Im Original heißt Wilson Tuckers 1960 veröffentlichter Roman „Last Stop“. Der Goldmann Verlag hat für die deutsche Ausgabe mit „Der fremde im Abteil“ eine unnötige Anspielung auf Alfred Hitchocks Film „Fremde im Zug“ eingebaut. Im Zugabteilung verabreden zwei sich Unbekannte Männer das perfekte Verbrechen, in dem jeder die Tat für den Anderen ausübt. Auch bei Wilson Tucker ist die Reise im Zug für die sich treffenden Personen signifikant, aber rückblickend auch teilweise nicht zufällig.
Arthur Lang ist wegen Totschlag, aber nicht Mord verurteilt worden. Er hat seine Frau überfahren. Er bestreitet die Tat, ist aber mit einer Strafe von zehn Jahren und drei Jahre vorzeitiger Entlassung bei guter Führung einverstanden. Die Öffentlichkeit sieht es anders. Arthur Lang wird von einem Polizisten mit dem Zug ins Gefängnis gebracht.
Der Roman beginnt aber mit dem unscheinbaren Martin Davissey. Er kämpft sich durch die Massen am Bahnhof, weil er ausgerechnet diesen Zug erreichen möchte. Im Laure des ersten Viertels stellt Wilson Tucker den im Grunde durchschnittlichen und doch sehr interessanten Martin Davissey vor. Er ist Ermittler, er recherchiert für seine Kunden zu unterschiedlichsten Themen und reist um die Welt. Anscheinend befindet er sich auf einer Geschäftsreise und setzt sich eher „zufällig“ dem Gefangenen und seinem Wächter gegenüber.
Die dritte signifikante Figur ist die junge Journalistin Catherine Churchill. Sie ist der festen Überzeugung, dass Arthur Lang mit Einschränkungen unschuldig und der Tod der jungen Frau ein Unfall gewesen ist.
Nach einer angesichts der Länge des Buches fast zu umfangeichen Einführung mit pointiert geschriebenen Dialogen, in denen Martin Davissey nach außen unsicher und anscheinend unter Reiseängsten leidend immer wieder die Faszination seines Berufs als die Welt bereisender Handlanger von Sachbuchautoren oder Exzentrikern herausgestellt hat, setzt Wilson Tucker den ersten von zwei Wendepunkten unauffällig ans Ende eines Kapitels. Die tote Frau war nicht wie allgemein angenommen die Ehefrau des Verurteilten.
Mit diesem Paukenschlag dreht sich der Plot. Die Arthur Lang vehement verteidigende Reporterin gerät in die Defensive; Martin Davissey ist anscheinend kein zufälliger Fremder, der aus beruflichen Gründen unbedingt mit diesem Zug reisen will. Zwar basiert diese Wendung auch auf einer Prämisse, die grundsätzlich stark konstruiert erscheint und von Langs schlechtem Personengedächtnis abhängig ist, aber Tucker untermauert sie noch mit einer den Verurteilten nicht erreichten Warnung. Anscheinend möchte sich jemand an Lang rächen.
Die zweite Wendung des Plots hat mit der extremen Wettersituation zu tun und bringt die Kriminalgeschichte an den Rand eines existentiellen Dramas. Seit Tagen regnet es. Die Strecke droht unterspült zu werden. Es wird für einige Zeit der letzte Zug in Richtung Gefängnis sein, was den Beamten unter Druck setzt. Der ist nebenbei Farmer und möchte eigentlich zu seiner Herde. Die Strecke ist aber zu weit, um den Häftling mit dem Auto zu schicken, Flugzeug ist zu teuer und das Wetter würde auch nicht mitspielen.
Die Passagiere im Zug sind spätestens mit der letzten Telegraphenstation im Zug auf sich alleine gestellt. Mit dieser Wendung versucht Tucker vor allem im mittleren Abschnitt von außen zusätzlich Stimmung zu erzeugen und die immer angespannter werdende Atmosphäre im Abteil zu verdichten.
Die letzte Wendung kommt fast aus dem Nichts. Damit bricht Wilson Tucker aber auch die klaustrophobische Atmosphäre auf, nimmt aber zwei der drei Protagonisten aber auch die Qual, sich entscheiden zu müssen. Interessanter und intensiver wäre es gewesen, den mit der Abfahrt des Zugs angefangenen Handlungsbogen auch in dem geschlossenen Raum zu beenden und vor allem Martin Davissey vor eine noch schwierigere Entscheidung zu stellen.
Der lange Zeit stoisch das Geschehen um sich herum beobachtende Arthur Lang wird in doppelter Hinsicht aktiv. Die eine Aktion macht nur bedingt Sinn, da in dem Moment wahrscheinlich fast alle anderen Menschen etwas Zielführenderes unternommen hätte. Aber Wilson Tucker versucht das lange Zeit aufrechterhaltene Bild des wegen Totschlags verurteilten Mannes innerhalb weniger Momente zu zerstören und ihn als das zu zeigen, was er die ganze Zeit gewesen ist. Das gipfelt in einer brutalen Szene, die eher an den zweimal verfilmten „Cap Fear“ erinnert.
Martin Davissey wird aus der passiven, aber überlegenen Position eines Mannes mit viel beweisbaren Wissen heraus gezwungen, nur noch zu reagieren. Aber wie Martin zu Beginn traut sich Wilson Tucker als >Erzähler am Ende nicht, einzelne Szenen bis zum bitteren Ende durch zu konzipieren, sondern greift als letztes Mal zu einer kleinen „Deus Ex Machina“ Lösung, die angesichts des Szenarios auch ein wenig konstruiert wirken könnte, aber nicht direkt so erscheinen muss.
Wilson Tucker nutzt die Versatzstücke des Genres effektiv. Der Mord/ Totschlag findet vor Beginn der Handlung ein, könnte aber zu einem weiteren Verbrechen führen. Einzelne Situationen können unterschiedlich interpretiert werden und vor allem Arthur Langs wachsende Paranoia überzeugt. Er ist an den Polizisten gefesselt. Er ist nur wegen Totschlags verurteilt worden. Jede Reaktion auf Martin Davisseys Provokationen könnte beweisen, dass das urteil grundsätzlich falsch ist. Ein schmaler Grat, auf dem sich Lang bewegen muss. Zumal er im Grunde hilflos ist und die attraktive Journalistin Churchill eher geblendet wird. Tucker liefert für diesen Punkt keine Erklärung ab.
Aber der Unterschied zwischen der Reporterin und damit auch zur Geschichtenerzählerin Churchill und dem stoischen Davissey mit seiner pedantischen Faktensammlung könnte nicht größer sein. Sie „agiert“, er reagiert. Am Ende ist es genau anders herum. Davissey wächst auch dank seiner Erfahrung im Koreakrieg und dem Leid, dass er auf der Welt gesehen hat, über sich hinaus, während sie ihm nur folgen kann. Genau wie ihr Interesse an Lang nachlässt, wächst ihre Bewunderung für Davissey. Interessant ist, dass sie auch Verständnis für Davissey aufbringt und wünscht, dass er sein Vorhaben umsetzen kann. Damit würde er aber auch seine Unschuld verlieren.
„Der Fremde im Abteil“ ist vor allem ein Kammerspiel vor einem bewegten Hintergrund. Tucker nimmt sich sehr viel Zeit, seine Protagonisten nicht von innen heraus, sondern durch Betrachtung von jeweils Dritten zu definieren und darüber hinaus vordergründing, aber manchmal auch hintergründig zu charakterisieren. Dabei versteckt der Autor einzelne Persönlichkeitsaspekte lange vor den Lesern. „Fremde im Abteil“ ist auch ein Kind seiner Zeit. Der Plot würden in einer Handy/ Wlan Welt nicht mehr so gut funktionieren, obwohl eine Zugreise vor allem während schweren Wetters durch die Weiten der USA immer noch nachvollziehbar ist.
Wilson Tucker ist ein ausgesprochen fokussierter Erzähler, der seinen Plot ruhig, aber stringent erzählt und manchmal nur die rudimentärsten Informationen präsentiert. Vieles muss sich der Leser in seiner Phantasie zusammenreimen. Aber zu den großen kriminaltechnischen Zugabenteuern wie „Mord im Orient- Express“ oder „Fremde im Zug“ gehört die Geschichte alleine durch die interessante Zeichnung seiner Protagonisten und dem dank der Oberflächlichkeit des Gerichts versteckten Mords trotzdem.
Goldmann Verlag
Hardcover 152 Seiten
