Zion`s Fiction

Sheldon Teitelbaum & Emanuel Lottern (Hrsg.)

Der Hirnkost Verlag legt mit „Zion´s Fiction“ den schon 2018 in den USA veröffentlichten Band mit israelischen Science Fiction Geschichten als schönes Hardcover, aber in den einleitenden Vorwörtern entgegen der Originalveröffentlichung gegendert vor.

In den USA ist inzwischen ein zweiter Band erschienen. „Zion´s Fiction“ ist allerdings keine Anthologie von jüdischen, sondern israelischen Science Fiction Geschichten. Die beiden Herausgeber Sheldon Teitelbaum und Emanuel Lottern machen das in ihrem Vorwort klar. Auch Geschichten von arabischen Israelis wurden berücksichtigt. Allerdings stammen von den sechzehn hier präsentierten Storys vierzehn Geschichten aus dem 21. Jahrhundert, was historisch angesichts der Entwicklung von Literatur in Israeli im Allgemeinen nicht so verwundert.

In Bezug auf jüdische phantastische Geschichten hat Jack Dann mit seiner ersten Anthologie „Wandering Stars“ schon 1974 für Furore gesorgt. Auch diese Anthologie ist mit „More Wandering Stars“ fortgesetzt worden.  In seinem Nachwort nimmt der inzwischen legendäre Herausgeber des ersten israelischen SF Magazins Aharon Hauptmann noch einmal Bezug auf diese Zeit, sieht aber die Science Fiction als kreative Antriebskraft sozial wie intellektuell über die eigentliche Genrelektüre hinaus die Öffentlichkeit antreibend.   

Robert Silverberg geht wie die beiden Herausgeber auf die Geschichte der israelischen Phantastik, aber auch die Entstehung des Staates Israel basierend auf zwei phantastischen Texten ein. Das erste Buch ist das Alte Testament, eine Sammlung von Geschichten und phantastischer Geschichte. Silverberg präsentiert einen kurzen Abriss über die Abschnitte des alten Testaments, die heute mit viel Phantasie als Fantasy durchgehen könnten.  Das zweite Buch ist „Altneuland“ aus der Feder Theodor Herzls. Das Buch ist im Hirnkost Verlag als wiederentdeckter Schatz der deutschsprachigen Science Fiction neu aufgelegt worden. Herzl hat die Gründung eines israelischen Staats auf dem gegenwärtigen israelischen Gebiet populär gemacht, nachdem er vorher generell einen jüdischen Staat – Uganda war auch im Gespräch – propagiert hat. Silverberg streift am Ende seiner umfangreichen, sehr informativen Einführung noch einzelne, empfehlenswerte utopische Werke des 20. Jahrhunderts, die mindestens von jüdischen Autoren, seltener von in Israel beheimateten jüdischen Autoren geschrieben worden sind.

Nicht nur diesen Faden nehmen die beiden Herausgeber in ihrer sehr umfangreichen Einleitung noch einmal auf und stellen eine Reihe von auch übersetzten Büchern, aber weniger Kurzgeschichten vor.  Die Auswahl der Kurzgeschichten für diese Anthologie findet sich im Anschluss der Geschichte Israels. Zwar erwähnen Teitelbaum und Lottern auch das alte Testament, aber ihnen geht es mehr um die Entwicklung populärer Medien von der Gründung des Staates Israel bis in die Gegenwart, vor allem vor dem geschichtlichen Hintergrund der verschiedenen Kriege. Dabei sparen sie auch nicht an der israelischen Politik der siebziger Jahre mit dem aus ihrer Sicht fatalen Einmarsch in den Libanon, als sich Teile der israelischen Politik im Höhenrausch dank des gewonnenen sechs Tage Krieges fühlten.     

  Sie zeichnen das Portrait eines Landes, das bis in die sechziger Jahre Fernseher in Privathaushalten verboten hatte. Dessen Regierung ein waches Auge auf jede populistische Bewegung geworden hat und dessen Intention es über Jahrzehnte gewesen ist, naturalistisch realistische Heimatliteratur zu präsentieren, in welcher die Leistungen des eigenen Volkes gewürdigt werden. Übersetzungen - nicht nur von Science Fiction -, sondern generell fremdsprachiger Literatur waren verpönt.  Die „Gatekeeper“ sorgten für eine strenge Kontrolle von allem, was Trash sein könnte.

Der Leser erhält eine Fülle von Informationen über Land und Leute, wobei einige kritische Themen nicht umschifft werden. Auf die Enttäuschung einiger arabischer Staaten nach der friedlichen Frühlingsrevolution entlang der nordafrikanischen Mittelmeerküste wird genauso eingegangen wie auf die Selbstmordattentäter auf den eigenen Straßen. Die restriktive Politik hat der Phantasie der israelischen Autoren zwar nicht geschadet, es fehlten aber mit drei gescheiterten phantastischen Magazinen und einem sehr schmalen Buchmarkt die Veröffentlichungsmöglichkeiten. Auch hier hat das Internet Abhilfe geschaffen. Ein Markt innerhalb des Marktes bilden noch die Übersiedler aus Russland, die nicht nur ihre eigene Sprache beibehalten, sondern sich auch irgendwie ihre Nische innerhalb der israelischen Kultur erhalten haben. Auch diese „Minderheit“ ist in der Anthologie vertreten, ihre Geschichten wurden dann aus dem Russischen und nicht dem Hebräischen übersetzt. 

 Einzelne der sechzehn hier vertretenen Autoren haben schon außerhalb von Israel  Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht. Sieben Frauen stehen neun Männern gegenüber. Die Speerspitze ist natürlich Lavie Tidhar. Eine Episode aus seinem auch in Deutschland erhältlichen Episodenroman „Central Station“ eröffnet daher auch konsequenterweise die Anthologie.   

„Der Geruch von Orangenhainen“ ist eine der zahlreichen Geschichten dieser Sammlung mit einem melancholischen Unterton.  Der Geruch der Orangenhaine ist im Schatten der gigantischen Raumstation, dem Tor zumindest zum Mond, längst verflogen.  Ein Mann möchte nach der Ewigkeit greifen und seine Erinnerungen in eine Art virtuelles Familiengedächtnis übertragen. Er verfängt sich in diesem “Schrein“.   Sein Sohn arbeitet inzwischen auf dem Mond, wird aber zurückgerufen, als es dem Vater schlechter geht.

Die Geschichte besteht aus zahlreichen Erinnerungen und wenig Handlung. Das harte Leben der Arbeiter beim Errichten der Station weit entfernt von ihrer eigentlichen Heimat erinnert an die moderne Sklaverei und Ausbeutung. Bedingt können Roboter ihre Tätigkeiten übernehmen. Die Kinder werden von Geburt an quasi gechipt und damit auch unter Kontrolle gestellt. 

In erster Linie handelt es sich um eine Art Stillleben in dem deutlich ambitionierter angelegten Episodenroman „Central Station“. Es ist nicht Lavie Tidhars beste Arbeit, aber als Auftaktgeschichte verbindet der preisgekrönte Autor viele traditionelle Elemente aus der Gegend um Tel Aviv mit der Zukunft.       

“Die Langsamen” von Gail Hareven erschien ursprünglich in „The New Yorker“ außerhalb ihrer Science Fiction Ausgabe.  Auf nur wenigen Seiten entwickelt der Autor auf eine emotionale, aber nicht kitschige Art und Weise einige gegenwärtige soziale Entwicklungen fast an der Grenze zur Satire weiter. Das beschleunigte Wachstum von Menschen eliminiert den Kindheitsprozess, auch wenn es die Lebenserwartung nicht beeinträchtigen soll. Nur einige wenige „Wilde“ wehren sich in Reservaten unter Überwachung gegen diese Pläne. Ein „Lageraufseher“ muss den Menschen klar machen, das die Bagger vor der Tür stehen. Eine Mutter bittet ihn, ihr Kind bei ihr zu belassen, was gegen seine Anweisungen verstößt. Die Kürze des Textes ermöglicht es, die komplexen Themen nur anzureißen. Hinzu kommt die regierungstreue wie subjektive Erzählperspektive des Aufsehers, der eher die Propaganda der Regierung vertritt.  Gail Hareven verzichtet auch auf eine eindringliche Zeichnung der Figuren, was bei einem derart emotionalen Thema empfehlenswert gewesen wäre.  

Keren Landsman gelingt mit “Alexandria muss Brennen“ ein kleines Kunststück. Aus den Themen außerirdische Invasoren und Besucher aus einer anderen Zeit macht er mittels der Kombination von einer Raum- und einer Zeitkrümmung mit den immer wieder reinkarnierten Soldaten als Verteidiger einer inzwischen durch die Kriege verwüsteten Erde eine unterhaltsame, spannende und gegen Ende sogar emotional ansprechende Geschichte.  Die Menschen sind der festen Überzeugung, dass sie damals nicht mit den Aliens hätten sprechen sollen, sondern ein Angriff wäre die bessere Möglichkeit gewesen. Als eine seltsame Sphäre auf einen erneuten Angriff deutet, schickt die Erde zwei ihrer erfahrensten Männer aus. Sie treffen aber auf keine Aliens, sondern eine ältere Dame mit Brille und einem etwas starren Blick, die sich als Vertreterin der Vereinigten Bibliotheken der Erde vorstellt. Alle dreihundert Jahre erscheint ihre Sphäre, um den Bestand auf der Erde neu zu katalogisieren. In dieser modernen Version des Bibliothek Alexandrias ist wie in einem Labyrinth das gesamte Wissen der Menschheit versammelt.  Von den Papyrusrollen bis zu modernen Datenträgern.

Natürlich greifen die Aliens in diesem Augenblick an und die beiden Soldaten gehen auf ihre schwierigste Mission. Keren Landsmans Geschichte geht über die beiden Versatzstücke der außerirdischen Invasion und der „Zeitreise“ hinaus. Der Autor streut ein wenig wahllos die verschiedenen Szenarien aus und überholt sich beim Finale. Alles ist auf der einen Seite ein großer Verlust, auf der anderen Seite handelt es sich um die achte Inkarnation der alexandrinischen Bibliothek und nichts spricht gegen eine weitere Ausgabe.  Die Soldaten haben sich abgewöhnt, ihre alten, auf vorangegangenen Missionen  getöteten Ichs in den Kasernen zwischen den Einsätzen zu zählen. Anscheinend werden die Reste dort aufbewahrt, aber auch ihre Zeit ist endlich und es ist für den Leser keine wirkliche Überraschung, wann das Ende der Fahnenstange erreicht ist.    

Guy Hassons „Das perfekte Mädchen“ ist die längste Geschichte dieser Anthologie. Wie „Alexandria muss brennen“ setzt sich die Autorin mit einem Standardthema der Science Fiction (Telepathie) auf eine sehr originelle Art und Weise auseinander. Die Portagonistin gehört zu einer kleinen Gruppe von telepathisch begabten Menschen. Um nicht beim Militär zu landen, muss sie sich bei einem Institut einschreiben. Nur einer von sechs Teilnehmern wird dieses Studium erfolgreich abschließen und damit das Recht erlangen, ein Zivilleben zu führen. Der Druck ist alleine durch diese Prämisse enorm.

Telepathie funktioniert in erster Linie durch Nähe, durch Berührungen.  Erfahrene Telepathen wie die Ausbilder schaffen es auch ohne Berührungen. Trotzdem tragen alle Handschuhe. Die Protagonistin erhält die Aufgabe, in der Leichenhalle Wache zu halten. Immer wieder werden Körper aus medizinischen Gründen gespendet. Ausgangsbasis ist, dass die Toten ihre Erinnerungen noch bis zu einer Woche bei sich behalten und die Telepathen diese Gedanken extrahieren können. Die Kommunikation ist absolut einseitig, eine Manipulation nicht möglich. Mittels Berührung und eigener Konzentration fokussieren sie sich auf die Elemente, die sie den Toten entreißen wollen. Diese Methode erinnert ein wenig an Leichenschändung, dient aber zur Ausbildung einer neuen Telepathen Generation.

Ein junges Mädchen wird eingeliefert und schnell beginnt die Protagonistin mit ihr zu verschmelzen. Sie dringt mehr und mehr ohne Erlaubnis in ihre Gedankenwelt und vor allem ihre letzten Tage vor dem Tod ein. Bald kann sie sich nicht mehr aus dieser symbiotisch- parasitären Beziehung retten.

Neben der soliden, einschüchternden Ausgangslage mit einer Gruppe von Menschen, die wirklich keine Geheimnisse voreinander haben (können) und dem Druck der Lehrkräfte entwickelt Guy Hasson eine auch auf der emotionalen Ebene sehr interessante Geschichte. Die beiden jungen Mädchen leiden unter ihren jeweiligen Defiziten, die allerdings unterschiedlich ausgeprägt sind. Guy Hasson beschreibt die emotionale Instabilität; die Selbstzweifel und schließlich auch den verzweifelten Versuch, durch Liebe/ Sex etwas an Selbstwertgefühl zu gewinnen.

Neben der guten Umsetzung der Telepathie Idee – Robert Silverberg hat wahrscheinlich mit „Es stirbt in mir“ Guy Hasson ein wenig beeinflusst – sind es die gut gezeichneten Figuren, die im Gedächtnis bleiben. Das in vielen Punkten sich überzeugend optimistisch zeigende Ende der Story wird dem ironisch klingenden Titel gerecht.  

Nava Semels „Sternentänzer“ erinnert ein wenig an Wilsons „Spin“ Serie. In der Nacht der Geburt des Erzählers verschwinden die Sterne vom Himmel. Durch die Umweltverschmutzung oder ein anderes nicht weiter erläutertes Phänomen – in dieser Hinsicht steht „Sternentänzer“ nicht alleine – sind sie nicht mehr zu sehen. So feiert man nicht nur den Geburtstag, sondern heidnisch das Fest der möglichen Widerkehr der Sterne bzw. eines Sternenhimmels. Viele Fragen bleiben offen, auch wenn der Kult bis zur Obsession mit Sternbildern für die Kürze der Geschichte ausgesprochen gut  erläutert worden ist. Das Ende ist eher durchwachsen, zu vieles bleibt einfach in der Luft hängen.

Niv Yanivs „Die Gläubigen“ ist noch schwieriger zu interpretieren. Möglicherweise haben außerirdische Mächte die Menschheit unterdrückt und ordnen ihnen ein streng gläubiges Leben zu. Eine Maschine soll die Menschheit wieder befreien, andere Menschen können sich Flügel wachsen lassen und planen einen Angriff auf die Fremden. Der Erzähler sieht sich am Ende der Geschichte als eine Art Superheld auf einer Mission. Die Charaktere sind deutlich schwieriger zu greifen. Die Anspielungen auf ein Leben unter orthodoxer Knute könnten Kritik am gegenwärtigen erzkonservativen Trend in Israel sein. In der beschriebenen Ambivalenz lassen sie sich allerdings in alle Richtungen interpretieren, so dass ein abschließendes Fazit gar nicht gezogen werden kann.

Es ist erstaunlich, dass ein Land mit so vielen Herausforderungen nicht mehr alternative Science Fiction geschrieben hat. „Möglichkeiten“ von Eyal Teler ist eine Hommage auf einer der bekanntesten frühen Ray Bradbury Geschichten „Quid pro Quo“.  Der Protagonist ist ein Autor von dystopischen Romanen und Kinderbuch Fantasy Büchern. Er denkt daran, einen Menschen zu töten, damit er nicht in den Koreakrieg zieht. Um Alternativen zu haben, sucht er eine Seherin auf, die angeblich ein Menschenleben verfolgen kann, nachdem dieser an einen wichtigen Punkt eine andere Entscheidung getroffen hat. In einer dieser ihm auf dem Sterbebett offenbarten Zeitlinien hat er sich mit Ray Bradbury befreundet, der auf eine andere Art und Weise seine Entscheidungen beeinflusst hat. Die Geschichte enthält viele interessante Elemente wie die Seherin, die nach Jahren ihren Kunden noch einmal aufsucht, aber im Grunde kein Seelenheil bringen kann. Der unstete Schriftsteller, der von einer schrecklichen Tat in seiner Vergangenheit besessen ist, ohne das er wirklich weiß, ob er sie begangen hat. Das Ende ist fatalistisch offen, aber Eyal Teler setzt sich in seiner einzigen phantastischen Geschichte mit einigen klassischen Aspekten des Zeitreisegenres unauffällig auseinander.

In Pesakh Amnuels „Der weiße Vorhang“ tritt zwar nicht Ray Bradbury auf, aber der durch die in Englisch veröffentlichte Alternativweltgeschichte „Isra Isle“ bekannt gewordene Autor schickt einen brillanten Physiker auf die Suche, bestimmte Zeitlinien zu ändern. Am Ende ist es ein persönliches Opfer, das zum Erfolg führt. Die Geschichte ist zu kurz, um die Protagonisten wirklich überzeugend herauszuarbeiten und die finale Wendung kommt ohne eine logische Begründung, so dass die Intention des Autoren viel zu kurz fällt. Nicht nur in dieser Geschichte steht die Idee über der abschließenden Ausgestaltung des Textes.  

„Im Spiegel“ von Rotem Baruchim ist die zweite ungewöhnliche „Was wäre, wenn ich mein Leben ändern könnte“ Geschichte dieser Anthologie. Der Protagonist hat die Fähigkeit, beim Einschlagen auf das Glas des sich selbst reparierenden Spiegels seiner Großmutter zumindest Teile der Vergangenheit zu ändern. So rettet er seine Katze in dieser sich neu bildenden Parallelwelt. Welche Folgen diese Eingriffe haben und was hinter dem Spiegel- ein Motiv aus der Märchenwelt und nicht Science Fiction – steckt, wird leider nicht erklärt, was den Plot konstruiert erscheinen lässt. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen beschreibt die Autorin wenig zugänglich, so dass in einer derart emotional angelegten Geschichte der Leser unabsichtlich auf Distanz gehalten wird.

Mordechai Sassons „Die Stern- Gerlach Mäuse“ ist die älteste Geschichte dieser Anthologie. Sie erschien 1984, wirkt aber eher wie aus dem Golden Age der Science Fiction mit einer absurden Prämisse. Tiere sind durch verschiedene Bestrahlungen behandelt worden. Nur die Mäuse haben diese Stern- Gerlach Methode überlebt und bekämpfen inzwischen die Menschen. Sie können ihre Gestalt verändern. Klein dringen sie in die Häuser ein, groß töten sie die Menschen. Intelligent scheinen sie auch zu sein. Vielleicht lässt sich für die restlichen Gebiete, welche die Menschen unter Kontrolle haben, noch ein Frieden verhandeln. Vielleicht haben die Mäuse auch kein Interesse daran. Technische Hintergründe gibt es leider genauso wenig wie eine überzeugende Zeichnung der Charaktere.  Auf der anderen Seite ist der Plot derart bizarr und die Dialoge (eine Maus in der  Küche) komisch schräg, dass ihr Charme die technischen Schwächen deutlich überstrahlt. 

Eine der dunkelsten und hinsichtlich ihres Endes auch fragwürdigsten Geschichten ist „Ein guter Platz für die Nacht“ von Savyon Liebrecht.  Es ist die einzige postapokalyptische Geschichte. Rauchen hilft beim Überlegen. Die Israelin Gila auf Besuch in Europa überlebt ein nicht weiter beschriebenes Desaster, weil sie sich im Raucherwagen ihres Zugs aufgehalten hat. Alleine diese Idee wirkt bizarr, da die meisten europäischen Zuggesellschaften keine Raucherwagen mehr haben. Die Erdoberfläche ist mit dunklen, an Twister erinnernden Stürmen überzogen, die aus dem Nichts kommen. An anderen Stellen kocht das Wasser und hat ganze Landschaften in lebensgefährliche Bereiche verwandelt. Schließlich gibt es noch die Zonen, in denen sich Menschen und Tiere in Statuen verwandeln. Das Leben ist gefährlich in dieser Gegend. Gila versucht mit einem weiteren Überlebenden – einem Amerikaner auf der Durchreise, der ebenfalls nikotinsüchtig ist – und einem aufgefundenen Baby – das ist kein Raucher, sondern lag in einem besonderen Abteil eines Zuges – eine kleine Familie aufzubauen. Später kommt noch neben einem kranken Mann ein Nonne hinzu. Als ein Pole auftaucht, diskutieren die wenigen Überlebenden, wenn eine neue Generation von Menschen geboren werden kann, damit das heranwachsende Baby nicht alleine ist. In Frage kommt nur die junge Nonne, was zu einem existentiellen Konflikt innerhalb der Gruppe führt.

Die Katastrophe erinnert ein wenig in ihrer Gesamtheit an die sieben Plagen aus der Bibel, die die meisten Ungläubigen töten. Die Szenen entlang des Zugs mit den plötzlich aus dem Leben gerissenen Menschen sind eindrucksvoll geschrieben und unterstreichen die Vergänglichkeit des Lebens. Vom Holocaust ist die Geschichte ein wenig weg, weil es sich ja nicht um eine geplante Vernichtung der Menschheit, sondern eine nicht näher beschriebene Katastrophe handelt. Sie trifft alle Menschen. Viel interessanter sind neben den Versuchen, ein wenig Normalität auf kleinstem Raum zu schaffen, die Gespräche hinsichtlich der Zukunft der Menschheit, die abschließend wieder auf der Anwendung von Gewalt basieren.  Ob sich Menschen in derartigen Situationen wirklich so gezielt Gedanken um die Zukunft machen oder eine Expedition mit dem Ziel, weitere Überlebende zu finden, nicht sinnvoller gewesen wäre, bleibt abschließend nicht geklärt. In dieser dunklen Story vor einem apokalyptisch surrealistischen Hintergrund vielleicht ein kleiner Wermutstropfen in einem Plot, der nicht zufällig an Cormac McCarthys „Die Straße“  erinnert.  Der Titel der Story ist auf der einen Seite bittere Realität und auf der anderen Seite blanke Ironie für einige der Überlebenden. 

Elena Gomels „Tod in Jerusalem“ ist die einzige Geschichte, welche direkt den Holocaust in Form einer Rückblende anspricht. Generell ist es eine dunkle, nihilistische Geschichte, in welcher sich eine junge Frau in einen sehr attraktiven Mann verliebt. Es handelt sich um einen Tod. Das wirkt bizarr, aber jeder Tod hat seine besondere Spezialität. Ihr Liebhaber ist für das Erschießen zuständig. Die verschiedenen „Tode“ können sich auch zur Ruhe setzen, wie die Protagonistin in Form eines Frührentners bemerkt. Dieser sagt, während der Holocaust hätte er nur Anweisungen umgesetzt. Die Frau schließt sich, auf eine besondere Art und Weise zu rächen. Nach einer sehr guten Exposition versucht die Autorin zu viel auf zu wenigen Seiten. Daher wirkt der Text gedrängt, auch wenn der surrealistische  Handlungsverlauf und die Idee, eines neuen „göttlichen“ Königs auf Erden empfangen jungfräulich –auf eine umgekehrte Art und Weise – ihren originellen Reiz vor einem nihilistischen Hintergrund hat.

Bizarr ist auch eine weitere potentielle Apokalypse – Retter Geschichte. Nitay Peretzs „Mein beschissener Herbst“ wirkt wie eine Parodie auf zahlreiche SF Geschichten. Der Protagonist durchlebt eine schlechte Phase. Seine Freundin trennt sich; von seinem Job lässt er sich feuern und sein bester Freund wird durch einen Autounfall mit Beteiligung eines UFOs erleuchtet und beginnt ,Jünger um sich zu versammeln. Der Affe des Mühlmanns wird zu einer Art israelischen Yoda und verkündigt kryptische Weisheiten. Am Ende ist alles wieder gut. Nitay Peretz versucht auf den letzten  Seiten zu viel zurückzudrehen, ohne das es wirklich einen Sinn macht. Die Ausgangsbasis ist lustig, bizarr und viele Anspielungen auf die kleinen Katastrophen, die mancher Lebensabschnitt innehat, bevor die Ideen ausgehen.  

Yael Furmanns „Männerträume“ ist auch eine der humorvollen Geschichten, in welcher ausschließlich die Männer generell Träume ihrer Mitmenschen beeinflussen können. Unabsichtlich und ungerichtet. Da helfen bei den Frauen auch keine Schlaftabletten. Die bizarre Idee wird in dieser Miniatur zu wenig zufriedenstellend entwickelt, so dass die Geschichte überzeugen kann.

Auch die letzte sehr kurze Story „Ishmael“  von Shimon Adaf hat ausgesprochen viel  Potential, wirkt aber nicht immer gut umgesetzt. Eine Mutter weckt bei ihrem Sohn die Aufmerksamkeit mittels alter Ausgaben des israelischen SF Magazins „Fantasia 2000“. Sturgeon, Bester und Zenna Henderson gehören zu seinen Favoriten. Er beginnt, nicht den Autoren, sondern den dargestellten Charakteren Briefe zu schreiben.  Die Hommage an die goldenen Zeiten -  sowohl in den USA als auch in Israel – funktioniert, in dem der Text Erinnerungen bei den Lesern weckt, bleibt allerdings angesichts der Kürze und des zu offenen Endes auch viel zu offen.

Hugo Gernsback hat wahrscheinlich wohlwollend über Gur Shomrons Schulter geschaut, als er mit „Zwei Minuten zu früh“ eine dieser pulpigen, immer komplizierter, aber nicht komplexer werdenden Young Genius gegen den Rest der Welt Geschichten geschrieben hat. Die Pointe ist faszinierend und unterstreicht, dass die Hochbegabten vor allem auch den Elitecolleges nur mit Wasser kochen.

In dieser Welt der nahen Zukunft ist Puzzeln eine der wichtigsten Herausforderungen. Nicht die normalen zweidimensionalen Puzzle. Nicht einmal drei Dimensionen reichen, denn der Computer stellt den Teilnehmern – immer drei Jugendliche bilden eine Gruppe – auch Fallen. So können Teile des Puzzles plötzlich versinken und die ganze Arbeit muss noch einmal gemacht werden.

Wichtige Aspekte des Plots würden untergehen, wenn die Sieger des Wettbewerbs nicht den Hinweis gebracht hätten, dass das Puzzle ihnen zwei Minuten zu früh geliefert worden ist.  Dadurch ist ein Wissenschaftler aus dem Nichts heraus gezwungen, seine eigene Manipulation des Wettbewerbs darzulegen und aufzuzeigen, dass die Menschen nicht die intelligenteste Spezis auf dem Planeten sein müssen.

Der technische Aufwand hinsichtlich der Installation im Arbeitszimmer der Genies, die Computerüberwachung und schließlich auch der Verlauf des Wettbewerbs ist enorm. So erstellen die jeweiligen Parteien aus den ersten erkennbaren Puzzlestücken mittels ihres erlaubten Computers ein 3-D Bild, damit sie schneller vorankommen.

Diese fast naive Aufbruchsstimmung, die Hommage an die Genies aus der Familiengarage und die doppeldeutige Pointe geben dieser im 21. Jahrhundert entstandenen Story eine gewisse Patina und rückt sie in den Bereich der würdevollen Hommage  an andere, goldene Zeiten. Dass die Geschichte inhaltlich nur bedingt einen Sinn macht, steht auf einem anderen Blatt.   

Jack Danns „Wandering Stars“ Anthologien präsentierten Science Fiction jüdischer Amerikaner. „Zion´s Fiction“ konzentriert – wie eingangs erwähnt- auf israelische Autoren, von denen die meisten auch einen Teil ihres Lebens in dem Land gewohnt haben. Die ausführlichen Lebensläufe am Ende der Sammlung zeigen die globale Ausrichtung der jüngeren Generation.  Die hier gesammelten Geschichten haben nur bedingt Lokalkolorit. Viele könnten auch außerhalb Israels spielen und der Plot würde sich nur marginal und dann vor allem in historischer Hinsicht verändern.  Bei der Zusammenstellung der Geschichten in Kombination mit den Lebensläufen und bisherigen Veröffentlichungen ist bemerkenswert, wie viele der hier gesammelten Storys von Autoren stammen, die in erster Linie außerhalb des Genres veröffentlichen. Sie gehen respektvoll mit den Grundlagen der SF um und sehen in ihren Geschichten die Möglichkeit, der Phantasie die Sporen zu geben. Die Themenauswahl ist ausgesprochen breit, wobei einzelne Texte eher in den Bereich der Phantastik als der klassischen Science Fiction gehören. Von der Apokalypse über Zeitreisen und gigantischen Bauwerken bis zu Propheten, die persönlich an Bord eines UFOs gerufen werden, reicht das Spektrum der sehr gut unter anderem von Bernhard Kempten oder Frank Böhmert übersetzten Storys.  Die stilistische Qualität ist hoch. Viele der Storys nutzen bekannte Versatzstücke des Genres und verfremden sie nicht selten auf eine humorvolle Art und Weise.  Die Qualität aller Geschichten ist mindestens zufriedenstellend -  das betrifft vor allem die kürzeren Texte, die nicht gänzlich ausgearbeitet erscheinen – bis überdurchschnittlich gut. Die Texte geben einen guten Überblick über den Stand der israelischen SF der Gegenwart, blicken aber vielleicht zu wenig mit nur zwei Storys aus dem 20. Jahrhundert für eine Auftakt Anthologie in die eigene Geschichte. Das größte Manko dieser ansonsten ausgesprochen empfehlenswerten Kurzgeschichtensammlung, welche der Hirnkost Verlag in einem angesprochenen Hardcover, aber einem neutralen Cover publiziert hat. In den USA gab es mit dem auf die Erde schauenden  Astronauten eine direkte Anspielung auf Herzls „Altneuland“.   

Vor vielen Jahren hat unter anderem der Goldmann Verlag mit seinen Anthologien „SF aus China“, „SF aus Australien“ oder „SF aus Rumänien“ auf die phantastische Literatur in diesen Ländern hingewiesen. Vor allem in den USA ist diese Tradition mit Sammlungen aus Asien, aber auch verstärkt Afrika weiterhin am Leben. Nur wenige israelische Autoren bislang die Möglichkeit gehabt, im englischsprachigen Raum ihre Texte zu veröffentlichen Die beiden „Zion´s Fiction“ Anthologien stellen einen markanten Anfang dar, die Literatur aus einem Land kennenzulernen, das – wie ebenfalls eingangs erwähnt – auf dem Buch der Bücher und einem SF Roman aus dem ehemaligen deutschen Kaiserreich gegründet worden ist.  

Zion's Fiction: Phantastische Literatur aus Israel

  • Herausgeber ‏ : ‎ Hirnkost (25. April 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 408 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3949452966
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3949452963
  • Abmessungen ‏ : ‎ 15.1 x 3.4 x 21.5 cm