedingt passend. Zwar gibt es mehrere Verfolgungsjagden, einen Running Gag mit den blauen Karten der Polizei, einige bedrohliche Situationen und schließlich eine finale Konfrontation mit dem unbekannten Strippenzieher, aber der Epilog ist optimistisch. Am Ende von David Finchers „The Game“ fühlte sich Michael Douglas trotz oder vielleicht auch wegen der lebensbedrohlichen Situationen innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden zum ersten Mal wieder lebendig. So ähnlich ergeht es auch dem Protagonisten Gabriel Syme, der sich als Dichter und Polizist sieht.
Im Gegensatz zu einigen anderen Romanen Chesterton, in denen der Autor eine bizarre viktorianisch anmutende Parallelwelt entwickelt hat, spielt die Geschichte im Hier und Jetzt des Autoren. Eingeleitet wird die Geschichte durch ein Gedicht Edmund Clerihew Bentleys, in welchem der Dichter die Herausforderungen der jüngsten Vergangenheit genauso beschrieben hat wie die Hoffnung, dass man sich mit innerer Stärke den zukünftigen Aufgaben stellen kann.
Die eigentliche Handlung beginnt mit einem Treffen von Gabriele Symes und Lucian Gregorys. Beide sind Dichter, aber Syme ist von Scottland Yard angeheuert worden. Er ist Mitglied einer kleinen Einheit von Polizisten, welche die Anarchisten und ihre Pläne undercover stören sollen. Beide sehen sich als Dichter und diskutieren die Bedeutung von Lyrik. Der Anarchist Gregory sieht Lyrik als Basis zum Umsturz der bestehenden Ordnung. Syme dagegen sagt, dass sich auch die Lyrik in den Schranken der öffentlichen Ordnung, der Akzeptanz und damit auch der Politik bewegen muss. Angestachelt durch verschiedene Provokationen nimmt Gregory Syme zu einer Versammlung seiner Anarchistengruppe mit, wo sich Syme ganz bewusst seinen Bekannten verbal in die Enge treibend zum neuen Führungsmitglied wählen lässt. Er wird zum Donnerstag. Am selben Abend holt man ihn schon in das kleine, aus sieben Männer bestehende Komitee.
Die sieben Männer treffen sich jeden Sonntag zum Frühstück in einem noblen Viertel. Sie halten ketzerische Reden in aller Öffentlichkeit. Der Anführer Sonntag geht davon aus, dass niemand hinter Schwätzern echte Täter vermutet. Der irische Unabhängigkeit Anführer Michael Collins soll diese Idee für die Treffen mit den Mitgliedern der IRA übernommen haben. Eines der sieben Mitglieder – Gregory – wird als Schwächling bezeichnet und quasi ausgeschlossen. Ein anderes Mitglied soll mit einer Bombe nach Frankreich reisen und dort einen Adligen töten. Syme muss jetzt dem Attentäter folgen, ohne dass er Verdacht erregt. Auf dem Weg nach Frankreich trifft er auf fünf andere Mitglieder des Führungskreises und macht eine überraschende Entdeckung nach der anderen. Nur die gewaltige Gestalt des Sonntags bleibt Syme bis zur finalen Begegnung ein Rätsel.
Der Roman zeichnet ein rasantes Tempo aus. Innerhalb weniger (Handlungs-) Stunden wird der Leser auf Augenhöhe Gabriele Symes mit den Anarchisten, deren exzentrischer Führungsriege und vor allem dem Attentatsplan konfrontiert. Die zweite Hälfte des Buches besteht aus teilweise humorvoll beschriebenen Verfolgungsjagden. Die Polizei mit Gabriele Syme an der Spitze jagt den Bombenattentäter. Die Anarchisten selbst haben Kräfte mobilisiert, welche wiederum der kleinen Gruppe von Polizisten folgen. Und der allgegenwärtige Sonntag wird schließlich ebenfalls verfolgt. Nur ist die Verfolgung gleichzeitig eine Art Schnitzeljagd, mit welcher die kleine Gruppe von Polizisten über einen Elefanten und einen Heißluftballon schließlich in das Versteck vom Sonntag gelockt werden, um dann mit einer Reihe von interessanten Fakten hinsichtlich der eigenen beruflichen Existenz, der Aufgabe innerhalb der Anarchistengruppe und Sonntags eigentlicher Funktion konfrontiert zu werden.
In fast allen Romanen Chestertons ist der Konflikt eher ein für den Leser greifbares Handlungselement, das die Tür zu existentiellen Fragen öffnet. Das beginnt mit dem immer wieder betonten Kontrast zwischen Detektiv und Dichter. Die Aufgabe des Einen ist die Gerechtigkeit, während der Dichter mit der Waffe des Wortes nicht selten die Ungerechtigkeit anmahnt.
Auf die Gesellschaft übertragen stellt sich die Frage, ob es besser ist, in einer ungerechten Welt zu leben, welche auf den ersten Blick geordnete, aber nicht immer gerechte Strukturen hat oder ob die Alternative des anarchistischen Chaos und damit auch dem Drang nach einer anderen, nicht unbedingt neuen Schöpfung aus dem Chaos zu bevorzugen ist. Chesterton gibt keine Antwort. Viel mehr verweigert er im Epilog jegliche Position. Die Kontrahenten finden auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner intellektuell zueinander, stellen fast zufrieden fest, dass die soziale Entwicklung fast eine Art Perpetuum Mobile ist, das sich trotz aller Irrungen und Wirrungen immer wieder selbst antreibt. Ab und zu geht es moralisch wie sozial ein oder zwei Schritte zurück, aber angetrieben von seinem christlich unterminierten Fundamentalismus ist der Autor optimistisch, das der Mensch sich intellektuell nicht nur in der gesellschaftlichen Spitze weiterentwickeln kann. Die beiden Weltkriege sollten Chesterton widerlegen. Zumindest zeitwillig.
Die Schwester der Anarchie ist allerdings Paranoia. Wie bei einer Zwiebel wird jedem der Protagonisten nicht nur die jeweilige Verkleidung abgeschält, sondern ihr Innerstes offen gelegt. Die Anarchisten wollen – lange Zeit vor vielen terroristischen Bewegungen – für Chaos sorgen und die monarchistischen Strukturen beschädigen. Zum Zerstören reichen die Pläne nicht. Der Protagonist hat nach dem ersten Treffen die Furcht, dass die Königsfamilie das Ziel der ersten Anschläge ist. Aber das erste Opfer soll anscheinend ein osteuropäischer Gast auf dem Kontinent sein.
Der Anführer Sonntag legt die Ideologie der Anarchisten offen auf den Tisch. Es ist eine bizarre, für Chesterton so typische Szene, wenn die kleine Gruppe beim opulenten Frühstück auf dem Balken eines Luxushotels in London über die Ziele ihrer Bombenanschläge diskutiert und mit ihrer Lautstärke auf sich aufmerksam machen, um Zuhörer abzuschrecken und gleichzeitig in die Irre führen. Niemand plant Morde mit Ohrenzeugen, ist die Argumentation Sonntags. Also wird niemand die Gruppe ernst nehmen, auch wenn sie tatsächlich einen Bombenanschlag planen. Das Fußvolk der Anarchisten dagegen trifft sich in den feuchten Kellern alter Londoner Gaststätten und erfüllt damit die Klischees, die den lichtscheuen Gestalten seit Jahrhunderten nachgesagt werden. Der Epilog zeigt die doppelte Ironie dieses Ansatzes, denn bei Chesterton ist wirklich nichts, wie es beschrieben wird.
In Der Napoleon von Notting Hill” ist der größte Anarchist der durch das Lotterielos gewählte König Quin mit seinen verrückten Ideen gewesen. Am Ende von “Der Mann, der Donnerstag war” stellt sich der Leser die Frage, ob es überhaupt wirklich Anarchisten gibt. Die Polizei scheint die “feindliche” Organisation mit ihren Geheimeinheiten derartig unter Kontrolle zu haben, das die eigentliche Aufgabe der Überwachung und damit auch Destabilisierung sinnlos geworden ist. Viel mehr folgen die Protagonisten dem Konzept, das Alan Moore in seinem zeitlosen Comic “The Watchmen” auf die paranoide Spitze getrieben hat: “Who watches the Watchers?”. Auf einer kleinen Ebene wird der Überwachungsstaat zu einer sich selbst kontrollierenden Einheit, die vielleicht im Umkehrschluss die notwendigen Feinde selbst schafft, um die eigene Existenz zu rechtfertigen.
Hier liegt vielleicht auch das abschließende Problem des kurzweilig zu lesenden Buches. Auf der Basis eines klassischen Detektivthrillers, wie sie John Buchnan wenige Jahre später populär machen sollte, entwickelt Chesterton eine paranoide, surrealistische Reise im Grunde ins dunkle Herz einer jeden seiner Figuren. Der Agenten Aspekt oder die Jagd nach dem Anarchisten rückt mehr und mehr in den Hintergrund. Wie Nummer sechs in der Fernsehserie „The Prisoner“ schaut der Protagonist abschließend zwar nicht in einen Spiegel, aber wie seine Kollegen in der Anarchisten Runde falsche Identitäten haben und sich selbst jagen, ist es auch Sonntag, der gejagt wird und gleichzeitig sein Umfeld formt. Von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu sprechen, wäre richtig und falsch zugleich. Richtig, weil Syme erst durch seine reale Aufgabe als Polizist zu einem vollwertigen Menschen wird und sein Vorgesetzter die richtige Entscheidung getroffen hat, als er ihn für diese Undercover Aufgabe rekrutierte. Falsch, weil sich der Leser und Syme die Frage stellen muss, um das Ausleben der kindlichen Phantasien bei der Jagd von Großbritannien nach Europa und wieder zurück ausreicht, um eine sinnvolle Lebensaufgabe zu haben und ebenfalls falsch, weil Sonntag für Syme verantwortlich ist sowie Syme auf Sonntags Auftreten Einfluss hat. Nicht nur Syme ist ein Polizist und gleichzeitig ein Rebell gegen die Rebellion. Damit wird er als Vertreter des Gesetzes aber nicht gleichzeitig zu einem gesetzestreuen Bürger.
Die Geschichte wird wie die Verfolgungsjagden immer grotesker. Der Leser kann verstehen, wenn Polizisten vom Zug über einen langen Spaziergang mit der Verfolgung durch die Bürger eines kleinen Ortes in Frankreich auf das Auto zurückgreifen, während sie von Pferden verfolgt werden. Aber das einer der Schurken von einem Elefanten auf einen Heißluftballon umsteigt, welcher Verfolgte wie Verfolger schließlich zum „Versteck“ Sonntags bringt, wirkt schon bizarr. Abschließend findet die große, vor allem intellektuelle Demaskierung statt, bevor Chesterton einen konstruiert erscheinenden Bogen zum anfänglichen Untertitel schlägt. Christliche Motive und Mythologien bilden während des Finals die geistige Umgehungsstraße und sollen den bis dahin bodenständigen Agenten Plot intellektueller erscheinen lassen, als es angesichts der verschiedenen Ideen notwendig ist.
„Der Mann, der Donnerstag war“ ist auf der einen Seite wie angesprochen ein modern erscheinender Paranoiathriller, in welchem Chesterton vor den wachsenden anarchistischen Tendenzen und der Gefährdung der gehobenen Gesellschaft durch das niedere Volk warnt. Auf der anderen Seite versucht der Autor abschließend eine christliche Allegorie aus der Handlung zu machen. Dazwischen finden sich viele kleine Seitenhiebe auf die britische Gesellschaft; mystische Anspielungen und scharfe Beobachtungen der aus Chestertons Sicht sozialen Probleme Großbritanniens. Der wie eingangs erwähnt rasante Plot wird von den pointierten Dialogen inklusive der teilweise ein wenig zu intellektuell abgehobenen Streitgespräche gut begleitet. Die Zeichnung der einzelnen Protagonisten erinnert teilweise an Karikaturen. In der Heyne Ausgabe sind die ursprünglichen Grafiken nachgedruckt worden, welche diesen Eindruck noch verstärken. Und immer wieder philosophische Exkurse, die sich wie das Verhalten der Anarchisten zwischen Absurditäten und Groteskem hin und her bewegen.

- Herausgeber : tredition (6. Dezember 2011)
- Sprache : Deutsch
- Taschenbuch : 208 Seiten
- ISBN-10 : 384248884X
- ISBN-13 : 978-3842488847
