Anfang der achtziger Jahre verfassten die Strugatzki Brüder mit „Das lahme Schicksal“ offiziell einen Roman für die Schublade. Sie dachten nie, das Buch durch die sowjetische Zensur zu bekommen, da die Kritik an der literarischen Sturköpfigkeit der Behörden klar erkennbar gewesen ist. Allerdings sind die beiden Strugatzkis nicht selten auf Schwierigkeiten gestoßen, ihre Werke zu veröffentlichen und einzelne Bücher erscheinen erst im westlichen Ausland, vor allem im Suhrkamp Verlag, bevor sie irgendwann und irgendwie den Weg zurück in die damalige UdSSR fanden. Perestroika ermöglichte schließlich 1986 doch eine Veröffentlichung in der Zeitschrift Newa.
Auf zwei Handlungsebenen wirkt „Das lahme Schicksal“ die Geduld mit den Protagonisten arg strapazierend wie eine Mischung aus den modernen Märchen sowie der sozialkritisch gesehenen Gegenwart in der UdSSR. Es ist ein Buch aus zwei Romanen, die getrennt und doch miteinander verbunden sind.
Dabei ist die Verknüpfung mit der Realität viel intensiver als es eine reine Lektüre dieses alleinstehenden Buches impliziert. Auch wenn es den Roman antiquarisch überall zu kaufen gibt, empfiehlt es sich, auf Band 6 der im Heyne Verlag publizierten Werksausgabe zurückzugreifen. Irgendwann nach der Fertigstellung von „Das lahme Schicksal“ – rechnet man die vier Jahre von der Erstveröffentlichung zurück, muss das Manuskript 1982 abgeschlossen worden sind – haben sich die beiden Brüder wie ihr Protagonisten Felix Sorokin wieder dem Medium Film zugewandt und Entwürfe für Drehbücher geschrieben, deren abschließende Verantwortung und vor allem Positionierung gegenüber den Behörden nicht in den Händen der Strugatzkis, sondern des abschließenden Drehbuchautors oder des Regisseurs liegt. Es ist kein Zufall, dass auch Felix Sorokin diesen literarisch einfacheren Weg wählt und ihn vor allem auch sehr offenen seinen Lesern gegenüber erläutert.
1985 fertigten die Strugatzkis den Entwurf zu „Fünf Löffel Elixier“, der 1990 schließlich als Film produziert worden ist. Die Grundlage ist eine Auskoppelung aus „Das lahme Schicksal“. Dabei ist der Inhalt des Drehbuchs deutlich fokussierter und vor allem auch stringenter. Der Protagonist beider Arbeiten Felix Sorokin trifft durch einen Zufall auf eine sehr kleine Gruppe potentiell Unsterblicher. Sie hüten ein gemeinsames Geheimnis. In einer geheimen Grotte tropft das lebensverlängernde Elixier von der Decke. Fünf Löffel in drei Jahren reichen aus, um fünf Menschen das Leben zu verlängern. Nur fünf Menschen. Keine sechs. Sobald ein weiterer Mensch nach diesem Geheimnis greift, reich das Elixier nicht mehr für alle. Attentate auf Sorokin schlagen fehl. Die anschließenden Diskussionen, wer von den jetzt sechs Menschen sterben muss, damit die anderen fünf Menschen weiterleben, gehen ins Nichts.
Auf der realistischen Ebene in „Das lahme Schicksal“ hilft Sorokin seinem kranken Nachbarn. Dieser wird abends in Krankenhaus eingeliefert und bittet Sorokin, ans andere Ende der Stadt zu fahren und dort seine Medizin zu holen. Damit öffnet sich zwar eine Art Büchse der Pandora, aber dieser Spannungsbogen wird im Laufe des umfangreichen, in einem sehr gesetzten Tempo erzählten Romans allerdings fallen gelassen.
Viel offensichtlicher und ebenfalls direkt angesprochen ist der Versuch der Strugatzkis, einen Roman in der Tradition von Bulgakow zu schreiben. Ein Autor, den Sorokin sehr schätzt. In einer ausführlichen Sequenz überlegt er, welches Geschenk er seine Freundin machen kann. Der mehrmals verliehene Bulgakow weist Gebrauchsspuren auf und eignet sich deswegen nicht mehr als Geschenk, auch wenn Sorokin ihn sehr gerne liest. Bei Dashiell Hammett will Sorokin noch einmal dessen wichtigste Romane in einem edlen Hardcoversammelband lesen, bevor er sie verschenkt.
Aus Bulgakows „Der Meister und Margarita“ haben die beiden Brüder die Idee übernommen, zwei Geschichten in alternierenden Kapiteln zu erzählen. Im Mittelpunkt der Handlung und als einführender Erzähler mit sehr viel auch militärischer Lebenserfahrung und immer wieder Reibungspunkten mit dem kommunistischen System steht der schon angesprochene Felix Sorokin. Ein mäßig erfolgreicher Schriftsteller vor allem von militärischer Literatur mit Bezügen zum großen vaterländischen Krieg und einer Schwäche für Propagandafilme.
Felix Sorokin schlägt sich unter anderem mit Gutachten durch, welche zusammen mit den besprochenen oder besser politisch eingenordeten Werken in den gigantischen Schubladen der Literaturfabrik verschwinden. An einer Stelle diskutieren Sorokins Freude, das dessen Gutachten noch wertloser sind als die besprochenen Werke. Nicht ganz klar wird, ob der im Grunde phlegmatische bis faule Sorokin die Gutachten schreibt, weil er es muss oder ob er darin wirklich einen Sinn sieht.
Der Handlungsbogen im Sorokin wird in grauen Farben beschrieben. Das Leben ist trostlos, das Geld knapp und der Alkohol wichtig. Sorokin ist ein Büchermensch. Gleich zu Beginn beschreibt er seine bisherigen fünf Bibliotheken. Als Übersetzer hatte er zwar Zugang zu Büchern, aber welche Verzweiflung der Literaten Sorokin befallen hat, zeigt das Übersetzen eines japanischen Sachbuchs während des Diensts an der Grenze der Sowjetunion. Es gibt bis auf die angesprochene Gefälligkeit hinsichtlich des Elixiers in diesem Handlungsarm keine offensichtlichen phantastischen Elemente. Wie in den modernen Märchen implizieren die Strugatzkis mehr als das sie es öffentlich ansprechen.
Auf der zweiten Handlungsebene präsentieren die Brüder aus dem Nichts heraus wahrscheinlich einen phantastischen Roman Sorokins, der sich derartig von den expliziert präsentierten und manchmal mittels überzogener Zitate vorgestellten Werken Sorokins. Es handelt sich anscheinend um einen phantastischen Roman mit einem anderen Schriftsteller – Viktor Banow – im Mittelpunkt der Handlung, der in einem nicht kommunistischen, aber dekadenten Land den „Untergang“ der menschlichen, aber auch selbstverliebten Kultur miterlebt und gleichzeitig die Gründung einer neuen Bewegung, ausgelöst von den diffamierten Näßlingen verfolgen kann. Es ist gleichzeitig ein Generationenkonflikt. Banow ist eine Art Mittler, der mit seiner schriftstellerischen Neugierde noch über den Tellerrand schauen kann, während die anderen in ihren Berufen und vor allem Dogmen erstarrten Mitbürger erkennen müssen, das sich ihre Kinder nicht ganz freiwillig, aber dann mit rasender Geschwindigkeit von ihren Eltern emanzipieren und sich neue geistige Horizonte erschließen.
Während Sorokins Hintergrund mit dem deutlich erkennbaren Moskau der frühen achtziger Jahre und dem aus heutiger Sicht kurzen intellektuell freien russischen Frühling realistisch, detaillierter und kritisch entwickelt worden ist, bleibt Banows Welt rätselhaft, verschlossen und handlungstechnisch opportunistisch. Beide Romanteile sind Dystopien. Aber bei Banow kommt die Befreiung des Geistes von außen. Die Handlung ist deutlich verklausulierter und die Nebenfiguren schillernder, exotischer entwickelt.
Erzählerisch ragt „Das lahme Schicksal“ wie angesprochen aber auch die Geduld der Leser fordernd, vielleicht aufgrund der wehleidigen Protagonisten sogar strapazierend aus dem Spätwerk der Strugatzkis positiv heraus. Vieles wirkt wie eine Zusammenfassung ihrer bisherigen Werke inklusiv der kritischen, deutlich klarer erkennbaren Kritik an der sowjetischen Einheitspolitik vor allem den Künstlern gegenüber. Der deutsche Titel ist in einigen Punkten auch Programm. Die beiden so unterschiedlichen und doch hinsichtlich ihrer Berufung gleichen Protagonisten warten quasi auf das Schicksal, auf eine Wendung in ihrem Leben. Wie der deutsche Titel impliziert, lässt sich das Schicksal Zeit und zumindest bei Sorokin kommt diese potentielle Wendung zu spät, um ihn wirklich aus seiner dogmatischen Stasis zu wecken. Die satirischen Elemente sind vorhanden, aber im Gegensatz zu „Der Montag fängt am Samstag an“ oder „Das Märchen von der Troika“ – beide Romane finden sich ebenfalls im sechsten Sammelband – deutlich dezenter über den Handlungsbogen verteilt. Das lässt den vorliegenden Roman weniger absurd, weniger überdreht, aber auf keinen Fall weniger nachdenklich stimmend erscheinen. Vor allem in der Gegenwart, die zeigt, wie wenig sich Russland per se in den letzten vierzig Jahren wirklich auf der politischen Ebene weiterentwickelt hat. Und Stillstand ist nicht nur bei der Strugatzkis fatal. „Das lahme Schicksal“ ist das zugänglichste Alterswerk der beiden Brüder, auch wenn der Roman am besten nicht an den Beginn einer Strugatzki Lektüre gesetzt werden sollte. Dazu finden sich zu viele kleine Anspielungen nicht nur auf ihr bisherigeres Werk, sondern auch das eigene nicht immer zufriedenstellende Leben. Wer sich intensiver mit den Arbeiten der beiden Russen schon beschäftigt hat, wirkt in „Das lahme Schicksal“ eine weitere intellektuell sehr zufriedenstellende Spielerei finden.

- Herausgeber : Suhrkamp (1. Januar 1991)
- Sprache : Deutsch
- Taschenbuch : 415 Seiten
- ISBN-10 : 3518382667
- ISBN-13 : 978-3518382660
