2015 veröffentlichte Jonathan Carroll bei der Subterranean Press in einer limitierten Auflage die Novelle „Teaching The Dog To Read“. Wer sich intensiver mit dem inzwischen sehr umfangreichen Werk des in Wien lebenden Amerikaners auseinandersetzt, wird in dieser stringenten, aber auch phantastisch vielschichtigen Novelle viele, im Grunde fast alle Themen finden, die sein Werk auszeichnen.
Es sind große Themen wie Liebe und Leben; Wünsche und Alpträume; unerfüllte Erwartungen und schließlich die Frage „wie lebt man eigentlich richtig?“ , welche diese Geschichte so interessant, so typisch Jonathan Carroll mäßig machen. Es sind die kleinen Ideen, die gleichberechtigt neben den großen Ansichten stehen. Der Titel bezieht sich auf einen kleinen Dialog. Warum soll ein Hund lesen können? Die Antwort ist verblüffend einfach: damit ihm nicht langweilig ist und er sich in seinen Ruhezeiten beschäftigen kann. Das wirkt absurd und erfordert vom Leser auch eine gewisse Langmut hinsichtlich der in den Ideen innewohnenden Exzentrik, aber wenn sich jemand auf das Spiel zwischen Wirklichkeit und Phantasie einlässt, dann wird er beginnend mit dem ersten, gerade wieder im Heyne Verlag neu aufgelegten Roman „Das Land des Lachens“ mindestens immer gut unterhalten. Viele seiner Romane leben auch von einem sehr minutiös recherchierten und beschriebenen Hintergrund. Viele seiner Geschichten spielen in seiner Wahlheimat Wien. Bei seinen Novellen konzentriert sich Jonathan Carroll deutlich mehr auf die Charaktere und die Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren. Hintergründe werden in den Kurzgeschichten oder Novellen nur an entwickelt. Im Grunde könnten diese kurzen Texte überall und jederzeit spielen.
Anthony Areal ist ein vollkommen durchschnittlicher Mann in einem langweiligen Job mit fehlenden Karriereaussichten. Aber Areal ist auch ein Träumer. So ist er überrascht, als eines Tages ein Päckchen ihn erreicht, in dem er eine Lichtenberg-Figuren Armbanduhr findet, deren Kaufpreis um die 9000 Dollar ist. Das Paket ist an ihn adressiert, eine Nachricht oder einen Absender gibt es nicht. Aus Angst, das sich sein Traum wieder in Luft auflösen könnte, betrachtet Anthony Areal die Uhr immer aus einer kritischen Distanz, wenn er sie trägt.
Eine Woche später wird ihm in seinem Büro ein Umschlag überreicht. Darin befinden sich die Autoschlüssel zu einem neuen Porsche, der auch noch auf dem Firmenparkplatz vor den Augen der neidischen Kollegen steht. Lena Schabort als feuchter Traum aller Kollegen betrachtet Anthony Areal plötzlich mit anderen Augen, auch wenn der Porsche auf dem Parkplatz nicht leer ist. Eine Frau sitzt im Wagen und wartet offensichtlich auf den mit der Situation überforderten Anthony Areal.
Die Frau kann Anthony Areal nicht nur Antworten geben, sein Leben beginnt sich komplett zu verändern, wobei die Tragik gleich um die Ecke lauert. In „Teaching The Dog to Read“ treffen (Wunsch-) Träume und die graue Realität aufeinander. Jonathan Carroll bietet keine Erklärungen an und nach den beiden Geschenken ist jeder weitere Glücksmoment auch Arbeit. Beginnend mit einer fiktiven, aber sehr detailliert und lebendig beschriebenen Luxusuhr und endend in einem Krankenhauszimmer, in welchem die Ärzte überfordert sind und es trotzdem möglich ist, einen Menschen alleine aufgrund der Kraft seiner Wünsche, seiner Vorstellungen in Form von immer perfekter werdenden Zeichnungen zu retten. Ein Finale, in dem Jonathan Carroll nicht auf Märchen zurückgreift, sondern die Menschen ihr Glück sich selbst erschaffen. Vielleicht wirkt dieses Finale ein wenig zu stark konstruiert, zu zuckersüß angesichts der Implikationen von einem ewigen Glück, einer nicht mehr zu trennenden Partnerschaft und der Erkenntnis, dass mindestens ein Partner Züge erhalten hat, die nicht seine ureigenen sind. Wahre, echte und tiefe Liebe kann Menschen permanent verändern… natürlich in dieser Geschichte nur zum Positiven.
Aber Jonathan Carroll ist literarisch auch zu Kompromissen bereit. Es gibt in dieser Geschichte im Grunde zwei Liebesgeschichten. Kritisch gesprochen handelt es sich sogar um eine surrealistische Dreiecksbeziehung, die außerhalb des phantastischen Genres eher in heftigen Auseinandersetzungen und mindestens einem verletzten Partner geendet hätte. Aber dank der zu Beginn etablierten Konstellation ist in dieser Novelle sehr viel mehr möglich als in der Realität der Leser. Das könnte auf der einen Seite auch als verklärend empfunden werden, aber die Stärke der Geschichte sind die Veränderungen, welche vor allem Lena und Anthony durchlaufen. Aus der attraktiven, aber in den Augen der Kollegen flippigen Lena wird eine Frau, die von ganzen Herzen liebt und jegliche materielle Wünsche hinter sich lässt. Es sind aber auch diese materiellen Begehrlichkeiten, welche erst Anthony Areal in ihren Blickkreis geschoben haben. Ohne Porsche – inklusive Frau auf dem Beifahrersitz – auf dem Firmenparkplatz hätte sie niemals auch nur einen Blick dem unscheinbaren Anthony zugeworfen. Auf der anderen Seite ohne seine teure Uhr und den schon angesprochenen Porsche wäre auch Anthony Areal niemals auf den Gedanken gekommen, die von ihm angeschmachtete Kollegin einmal aktiv und auf eine etwas freche Art und Weise anzusprechen.
Wie bei Shakespeares „The Tempest“ bestehen seine Protagonisten im Grunde nur aus Träumen, die sie mit ein wenig Hilfe von oben – auch der Schöpfer hat eine interessante Nebenrolle in dieser Geschichte – wahr werden lassen. Jonathan Carroll verabreicht keine Patentrezepte, von außen oder der anderen Seite – ein interessanter, gegen Ende der Geschichte vernachlässigter Aspekt – gibt es Denkanstöße, vielleicht auch die entsprechende Motivation, aber keine Hilfe bis zum Ende. Das macht den Reiz dieser besonderen Liebesgeschichte aus.
Jonathan Carroll bestückt seine Geschichte mit vielen kleinen Ideen. Beginnend mit einem besonderen Dosenöffner als Symbol einer Beziehung über die Idee, einem Hund das Lesen beizubringen und endend mit den Ameisen mit großen Schuhen in Kombination mit Rhinozerossen erdrücken diese kleinen Exkurse fast die ein wenig phlegmatisch ablaufende Handlung. Sie reißen den Leser im Gegensatz zu den Protagonisten nicht aus dem Plot heraus, aber sie lenken ab. Vielleicht überspannt der Autor mit diesen Ideen auch den Handlungsbogen, denn im Grunde setzt er sich mit der Bedeutung von Träumen, aber auch Wünschen auseinander.
Nicht alles funktioniert in der Geschichte. Dass Tony ein notorischer Lügner auch gegen sich selbst ist, wirkt befremdlich. Es ist notwendig, dass die Handlung nicht entsprechend entwickelt, aber diese Ausgangsbasis wirkt auch konstruiert. Das Ende ist – wie angesprochen – zuckersüß und verblüfft selbst die Ärztin, die sich selbst als eine Art medizinische Legende sieht. Aber das Ende ist in dieser Form auch notwendig und die Büchse der Pandora muss zumindest in den Wachphasen wieder geschlossen werden, damit Tony und Lena auf eine besondere Freigeistern wahrscheinlich Angsteinjagende Art und Weise glücklich werden können.
„Teaching the Dog to Read“ ist eine Novelle, die Jonathan Carrolls Anhänger glücklich macht. Sie ist kein idealer Einstieg in das umfangreiche Werk des Wahlwieners. In dieser Hinsicht sollte jeder interessierte Leser tatsächlich chronologisch vorgehen, denn Jonathan Carrolls Geschichten werden immer „weirder“ im Laufe der Jahre, wie auch seine Leserschaft immer kleiner wird. Aber das macht den Reiz seines Werkes aus, denn als Autor entwickelt er sich in seinen eigenen Grenzen und Interessen weiter, als sich der breiten Masse zu verkaufen. Und in dieser Hinsicht ist die vorliegende Novelle ein originelles Kleinod, das einige bekannte Facetten einen notwendige Schritt weiterentwickelt und abschließend zur Erkenntnis kommt, das weniger auch mehr sein kann.

- Herausgeber : Subterranean Pr (31. Juli 2015)
- Sprache : Englisch
- Gebundene Ausgabe : 90 Seiten
- ISBN-10 : 159606725X
- ISBN-13 : 978-1596067257
