Der Heyne Verlag legte 1976 mit „Der Träumer in der Zitadelle“ den drei Jahre vorher von einer Frankokanadierin verfassten Debütroman auf deutsch auf. Ester Rochon reiht sich unter anderem mit Louise Coopers „Buch der Paradoxe“ in die kleine Reihe weiblicher Fantasyautoren ein, die das Sword & Sorcery Genre hinter sich ließen und mystische Elemente zumindest ihren ersten Romanen hinzufügten.
Beide Bücher sind ausgesprochen kompakt geschrieben worden. Während sich Louise Cooper zum Beispiel an den Karten des Tarotspiels orientierte, folgte Ester Rochen Roger Zelazny und verbindet einen träumerisch surrealistischen Hintergrund mit einer archaischen Kultur. Wie eingangs erwähnt ist der Roman ausgesprochen kompakt verfasst worden. Darunter leidet der Hintergrund der Geschichte.
Das Buch beginnt mit einem offenen Rahmen. Ein Wanderer erzählt in einer Kneipe von seiner Sisysphusarbeit, den Eingang zu einer Tempelanlage zuzumauern. Mehr als zwanzig Jahre hat er dafür gebraucht. Der Bogenschlag zum eigentlichen Plot fehlt nach diesem dramaturgisch ausgesprochen intensiven Auftakt eher schwer. Der Rahmen spielt zweihundert Jahre bevor die Handlung einsetzt. Die Idee, den Eingang zum Tempel zu versiegeln, der eine Statue des Meeresgottes Haztlen beherbergt, dient als Auftakt. Später soll die Frau den Herrschern des Staats Vrenalik mitteilen, dass sie nicht mehr auf die Gnade des Meeresgottes vertrauen können und wie bei Atlantis das Meer das ganze Volk auf ihrer Insel ins Verderben reißen könnte.
Das Meer holt sich abschließend tatsächlich das Reich. Aber zwischen der Auftaktszene und dem Einsetzen der Handlung liegen nicht nur zweihundert Jahre, sondern eine faszinierende Idee, die keinen Meeresgott benötigt. In der Haupthandlung regiert Skern Strenid über die Insel Vrenalik. Dank des Handels über die Meere ist Wohlstand ausgebrochen. Strenid möchte sich aber quasi vom Meer unabhängig machen. Deswegen kauft er überall die seltene Droge Farn auf. Das Ziel ist es, von seinem angeworbenen Fachmann für diese Droge Ftar einen Träumer ausbilden zu lassen. Dieser Träumer soll das Wetter beherrschen und das Reich unabhängig von allen Unbilden machen.
Die Autorin entwickelt den Inselstaat eher rudimentär und fast ausschließlich aus der Perspektive weniger Protagonisten. Der Ausbilder sieht auf der einen Seite die Chancen, aber auch Gefahren. Er sehnt sich nach einer Aufgabe, deren Vollendung es ihm ermöglicht, wieder in die Heimat zurückzukehren und vom Geld bis ans Lebensende zehren zu können.
. Das Motiv des Herrscher ist grundsätzlich auf den ersten Blick positiv einzuschätzen, denn der Träumer soll für eine „planbare“ Zukunft des Inselreichs sorgen und die Abhängigkeit vom Meer beenden. Das sich dadurch ein Konflikt mit dem Meeresgott und seiner vergrabenen Statue bilden könnte, ist eine der vielen roten Fäden, den die Autorin nicht abschließt und deswegen die ganze Geschichte auch unabhängig von den emotionalen Komponenten so unrund erscheinen lässt.
Der Träumer wird unter einer Handvoll unfreiwilliger Bewohner ausgesucht. Es handelt sich um den jungen Shaskath, der schon vorher über parapsychologische Fähigkeiten verfügt. Die Droge soll wie in Frank Herberts „Dune“ diese Fähigkeiten erweitern und vielleicht auch fokussieren. Da Shaskath die Aufgabe nicht freiwillig übernehmen möchte, wird seine Frau vom Herrscher getötet und die Kinder als Geißeln verschleppt. Shaskath selbst wird in die Zitadelle wie „Der Graf von Monte Christo“ gebracht, unter den Einfluss der Droge gesetzt und über einen für Fantasyroman typisch langen Zeit zum ersten Träumer seit vielen Jahrzehnten gegen seinen Willen ausgebildet.
Die Ausbildung des Träumers besteht im Grunde aus kontrollierten Dosen der Drogen. Shaskrath findet trotzdem einen verbalen Zugang zum Handlanger der Mächtigen. Dabei stellt sich die unausgesprochene Frage, ob eine freiwillige Selektion unter dem Volk nicht sinnvoller gewesen wäre. Im Laufe des Romans gibt es keinen Moment, in welchem der Herrscher die Macht des Träumers aktiv gegen seine Feinde eingesetzt hat. Der Schutz der Insel und seiner Bewohner vor dem Meer wäre für einen Helden der klassischen Fantasy eine Aufgabe, um sich ein Ehrenmal für alle Ewigkeit zu verdienen. Aber diese Idee spielt die Autorin nicht durch. Auch die möglicherweise gesundheitsschädlichen Folgen der Droge werden nicht angesprochen. In dieser Hinsicht ist Frank Herberts „Dune“ einen Schritt weitergegangen. Das Spice faltet nicht nur den Raum im Bewusstsein der Raumfahrergilde, es führt zu körperlichen Veränderungen. Bis auf Paul Atreides kann es bei Menschen auch zum Wahnsinn führen. Alle Ideen werden in diesem kompakten Roman leider nicht zu Ende gedacht.
Wie in der Sage ist es schließlich Hochmut, der für den Fall verantwortlich ist. Eine der unbefriedigten Ehefrauen des Herrschers trifft schließlich auf den Träumer. Auch wenn Inalgade Berilis ihn anfänglich nicht mag, entsteht eine platonische, eine auf der intellektuelle Ebene geführte Beziehung. Persönliche Freiheit – sowohl die Ehefrau als auch der Träumer sind an die Insel gekettet – steht in einem starken Kontrast zu den durchaus angenehmen Strukturen ihrer jeweiligen Gefängnisse.
Es ist die finale Flucht und die letzte im Grunde sinnlose Mission des Träumers, in welcher abschließend die individuellen Wünsche des Herrschers über das Wohle des ganzen Volkes gestellt werden, die zum Untergang führen. Nicht wie bei Atlantis durch eine plötzliche Flut, sondern eine kontinuierliche Unterminierung der Existenzgrundlage, das Binden von Resourcen an anderen Stellen und schließlich der sinnlose Versuch, den immer wieder vom Meer überfluteten Boden der Insel fruchtbar zu halten. Der Herrscher selbst bereitet in seiner Wut den Untergang.
Aber auch hier stellt sich die Autorin gegen klassische Normen und kehrt zum eingangs erwähnten Tempel des Meeresgottes zurück. Anfänglich ist er von einem eher psychopathisch zu nennenden Mann verschlossen worden. Der Epilog besteht aus einer Reihe von Beschreibungen der Anlage, ohne das die Autorin einen explizierten Zusammenhang zwischen dem Wüten des Meeresgottes und der möglicherweise beruhigen Wirkung des Träumers auf das Meer bzw. den Meeresgott expliziert herstellt. Diese Ambivalenz ist genau wie der zu oberflächliche Hintergrund der Geschichte allerdings auch frustrierend.
Für einen Erstling packt die Autorin auf der einen Seite sehr viele Ideen in einen Roman, der heute eher als Novelle zählt. Auf der anderen Seite versucht sie überambitioniert und eher unrealistisch zu viele Antworten ihren Protagonisten in den Mund zu legen und nimmt dadurch den Lesern die Möglichkeit, sich eigene Gedanken zu machen. Viele der Nebenfiguren sind zu eindimensional, zu künstlich angelegt und agieren auch entsprechend.
Viele der von Beginn an entwickelten Konflikte lösen sich auf eine nicht unbedingt natürliche, sondern stark konstruierte Art und Weise auf, so dass vor allem das Finale in dieser Konstellation und auch hinsichtlich der Zwecklosigkeit keinen wirklichen Sinn ergibt. Natürlich lässt es sich in der Art interpretieren, dass ein absolutistischer Herrscher irgendwann jede Grenze überschreitet und sich selbst sein eigenes Grab gräbt. Aber dazu ist die Exposition dieser Szene zu ambivalent und das ganze Szenario wirkt zu statisch.
„Der Träumer in der Zitadelle“ ist trotz der angesprochenen Schwächen aber ein heute noch als Idee und weniger als ausgefeilte Geschichte lesenswerter Roman, der versucht, die auch in den siebziger Jahren ausgetretenen Wege der Fantasy zu verlassen und etwas Anderes anzubieten. .
- SBN-10 : 3453304497
- ISBN-13 : 978-3453304499
- Herausgeber : Wilhelm Heyne, (1. Januar 1977)
- Sprache: : Deutsch
- Umfang: 142 Seiten

