Into the Night

Cornell Woolrich & Lawrence Block

Im 20. Jahr ihres Bestehens legt der amerikanische Verlag Hard Case Crime mit „Into the Night“ eine posthume Kooperation zwischen Cornell Woolrich und Lawrence Block vor. Der Roman ist zum ersten Mal 1987 publiziert worden. Eine deutsche Ausgabe folgte 1991 im Heyne Verlag unter dem Titel „Die Nacht trägt schwarz“. Die Hard Case Crime Ausgabe präsentiert ein von Lawrence Block überarbeitetes neues Ende der Geschichte. Allerdings fehlt das ausführliche und sehr interessante Nachwort der ersten amerikanischen Ausgabe in der „Mysterious Press“ Ausgabe. Hardboiled und Film Noir Fans sind auf diese Art gezwungen, beide Ausgaben zu behalten.

Cornell Woolrich begann den Roman in seinen letzten Lebensjahren.  Zu diesem Zeitpunkt litt Woolrich schon an den Folgen des Kettenrauchens und dem übermäßigen Alkoholkonsum.  In den letzten acht Jahren seines Lebens hat der Amerikaner keinen Roman und keine Kurzgeschichte mehr vollendet und veröffentlicht.  Laut Woolrichs Biographen Francis Nevins – siehe die amerikanische Erstveröffentlichung – hat Woolrich das Buch Anfang der sechziger Jahre zu einem großen Teil fertiggestellt. Wahrscheinlich hat Lawrence Block die ersten vierzehn oder fünfzehn Seiten mit dem überraschenden und effektiven Prolog, dann zweimal die letzten vier bis fünf Seiten und einzelne Teile in der Mitte geschrieben. Woolrich hat das grobe Handlungsmuster entwickelt und den größten Teil der Geschichte in einer Art Grobfassung niedergeschrieben.

 In seiner Biographie ist Nevins sogar die einzelnen Seiten durchgegangen. Woolrich ist aber kein Autor gewesen, der im Vorwege umfangreiche Exposes fertigte, sondern nicht selten spontan schrieb.  Nicht zuletzt aus diesem Grund hat sich Lawrence Block , das Ende der Geschichte noch einmal gegenüber der ersten Fassung zu überarbeiten.

Auch wenn Cornell Woolrich als einer der einflussreichsten Hardboiled Autoren Amerikas gegolten hat und lange Zeit in Vergessenheit geraten hat, unterscheidet er sich von seinen Kollegen wie Chandler oder Hammett durch ein entscheidendes Element. Als Homosexueller hat er vor allem in seinen letzten drei Romanen noch mehr als in seiner Glanzzeit erstaunlich überzeugende, aber nicht unbedingt grundsätzlich sympathische Frauenfiguren erschaffen. „I Married a Dead Man“; der bekannte und verfilmte „The Bride Wore Black“ und schließlich „Into the Night“ bilden in dieser Hinsicht eine erstaunliche Trilogie weiblicher Unverfrorenheit, Kaltblütigkeit und sexueller Anziehungskraft, die über die im Film Noir so populären Femme Fatale weiter hinausgeht.

Madeline ist eine junge, lebensmüde Frau. Sie will sich mit der Waffe ihres Vaters in der eigenen Wohnung erschießen. Allerdings erwischt sie eine leere Kammer. Voller Frust haut sie – nicht zum letzten Mal in dieser Geschichte – die Waffe auf den Tisch. Es löst sich ein Schuss, der das Leben einer anderen jungen Frau auf der Straße beendet. Madeline eilt auf die Straße, das Mädchen stirbt in ihren Armen.

Die Polizei hat wenig Interesse an einer Aufklärung. Sie geht von einem Schuss aus einem fahren Wagen aus. Mit ein wenig mehr Mühe hätten  die Ermittler schnell erkannt, das der Winkel nicht stimmt. Aber der „Todschlag“ aus dem Affekt heraus  bzw. der tödliche Unfall dient als Aufhänger, als Katalysator für die kommenden, sehr viel mehr verstörenden Ereignisse.

Madeline beginnt, das Leben der jungen Frau namens Starr zu verfolgen. Sie besucht die Mutter und berichtet ihr, wie ihre Tochter ums Leben gekommen ist. Natürlich lässt sie ein kleines Detail aus. Auch hier wird vom Leser ein wenig Geduld, aber auch Unglaube verlangt. Die Mutter ahnt, dass die Mörderin ihrer Tochter vor ihr steht. Aber sie kann es natürlich nicht beweisen. Trotzdem hilft sie der jungen Frau weiter.

Anscheinend hat die junge Frau wenige Tage vor ihrem Tod vor ihrer Flucht aus ihrer Heimatstadt eine schlechte Nachricht erhalten. Das hat sie veranlasst, umgehend ihren Ehemann zu verlassen. Einen kleinen Hinweis erhält der Leser sehr früh in diesem Roman, kann ihn aber zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich verarbeiten.

Madeline hat nicht nur aufgrund ihres schlechten Gewissens einen Plan. Sie notiert ihn sich:

1.       To Get even with a Woman     

Madeline ist  der Ansicht, dass sich Starr von ihrem Mann Vick wegen des erster Frau trennte. Dabei handelt es sich um eine bekannte Nachtclubsängerin Adelaide.   

Cornell Woolrich und Lawrence Block gelingt es verstörend und beklemmend faszinierend, einen kranken Geist zu beschreiben, der verzweifelt und fast mit Scheuklappen ausgestattet die eigene Tat zu rächen sucht. Madeline ist sich jederzeit bewusst, dass sie einen Menschen tötete. In ihrer verschrobenen Weltsicht, ist die junge Frau aber vor ihren  Revolverlauf geraten, weil andere Menschen sie dazu getrieben haben. Wäre ihre Ehe mit Vick glücklicher und gäbe es nicht Adelaine, dann wäre Starr niemals in Madeline Stadt gereist, niemals vor ihrem Fenster spazieren gegangen und sie hätte sie niemals töten können. Quot Erat Demonstrandum.   

Adelaine ist eine Frau mit  Vergangenheit, aber auch Fähigkeiten. Als Nachtclubsängerin kennt sie sich mit den menschlichen Schwächen aus. Aus Madelines Perspektive ist sie die perfekte Femme Fatale, welche Madeline aufgrund ihrer Reife, ihrer Erfahrung, aber auch Sexualität den Mann gestohlen hat.

Dieser zweite Abschnitt  des Buches endet wie die Auftakt Kapitel. Madeline wird von der Polizei verhört, aber hat im Grunde nicht wirklich viel zu sagen. Konsequent und weiterhin im Irrglauben steuert sie Punkt zwei auf der Liste an.

2.       To Kill a Man

 

Madelines Mann Vick muss sterben. Eher durch einen Zufall nach einigen Nieten kommt sie dessen Identität auf die Spur und beginnt sich, bei ihm einzuschmeicheln. Es ist das erste Mal, das Madeline sich selbst als Femme Fatale versucht. Wenn Vick auf ihre Annäherungsversuche reagiert, dann ist er schuldig und muss getötet werden. Allerdings hat Vick ein dunkles Geheimnis, das Starr schließlich in die Nacht getrieben hat. Ein für die damalige wie heutige Zeit schockierendes Geheimnis. Madeline hat in einem Punkt recht: Vicks erster Frau hat die Tragödie offenbart. Aber sie ist nicht schuldig. Starrs Reaktion der Flucht ist berechtigt gewesen. Ohne wenn und aber gibt es für sie keine Alternative. Aber sie alle sind Opfer eines Manns, der seine eigenen  Gefühle nicht unterdrücken  konnte. Hier liegt die größte Tragik dieser Geschichte.      

Die Stärke dieses Buches liegt weniger in der klassischen Kriminalhandlung. Wie bei David Goodis im direkten Vergleich zu Chandler und Hammett geht es weniger um die Aufklärung von Verbrechen mit einem Schwerpunkt Mord, sondern um die zwischenmenschlichen Beziehungen; die tragischen Momente im Leben von sozial mit beiden Füßen im Leben stehenden durchschnittlichen Menschen und schließlich die unterschwelligen Gefühle von Hoffnungslosigkeit in Bezug auf ein besseren, strahlenderes Leben oder eine bessere Zukunft im Moloch Großstadt oder den inneren moralischen Zerfall. Das Überschreiten von Grenzen. Nicht immer bewusst und hinterhältig, sondern aus dem Affekt, der momentan Begeisterung.

Woolrichs Figuren sind auf den Punkt genau hin charakterisiert. Nicht selten hat der Leser das Gefühl, als entwickelte Woolrich absichtlich Klischees, um sie dann vor den Augen seiner Figuren und damit auch dem Leser wieder zu zerstören. Die Nachtclubsängerin ist eben nicht die Femme Fatale; der Hobbyfotograf ist nicht nur der Schürzenjäger und die Totschlägerin – der Begriff Mörderin wäre für Madeline zu stark – ist krankhaft obsessiv auf ihrer verzweifelten Reise nicht nur durch die Nacht, sondern den eigenen Abgründen gegenüber. Die vier Menschen sind beginnend mit dem Schuss aus dem Revolver in einem Teufelskreis gefangen, auch wenn Vick als Ausgangspunkt das Loch schon sehr viel früher gegraben hat.

Um diese vier Figuren herum hat Woolrich einige Nebenfiguren platziert, die dem Leser viel länger im Gedächtnis bleiben. Das ist der kranke Kriegsveteran, der von einem Vater seiner Kameraden vor emotionalen Ausbrüchen geschützt wird. Er ist für sein Leben gezeichnet und der Vater sieht es als seine Pflicht an, Gutes ebenfalls mit Gutem zu vergelten. Mit ihren Vorurteilen bricht Madeline in diese Männer Zwangsgemeinschaft ein und zerstört beinahe mit ihrer blinden Naivität den fragilen Zusammenhalt. Voller Wut; voller unsinnigem Drang, etwas Gutes als Ausgleich für ihre böse Tat tun zu wollen, erkennt sie gar nicht, das ausgerechnet diese beiden Männer das perfekte „Gleichgewicht“ aus Schuld und Söhne gefunden haben.

Es sind diese kleinen Szenen neben dem überraschenden Ende, die aus dem psychologischen Krimi „Into the Night“ eine heute noch lesenswerte, allerdings auch hinsichtlich Madelines krankhafter Obsession auch stellenweise leicht konstruierte Charakterstudie machen, dessen Kernaussage der bodenlose Leichtsinn ist, der für Madeline ihre bisherige Welt ins Wanken bringt und sie obsessiv mit einer anderen Identität – der von ihr getöteten Starr – ausgestattet. Und darüber hinaus eine Mission, die sich am Ende teilweise als sinnlos, als verantwortungslos entpuppt und Starr zu einem doppelten Opfer macht.     

Into the Night (Hard Case Crime Book 163) (English Edition)

  • Herausgeber ‏ : ‎ Titan Publ. Group Ltd.; 1. Edition (7. Mai 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Englisch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 238 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 1803366990
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-1803366999
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