„Kugel und Kreuz“ ist G.K. Chestertons zweiter Roman. Auch wenn das Werk in Buchform erst 1909 und damit nach „Der Mann, der Donnerstag“ erschienen ist, veröffentlichte ein christliches Magazin zwischen 1905 und 1906 die ersten Kapitel. Erst mehr als einhundert Jahre später ist der Roman von einem kleinen christlichen Verlag zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt und als Hardcover veröffentlicht worden.
Der Prolog dieses auf der einen Seite sich mit dem Glauben auseinandersetzen Werkes könnte eine Brücke zum Ende von „Der Napoleon von Notting Hill“ schlagen. Am Ende seines erstes Buches erwies sich der Konflikt in Londons Straßen nur als Teil eines großen Konfliktes zwischen zwei ewigen Spielern, welche sich nach neuen Schauplätzen umsahen. Als Allegorie auf den ewigen Kampf zwischen Gott und dem Teufel ist das Ende von „Der Napoleon von Notting Hill“ zu schwach. Zu viele Fragen bleiben offen. Aber am Anfang von „Kugel und Kreuz“ – beides sind Symbole, welche an der Turmspitze der Londoner St. Paul Kirche angebracht worden sind – diskutieren Professor Lucifer in seinem fliegenden Schiff – die einzige wirklich Bahnbrechende technische Erfindung, die Chesterton in den hier vorgestellten fünf Romanen aktiv benutzt – und ein entführter Mönch namens Michael über den atheistischen Rationalismus und den Glauben jeglicher Religion. Eifrig debattierend rahmt Lucifer beinahe die St. Pauls Kirche in London und beschwert sich lautstark darüber, das nicht zuerst das Kreuz und dann der Ball angebracht worden ist. Diese Debatte endet im Nichts eines unabgeschlossenen Prologs.
Der Hauptteil des Romans besteht aus dem Kampf zweier gewöhnlicher Männer, die ungewöhnliches leisten. Diese Duelle zwischen zwei verschiedenen Männern durchziehen in verschiedenen Variationen viele der phantastischen Romane Chestertons. In „Der Napoleon von Notting Hill“ ist es der gewöhnliche Adam Wayne, der sich gegen die Vertreter des Kapitals wehren muss. In „Der Mann, der Donnerstag war“ kämpft eine Gruppe von Anarchisten anfänglich gegen sich selbst, später gegen den Mann, der sich Sonntag nennt. In „Das fliegende Wirtshaus“ streifen zwei Freunde mit ihrem Schild durch ein England, das dem öffentlichen Alkoholausschank abgeschworen hat. Und in „Die Rückkehr des Don Quixotos“ ist es ein Bibliothekar, der sich in diese Rolle hineinsteigert, während sein Sancho Panza die Kontrolle über das sich ausbreitende Chaos behält. Aber die Dualität dieser Individuen oder zweier Streiter auf der gleichen Seite gegen die Ordnung findet ihren absurden Höhepunkt relativ früh in „Der Ball und das Kreuz“.
James Trumbull ist ein rothaariger Schotte aus der grenznahen Region zu England. Er ist ein devoter Atheist, der seit vielen Jahren eine Streitschrift mit dem gleichen Namen druckt. Niemand hört auf ihn. Eines Tages wirft Evan Maclan seine Fensterscheibe ein, erzürnt über eines der Pamphlete, welche Trumbull dort ausgehängt hat. Evan MacLan ist dunkelhaariger, groß gewachsener Highland Schotte. Durch ihre Herkunft ist der erste Konflikt zwischen den beiden Männern schon gelegt. Weiterhin ist MacLan derartig konservativ, das er sich die Wiederherstellung der schottischen Monarchie wünscht und alles Englische von Beginn an ablehnt. Weiterhin ist er römisch- katholischen Glaubens.
Die Diskussion nach der eingeworfenen Fensterscheibe ruft die Öffentlichkeit in Form der Polizei heran. Der überforderte Beamte kann die Gemüter der beiden Hitzköpfe nicht beruhigen, wobei es Trumbull weniger um die Sache per se geht. Er ist einfach froh, dass er mit seinen Streitschriften nach so langer Zeit eine Art von Reaktion hervorgebracht hat.
Evan MacLan fordert Trumbull zu einem Duell auf Leben und Tod auf. Das Ergebnis dieses Kampfes wäre absurd, denn MacLan möchte damit beweisen, dass es Gott gibt. Trumbull ahnt, dass mit seiner Niederlage dieser Beweis nicht angetreten wird.
Immer wieder verabreden sich die beiden Männer zum Duell und immer wieder müssen sie den Kampf entweder abbrechen oder können gar nicht anfangen. Dabei gibt es unterschiedliche Störaktionen. Mal sind es die Mitmenschen, die sie beobachten. An einer anderen Stelle greift die Polizei ein. Ein weiteres Mal wähnen sie sich endlich auf ihrer gemeinsamen Reise nach dem perfekten Ort in Frankreich, wo Duelle immer noch erlaubt sind. In Wirklichkeit sind sie nur auf einer der Kanalinseln gestrandet, die rechtlich zu Großbritannien gehört. Absurd wird es, wenn sie über eine hohe Mauer klettern und dort den Besitzer eines riesigen Grundstücks treffen. Sie bitten ihn, auf seinem privaten Grund und Boden den Kampf austragen zu dürfen. Anfänglich sieht er die Sache als eine klassische Auseinandersetzung zwischen zwei Männern, bis er den eigentlichen Grund des Duells- der Beweis der Existenz Gottes – hört. Er verbietet den Kampf. Am Ende ihrer Reise landen die beiden Männer an dem einen Ort, wie sie ungestört und ungehört ihren religiösen bzw. atheistischen Positionen frönen können: in einer Irrenanstalt.
Auch wenn G.K. Chesterton seine über verschiedene Magazine ausgetragene Debatte mit dem Journalisten Blatchford in eine absurde Geschichte gegossen hat, ist es nur eine Ebene dieser Allegorie.
Auf einer zweiten Ebene lernen die beiden Männern auf ihrer Reise zum idealen Duellort zwei sehr unterschiedliche Frauen kennen. Beide vertreten die jeweilige religiöse Gegenposition MacLans und Trumbulls. Beide Männer mögen aber ihre jeweiligen Frauen so sehr, dass sie beginnen, ihrem Scheuklappendenken abzuschwören und sogar mit einer Abweichlerin die Ehe einzugehen. Chesterton argumentiert, das die Frauen eben doch die besseren Zuhörer sind. Allerdings wirken die romantischen Szenen auch ein wenig aufgesetzt und konstruiert. Niemals würden jung verliebte über derartige religiöse wie philosophische Themen so ausgiebig diskutieren. Die Überwindung der verschiedenen Gegensätze ist daher nur Mittel zum Zweck, denn das Duell zwischen den beiden Männern wird durch ihre jeweils kurzfristigen besseren Hälften nicht abgeblasen, sondern eher noch angestachelt. Als wenn die Ehre auf dem Felde wichtiger ist als eine verlässliche Partnerin an der eigenen Seite.
Viel interessanter sind die jeweiligen Standpunkte, welche die beiden Männer so vehement vertreten und deren Ursprung sich auch schon im Prolog mit Lucifer und dem Mönch findet. Es ist der Kampf der Stadt der Götter, symbolisiert durch die christlichen Symbole an der St. Paul´s Kirche, gegen die Abgründe der Menschheit und ihre Atheisten. Hier reduziert G.K. Chesterton den Konflikt zwischen diesen Extremen auf vier Männer. Lucifer vertritt genau wie der Journallist und Publizist Trumbull den Atheismus. Impliziert deutet Chesterton an, das technischer Fortschritt nur von Ungläubigen gemacht werden kann. Es überrascht nicht, das der Meister der Widersprüche gerne die Vorteile des technischen Fortschritts für sein eigenes Wohlbefinden nutzte, aber ansonsten mit einem übergroßen Hut, einem Mantel und einem Stockdegen durch Englands Straßen lief und eher Kutschen als Autos benutzte. Lucifer ist – wie eingangs erwähnt – der einzige Protagonist, mit seinem fliegenden Schiff die Tradition Jules Vernes fortsetzt. Der Mönch Michael und der engstirnige Highlander MacLan vertreten den katholische Glauben. Zwar lassen sich einzelne Aspekte auf andere Religionen übertragen, aber der Autor macht deutlich, dass er sich als Vertreter des katholischen Glaubens sieht und damit literarischer Streiter Gottes auf Erden. Während Lucifer und Trumbull die Existenz Gottes nicht beweisen wollen, können es MacLan und Michael gar nicht. Ihre Argumentation ist, das sowohl die Bibel – Michael – als auch der Sieg in einem Ehrenduell ausreichend sind, um den entsprechenden Beweis zu führen. Gegenargumente werden nicht gestattet.
Es spricht für Chestertons eigenartigen Humor, dass das Finale in einer Irrenanstalt stattfindet, in welcher alle Insassen zwar jederzeit mit der rührigen Anstaltsleitung sprechen können, ihre Anliegen aber niemals ernst genommen werden. Daher spielt es vor diesem Hintergrund auch keine Rolle, wer inzwischen waffenlos in diesem Duell der Dickköpfe als Sieger hervortritt. Es ändert sich weder etwas am Lauf der Welt, auch wenn Chesterton im Kampf zwischen der katholischen Kirche und den Ungläubigen einen Konflikt bis in die letzten Tage der Menschen sieht; noch wird die Welt jemals erfahren, ob Trumbull oder MacLan als Sieger hervorgetreten ist.
G.K. Chesterton ist zu Lebzeiten ein Mann voller Widersprüche gewesen. So stritt er sich öffentlich immer wieder mit seinem Freund George Bernhard Shaw und schrieb trotzdem eine respektvolle Biographie über den Dichter. Sollten die Auseinansetzungen mit dem Journalisten Blatchford Grundlage dieses Romans gewesen sein, so muss angemerkt werden, das die beiden Männer – Chesterton und Blatchford- trotz ihrer unterschiedlichen religiösen Ansichten und ihrer in der Öffentlichkeit ausgetragenen verbalen Fehden Freunde gewesen sind. Im Laufe ihrer Suche nach dem idealen Duellplatz werden Trumbull und MacLan trotz oder gerade auch wegen ihrer unterschiedlichen Ansichten Freunde, die sich respektieren. Das hindert die Männer nicht daran, sich weiterhin gegenseitig töten zu vollen. Aber dieses Duell steht unter einem anderen, höheren Stern und kann nicht mit irdischen Gefühlen aufgewogen werden. Je länger die Suche nach dem Duellplatz dauert, um so genauer geht über die anfänglichen Parolen hinaus der Autor auf die einzelnen Figuren ein. Sie wirken wie erste Entwürfe des späteren Don Quixote. Aus der Zeit gefallen, in ihren starrköpfigen Ansichten gefangen und damit füreinander bestimmt. Den Rest der Welt interessiert dieser Konflikt nicht mehr.
Der Prolog ist mit dem fliegenden Schiff phantastisch. Der Rest der Geschichte ist eine weitere absurde Allegorie auf die religiösen Themen dieser Zeit. Auf Sozialkritik verzichtet G.K. Chesterton. Sie wäre auch nicht angemessen, denn offiziell kennt Gott ja keine Armut und alle Menschen sind gleich. Politik spielt keine Rolle. Die Behörden sind mit dem Verhalten der beiden Männer überfordert. Keine Strafe wird sie von ihren Absichten abbringen. Als theologische Streitschrift agiert G.K. Chesterton zu ambivalent und lässt der „Gegenseite“ – den Atheisten – ausreichend Raum, um ihre aus Sicht des Autoren gotteslästerlichen und falschen Argumente anzubringen. Als Roman mit zwei Streithähnen im ewigen Konflikt verfügt die Geschichte über sehr viel bitterbösen Humor und Chesterton baut eine Reihe von sarkastischen Seitenhieben auf seine so gewöhnlichen wie langweiligen Mitmenschen ein.
Am Ende impliziert Chesterton, dass es weniger um die Beantwortung der Frage geht, ob Gott existiert oder nicht, sondern viel mehr eine Antwort auf eine solche Frage mehr Schaden anrichtet als der fortwährende Streit zwischen den einzelnen Parteien anrichtet. Im Gegensatz zu seinen anderen Romanen hat der Brite aber keine Handvoll von Narren ausgesandt, sondern zwei stolze Schotten, auch wenn sie aus zwei unterschiedlichen Regionen Schottlands kommen. Der Reiz der Geschichte ist weniger die Suche nach der Antwort auf die entscheidende Frage, sondern die Hindernisse, denen sich MacLan und Trumbull immer verzweifelter werdend stellen müssen. In dieser Hinsicht reiht sich der Roman trotz einiger Schwächen bei den Dialogen; der Zeichnung der weiblichen Charaktere und schließlich seines zu ambivalenten Endes trotzdem nahtlos in die vier anderen paradox phantastischen Geschichten ein, die Carl Amery in der Heyne Bibliothek der SF- Literatur den deutschen Lesern vor mehr als zwanzig Jahren wieder zugänglich gemacht hat. Eine deutsche Übersetzung von „Kugel und Kreuz“ nach mehr als einhundert Jahren war auf jeden Fall überfällig, um den roten Faden des ständigen Konfliktes zwischen Glauben und Kapital in Chestertons Werk umfassender verfolgen zu können.

- Herausgeber : nova & vetera; 1., Edition (1. Mai 2007)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 240 Seiten
- ISBN-10 : 3936741468
- ISBN-13 : 978-3936741469
