Im Original heißt „Die Irrfahrten des Mr. Green“ passender „The Green Odyssee“. Der Titel bezieht sich auf den Protagonisten Alan Green genauso wie die Reise über einen seltsamen Planeten, der anscheinend eine riesige Grassavanne darstellt. 1957 in den USA erschienen handelt es sich um Farmers ersten Roman. Der Amerikaner hatte schon in den Jahren vorher eine Reihe von durchaus auch provozierenden Kurzgeschichten geschrieben. Mit seinem nächsten Buch „Flesh“ kehrte er zu sexuellen Themen zurück, während Farmer im vorliegenden Band zwar alle möglichen Beziehungen zwischen den Mitgliedern verschiedener Völker impliziert, aber sie an keiner Stelle ausführlich beschreibt.
Zusammenfassend zeigt der Roman Farmers Stärken, aber auch Schwächen auf. Es ist eine farbenprächtige bunte Space Opera, die sich basierend allerdings auf einer wenig originellen Idee dank eines rasanten Tempos und einiger interessanter Ideen kurzweilig lesen lässt.
Mit viel Mühe könnte man den Roman auch als Hommage an die Pulpabenteuer sehen. Nicht unbedingt an Tarzan oder Doc Savage, denen Farmer fiktive Biographien widmete, sondern vor allem an Burroughs, der ja gerne Männer in einer fremden Welt stranden lässt.
Alan Green hat die Erde verlassen, um sein Glück zu finden. Vor allem klassisch Reichtum und weniger Liebe. Die Galaxis ist gut bevölkert, wobei sich niemand erklären kann, warum auf den meisten erdähnlichen Planeten auch „Wesen“ leben, die selbst bei näherer Betrachtung als „Menschen“ durchgehen könnte. An einer Stelle macht sich Alan Green zu diesem Thema Gedanken, aber weder Green noch Farmer führen es weiter aus. Es wird als praktische wie pragmatische Tatsache akzeptiert.
Alan Greens Raumschiff ist über dem Planeten abgestürzt, er ist der einzige Überlebende gewesen. Die Gesellschaft basiert auf der Sklaverei und prompt wird er gefangen genommen und verkauft. Nach einer kleineren im Off stattfindenden Odyssee landet er als Ehemann einer Sklavin, die vier Kinder mit in die Ehe bringt, und gleichzeitig als Geliebter einer Herzogin. Farmer macht wie eingangs erwähnt aus der Situation relativ wenig. Auch wenn seine Frau Haare auf den Zähnen hat, ist sie erstaunlich attraktiv wie auch ausgesprochen pragmatisch. Im Laufe der gemeinsamen Odyssee werden sie sich mehrmals gegenseitig das Leben retten, wobei die Herausforderungen jedesmal größer werden.
Alan Green hört von zwei gestrandeten Astronauten. Ihr Raumschiff könnte evtl. von der Erde stammen. Das Problem ist, die abergläubischen Planetenbewohner sehen in ihnen Dämonen. Diese werden zwei Jahre gefangen gehalten. Sollte sich tatsächlich noch ein Dämon in ihnen befinden, werden sie verbrannt.
Als erstes muss er in einem komplizierten Plan der Herzogin entkommen, ohne das es auf seine Familie zurückfällt. Farmer gibt sich sehr viel Mühe, ein entsprechendes Szenario zu entwickeln. Kaum an Bord eines der Frachters zeigt sich,, auf welchem exotischen Planeten Green eigentlich gelandet ist.
Die Frachter fahren nicht auf Wasser, sondern mit Rädern auf gigantischen Grasflächen, die an einigen Stellen „gemäht“ erscheinen. Auf diese Idee wird der Amerikaner erst später wieder zurückgreifen. Da Greens Frau nicht dumm ist, hat sie sich mit den Kindern ebenfalls auf dem Schiff eingekauft.
Ab diesem Moment entwickelt Farmer eine Art Frontierseefahrtsgeschichte mit Eifersüchteleien der Besatzung Green gegenüber. Einem Piratenüberfall, dem der Kapitän mit einem sehr geschickten und auf See in dieser Form nicht unbedingt möglichen Manöver entkommt. Im Moment der höchsten Dramatik strandet das Schiff anscheinend auf einer durch das Gras schwimmenden Insel, bevölkert von Kannibalen.
Bis zum Ende wird die Handlung von Greens Willen, wieder zur Erde zurückzukehren, vorangetrieben. Zu den Schwächen gehört, dass Farmer dieses Motiv über alles stellt. Wie ihm lange Zeit alle Menschen des Planeten sagen und er sich später auch selbst eingestehen muss, hat er im Grunde alles. Eine ihn wirklich liebende Frau, nette Kinder und spätestens nach der Flucht, irgendwo in einer Ecke des Planeten mit seinem natürlich eher rudimentären technischen Wissen neu anzufangen und reich zu werden. Alles Motive, die über seiner Reise von Erde zu den Sternen gestanden hat. Farmer sieht sich gezwungen, eine Art faulen Kompromiss während des langen, ein wenig konstruierten Showdowns zu wählen.
Vor allem weil Amra – Greens Frau – im Gegensatz zu ein wenig zu stereotypen und immer im Augenblick der Not zu wissenden Ehemann ein abgerundeter Charakter ist. Natürlich hat sie ein loses Mundwerk und eine herrische, vielleicht in einigen Szenen auch zänkische Art. Auf der anderen Seite folgt sie ihrem vor ihr fliehenden Mann um den halben Planeten und begibt sich und ihre Kinder immer wieder in Gefahr, um das Leben ihres eher nichtsnutzig erscheinenden Mannes zu retten. Am Ende liebt er sich und der Leser glaubt auch lange Zeit an ein anderes Ende, das Green in einem besseren Licht erscheinen lässt. Farmer baut eine Art Brücke und impliziert, dass alles gut werden wird, aber Greens Motive sind alle erfüllt und trotzdem ist der Mann nicht glücklich.
Während Green ein wenig zu altklug wie gleichzeitig unscheinbar, mit der primitiven Gesellschaft auf der einen Seite überfordert, dann wieder aggressiv offensiv den „Feinden“ gegenüber agiert sind es die zahlreichen Nebenfiguren, die tatsächlich mindestens einer Handvoll von Pulpgeschichten entstiegen sein könnten.
Der Hintergrund ist faszinierend und unterstreicht Farmers Stärke bei der Entwicklung exotischer Welten. Auf der einen Seite eine primitive Gesellschaft, durch und durch „menschlich“ mit Angst vor Dämonen und Zauberern, Feuerwaffen und Schwerten, Piratebn und Sklavenjägern oder Adligen und Kannibalen. Auf der anderen Seite die gigantischen Graslandschaften inklusiv der entsprechenden Rasenmäher, die einen gänzlich anderen Blick auf die Kultur ermöglichen. Zu den visuellen interessant beschriebenen Höhepunkten gehört die Insel mit den „Raketen“ am Rand, deren Sinn und Zweck dem desillusionierten Green auf eine bittere Art und Weise suggeriert, dass er für ewig auf dieser von ihm verhassten Welt bleiben könnte, die ihm aber auf eine erstaunlich „männliche“ Art und Weise auch Respekt schenkt.
Die Mischung aus Science Fiction mit vor Äonen untergegangenen Zivilisationen, Fantasy dank einer primitiven Kultur aber fest verwurzelt in Person eines umherstreifenden, nicht auf einer Insel, aber einem ganzen Planeten gefangenen Robinson Crusoe wirkt aus heutiger Sicht an einigen Stellen antiquiert und ein wenig zu stark konstruiert. Genrehistorisch betrachtet dagegen setzt Farmer eine erste Duftmarke als Autor stringenter Abenteuerstoffe, erzählt mit einem Augenzwinkern und immer einer Notlösung im Brotbeutel. Und das macht die erneute oder erste Lektüre dieses kompakten, kurzweiligen Buches selbst in der leicht gekürzten Heyne Ausgabe so verführerisch.
