Peter Cushing gehört ohne Frage untrennbar mit "Hammer" und der Entwicklung des modernen Horror Films verbunden. Neben Christopher Lee ist er das markante Gentlemengesicht des Genres, über das in vielen Büchern geschrieben worden ist. Mitte des Jahres hat der Signum Verlag die beiden autobiographischen Bücher Cushing zu einer Komplettausgabe "Peter Cushing- The complete Memoirs" zusammengefasst. Für zwei Ausgaben überrascht der Umfang von knapp über dreihundert eher großzügig gesetzten Seiten genau wie der Inhalt dieser Autobiographie.
Der erste Teil dieser Autobiographie erschien Ende der siebziger Jahre. Wenige Monate, nachdem seine langjährige Ehefrau - der er aber anscheinend nicht immer platonisch treu gewesen ist als einzige wirkliche Überraschung dieses Sammelbandes - überraschend verstorben ist und den Schauspieler in eine Phase der Depression und chronischer überarbeitung als Ablenkung geworfen hat. Gleichzeitig erkrankte er an Krebs. Die Ärzte geben ihm nur eine Lebenserwartung von weniger als zwei Jahren. Cushing selbst ist erst zwölf Jahre nach der Veröffentlichung des Buches verstorben. Die positive Resonanz ermutigte Cushing ein kleines Bändchen mit dem Originaltitel "Past Forgetting" anzufügen, das in den achtziger Jahren publiziert worden ist. Abgeschlossen wird diese Sammlung durch "the Peter Cushing Story" aus dem Jahr 1955, in welcher der aufstrebende Fernsehschauspieler von Seiten seines Agenten und Studios der breiteren Öffentlichkeit als kommender Star vorgestellt werden sollte.
Am Ende dieser beiden Studien ist der Leser dem Menschen Peter Cushing nur weniger näher gekommen. Im Gegensatz zu den unzähligen Büchern über das Hammer Studio und als begleitende Lektüre elementar Christopher Lees deutlich ambitioniere Autobiographie mit einem Schwerpunkt auf den phantastischen Produktionen nimmt sich Peter Cushing als Mensch noch mehr zurück denn als Schauspieler. Dabei handelt es sich nicht um eine angeborene Bescheidenheit. Trotz oder vielleicht gerade wegen einer schwierigen Karriere ist er sich seiner Stärken und Schwächen sehr wohl bewußt, aber im Gegensatz zu seinen Kollegen kann er sich besser verkaufen und wirkt nicht selbst verliebt oder arrogant. Auf der anderen Seite scheint die bedingungslose Liebe zu Helen, die er vergöttert, aber auch "betrügt" das markanteste Zeichen seiner Persönlichkeit zu sein. Nur was Helen vom Grund ihres Herzens akzeptiert, scheint auch "gut" zu sein.
Cushing wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf und sollte auch einen klassich bürgerlich langweiligen Beruf lernen. Behindert wurde er weniger durch einen Sprachfehler als einen erdrückend regionalen Akzent, der im Verlaufe seiner Karriere eine akzentfreie, so typisch britische Aussprache und Betonung zu seinem Markenzeichen werden liess. Einem Markenzeichen, das selbst "Star Wars" während seiner Auftritte typisch britisch erscheinen liess. Peter Cushing nimmt sich mehr Zeit, seinen Weg auf die Bühne zu beschreiben als die Höhepunkte seiner langjährigen Karriere. Dieses Ungleichgewicht wirkt insbesondere auf seine Fans verstörend, da die meistens und treusten Anhänger ohne Frage aus dem Hammerlager stammen. Ob eine Gleichgültigkeit Cushings gegenüber seinen bekanntesten Filmen Ursache für diese seltsame Strukturierung der Autobiographie ist, kann nicht mehr eruiert werden, aber neben dem geschwungenen, übertrieben erscheinenden Stil ist diese vorliegende Autobiographie wenig bis nichts für seine klassischen Horrorfans.
Cushing hat zwar seine frühste Kindheit während des ersten Weltkriegs verbracht, aber im gehobenen Mittelstand aufgewachsen, im Kindergarten behütet und von seinen Geschwistern geärgert hat er nicht unter den Angriffen der deutschen Zeppeline - so selten sie auch sein mögen - gelitten. Er durchläuft die üblichen Stadion eines phantasievollen Kindes, das mit Puppen Rollenspielen initiierte. Obwohl von seinem Vater trotz oder vielleicht gerade schlechter Noten in die Beamtenlaufbahn gezwungen, konnte er mittels seines großen Bruders ausbrechen und sowohl die Welt des Theaters als auch des Kinos im mondänen London kennen lernen. Jeder Versuch, auf die Bühne professionell zu arbeiten scheiterte anfänglich entweder an der Familie und/ oder Cushings Akzent. Mit einer gewissen Selbstironie beschreibt der Autor diese frühe Findungsphase seines Lebens zwischen verträumten Zielen und windigen Ambitionen. Dank seines erstaunlich lesenswerten, semirealistisch verspielten Stils, der in unorthodoxen Beschreibungen endet, gelingt es ihm, ohne die Hintergründe ausführlich zu beschreiben oder sich in Details zu verlieren, sein persönliches Lebensgefühl während dieser Epoche des gesellschaftlichen Wandels in Worte zu fassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Autobiographien wirkt Cushings Jugend erstaunlich unaufgeregt und vor allem wenig nachhaltig interessant.
Wie in vielen Abschnitten ist der Weg interessanter als das Ziel. Nachdem er sich fünf Jahre durch verschiedene semiprofessionelle Studios sowie eine oberflächliche Ausbildung gequält hat, gibt er 1936 sein professionelles Debüt und verzichtet gleichzeitig auf einen sicheren Job. Ungewöhnlich und dem Enthusiasmus der Jugend eher zuzuschreiben, verlässt Cushing vor Kriegsbeginn England und versucht sein Glück in den USA. Über diesen ersten Abstecher, der ihn immerhin an zwei Filmen des damals berühmtesten Monstermachers James „Frankenstein“ Whale mitspielen lässt, ist den vielen Artikeln über sein Leben und Werk wenig zu entnehmen. In der vorliegenden Sammlung spielen diese Abschnitte eine wichtige Rolle und zeigen, wie stark Peter Cushing vor allem von dem hinsichtlich seines Spätwerkes sträflich vernachlässigten Briten James Whale als Schauspieler und vor allem auch in Hinsicht auf seine zukünftige Persönlichkeit als Mensch beeinflusst worden ist. „Man in the iron Mask“ gilt als sein offizielles Filmdebüt. Cushing versucht in dieser für ihn wichtigen Zeit die verschiedenen sein Leben beeinflussenden Faktoren zu ordnen. Als Engländer in den USA vor und vor allem während des Zweiten Weltkriegs hat es Cushing genauso schwer gehabt wie in den Augen seiner Landsleute, das er denn wichtigen Frontdienst nicht verweigert hat, ihm aber zumindest ausgewichen ist. Hinzu kommt eine seltsame Ambivalenz hinsichtlich seiner Karriere, mit sieben bzw. acht Auftritten in den Filmen in den ersten Jahren und danach einem großen Loch, das er nur mit Theaterauftritten in kleineren Wanderbühnen ausfüllen konnte. Trotzdem wirkt der ansonsten so distanzierte britische Aristokrat erstaunlich glücklich in den unbeschwerten, freigeistigen Gesellschaft in einer vom, Chaos und Krieg dominierten Ära. Auf der anderen Seite schwingt zwischen den Zeilen mit, wie kritisch Cushing seine Kunst gesehen hat. Nicht umsonst heißt ein Kapitel „40 Jahre alt und ein Versager“. Dabei darf nicht vergessen werden, dass zu dieser kleinen Theatergruppe unter anderem Sir Laurence Olivier gehört hat.
Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt, dass Peter Cushing immer ein Ohr für moderne Erfindungen hatte. So wandte er sich mit seiner markanten Stimme als einer der ersten dem Radio zu und machte im noch in den Kinderschuhen steckenden Fernsehen Karriere. Dabei schwenkt seine Selbstachtung zwischen Verzweifelung – er muss trotz seines Status als verheirateter Mann seinen Vater um ein kurzfristiges Darlehen bitten – und Hochstimmung – er spielt in einer Fernsehserie den Sherlock Holmes und sein Auftritt in „1984“ gilt auch heute noch als legendär. Immer an seiner Seite Helen, mit deren Tod in den siebziger Jahren im Grunde Peter Cushings offizielles Leben endete. Bedenkt der Leser, dass mit seinem ersten Auftritt in einem Hammerfilm sein Stern in einem Genre aufzugehen begann, das von seinem Lebensstil so weit auseinander lag wie man es sich vorstellen kann und berücksichtigt der Leser den Respekt, den die Fans Cushing entgegengebracht haben, dann wirkt dieses „Comeback“ in der vorliegenden Biographie fast mit Verachtung bestraft. Erst auf Seite einhundertdreiundsechzig von einhundertvierundachtzig Seiten beginnt Cushing über seine Zeit bei Hammer und seinen ersten Auftritt in „Curse of Frankenstein“ zu schreiben. Dabei geht er mehr auf die langjährigen Weggefährten – das erste Engagement hat er einem Mann zu verdanken, mit dem er in den dreißiger Jahren auf der Bühne zusammengearbeitet hat – ein denn seine Rollen oder gar die Qualität der Filme. Der Erfolg des Studios hat ihn verblüfft und die weltweite Anerkennung verwundert, aber ob Zufall oder Absicht will Cushing nicht auf diesen Bereich eingehen. Statt dessen finden sich Exkursionen in den Bereich der Rosenzucht – inzwischen trägt eine Rose den Namen seiner geliebten verstorbenen Frau – oder die Kunst, die er Zeit seines Lebens auch in Zeiten ärmster Not gesammelt hat. Cushing spielt mit seinen interessierten Lesern fast eine Art makabres Spiel. Er lässt sie an seinem Leben aus einer stets kontrollierten Distanz teilnehmen. Er gewährt ihnen Einblicke in einzelne Abschnitte seines Lebens, die absichtlich vor ausgewählt und sind und nur die erste Schicht der Fassade auflockern. Mit zunehmender Lektüre und vor allem immer bekannter werdenden Filme wirkt diese Vorgehensweise frustrierender und „langweiliger“. Das Buch schließt mit dem Tod seines Frau und lässt dadurch einen weiteren, wichtigen Lebensabschnitt – die Wiederentdeckung des Peter Cushing in „Star Wars“ – gänzlich aus. Selbst die Erweiterung „Past Forgetting“ mit dem Untertitel „Memoirs of the Hammer Years“ ist eine Mogelpackung, denn in erster Linie geht Peter Cushing auf einige wenige Weggefährten und vor allem die Dreharbeiten am Set von „She“ – zugegeben eine eher untypische Hammer Abenteuerproduktion – ein. Zusätzlich zählt er seine zahlreichen Filmtode auf, wobei der Autor nur auf sechzehn kommt. In Wirklichkeit sind es – Jonathan Rigby korrigiert Cushing in der zweiten Einleitung der Sammlung – dreiundzwanzig gewesen. Und einige der unterhaltsamsten gewaltsamen Tode sind zusätzlich ausgelassen worden. Es spricht für Cushings Gemütszustand, das die meisten dieser Filmtode erst nach dem Ableben von Helen erfolgten und deswegen eher stoisch ignoriert worden sind. Wie seine eigentliche Biographie will der große britische Mime im Grunde nicht auf die Jahre im Filmgeschäft eingehen, sondern versucht mit leichter Hand und einem verspielten, aber adäquaten Stil die Neugierde seiner Fans eher anzuheizen und sich selbst ein wenig Frieden zu erschreiben.
Aus heutiger Sicht mag eine kontinuierliche Liebeserklärung an seine fast perfekte Frau Helen übertrieben und die Fakten verherrlichend erscheinen. Der Tod wischt alle Fehler weg. Ohne Frage hat Helen mit ihrer entschlossenen, resoluten Art dem Künstler Cushing in den schwierigen Abschnitten seiner Karriere und weniger seines Lebens geholfen. Viele der kleinen Episoden wirken so herrlich britisch und erscheinen aus heutiger Sicht wie aus dem 19. Jahrhundert in eine perfektionierte Parallelwelt übertragen. Aber sie spiegeln Cushings Geisteshaltung sehr gut wieder und zeigen, wie weit der überragende Schauspieler mit dem Manko, ein Fernseh- und später Horrordarsteller gewesen zu sein, sich in einer Nische festgebissen hat, die es heute sowohl im privaten wie auch dem beruflichen Bereich nicht mehr gibt. Der Kontrast zwischen Cushings inzwischen von der vergangenen Zeit verklärten Erinnerung und der Propaganda der Fernsehstudios lässt sich im abschließenden Essay erkennen, in dem viele vorher aus persönlicher Sicht erzählte Fakten als Absolutismen dargestellt und überzeichnet werden. Der Kontrast zwischen einem letzt endlich bis zum Tod seiner Frau erfüllten Leben und dem Voyeurblick der Öffentlichkeit könnte nicht größer sein.
Auch wenn diese biographische Sammlung insbesondere die Horrorfans wenig erfreuen oder auch nur ansatzweise befriedigen wird, beschreibt Cushing ein erfülltes Leben mit einer großen Liebe und vielen Freunde über Jahrzehnte, das ihm berufliche Zufriedenheit und einen gewissen Wohlstand trotz oder gerade wegen der harten, aber stets fairen Arbeit selbst in billigsten Produktionen beschert hat. Wer sich für Peter Cushing im Privaten interessiert, wird einige wenige eher unbekannte Seiten sich erlesen können, die aber vom Schauspieler/ Autor absichtlich sehr sorgfältig, an einigen Stellen zu sorgfältig gefiltert worden sind. Wer sich für dessen umfangreiches Werk interessiert, wird in anderen Büchern – dabei reicht das Spektrum von den Arbeiten über seine Hauptarbeitgeber Amicus und Hammer bis zu detaillierten Analysen seiner Rollen in fokussierten sekundärliterarischen Werken – besser und zufrieden stellender fündig. Je nach der Perspektive, aus der man sich Peter Cushing nähert, eröffnet „The Complete Memoirs“ ein breites Feld von Fakten oder schließt den Vorhang von einem Mann, den nur wenige wirklich kennen gelernt haben und der auch nach fast dreihundert reich bebilderten Seiten ein sympathisches, aber auch eckiges Rätsel bleiben wird.
- Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
- Verlag: Signum (4. Juni 2013)
- Sprache: Englisch
- ISBN-10: 0956653480
- ISBN-13: 978-0956653482
