Riccardo Freda

Riccardo Freda, Rezension, Titelbild
Roberto Curti

Roberto Curti macht von Beginn seiner umfangreichen Biographie Riccardo Fredas klar, dass es sich nicht um den Mann handelt, der zusammen mit Mario Bava das phantastische italienische Kino mit seinen ungewöhnlichen Filmen wiederbelebt hat. Während Mario Bava sich Zeit seiner nicht unerfolgreichen Karriere  im phantastischen Genres mit wenigen Exkursen in den Bereich des Western bewegt hat, umfasst Riccardos Karriere ja nach der Perspektive vierzig oder fünfzig Jahre beginnend vor dem Zweiten Weltkrieg als Drehbuchautor und vor allem Regisseur in fast allen Genres von den stummfilmartigen Kurzfilmkomödien über  Sandalenstreifen oder Adaptionen literarischer Werke bis hin zu den morbiden Horrorstreifen, einem Beitrag zur „Edgar Wallace“ Reihe bzw. einem Giallo und schließlich natürlich auch zu Italo Western.

Bei jedem anderen Regisseur, der vor allem in den vierziger Jahren zu den erfolgreichsten und am besten bezahlten Filmemachern Italiens gehörte, könnte kritisch von einem Karriereknick hin zu den B Produktionen gesprochen werden.

Bei Riccardo Freda ist das nur bedingt der Fall. Relativ früh macht Roberto Curti klar, dass Filmemachern für Riccardo Freda weniger eine Obsession, ein innerer Drang gewesen ist, sondern die beste Möglichkeit, mit hübschen Frauen zusammenzutreffen und mit möglichst weniger Arbeit sehr viel Geld zu verdienen, das er wieder wie der George Best Vergleich beweist, relativ schnell wieder durch ein teures Leben und seine Leidenschaft fürs Wetten wieder durch gebracht hat. Die B Filme sind für den aus der amerikanischen Schule kommenden Filmemacher eher ein Mittel zum Zweck gewesen, um seinen Lebensstandard zu halten und nicht mehr vor allem in den sechziger und siebziger Jahre als Expression seiner künstlerischen Ambitionen.

Die größte Herausforderung ist vor allem, zwischen Freda eigenen Erinnerungen meistens seiner Autobiographie entnommen und möglichen Fakten zu unterscheiden. In Ägypten geboren hat Freda mit seiner Mutter, die sich als Bankiersfrau eher langweilte, immer wieder Kinos in Kairo aufgesucht, um von Kindesbeinen an trotz zahlreicher Geschwister die Atmosphäre des Cinemas im Allgemeinen und das besondere Spektakel im Orient im Speziellen aufzusaugen. Der Drang, auf einem relativ hohen Niveau eine breite Masse eher in der Tradition eines Raoul Walsh und weniger eine Griffiths zu unterhalten, bildete sich in diesen jungen Jahren in einer engen Verbindung zur Literatur, die ihn zu seinen ersten Projekten animiert.

Roberto Curti zeichnet anschließend vor allem in den späten zwanziger und dreißiger Jahren das Bild eines jungen Lebemanns aus gutem Hause, der weniger als Künstler denn schließlich als gut bezahlter Drehbuchautor Karriere zu machen begann.  Der Autor zeichnet ein ausgesprochen umfangreiches Bild des italienischen Kinos dieser frühen Phase auch unter der Ägide des Faschismus und dessen perfider Mentalität, die Fahne immer in den Wind zu hängen.  Immer wieder stellt Curti relevante Persönlichkeiten dieser Zeit vor, die nicht alle unmittelbar mit Freda zusammengearbeitet haben. Dem Leser entschließt sich aber in diesen wichtigen Passagen nicht gleich, was der Drehbuchautor Freda anders machte, während der Regisseur Freda – durch einen Zufall rutschte er  über die Schiene des Drehbuchautoren und schließlich Produzenten auf  den Regiestuhl – sich an den amerikanischen Filmen orientierte, die er seit vielen Jahren genossen hat.

Natürlich ist es für den Autor auch schwierig, auf der einen Seite Fredas nicht unbedingt Einzigartigkeit, aber seine besonderen Ansätze herauszuarbeiten, während auf der anderen Seite die Filme an sich bis zu seinem Abenteuerfilm „Black Eagle“ im Grunde keine echten Stil aufwiesen.  Aber „Black Eagle“ steht exemplarisch für die Herangehensweise des  Biographen. Positiv sind die Inhaltsangaben eher rudimentär und werden nicht selten auf den umfangreichen Anhang verschoben.  Roberto Curti geht es vor allem darum,  die einzelnen für Fredas Werk signifikanten Versatzstücke zusammenzusetzen und an herausgestellten Filmszenen auch zu erläutern, wie sich dessen Stil von dem seiner meisten italienischen Kollegen unterschieden hat.  Anschließend fasst er einige Kritikerstimmen zusammen, beschreibt, ob es sich um einen Erfolg oder Misserfolg gehandelt hat und für Interessanten an Riccardo Fredas Werk wichtig in welcher Form diese Filme noch zugänglich sind.

Der Autor scheut sich nicht, verschollene Streifen auch als solche zu behandeln und darauf hinzuweisen, dass zum Beispiel nur das Drehbuch als Grundlage für eine Beurteilung dienen konnte. Eine weitere kritische Reflektion stammt schließlich aus einem direkten Vergleich zwischen Fredas Äußerungen, bei denen er sich gerne an die erste Stelle  rückt und einer vorsichtig vorgetragenen, sehr diskret vorgetragenen persönlichen Meinung.

Der „Bruch“  und die beginnende Gier nach guter Bezahlung erfolgt mit einer schwierigen Beziehung zu einer jungen Schauspielerin und der Einladung, nach den ersten Kassenerfolgen den eigenen Preis festsetzen zu können, sowie der Reise nach Brasilien, in deren Verlauf Freda nach eigenen Angaben deren Filmindustrie auf ein höheres Niveau hievte, aber er auch erkannte, dass für viel Geld nicht immer viel Arbeit abgeliefert werden muss.    Auf der anderen Seite zeichnet auch seine Mitarbeit in der italienischen Prüfungsstelle ein ambivalentes Bild Fredas. Anscheinend nutzte er teilweise diese Position, um ein paar alte Rechnungen zu begleichen, während er auf der anderen Seite zumindest um einige Filme und deren Freigabe auch kämpfte. Da sich Freda niemals als Neorealistisch des neuen italienischen Kinos nach dem Zweiten Weltkrieg gesehen hat, ist seine Bewunderung Viscontis ein wenig fragwürdig.  Nicht wegen der Qualität des Films, sondern Fredas Einstellung seinen Mitmenschen im Allgemeinen und der Filmwelt im Besonderen gegenüber.

Nach den ersten Erfolgen bis zu „Beatrice Cenci“ aus dem Jahr 1956 ordnet sich Fredas Karriere sehr gut in Arbeiten auf, die er liebte und einige wenige Auftragswerke, die er vor allem wegen des Geldes gedreht hat. Auch wenn die phantastischen Filme beginnend mit „I Vampiri“ bis zu seinem letzten Giallo „Murder Obsession“ nur einen prozentual geringen Anteil einnehmen, werden sie von den Fans am meisten verehrt und haben sich in das Gedächtnis eingebrannt.

Es ist auch der am meisten dokumentierte Bereich von Fredas cineastischem Schaffen. Ausführlich geht der Autor auf Fredas Zusammenarbeit mit Mario Bava ein, der anfänglich für die Tricks in seinen Filmen sowie die Kameraarbeit zuständig gewesen ist.  Während Freda sich eher als eine Art Gönner gesehen hat, der durchaus Mario Bava zu seinen ersten Schritten verhalf, scheint die Wahrheit auch in Freda schwierigem Charakter zu sehen zu sein.

Interessant ist, dass der Autor immer wieder die dunklen Obsessionen Fredas anspricht, sie aber nicht weiter analysiert. Einige sehen ihn als Sadisten am Set, der rücksichtslos vor allem Menschen ausbeutete, die sich nicht richtig gegen ihn wehren konnten.  Dabei hat er auch auf das Leben von Stuntmen keine Rücksicht genommen. Interessant ist, dass er sich vor allem gegen den weiblichen Diven mit einer Mischung aus Ignoranz ihrer Eitelkeiten, anscheinend auch Handgreiflichkeiten wie gegenüber Barbara Steele oder das Ersetzen durch ein Double und die Nutzung von Weitwinkeln gut wehren konnte.  Diese Vorgehensweise ist effektiv und opportunistisch zu gleich. Das sie ihm bei Sophie Marceau schließlich zum Verhängnis wird, ist eine der ironischen Nebengeschichten.

In seinen Horrorfilmen wie „I Vampiri“, „The Horrible Dr. Hichock“ oder „The Ghost“, mit Einschränkungen auch noch in „Murder Obsession“ hat er sich mit verschiedenen sexuellen Perversitäten auseinandergesetzt, wobei insbesondere die wunderschöne wie junge Frau von ihrem Mann nicht sexuell auf die Art befriedigt werden kann, die ihm selbst vorschwebt.  Diese in erster Linie implizierten Verbindungen gehen einher mit zahllosen Zitaten durchaus klassischer Literatur und einem kontinuierlichen Hang, in seinen teilweise stilisierten Filmen nicht nur etwas Neues anzubieten, sondern auf zahllose Zitate aus Werken vor allem von Hitchcock selbst zurückzugreifen, um ein globales cineastisches Universum zu bilden. Minutiös und sorgfältig arbeitet der Autor diese Zitate auch für den Uneingeweihten nachvollziehbar heraus, während er die vor allem visuellen  Stärken einer gänzlich schwachen Schauspielerführung gegenüber stellt. Auch in diesem Punkt sucht Freda vor allem in Interviews mit dem Drehbuchautor/ Regisseur und Fan Cozzi eine Reihe von Ausreden, die  kritisch betrachtet absurd erscheinen und von Roberto Curti in den wenigen analysierenden Passagen auch als „Ausreden“ entlarvt werden.

Während seine wenigen oben genannten phantastischen Werke wie einige der historischen Dramen und seine Abenteuerstreifen mit zahlreichen in erster Linie auch optischen Anspielungen auf das Kino eines John Fords aus der Masse herausragen, ist die Auseinandersetzung mit den Auftragsarbeiten wie „Caltiki- the Immortal Monster“ auch dem französischen „Coplan FX 18 casse tout“ nicht mehr lesenswert. Freda hat sich selbst als ein schneller Regisseur gesehen. Vielleicht noch stärker als seine italienischen Kollegen, die aufgrund der niedrigen Budgets einfach schnell arbeiten mussten. Freda dagegen scheint diese Projekte schnell hinter sich zu bringen, um wieder das süße Leben zu genießen. Er war sich anscheinend auch nicht zu schade, zumindest in der Theorie zwei Filme hintereinander zu drehen,  um für die Hälfte mehr Arbeit ein doppeltes Honorar zu kassieren.

Auf der anderen Seite zeigt sich seine Lustlosigkeit sehr deutlich. Während er mit Improvisation und Inspiration die Projekte belebte, an denen sein Herz direkt – weil er es inszeniert hat – oder indirekt – weil ihn der von anderen Autoren geschriebene Stoff faszinierte -  hängt, kurbelte er die anderen Filme lustlos herunter.

Das gilt für die Exkursion in den Western wie auch einige der Sandalenfilme. Da Freda ein Opportunist gewesen ist, hat er im Verlaufe seiner Karriere mehr und mehr seine Fahne in den Wind gehängt und Streifen wenn auch überraschend gut abgedreht, deren Stoff ihn niemals erreicht hat.

Der Autor gibt sich sehr viel Mühe, soweit noch vorhanden oder neu auf DVD erschienen die ursprünglichen Schnittfassungen ein wenig mit den verstümmelten Versionen zu vergleichen. Im Falle von „Das Gesicht im Dunkeln“  schießt er über das Ziel hinaus. Auch wenn einige Aspekte diese Edgar Wallace Giallos interessant sind, scheitert der Film vor allem im tricktechnischen Bereich und unterminiert mit dem finalen Autounfall und dem unglaublich billigen Trick die Intention des Filmemachers. Bei diesen Betrachtungen fehlt dieser umfassenden Studie eine kritische Distanz.

Auch die Brutalität seiner späteren Arbeiten in einem direkten Vergleich mit den implizierten, aber stilistisch souverän inszenierten ersten Filmen wird mehr oder minder oberflächlich herausgearbeitet. Ein starker Widerspruch findet sich in den zahllosen Äußerungen Dritter  über Freda. Sein Privatleben wird fragmentarisch beleuchtet, wobei der Frauen liebende, aber nur wenige längere Bindungen habende Freda ambivalent dargestellt wird. Auf der einen Seite konnte er ein Gentlemen der alten Charmeurschule sein, auf der anderen Seite  ein Sadist und Tyrann, ein Choleriker, aber in sexueller Hinsicht kein perverser Opportunist, der junge Schauspielerinnen ausnutzte. Es wird das Bild eines Profis gezeichnet, der neben sich keine anderen gleichwertigen oder vorgesetzten Menschen ertragen konnte.  Professionell kann diese Ansicht aber nicht unterstrichen werden, da ihn Schauspieler und ihre Leistungen weniger interessierten. Zusammen mit dem tricktechnisch verspielten, aber auch visuell brillanten Mario Bava bildet Freda ein interessantes Duo, das ohne Druck sympathisch und charmant sein konnte, auf den Filmsets aber ihre anderen Seiten vor allem in Gestalt Fredas zeigte, die beide kein echtes Interesse an den Schauspielern hatte und unter dem Deckmantel der angeblichen Eigenverantwortlichkeit sie agieren ließen, wie ihnen die buchstäbliche Nase gewachsen ist.

Hätte Riccardo Freda mehr Horrorfilme inszeniert, wäre dieser Ansatz  wahrscheinlich zu seinem Markenzeichen geworden. Die Widersprüche und vor allem die positiv gesprochen ambivalente Art der Erzählung – viele sprechen kritisch von einer teilweise lustlosen und sich selbst nicht kontrollierenden Improvisation – wirken in einem surrealistisch erscheinenden nekrophilen Drama  passend, zerstören aber in einem auf Fakten basierenden Historiendrama den Hintergrund.

Freda hat es in seinen letzten Jahren nicht leicht gehabt. Auch wenn es nur angedeutet wird, scheint er sich nicht nur wegen der Pflege seiner letzten Ehefrau, von der er aber getrennt gelebt hat, finanziell übernommen zu haben. Der großartige, luxuriöse Lebensstil zeigte seine Spuren.  Die Wiederentdeckung einiger seiner Streifen beginnend mit den Horrorarbeiten begann schon in den späten siebziger und achtziger Jahren, als Freda selbst noch mit großen zeitlichen Verzögerungen aktiv gewesen ist. 

Die Bewunderung auf einigen Festivals hat ihm den Rücken gestärkt. Der Untertitel dieser lesenswerten, sehr umfangreichen Biographie ist mit einem Hinweis auf einen geborenen Filmemacher versehen. Ohne Frage ist diese Idee richtig, denn nach der Lektüre dieses Buches ist klar, dass Freda von frühen Kindesbeinen an im Kino aufgewachsen und mit zahlreichen Zitaten vor allem aus amerikanischen Filmen das italienische Kino internationalisiert hat.  Dabei hat er die besondere Note des Landes auch in den internationalen Produktionen – er hat in Brasilien und Spanien Filme gedreht – beibehalten. Freda ist aber keine treibende Kraft oder wie Mario Bava ein Mann, der aufgrund seiner Omnipräsenz, seiner herausragenden Fähigkeiten für Äonen Filmgeschichte geschrieben hat. Bis auf die anfänglichen A Produktionen stellt sich die Frage, ob rückblickend ein Handwerker wie Sergio Martino mit einer künstlerischen Präsenz nicht sogar mehr für das Unterhaltungskino geleistet hat als Riccardo Freda, dem zumindest in den hier gesammelten Aussagen ein Hang zum Geschichtenerzählen abseits der Drehbücher nicht abgesprochen werden kann.

Es sind zu viele Details, zu vielen Fakten, die noch hätten abgehandelt werden können.  Manche kritische Punkte werden eher ambivalent vorgestellt als in die Tiefe analysiert. Positiv ist, dass die Inhaltsangaben der Filme in den ausführlichen Anhang verschoben werden und der Autor nur die wichtigsten Fakten hinzu zieht, um dann in eine mehr oder weniger kritische Analyse einzusteigen. Der zeitliche Umfang nicht nur von Fredas Karriere, sondern parallel der Entwicklung des italienischen Kinos bilden das Rückgrat dieses lesenswerten, vor allem nicht belehrend geschriebenen Buches, das insbesondere in einem direkten Vergleich zur immer wieder zitierten Autobiographie Fredas ein ideales, vielleicht manchmal idealisiertes, aber auch zufriedenstellend bebildertes Sprungbrett bildet, um das italienische phantastische Kino aus der Perspektive eines populären, aber auch idealisierten talentierten, aber auch oberflächlichen und manchmal wenig konzentrierten Filmemachers zu betrachten. Dass die angesprochenen Meisterwerke im Nachgang eine weitere, aufgrund der Analysen in der vorliegenden Biographie eine erneute Betrachtung vor allem angesichts der immer technisch besser werdenden DVD und Blue Ray Veröffentlichungen Wert sind, steht außer Frage. Der interessierte Leser wird aber auch auf einige Filme stoßen, die vielleicht seiner Aufmerksamkeit bislang entgangen sind und das macht den Band so doppelt lesenswert, wenn auch nicht hundertprozentig zufriedenstellend.

Print ISBN: 978-1-4766-6970-0
Ebook ISBN: 978-1-4766-2838-7
40 photos, notes, filmography, bibliography, index
376pp. softcover (7 x 10) 2017

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