Michael Siefener und Jörg Kleudgen haben in ihren Werken der Eifel das Mysterium, diese seltsame Mischung aus scheinbar vergangenem Aberglauben und gegenwärtiger Faszination zurückgegeben. Während Michael Siefener sich vor allem in seinen im KBV Verlag publizierten Romanen auf diese Gegend konzentriert hat, präsentiert Jörg Kleudgen verschiedene literarische Eifellängen. Kurzgeschichten, Novellen und schließlich auch einige Romane. Der vor einigen Jahren als handliches Hardcover im Blitz Verlag veröffentlichte „Totenmaar“ ist die finale Kooperation zwischen Jörg Kleudgen und dem 2010 zu früh verstorbenen Michael Knoke. Das Buch ist mit dem Vincent Preis ausgezeichnet worden. „Totenmaar“ ist nicht so sperrig, so gegen den Mainstreamstrich gebügelt wie einige andere Geschichten, die Jörg Kleudgen vor allem in der eigenen Goblin Presse veröffentlicht hat. Aber diese Mischung aus Grusel/ Mystery, Lokalkolorit und schließlich – so hart es klingt – eine Geschichte, deren Bart wie Pointe so unendlich bekannt und trotzdem souverän interessant erzählt worden ist. Bis es zu einer Neuauflage kommt, lohnt es sich, das Hardcover antiquarisch zu suchen.
Jörg Kleudgen kennt – wie Michael Siefener – die Eifel. Immer wieder gelingt es ihm, die melancholische Atmosphäre; die Stimmung wie die Stimmungen in klare sprachliche Bilder zu fassen und die reichhaltige Geschichte dieser Gegend dem Leser unauffällig, beiläufig und doch prägnant näher zu bringen. Dabei helfen nicht nur die attraktive Buchhändlerin Viola Lavia, die allerdings aus Norddeutschland stammt und nur mit ihren Eltern in die Eifel gekommen ist oder der Priester Molitor kräftig mit. Sie geben dem Ich- Erzähler, dem Protagonisten Roland Block den Einblick in die Geschichte der Eifel, wobei dieser als Kind immer wieder mit seinen unter Geldknappheit leidenden Eltern Urlaub in dieser Region gemacht hat. Auf eine lange Zeit unbestimmte Art und Weise ist im die Gegend vertraut. Welchen Zusammenhang es zwischen seiner gegenwärtigen Suche; der eigenen Vergangenheit und dem angesprochenen Genresujet gibt, beleuchten die beiden Autoren erst im letzten Viertel dieser gemütlich psychologisch aufgemachten Geschichte. Wie in der Region selbst bedeuten Hektik und Schnelligkeit nicht, dass man früher ans Ziel kommt. In den meisten Fällen erreicht man das Ziel gar nicht. Auf diese kleinen Exkurse, die genauen Beschreibung der Landschaft, der Lokalitäten, der kulinarischen Spezialitäten und schließlich auch der Weine; den Ruinen aus der Vergangenheit oder den gegenwärtigen Kirchen sowie Klostern muss sich der Leser einlassen. Ohne diese innere Ruhe, diese Offenheit funktioniert das Buch noch weniger. Es wird zwar von seinem Ich- Erzähler und dessen Schicksal sowie den Begegnungen mit sehr unterschiedlichen Menschen getragen, aber alle Personen und ihre Handlungen lassen sich beginnend mit dem Titel der Geschichte – er bezeichnet einen besonderen Ort in der Eifel – nicht aus der Region lösen.
Natürlich spielen die Autoren auch mit der Erwartungshaltung der Leser – dafür dient stellvertretend der sich auf einem Selbstfindungstrip der besonderen Art befindliche Ich- Erzähler -, um in einzelnen Sequenzen auch die für einen Mystery Roman notwendige Spannung aufzubauen. Allerdings liefern sie (außerhalb der Perspektive des Ich- Erzählers ) keine einzige klare Antwort, so dass abschließend die Frage unbeantwortet bleibt, ob es sich um einen Menschen handelt, der mehr und mehr die schmale Grenze zum Wahnsinn überschreitet und seine Visionen förmlich aus sich heraus erzählt – es gibt keine Tagebuchaufzeichnungen – oder möglicherweise der hier nicht verratene, tragische Kern der Geschichte wahr ist. Sollte Ersteres der Fall sein, dann funktioniert „Totenmaar“ über weite Strecken ausgesprochen gut, denn diese Mischung aus fehlendem Selbstbewusstsein, Selbstzweifeln, keiner leichten Kindheit und Jugend sowie die Angst vor der Zukunft sind keine Erfindungen des Horror Romans. Viel mehr Menschen leiden drunter als es die Leser ahnen. Aus dieser nüchternen, sachlich medizinisch psychologischen Sicht kann Roland Block am Ende nur so handeln, wie er es schließlich bis auf einen kurzen Exzess der Gewalt macht.
Betrachtet der Leser die Geschichte allerdings ausschließlich als phantastischen Mystery Roman, dann erweitert sich das Spektrum der offenen Punkte, der Implikationen und schließlich auch der reinigen Katharsis am Ende einer Suche, die eher gesteuert als Eigen initiiert wirkt.
Roland Block ist ein Getriebener. Er wird von seinem Job bei einer Versicherung freigestellt und macht sich auf den Weg in die Eifel, wie er mit seiner Familie – wie erwähnt – einige Urlaube verbracht hat. Seltsame Erinnerungen plagen ihn. Block geht davon aus, dass seine Selbstzweifel, seine Depressionen nicht nur in der Jugend mit einem gewalttätigen arbeitslosen und trinkenden Vater; dem Unfall seiner Mutter, die dem jungen Roland durch eine Instinkthandlung das Leben gerettet hat und schließlich das Aufwachsen in verschiedenen Jugendeinrichtungen begründet sind. Alle diese Komponenten hätten allerdings schon ausgereicht, jegliche jugendliches Selbstbewusstsein einzuschüchtern.
Hinzu kommt Erinnerungen an die tiefen Gewässer der Eifel, in denen er sein eigenes Schattenbild nicht sehen konnte. An eine geheimnisvolle Gestalt im Schwarz, die aus dem Dunkel, dem Nichts immer näher kommt. Diese beiden roten Fäden werden sich bis zur präsentierten Erklärung durch die Handlung ziehen.
Beginnend in Monschau erkundet er die Eifel. In Monschau kommt hinzu, dass er durch einen Zufall die attraktive Buchhändlerin Viola kennen lernt, die mit ihrer sympathisch offensiven Art Roland in die Defensive drängt. Sie schlägt eine persönliche Stadtführung vor; ein gemeinsames Abendessen, am nächsten Morgen sogar eine Wanderung in die atemberaubende Landschaft der Eifel. Vielleicht überspannen die Autorin mit der durchaus interessanten Viola ein wenig den Bogen. Die Romanze wirkt zu hektisch, zu offensiv, auch wenn Viola anscheinend tiefgründige, in sich verschlossene und traurig wirkende Männer anziehend findet und es in Monschau sowieso nicht viel brauchbares Männermaterial zu geben scheint. Weniger konstruiert wäre es, wenn Roland Block in Viola vielleicht sogar einen Menschen gefunden hätte, den er oberflächlich aus den Urlauben mit der Familie noch als Kind oder Jugendlicher kannte.
Im Laufe der Handlung wird diese Romanze zu einem fast tragisch zu nennenden Wendepunkt der Geschichte. Bevor sich Roland wirklich – ganz Gentleman – auf Viola einlassen möchte, muss er mit der eigenen Vergangenheit aufräumen und begibt sich sogar in ein Kloster. Dabei erfährt er die phantastische Wahrheit hinter seinem Zustand, der sich während des Aufenthalts in der Eifel deutlich beschleunigt. Es ist keine neue Idee, welche Jörg Kleudgen und Michael Knoke präsentieren. Vor allem versuchen die beiden Autoren die tragische Idee – Roland Block ist in dieser Hinsicht komplett unschuldig – auf eine fast tragisch naive Art und Weise zu überdrehen, in dem sie ihrer Prämisse noch ein Klischee hinzufügen, dass unendlich viele andere Horrorautoren in den verschiedensten Inkarnationen vom Arm bis zum Gehirn ausprobiert haben. Damit reduzieren sie den taumelnden, aber sich auch antreibenden Roland Block zu einem in dieser Phase unnötigen und vor allem auch dem Nichts kommenden Werkzeug. Bislang hat Roland Block mehr schlecht als recht sein Leben gemeistert, daher wirkt es unwahrscheinlich und von den Autoren nur bedingt vorbereitet, dass er sich auf einen teuflischen Deal einlässt – ob er es wirklich gemacht hat, wird während des Epilogs wieder hinterfragt – oder nicht.
Aber diese phantastischen Elemente benötigen die Autoren, um die Handlung zu einem Abschluss zu bringen und viel mehr, der bis dahin ruhig und ausschließlich auf Charaktere sowie Lokalkolorit vertrauenden Geschichte Spannung einzuverleiben. Allerdings auf eine fast brachiale Art und Weise, welche die Tragik in Roland Blocks Leben nicht verstärkt, sondern ihm einen von außen eingepflanzten „Ausweg“ in die Sackgasse präsentiert.
Trotz dieser Schwächen gegen Ende der stimmungsvollen Handlung versuchen sich Jörg Kleudgen und Michael Knoke an einem klassischen Szenario, das sie vorsichtig und liebevoll tragisch in die Gegenwart transportieren, mit einer Reihe von Sehenswürdigkeiten der Eifel – nicht umsonst hat Jörg Kleudgen einen schwarzen Reiseführer durch diese Region geschrieben – ergänzen und lebendige Charaktere erschaffen, von denen trotz ihrer kurzen, vielleicht ein wenig zu lebendigen Auftritt ausgerechnete die Buchhändlerin Viola am Meisten herausragt, während Roland Block zwar eine traurig- tragische Figur ist, aber auch mit seinen Zweifeln, seinem Selbstmitleid – der Vergangenheit geschuldet – viel Geduld nicht nur von Viola, sondern vor allem in der ersten Hälfte der Geschichte auch von den Lesern verlangt.
TOTENMAAR
Band 09, Mystery-Thriller aus der Eifel
Exklusive Sammler-Ausgabe
Seiten: 288
Künstler: Mark Freier
Künstler (Innenteil): Mark Freier
Preis als ePub / Mobi: 4,99 €

