Clarkesworld 224

Neil Clarke (Hrsg.)

In seinem Vorwort „From Unusual Places“ geht Herausgeber Neil Clarke auf neue, andere Marketingstrategien ein. Aus dem Offline quasi ins Online. Immer noch steht „Clarkesworld“ auf sehr wackeligen Beinen, so dass diese Strategie existentiell ist. 

Gunnar de Winter geht in seinem Artikel „Symbiosis and Holobionts, of Life is a Manifold” auf einige biologische Neuentdeckungen ein. Er vergleicht diese mit Aspekten des Genres, stellt die entsprechenden Werk kurz und prägnant vor, bis er einen sehr offenen Ausblick präsentiert. Wie das Leben ist alles bei diesem Essay in einer Art Fluss.

Mit zwei sehr unterschiedlichen Autoren/ Herausgebern spricht Arley Sorg. David Barr Kirtley wie auch Jane Espenson haben das Herausgeben, das Lektorieren an Magazinen gelernt und bringt Ihre Expertise jetzt in den Magazinmarkt mit ein. Dabei geht es nicht nur um das immer schwieriger werdende Vertriebssystem, die steigenden Kosten, die Qualität der eingereichten Geschichten, sondern auch den Blick auf die eigenen Kurzgeschichten und Romane. Wie in den bisherigen „Clarkesworld“ Ausgaben ist Arley Sorg ein intensiver Interviewer, der gerne rote Fäden in den Antworten seiner Gesprächspartner aufnimmt und erweitert.

Sechs Kurzgeschichten und eine überzeugende Novelle bilden den literarischen Kern der Mai 2025 Ausgabe.

Mit 1640 Worten ist Angela Lius Kurzgeschichte „Brainstem Disco 2191“ die zweitkürzeste Geschichte dieser „Clarkesworld“. Anscheinend bewegen sich zwei kürzlich verstorbene Liebende in einer Art Vorhöllendisco mit unterschiedlichen Musikrichtungen. Sie sehnen sich nicht nur nacheinander, sondern vor allem auch nach dem Leben. Expressiv, ein wenig grell, durch die Kürze des Textes emotional auch unterentwickelt, aber ein solider Einstieg in diesen Wonnemonat Mai.

Rati Mehrotas „The Library of the Apocalypse“ ist eine dieser seltsam bizarren Geschichten, in denen der Hintergrund nicht gänzlich aufgehellt ist, die aber trotzdem funktionieren. Der Erzähler führt eine Gruppe von Menschen in jeder Vollmondnacht durch die Ruinen von Toronto auf der Suche nach Büchern oder anderen gedruckten Werken, um mit deren Hilfe der bitteren Realität zu  entkommen. Überzeugende Charaktere, eine stimmige Atmosphäre und ein gänzlich anderer Wunsch nach Büchern machen die auch stilistisch überzeugende Kurzgeschichte zu einem ersten Höhepunkt.

„We, the Fleet“ könnte eine weitere Borg Variation sein. Eine anscheinend kybernetisch erschaffene „Mutter“ mit den entsprechenden konstruierten Kindern findet eine junge Frau, die im Sterben liegt. Sie operiert sie pragmatisch, überträgt damit ihren Geist in einen anderen Körper. Mit ihrem Erwachen beginnt die intellektuell auf einem sehr hochstehenden Niveau geführte Diskussion zwischen Mutter und neuer Tochter, ob deren Handlungen rechtens gewesen sind.

Mit mehr als 21.000 Worten nimmt „Descent“ von Wole Talabi den größten Raum ein. Die menschenähnlichen Wesen bewohnen die Atmosphäre eines Gasplaneten. Der Erzähler leidet unter seiner dominanten Mutter, einer außergewöhnlichen Wissenschaftlerin, die strikt entschieden hat, dass es in der Gasatmosphäre nichts gibt. Der Sohn rebelliert und hat eigene Ideen. Gegen den Willen der Mutter mit einem selbstgebauten „Fahrzeug“ seilt er sich quasi mit einer kleinen Crew von Freiwilligen ab, die auf der Oberfläche unter dem Gas seltene Schätze oder Rohstoffe vermuten. Während der Erzähler obsessiv seinen Theorien nachgeht und dabei mit fatalen Folgen auch die eigene Sicherheit vernachlässigt, geht es seinen gut charakterisierten Crewmitgliedern um Reichtum. Über allem hängt der Schatten der dominanten Mutter.

Lange Zeit handelte es sich um eine fast klassisch angelegte Abenteuergeschichte auf einer exotischen Welt. Zwar spielt die Rebellion gegen die absichtlich unsympathisch überzeichnete Mutter auch eine Rolle, aber die exotische Atmosphäre, das Fallen in die unbekannten Tiefen und die klaustrophobische Atmosphäre innerhalb der Kapsel dominieren den mittleren Abschnitt der Geschichte. Auf den letzten Seiten dreht Wole Talabi den Plot nicht unbedingt auf links, aber fatalistisch kommt dem Erzähler nicht nur eine Erkenntnis, sondern nach dessen im Grunde wahnwitzigen Erscheinenden handeln auch die Erleuchtung, dass Forschung mehr als eine One-Man-Show ist. Es stellt sich die Frage, ob andere Menschen an ihn denken werden. Fortschritt und Forschung lassen sich eingrenzen, aber nicht aufhalten. Es ist ein klassischer Pyrrhussieg, der diese ausgezeichnete Kurzgeschichte so aus der Masse vergleichbarer Texte heraushebt und den lange Zeit ambivalent wirkenden Erzähler zu einer tragischen, aber nicht bedauernswerten Figur macht. Cineastisch geschrieben mit einer Reihe von exotischen Szenen ist „Descent“ der Höhepunkt dieser „Clarkesworld“ Ausgabe und eine der besten Geschichten des Jahres 2025.

 Ann LeBlancs „Oh Time Thy Parymids” ist dann die exzentrische Mai Geschichte. Der Protagonist ist in der Theorie eine Skulptur, die Äonen bewegungslos, aber geistig wach gewartet, bzw verharrt hat. Beim Einsetzen der Geschichte entschließt sie sich, ihre Position zu verlassen und sich nicht nur durch den Raum, sondern anscheinend auch die Zeit zu bewegen. Eine seltsame Geschichte, in welcher der Leser einen Bezug zur Figur sich eher erarbeiten muss. Vieles bleibt fremd und wirkt dadurch auch stark konstruiert.

Caryanna Reuvens „Proxima One“ ist von Sue Burke übersetzt worden. Ursprünglich erschien der Text im Spanischen. Automatische Raumsonden befinden sich in den Tiefen des Alls. Warum sie alle Proxima One heißen, steht auf einem anderen Blatt. Einige finden während ihrer endlosen Reisen nichts; andere begegnen intelligentem Leben und schließlich entwickelt sich ein kleiner Teil selbst weiter. Durch die Neuprogrammierung sehen sie „Leben“ mit anderen, weniger künstlichen Augen. Dadurch könnte der Schöpfungsprozess unter anderen Perspektiven neu entstehen. Ein ambitionierter Plot, der allerdings sehr distanziert und dadurch eher schematisch entwickelt worden ist. Vielleicht liegt es an der Übersetzung, aber der Geschichte fehlt das für Spanier so typische emotionale Herz.  

Marie Vibbert hat  sich in den letzten Monaten mit ihren Miniaturen als gute Schlusswort-Autorin etabliert. Auch „Yarn Theory“ basiert auf einer auf den ersten Blick eher absurden Theorie, dass in der von Aliens empfangenen Botschaft etwas Existentielles, griffiges ist. Etwas, das vor allem älteren Damen bekannt vorkommen sollte. Die Idee wird pointiert, aber auch sachlich präsentiert.  Für einen Wissenschaftler scheint die Vorgehensweise bemerkenswert querdenkend, aber das sehr ist auch Teil der für die Kürze zufriedenstellenden Pointe.

Beginnend mit dem schönen, sehr grünen Titelbild präsentiert Neil Clarke eine mindestens solide, mit der Novelle „Descent“ sogar sehr gute Auswahl von Kurzgeschichten, bei denen es dieses Mal allerdings keinen roten Faden zu entdecken gibt. Eine thematische Konzentration ist in den letzten Monaten  ein sehr positives Beiwerk gewesen, das in „Clarkesworld“ 224 allerdings durch die dominierende Novelle ausgeglichen wird.