1971 erreicht Jerry Cotton das All. Bezeichnenderweise das gleiche Jahr, in dem ein anderer Serienheld den Mond erreichte und das Raumschiff der Arkoniden fand. Auch wenn der FBI Agent Jerry Cotton in den folgenden Jahren unter anderem auch „Ufo“ Hinweisen in Rosswell nachforschte, ist „Mondbasis- Mordbasis“ der weiteste Ausflug, den der Agent aus New York in seiner mehr als viertausend Fälle umfassenden Karriere unternommen hat.
Ursprünglich 1971 als Jerry Cotton Taschenbuch veröffentlicht, wurde die Geschichte in der Zweitauflage nachgedruckt, erschien als Jerry Cotton Heftroman noch einmal in einer Sonderreihe und findet sich in verschiedenen Jerry Cotton Sammelbänden wieder. Der Autor ist unbekannt. Im Gegensatz zu vielen anderen Jerry Cotton Abenteuern konnte die Redaktion des Zauberspiegels diesem technisch auf der Höhe der Zeit befindlichen und mit James Bond Ideen angereicherten Roman keinen Autoren zuordnen. Schon bei den Jerry Cotton Heftromanen ging es im hintergrundtechnische Authentizität. Die Leser sollten Cottons Ermittlungen in New Yorker quasi auf der Straßenkarte folgen können. Der unbekannte Autor präsentiert sich raumfahrttechnisch auf der Höhe der Zeit. Bei der heutigen Lektüre muss sich immer vor Augen gehalten werden, das der Roman aus den frühen siebziger Jahren stammte und die Recherche noch mittels Sachbüchern und Fachartikeln erfolgte.
Der Fall beginnt in New York und mit der nächtlichen Überwachung von Drogenschmugglern. Dabei beobachtet Jerry Cotton einen Mord, wird gefangen genommen und kann in letzter Sekunde im nächtlichen New Yorker Hafen entkommen. Mister High schickt wegen der Verbindungen des Opfers zum Raumfahrtprogramm Decker und Cotton als technische Ingenieure nach Kalifornien. Schon auf dem Weg dahin will ein Selbstmordtaxifahrer ihnen ans Leder.
Die NASA bereitet einen neuen Flug zum Mond vor. Das Programm wird immer wieder von Saboteuren und technischen Fehlern unterminiert. Kaum hat man die Saboteure gefasst, zeigt sich unter der Befragung mit einem Lügendetektor, das sie sich keiner Schuld bewusst sind und ihre Taten leugnen. Anscheinend hat eine unbekannte Macht an deren Bewusstsein geschraubt.
Wie alle Jerry Cotton Romane wieder der Plot aus der Ich- Perspektive erzählt. In der zweiten Hälfte des Romans macht die räumliche Entfernung – Cotton im All bzw. erdnahen Orbit und Phil Decker auf der Erde – eine Aufspaltung der Handlung notwendig. Die jeweiligen Kapitel leitet Cotton rückblickend ein. Spannungstechnisch eher ein Kompromiss, aber wie bei jeder fortlaufenden Serie dürfen die Helden nicht getötet, höchstens ein wenig „beschädigt“ werden. Und das ist hier reichlich der Fall.
Politisch verzichtet der Autor von Beginn auf die Klischees des Kalten Krieges. Das Buch ist 1971 entstanden, als die Amerikaner im Weltraumrennen mit der Landung auf dem Mond einen technischen Fortschritt errungen hatten. Trotzdem bieten die Amerikaner den Russen eine Kooperation im All an, um gemeinsam die Resourcen zu nutzen und bessere Fortschritte zu erzielen. Um diese Zusammenarbeit dreht sich abschließend der Plot bzw. das Handeln der Saboteure. Relativ schnell wird die Handlung von einem möglichen Spionagethriller auf die klassischen Kapitalverbrechen reduziert, mit denen die FBI Agenten wöchentlich zu tun haben. Das erhöht auf der einen Seite die Glaubwürdigkeit, auf der anderen Seite ist das Mittel zum Zweck noch Science Fiction. Das gibt selbst Jerry Cotton zu.
Die beiden Agenten werden mehrfach bedroht. Nicht alle Gefahren werden abschließend aufgeklärt. Das gibt selbst der Autor während des kurzen Epilogs zu. Neben dem möglichen Tod durch Ertrinken ist Cottons Flug ins All relevant. Die Täter dachten, das die erhöhte Schwerkraft während des Starts dem FBI Agenten den Rest gibt. Die Gewichtszunahme vor dem Start hat anscheinend niemand bei der NASA bemerkt. In den siebziger Jahren sollten die Amerikaner sogar in einem fürs jugendliche Publikum gemachten Streifen einen blinden Passagier an Bord nehmen, der während der verschiedenen Abenteuer im erdnahen Raum für die Astronauten wichtig wird.
Der Autor gibt einen guten Überblick über den technischen Stand der Zeit. In den Neuauflagen sind diese Details nicht verändert worden, so dass es weiterhin weder Handys noch GPS Überwachung gibt. Alleine die Mittel zur Manipulation der NASA Mitarbeiter inklusive der an James Bond erinnernden Entführungstechnik sind phantastische Elemente. Genretechnisch nicht unbedingt etwas Neues, aber für die eher bodenständige pragmatische Jerry Cotton Serie sicherlich innovatives Neuland.
Die Ermittlungen sind geradlinig, wobei der Kreis der mittelbar Verdächtigen groß; der Hintermänner aber erstaunlich klein ist. Sie werden erst während des Finals in die Handlung eingeführt und ihre Entdeckung basiert auf einer Reihe von Puzzleteilen, deren Muster Phil Decker inklusive des obligatorischen Alleingangs zusammensetzt. Aber ohne diese Einzelaktionen – da hilft auch nicht der unter den Wohnzimmertisch geklebte Hinweiszettel – könnte der Roman die Spannungskurve nach dem langen, interessanten Ausflug ins All nicht aufrechterhalten.
Im All selbst nutzt der Autor die verschiedenen Spannungselemente. Jerry Cotton kann nur überleben, weil die NASA nach einigen technischen Pannen in den vorherigen Missionen an den Stellschrauben gedreht und Dinge verändert hat. Neben dem Andruck während des Starts macht Jerry Cotton noch die Schwerelosigkeit zu schaffen, aber der Leser fragt sich unwillkürlich, warum die NASA so viel Geld in die Ausbildung aller Astronauten steckt, wenn doch der dritte oder in diesem Fall vierte Mann an Bord mit einer einfachen FBI Ausbildung schnell zum Raumschiffjungen wird. Einige Szenen wirken ein wenig naiv und konstruiert, lesen sich aber mit der entsprechenden Patina auch kurzweilig.
Der Titel des Romans ist falsch. Es gibt weder eine Mond - noch eine Mordbasis. Die Mission befindet sich zwar auf dem Weg zum Mond, um dort neben einigen Forschungen Teile einer Mondstation abzusetzen, aber von einem Arbeiten oder Leben auf dem Mond ist die Menschheit noch weit entfernt. Die Mordbasis wäre in diesem Fall Cape Canaveral. Da die Gefahr von innen durch geistig manipulierte Mitarbeiter besteht, ist jeder verdächtig. Manchmal ist man erstaunt, mit welcher Geschwindigkeit die „Feinde“ im Schatten rechtzeitig neue „Freiwillige“ rekrutieren und einsetzen können, aber wie bei den James Bond Geschichten ist nicht immer Logik gefragt, sondern atemlose Spannung, die zumindest bei den Heftromanen genau sechzig Minuten anhalten soll.
Diese Kriterien erfüllt der ohne Frage ungewöhnliche Jerry Cotton Roman. Für die Taschenbuchneuauflage ist ein Foto von Peter Fonda aus „Futureworld“ verwandt worden. Im Hintergrund allerdings schon ein Space Shuttle. Zumindest bei „Futureworld“ liegt der Verlag nicht einmal ganz verkehrt, denn Marionetten gibt es in „Mondbasis- Mordbasis“ mehr als genug und Jerry Cotton/ Phil Decker haben mehr als ihre vier Hände voll zu tun, um den jeweiligen Tag zu überstehen.

Heftroman Bastei Verlag
82 Seiten
