Now and Then We Time Travel

Now and then we Time Travel, Rezension, Titelbild
Fraser A. Sherman

Fraser A. Sherman hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt. In seiner beginnend mit dem unterhaltsamen Titel Studie möchte der ehemalige Reporter aus Florida möglichst viele Filme – über vierhundert – und einhundertfünfzig Fernsehserien  vorstellen, aber nicht besprechen, in denen Zeitreisen jeglicher Art inklusiv Abstechern zu Parallelwelten oder in Spiegeluniversen eine Rolle spielen.  Die Filme und Fernsehserien müssen zumindest in den USA „sehbar“ gewesen sein und aus vor allem Ländern wie den USA, Kanada, Japan und Europa stammen. Ausnahmen  bestätigen die Regel.  Im Anhang wird diese Idee pragmatisch allerdings erweitert.

In seinem Vorwort geht Fraser A. Sherman auf die Geschichte der Zeitreisegeschichte beginnend im Grunde mit Mark Twain und seinem „A Yankee in King Arthur's Ccourt“ als Musterbeispiel einer sozialkritischen Auseinandersetzung sowie einer „Was wäre wenn?“ Geschichte ein. Im Zuge dieser das erste Kapitel umfassenden Einführung definiert Sherman sehr sachlich, aber auch mit einem oberflächlich hintergründigen Humor die visuellen Werke, die von ihm auserwählt worden sind. Auch wenn es auf den ersten Blick wenig logisch erscheint, versucht der Autor nicht nur die Gesetze der Zeitreise beginnend mit der These des Flügelschlages eines Schmetterlings und endend beim Töten des eigenen Großvaters zu definieren und als Leitplanken für sein Buch festzulegen. Interessant wird es in einem direkten Vergleich zwischen dem Vorwort und dem anschließenden Text, denn die größte Schwäche des vorliegenden Buches ist nicht sein Hang zur Vollständigkeit,  sondern eine fehlende kritische Auseinandersetzung mit den vorgestellten Arbeiten. Ein manchmal sehr abfälliges Wort als Einleitung reicht nicht aus, um dem Leser einen Eindruck von den Filmen zu geben.  

In dieser Hinsicht ist Shermans Studie was antiseptisch. Es spielt keine Rolle, ob es sich um einen Fernsehfilm, eine Folge einer populären Fernsehserie oder schließlich einen mehr oder minder hoch budgetierten Kinofilm handelt. Das „Äußere“ beginnend mit den Schauspielern und endend bei den visuellen Tricks ist eine reine Verpackung.   

Diese Vorgehensweise ist in mehrfacher Hinsicht befremdlich.  Vor allem bei Fernsehserien und Filmen kommt es auch auf die inhaltliche wie optische Qualität gleichermaßen an. Natürlich ragt ein intelligentes, verschachteltes und herausforderndes Drehbuch über ein fehlendes Budget hinaus und kann einen tricktechnisch unterdurchschnittlichen Streifen immer noch sehenswert machen.  Aber wie bei einem guten Buch ist der Inhalt nur in Kombination mit einem lesbaren Stil erträglich wie auch ein Film die handwerkliche Grundvoraussetzungen erfüllen muss. Und bei der Beurteilung dieser Rahmenbedingungen reicht ein Wort nicht aus.

Natürlich will Sherman bei seinen Betrachtungen auch in die Tiefe gehen.  Aber diese Idee verwischt im Laufe des Buches. Während die ersten thematisch locker geordneten Kapitel sich noch mit einigen wichtigen Ideen des Zeitreisegenres als Vorgriff auf die vorzustellenden auseinandersetzen Filme auseinandersetzen, beschränkt sich der Autor in den folgenden Abschnitten auf einige wenige einleitende, für eine sekundärliterarische Arbeit zu oberflächliche Sätze.

Während die Logik vor allem vor dem Hintergrund pseudowissenschaftlicher Erläuterungen die Quadratur des Kreises darstellt, sind es die philosophischen Fragen, die leider nur angerissen werden. Wenn man durch eine Zeitreise ein von einem selbst begangenes Verbrechen rückgängig machen kann,  ist man trotzdem für die originäre Gesetzesübertretung, für das erste Verbrechen schuldig oder nicht?

Ist es möglich, immer wieder an die gleiche oder vergleichbare Stelle der Vergangenheit zurück zu reisen, um Korrekturen vorzunehmen oder erlischt die eigene Erinnerung an diese Reise mit dem Abschluss der Korrektur. Sollte das Letztere der Fall sein, stellt sich die Frage, wie man sich als Ausgangspunkt der Reise in die Vergangenheit aus der Zukunft kommend überhaupt daran erinnern kann.  Wenn man sich selbst an diese Reise und die „alte“ Zeit erinnert, können das auch mittelbar vom Überschreiben betroffene Menschen, die mit ihren Möglichkeiten wieder in die Vergangenheit reisen, um alles wieder zu verändern? Und dieser Punkt geht nahtlos in die erste These über. Im Grunde könnte dann jeder an jedem Punkt zwischen dem Reiseziel in der Vergangenheit und der Gegenwart herumdoktern und Dinge umschreiben.       

Wahrscheinlich hätte es den Umfang dieser Studie gesprengt, die einzelnen Fragen an Hand von Beispielen zu diskutieren und die verschiedenen natürlich fiktiven Folgen abzuwägen oder gegeneinander zu stellen. Auf der anderen Seite wirkt die Auflistung von möglichst vielen Filmen/ Fernsehfolgen mit dieser jeweiligen Handlungskonstruktion und vor allem einer kurzer Inhaltsangabe auch nicht zweckdienlich. Zumindest verzichtet Sherman bei den meisten Filmen drauf, die abschließende Pointe zu verraten, aber die Inhaltsangaben sind wie bei Wikipedia Artikeln umfangreich und listen die wichtigsten Schauspieler, ggfs. auch einige literarische oder cineastische Vorlagen auf. Nicht immer weiß der Autor, ob ein Stoff auf einem Roman basiert oder nicht. So wird auf Michael Crichtons „Sphere“ hingewiesen, auf „Timeline“ von ihm nicht.

Neben dem Mark Twain Klassiker und seinen unzähligen Adaptionen steht natürlich H.G. Wells „Die Zeitmaschine“ zu Beginn. Hier stellt Sherman nicht nur die beiden großen Verfilmungen sowie einige Fortsetzungen vor. Selbst der seltene deutsche Fernsehfilm „Die Rückkehr der Zeitmaschine“ wird erwähnt. Der Kreis erweitert sich um die einzelnen Auftritte der berühmten Zeitmaschine aus dem George Pal Streifen oder die verschiedenen Werke, in denen H.G. Wells unmittelbar oder mittelbar aufgetreten ist. Hier sei nur „Time after Time“ exemplarisch erwähnt.  Peinlich ist, dass Sherman auf der einen Seite „Eureka“ anspricht, auf der anderen Seite „Warehouse 13“ nicht erwähnt. In „Warehouse 13“ spielt nicht nur eine weibliche H.G. Wells mit, sondern neben der Zeitreise wird auch die Idee eines Zeitloops angesprochen, mit welchem Archie kritische Handlungen auch unter der Opferung des eigenen Verstandes überschreibt.

Ab dem dritten Kapitel macht der Autor deutlich, dass er vor allem thematisch vorgeht. So unsinnig es auf den ersten Blick erscheint, mit Ideen wie dem Ausgangspunkt einer Reise in der Gegenwart und exotischen Zielen wie zum Beispiel den wilden grellbunten Siebzigern  erschlägt er gleich eine Reihe von Zeitreisefilmen. Ein Problem zeichnet sich in diesem Kapitel schon ab. „Back to the Future III“ spielt im Wilden Westen und wird auch entsprechend in diesem Abschnitt vorgestellt. Der erste  „Back to the Future“  Film gehört aber in den Abschnitt, in dem Familiengeschichten unter anderem auch „Peggie Sue got married“ behandeln werden. Streifen, in denen der Charakter bewusst oder mittelbar aus der Gegenwart in die Vergangenheit reist oder befördert wird, um seine schräge Familie oder die eigene Ehe in der Gegenwart zu richten. 

Nicht nur die „Back to the Future“ Streifen werden so auseinander gerissen und quasi mehrfach vorgestellt.  Besonders ärgerlich ist diese Trennung bei Filmen wie „The Philadelphia Experiment“, die in mehreren Kategorien mit dem ersten Streifen und der Fortsetzung vertreten sind. Die Lektürefreundlichkeit wird nicht erhöht, auch wenn diese streng thematische Vorgehensweise keine andere Möglichkeit lässt.

Das Gegenbeispiel sind die Reisen aus anderen Zeiten in die Gegenwart, um dort entweder die Zukunft zu retten wie in „Star Trek IV“ oder sie negativ zu verändern oder einfach nur besonderen Urlaub zu machen. Im Grunde fließt dieses Kapitel in das nächste über. Aus der Zukunft kommend die Vergangenheit verändern zu wollen. Natürlich passiert das alles in der Gegenwart. Der Unterschied zwischen diesen beiden Abschnitten ist im Grunde peripher. Bei den „Terminator“ Filmen ist Absicht hinter den Handlungen und ein genauer Plan, während nicht selten bei einigen Streifen diese Veränderungen in der Gegenwart nur mittelbar sind. Natürlich handelt es sich um eine rein theoretische Diskussion und der Autor hat an einigen Stellen Schwierigkeiten, die Beispiele seinen einzelnen Überschriften zuzuordnen. Da der kritische Gehalt fehlt, kann diese Vorgehensweise auch „übersehen“ werden und der Leser kann sich auf die vielen, teilweise seltenen Beispiele konzentrieren, die ihm in einer raschen, vielleicht zu raschen Abfolge vor den Augen entlang geführt werden.

Ein weiterer Abschnitt ist die Romanze über alle Zeiten hinweg. Spätestens in diesem Kapitel räumt Sherman mit den bisherigen Prämissen seines Buches auf. Es geht ihm nicht um die mechanische Zeitreise oder eine unfreiwillige Zeitexpedition, hervorgerufen durch Experimente mit militärischer Technik oder von exzentrischen Erfindern, die nicht wissen, was sie tun. Auch durch die Zeit gefallene Menschen auf der Suche nach der wahren Liebe haben ihre Existenzberechtigung und positiv wirkt dieser Abschnitt durch die thematische Fokussierung abgerundeter als einige andere Kapitel.

Selbst die Zeitpolizisten kommen zu ihrem abschließenden Auftritt. Hier sind die Grenzen im direkten Vergleich zur Romane schwammiger, aber Sherman definiert sie als Ordnungshüter Kraft Gesetzes und nicht Vigilanten oder Freiwillige wie in den „Terminator“ Filmen.

Während die Time Loop Filme unverständlicherweise ein eigenes Kapitel bekommen- in den vorangegangenen Abschnitten sind Streifen wie „Timecrimes“ oder „Und täglich grüßt das Murmeltier“ zumindest angerissen worden -, fragt sich der Leser, ob Alternativweltserien wie „Sliders“ grundsätzlich ihre Daseinsberechtigung haben. Streng genommen handelt es sich ja nicht um eine Zeitreise, auch wenn die Parallelwelt jeweils ein wenig anders aussieht und sich auf ihre andere Zeitepochen finden. Sherman bemüht sich redlich, diese Ideen auch in seine Thesen einzubauen, bleibt aber wie in vielen anderen Punkten erstaunlich faktenscheu.

In seinen Anhängen hat der Autor noch einmal die meisten der hier vorgestellten Arbeiten sowie mögliche nicht näher erläuterte Kandidaten vorgestellt. Die Filme sind chronologisch nach Subgenres geordnet. Ein Zugang sollte aber über das Glossar erfolgen, sonst verirrt sich der Leser in einigen der nicht immer nachvollziehbar angeordneten Filme.  Auch Zeitreise Pornos werden vorgestellt. Am Effektivsten ist die Auflistung ausländischer Filme mit einer sehr kurzen und knappen Inhaltsangabe, um über den Horizont hinaus zu schauen. Zusätzlich geht der Autor auch auf die Filme ein, die er in seinem langen Text nicht ausführlicher präsentieren konnte. Aber auch hier hätte eine ausschließlich alphabetische Vorstellung der Übersichtlichkeit gedient.

Auf ein Fazit verzichtet der Autor. Die Studie endet mit „Edge of Tomorrow“ quasi mitten im Nichts. Dadurch erscheint das Buch eher aus einzelnen Artikeln zusammengesetzt als wirklich wie eine in die Tiefe gehende wissenschaftliche Arbeit konzipiert.

Zusammengefasst ist es besser, „Now and then we Time Travel“ ein ausführliche, sehr umfangreiche Vorstellung dieses Subgenres des phantastischen Mediums zu betrachten. Wichtige Themen werden gestreift, aber sehr zufriedenstellend auch für Anhänger vorgestellt. Unter diesen mehr als sechshundert Erwähnungen finden sich viele Werke, auf die man noch nicht gekommen ist, die aber selten wie sehenswert sind. Die inhaltlichen Zusammenfassungen sind wie erwähnt ein zweischneidiges Schwert. Zu viele Informationen werden angeboten, die kritischen Passagen beschränken sich frustrierend auf das Rudimentärste und es ist selten, dass man einen derartig neutralen Autoren trifft. Diese Position ist frustrierend und nimmt diesem auch zufriedenstellend bebilderten Buch einen großen Teil ihres Reizes.

Es ist wie eine Zeitreise. Man sieht viel, aber durch den Schutzschild darf man nichts anfassen und wie es „schmeckt“, erkennt man auch erst, wenn man die Buchmaschine verlassen hat.  Das ist für den Preis etwas zu wenig im Angebot.       

 

McFarland

Print ISBN: 978-0-7864-9679-2
Ebook ISBN: 978-1-4766-2643-7
22 photos, appendices, notes, bibliography, index
280pp. softcover (7 x 10) 2017

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