Der Blechengel

Ron Goulart, Der Blechengel, Terra Astra 217, Titelbild
Ronm Goulart

Ron Goulart ist einer der Science Fiction Autoren, der immer mit seinen satirisch überzeichneten Texten einen Zeitgeist zu treffen sucht. Nicht selten überspannt der Amerikaner dabei den Bogen und vergisst, dass das Element vor allem der sozialkritischen Satire auf dem Fundament einer stringenten Handlung aufgebaut sein sollte.

Aus heutiger Sicht muss sein Text zurück in den Kontext der siebziger Jahre geführt werden. Die Handlung funktioniert nicht in Zeiten, in denen die Computer lebendigere Abbilder erschaffen als es manche Schauspieler je auf der Leinwand gewesen sind. In denen diese CGI Wesen natürlich immer noch durch die Programmierer zu Leinwandstars werden und eigene Persönlichkeiten entwickeln. Mit Bowser hat Ron Goulart in den siebziger Jahren eine Art kybernetischen Vorgänger entwickelt. Einen sprechenden, singenden, tanzenden Hund, dessen Schöpfung in erster Linie die amerikanische Unterhaltungsindustrie auf den Kopf stellen sollen. Bowser ist zu Beginn des Jahres 1999, in dem die Handlung spielt, keine Mediensensation mehr, sondern eine abgerundete „Persönlichkeit“, die sich mit zahlreichen Talkshows und Fernsehserien inzwischen auch dem Einfluss seines indirekten Schöpfers entzogen hat. Interessant ist, dass Ron Goulart seine Geschichte zwar in einem natürlich überdrehten Amerika am Rande des Jahrtausendwende spielen lässt, er aber im Vergleich zu Kathryn Bigelows brillanten „Strange Days“ auf die entsprechenden Untergangspropheten genauso verzichtet hat wie auf die Anspielungen auf den „Millenium Buck“, der schließlich nicht statt gefunden hat.

 Ausgangspunkt der Handlung sind zwei Engagements, die Bowsers Agent Bert Schenley angenommen hat. Agenten jeglicher künstlerischer Art sind bei Ron Goulart immer Inkarnationen des Bösen, denen der Leser genau wie die Protagonisten keinen Glauben und vor allem auch kein Vertrauen schenken darf. Da „Der Blechengel“ im Original eine Novelle und kein ausgearbeiteter Roman gewesen ist, vertraut Goulart bei der Skizzierung Schenleys auf eine Reihe von aus anderen Arbeiten Goularts bekannten Klischees, so dass der ganze Plot in dieser Hinsicht eher konstruiert erscheint. Beide Engagement sind in Kalifornien. Das Land hat sich in eine Kriegszone verwandelt, in welcher verschiedene Rebellen und Guerillas gegeneinander, aber für kein Ziel kämpfen, das sich dem Leser nachhaltig erschließt. Hinzu kommt, dass diese Rebellen vor allem aus heutiger Sicht erstaunlich „harmlos“ und unbedarft erscheinen. Während Bowser den Ausflug in die Kampfzone als opportunistische Chance sieht, weiterhin in den Schlagzeilen ganz oben zu stehen, versucht Schenley einfach nur zu überleben. Für diese unwahrscheinlich Ausgangslage hat der Autor aber eine nachvollziehbare Erklärung parat. In den Wirren der verschiedenen militärischen Auseinandersetzungen ist ein Freund Schenley verschwunden. Bert missbraucht seine Starschnüffelnase, um neben den Engagements zur Truppenunterhaltung nach seinem Freund zu suchen. Eine wenig überraschende Ausgangslage, die sich im Grunde nach bekannten Verhaltensmustern auch weiter entwickelt. Dabei greift Ron Goulart handlungstechnisch auf eine Reihe von Versatzstücken zurück. Da wäre zum einen die Liebesgeschichte – der Leser muss sich nicht fragen, wer am Ende das Herz der jungen attraktiven und sogar intelligenten Dame gewinnt -, die eher schematisch und vor allem wenig emotional erscheint. Hinzu kommt, dass Schenley nicht nur einmal,  sondern mehrmals fatale Fehlentscheidungen ohne Not trotz vorhandener Hintergrundinformationen trifft, welche vor allem auch Bowser in Lebensgefahr bringt. Anstatt zumindest im Epilog den Kreis zu schließen und entsprechende weiterführende Fakten zu etablieren, lässt Goulart diesen Spannungsbogen mit einem zum Beispiel bei Barry Malzberg – der zweite Science Fiction Satiriker der siebziger Jahre – undenkbaren Ende dem romantischen Sonnenuntergang entgegenlaufen. Hinzu kommt ein Attentat auf einen der Unterpräsidenten der Unterdivision Westküste. Anstatt aus diesem zerklüfteten politischen System mehr zu machen und die Kandidaten konträr gegenüber zu stellen, verläuft dieser politische Hintergrund für eine Novelle aus den siebziger Jahren undenkbar im Sande. Mit einem Hund als Protagonisten, der über mehr als eine große Klappe verfügt, hätte er einen zynischen Kommentator aller politischen Fehlentwicklungen insbesondere in den frühen siebziger Jahren etablieren können, der diesen eindimensionalen Charakteren stellvertretend für die realen Vorbilder an die Wäsche gegangen wäre. Bis auf die Flucht nach dem Attentat auf einen, aber nicht den Präsidenten fällt politische Polemik komplett aus.

Bei den eigentlichen Actionszenen gibt es auch nur wenige Höhepunkt wie die komplette Zerstörung eines Hot Dog Standes, an dem sich mit dem Hundestar Bowser ein ideales Objekt für Hohn und Spott aufgehalten hat. Goulart konzentriert sich aber in dieser gut geschriebenen Szene auf die Action, so dass sie insbesondere im zu phlegmatisch entwickelten Plot isoliert erscheint. Am Ende müssen die Charaktere sich mehrmals nach den angesprochenen Schemata retten, so dass als ganzes gesehen „Der Blechengel“ an keiner Stelle das innewohnende Potential wirklich nachhaltig heben kann. Wie schwer es sich Goulart mit dem Text gemacht hat, erkennt der Leser daran, dass sich der Blechengel nicht auf den einzigen interessanten Protagonisten Bowser – heute wäre er ein Ted mit vier Pfoten, nicht aufrecht gehend – bezieht, sondern die United State Transition Service Wagen meint, welche die verstorbenen Präsidenten zu ihrer letzten Ruhestätte bringt. Ebenfalls ein guter Ansatz, um den Politikern ihre Masken herunter zu reißen und ihre Machtausübung zu kritisieren. So bleibt auch diese Idee ein Torso, die allerdings effektiv opportunistisch immer wieder angesprochen, aber keine Stelle aber wirklich nachhaltig genug eingesetzt wird. Nur wer sich intensiv mit Ron Goularts Werk beschäftigen möchte, kann auf diese als Heftroman 1975 veröffentliche Novelle zurückgreifen. Für alle anderen Interessierten gibt es ausreichend bessere Arbeiten beginnend mit den ersten zwei „Groucho Marx“ Romanen, die sich mit den Scheinwelten des Showbusiness genauso auseinandersetzen wie mit der immer wieder fehl geleiteten Politik.           

Pabel Verlag, Terra Astra 215, 64 Seiten, Oktober 2015