The Overnight

Ramsey Campbell

In seinem Vorwort zur limitierten Hardcoverausgabe – 2004 veröffentlicht worden – beklagt Mark Morris den Zustand des britischen Horrors. Einige Erfahrungen des Campbell Romans basieren auf seiner Zeit, als er sich bei einer amerikanischen Buchkette in England einen Vollzeitjob suchen musste, da er zusammen mit dem Gehalt seiner Frau nicht mehr vom Schreiben leben konnte. Inzwischen schreibt man das Jahr 2014 und eine gänzlich andere Art von Horror ist in aller Munde. Ramsey Campbell veröffentlicht weiterhin seine Romane im kleinen, aber renommierten PS Publishing Verlag. Obwohl Campbell ohne Frage zu den größten Stilisten des Genres gehört, der aus der Nische eines würdigen Lovecraft Nachfolgers heraus sich einen Namen erschaffen hat, muss er sich auch den Vorwurf gefallen lassen, dass sein Werk nicht nur nicht kommerziell ist, sondern dass seine Roman trotz ihrer atmosphärischen Stärken und gut gezeichneten Charakteren nicht selten unter strukturellen Problemen mit einer langen Exposition und einem zu schnellen und manchmal vorhersehbaren Ende leiden. „The Overnight“ könnte sich auch in diese Reihe eingliedern, wenn der Autor das Ende nicht gänzlich inhaltlich „zur Seite geschoben“ hätte.

„The Overnight“ zerfällt in einzelne Teile, zusammengehalten von einer Handvoll normaler Menschen, die eine Nachtschicht in einem auf der Wiese in einem Industriegebiet erbauten amerikanischen Buchdiscounter – anders lässt sich diese Filiale nicht beschreiben – vor dem Buch des Managements aus den USA einlegen müssen, um den Laden auf Hochglanz zu polieren. Nur deuten Hinweise eines lokalen Forschers darauf hin, dass mehr als nur Nebel diese Gegend dominiert.

Über zweidrittel des Buches könnten aus einer klassischen Abrechnung mit der Ausbeutung der in diesem Fall britischen Arbeiterklasse stammen. Es gibt zwar einige, als möglicherweise übernatürlich zu erklärende Hinweise. Auf der anderen Seite könnten sie auch als diabolische Streiche der Angestellten interpretiert werden. Campbell nimmt sich sehr viel Zeit und viel zu viel Raum, um diesen Bücherzirkus zu beschreiben, vielleicht indirekt auch zu verdammen. Und dabei findet der ansonsten so routinierte Autor kein Ziel. Natürlich werden die Bücher entsprechend platziert und natürlich macht man sich Gedanken, denn ein regionaler Autor zu einer Lesung kommt, wie man sein aus Campbells Sicht unverständliches Buch protegieren und die Verkaufszahlen fördern könnte. Kein Vorwurf gegen den Filialleiter. Auch der Service bis auf das eine Buch, das aus über die Horrorebene später verständlichen Gründen nicht bestellt werden kann, wird normal und positiv für die Kunden beschrieben. Natürlich können Autor und Leser über die Floskeln mit dem freundlichen Begrüßen – immer Lächeln – und der leicht unterwürfigen Dienermentalität gegenüber den Kunden herumalbern, aber bedenkt man, wie schmal der Grad zwischen Serviceorientierter Höflichkeit und kriecherischer Haltung ist, dann trifft Campbell nicht jeden Ton. „The Overnight“ will keine Satire auf die amerikanischen Großketten sein. Vielleicht ist es eher der verletzte Stolz eines erfolgreichen und ausgezeichneten Autoren, der plötzlich „normal“ arbeiten muss, wobei Mark Morris in seinem Vorwort eingestehen muss, dass der Filialleiter Campbell eine Reihe von Freiheiten eingeräumt hat, um weiterhin vormittags schreiben zu können. Das passt weniger zu der hier präsentierten Abrechnung.

 Fast zähneknirschend muss der Autor eingestehen, dass trotz Gleichschaltung und gesteuertem Vertrieb die Angestellten und der Filialleiter – seine erste Filiale ausgerechnet im störrischen Großbritannien und nicht den liberalen USA – das Gesicht des Shops bilden. Und hier zeichnet der Brite mit liebevoller Detailverliebtheit, die stellenweise an eine Besessenheit erinnert, eine Handvoll normaler Bürger mit normalen Problemen, die weniger aus Überzeugung denn um ihren niedrige Position in der Hierarchie zu halten in dem gigantischen Laden arbeiten. Die allein erziehende Mutter mit dem Kind bei den Eltern und dem Streit um den Unterhalt mit dem Ehemann. Die zwei Angestellten, die eine mehr oder minder heiße Affäre miteinander haben, sie aber vor ihren Kollegen verheimlichen. Der unter Platzangst leidende Quotenhelfer, der natürlich immer in den Fahrstuhl muss. Der Filialleiter mit seinem Ehrgeiz, seine Filiale zu einem Erfolg zu führen. Alle Figuren überzeugen durch ihre Charakterisierung und ihre jeweiligen Tode sind nicht sadistisch expliziert, sondern fast poetisch knapp beschrieben. Im letzten Drittel des Buches wird dem Leser klar, dass wahrscheinlich keine Heldin oder gar kein Held in letzter Sekunde zur Rettung. Da dieser Nihilismus nicht wie angesprochen vom Sadismus und dem Hang zu explizierten Splatterszenen begleitet worden ist, rückt Campbells Roman von einigen anderen Machwerken des Genres ab.

Das beginnt mit dem Nebel, der sich mehr und mehr über diese Industriesiedlung legt. Das bei der Bestimmung des Filialstandorts im Vorwege – in einem Industriegebiet ohne Supermärkte eine Buchfiliale ? – einiges schief gegangen sein muss, unterschlägt der Autor. Dieser Nebel wird wie in Stephen Kings Geschichte immer dichter und setzt nach und nach auch die Elektronik von Handys und später natürlich auch im Markt außer Gefecht. Über allem steht die den Titel gebende „Nachtschicht“, in der eine Handvoll Charaktere in einem einsamen Ort isoliert werden. Um Spannung zu erzeugen, beschreibt Campbell jedes Kapitel aus der Sicht eines anderes Charakters. Damit kann er auch einzelne Lebenslinien „beenden“, ohne das typische Slasherfilmverhalten – lange Flure, dunkle Gänge und ein Opfer alleine auf weiter Strecke – zu sehr zu strapazieren. Konsequent baut er eine dunkle, bedrohliche Atmosphäre auf. Beginnend mit kleinen Hinweisen auf übernatürliche Phänomene und schließlich in einem subversiven, an Filme wie „Alien“ oder „the Cave“ erinnernden Finale, in dem allerdings der Schrecken aus dem Dunkel ausgesprochen ambivalent gehalten wird. Die „Bestie“ wird eher angedeutet als intensiv beschrieben. Trotzdem erscheint es erstaunlich, dass Campbell einen derartig mechanischen Plot im 21. Jahrhundert präsentiert. Teilweise wirkt die Konstruktion des Plots eher wie ein Versuch, die Stärken seiner frühen Arbeiten – intensive, aber moderne Hommage an Lovecraft mit einer sehr guten Charakterisierung der Protagonisten verbunden – an die Sehgewohnheiten der DVD Generation anzupassen. Das wird insbesondere bei seinen Stammlesern Enttäuschung hinterlassen, da der Autor über die Versatzstücke dieses Subgenres hinaus wenig handlungstechnisch anbieten kann.

Der Atmosphäreaufbau ist exzellent, die dunkle Stimmung wird ebenfalls intensiv beschrieben und die einzelnen Abgänge sind dramaturgisch sauber herausgearbeitet. Nur fehlt dem Roman als Ganzes eine Art Kick, ein Schritt in eine neue interessante Richtung.

Auch wenn Ramsey Campbell es wahrscheinlich leugnen wird, greift er auf kommerzielle Tricks zurück. Als Novelle oder Kurzgeschichte hätte „The Overnight“ deutlich mehr überzeugen können. Auch Stephen Kings Vorbild „Der Nebel“ ist eine Novelle mit einer klar strukturierten Handlung, die mehr und mehr Tempo aufnimmt. Ramsey Campbel macht nicht zum ersten Mal in seinen Romanen die elementaren Fehler, das Tempo nicht zu variieren und vor allem gegen Ende des Buches notwendigerweise zu erhöhen. Egal, ob die alltägliche Routinearbeit im Buchladen – Bücher ordnen, Regale auffüllen, neue Titel bestellen – oder das Auftauchen des ominösen Schreckens beschrieben wird, das Tempo ist immer gleich, die Beschreibungen detailliert bis besessen und das Kapitelende zufrieden stellend ohne Cliffhangar abgeschlossen. Alles wirkt routiniert, aber es fehlt der Geschichte das dunkle Herz. Nach der Lektüre bleibt der Leser hinsichtlich der Intention des Autoren verwirrt zurück. Natürlich ist es ein Horror Roman mit bedrohlichen, gut beschriebenen Elementen. Aber wollte Campbell der Welt zeigen, dass er kein Buchverkäufer, sondern dank des besser bezahlten Jobs seines Frau wieder ein Schriftsteller ist? Vielleicht sogar einer der besten das Genres? Dann ist es ihm zu wenig gelungen, denn die langen, nicht unbedingt langweiligen, aber sehr gedehnten Passagen werden zu wenig durch Campbells Stärken – Originalität bei guter Atmosphäre – ausgeglichen, so dass „The Overnight“ ein eher schwächerer Roman aus seiner Feder ist, der als Novelle durchaus hätte überzeugen können.

 

  • Taschenbuch, 440 Seiten
  • Verlag: PS Publishing; Auflage: Limited edition (1. September 2012)
  • Sprache: Englisch
  • ISBN-10: 1848634919
  • ISBN-13: 978-1848634916
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