Der Heyne Verlag veröffentlichte 1967 diesen aus vier unabhängig voneinander veröffentlichten Kurzgeschichten bestehenden Fugenroman als Taschenbuch. Falsch ist, dass Murray Leinster den Hugo für den Roman erhalten hat. Eine der vier Geschichten ist ein Jahr vor der ersten Buchveröffentlichung 1957 mit dem HUGO ausgezeichnet worden.
Die Grundidee der vier Geschichten ist relativ einfach. Die Menschheit hat viele Planeten kolonisiert. Dabei sind einige der Welten herausfordernd. Die Planeteninspektoren sollen die Basen kontrollieren. Eine Art Revision. Es ist ein einfacher und passiver Job. Aber Brodman wird im Laufe der vier Missionen zu einer aktiven Mitarbeit an der Lösung der existentiellen und lebensbedrohlichen Situationen förmlich gezwungen.
„Die Sonnenkonstante“ (Solar Constant) ist die erste Geschichte und gleichzeitig die erste eigenständige Mission des Inspektors Bordman. Er landet auf der Eiswelt, die aufgrund von Sonnenflecken plötzlich unbewohnbar wird. Entgegengesetzt der Sonne befindet sich ein zweiter Planet, auf dem nicht wie bei der Kolonie 300 Menschen, sondern 20 Millionen leben. Bordman versucht den verzweifelten Menschen zu helfen und wenn er nur die wenigen Frauen evakuieren lässt.
Mit dieser ersten Geschichte legt Murray Leinster auch die Spielregeln für die folgenden Storys fest. Eine bedrohliche Situation, welche den Fortbestand der Kolonie gefährdet. Aufgrund der Entfernungen ist eine Rettung von außen nicht möglich. Theoretisch könnte Bordman an Bord des Raumschiffs fliehen, aber Pflichtbewusstsein zwingt ihn, nach einer Lösung zu suchen.
Zwar wird sein Charakter erst im folgenden Text „Sand im Getriebe“ (Sand Doom) definiert, aber die Vorgehensweise ist gleich. Er grübelt, setzt sich unter Druck, versucht die Situation aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu betrachten und entwickelt eine naturwissenschaftliche Lösung basierend auf der Schulphysik.
In dieser Story lernt er auch seine Frau kennen, die bei ihrem Bruder auf der Station lebt und arbeitet. Auch in „Sand im Getriebe“ gibt es ein Bruder- Schwesterteam, wobei die attraktive Frau Bordmans Charakter zu definieren sucht.
Das verbindende Element zwischen den einzelnen Texten ist die vergangene Zeit. Bordman möchte eigentlich schon lange aus dem Dienst ausscheiden, aber es finden sich erstens nicht genug freiwillige Inspektoren für diesen einsamen Job oder zweitens er wird immer wieder zu einer neuen Katastrophe gerufen.
„Sand im Getriebe“ manifestiert ein weiteres Problem der zukünftigen Besiedelung von Welten. Die Raumschiffe landen in einer Art Energienetz, das sie bei der Landung auf den Boden zieht oder abstößt. Ansonsten sind die Menschen auf kleine Begleitschiffe angewiesen. Auf der Wüstenwelt hat ein Sturm diese lebenswichtige Verbindungslinie ins All unter Millionen Tonnen von Sand begraben. Auch hier findet Bordman der Physik folgend eine interessante, aber auch oberflächlich beschriebene Lösung, die aber dramaturgisch nicht so effektiv erscheint wie in der ersten Story.
„Der Erdrutsch“ (The Swamp was upside down) ist die vierte und letzte Geschichte. In der Zwischenzeit ist Bordman nicht nur die Karriereleiter fast widerwillig hinaufgefallen, er hat inzwischen auch in der Theorie das Privileg, seine Frau mitzunehmen.
Der Auftrag führt ihn zurück zum Sektionschef. Auf der Wasserwelt droht einer der Kontinente auseinander zu fallen und Millionen von Menschen buchstäblich zu ertrinken. Der Aufbau entspricht den ersten beiden Geschichten. Brodman eruiert das dahinter liegende Problem und entwickelt in einem Miniaturfeldversuch den Lösungsvorschlag, der so banal wie historisch kompetent ist, dass der Leser verwundert auf die fast naiv dummen Wissenschaftler starren kann.
Wieder nutzt Bordman in umgekehrter Reihenfolge die Kräfte der Natur aus, um dem Menschen sein die Natur zerstörendes Verhalten vor Augen zu führen. Zusätzlich positiv ist, dass Bordman den Prozess nicht nur umkehren kann, sondern vor allem eine für verschiedene Welten tragfähige Lösung findet.
Aus dem statischen Aufbau ragt „Die Kampfgruppe“ (Combat Team) positiv wie negativ heraus. Positiv ist, dass Bordman gleich zu Beginn erschüttert wird. Scheinbar setzt man ihn auf dem falschen Planeten ab. Das wird im Laufe der Handlung relativiert, denn er ist nur an der falschen Stelle gelandet. Zusätzlich begegnet er einem Einsiedler, der mit friedlichen gigantischen Bären und einem Adler in der Einsamkeit lebt. Auf einer Welt, die noch nicht zur Besiedelung freigegeben worden ist. Ein Schwerverbrechen.
Weiterhin interessant ist die Auseinandersetzung über und um die Aufgaben von Robotern. Sollen sie stoisch ihrer Bestimmung folgen oder könnte die Auseinandersetzung mit der nicht friedfertigen Flora und Fauna auf dieser Welt bleibende Schäden hinterlassen?
Bevor Murray Leinster aber in die Details gehen kann, führt er eine parasitäre planetare Tierspezies ein, die mit einer stoischen Unbeirrbarkeit im Grunde als die Mistkäfer dieser Welt betrachtet werden. Sie trauern und verzerren ihre Artgenossen. Sie sind unbarmherzige Jäger. Sie beherrschen zumindest in der Theorie den Planeten, bis die Menschen und ihre Roboterhelfer auftauchen.
Randell Garrett und Robert Silverberg haben sich in „Planet der Dämmerung“ sehr ausführlich mit der Frage auseinandergesetzt, was passiert, wen ein ökologischer Kreislauf durchbrochen worden ist. In ihrem Roman nur bedingt durch die Menschen. Murray Leinster geht den simplen Weg. Alles was die Menschen stört, muss beseitigt werden. Das es sich augenscheinlich um keine intelligente Rasse handelt, macht die brutale Vorgehensweise leichter, entschuldigt aber den simplen Ansatz nicht.
Es ist auch die einzige Story, in welcher Bordman nicht alleine den Durchbruch schafft. Er stößt einige Entwicklungen an und findet am Ende für den auf dem Planeten lebenden Verbrecher eine wirklich haarsträubende, aber ihn schützende Erklärung, doch dem ganzen Text fehlt die intellektuelle Tiefe der anderen Kurzgeschichten.
Dafür ist nach Eis und Wasser sowie unendlich viel Sand eine Dschungellandschaft hintergrundtechnisch eine gute Abwechselung.
Verbunden sind die einzelnen Geschichten mit eher eingestreuten Episoden, in denen Bordman auf der einen Seite als Familienmensch, aber auf der anderen Seite auch als rastlose Existenz beschrieben wird. Durch seine langen Reisen im All vergeht die Zeit relativ kürzer, so dass er im Grunde seine Kinder aufwachsen und sterben sieht, ohne das Murray Leinster sehr viel näher darauf eingeht. Aber auch seine Frau müsste durch diese Verschiebung deutlich älter als der Planeteninspektor geworden sein. Ein Faktor, den der Autor übersieht.
Zusammengefasst sind die vier Kurzgeschichten oder kurzen Novellen über mehr als sechzig Jahre nach ihrer Entstehung durchaus immer noch unterhaltsam. Wie Edward D. Hoch ist Murray Leinster ein guter Kurzgeschichtenautor, der immer stringent auf die dann logisch entwickelte Pointe zusteuert und sich auf geradlinige, aber in diesem Fall auch grüblerische Antihelden mit sehr viel Hirn, aber wenigen Muskeln konzentriert hat. Sie stellen für das in den fünfziger Jahre noch einmal sich in alle Richtungen entwickelnde First Contact vs. Kapitalismus Subgenre der Science Fiction genau wie die Arbeiten H. Beam Piepers, Lloyd Biggles oder Garrett/ Silverberg eine überzeugende Bereicherung dar, deren Wiederentdeckung mehr als überfällig ist.
Heyne Taschenbuch,
188 Seiten
