Blaugast

Paul Leppin

Erst 1984 erschien mit „Blaugast“ nicht nur ein Roman aus dem alten Prag, sondern die Geschichte eines Besessenen. Es ist nicht ganz klar, wann Paul Leppin diese schärfere Version seines erfolgreichen Romans „Severins Gang in die Finsternis“ verfasst hat. Vieles spricht für die dreißiger Jahre, auch wenn die Geschichte wahrscheinlich aufgrund der fehlenden politischen Veränderungen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und damit auch vor dem Ende des „alten Prags“ angesiedelt worden ist.  1939 wurde Paul Leppin von der Gestapo in seiner angegliederten Heimat verhaftet. Er hatte sich geweigert, die jüdischen Mitglieder aus einem Literaturverein auszuschließen, stattdessen hat er ihn lieber aufgelöst.  Nach der Freilassung erlitt er einen Schlaganfall und starb an den Spätfolgen einer Syphilis Erkrankung. Gepflegt wurde er von seiner Frau und einer guten Freundin der Familie, deren Mann Arzt gewesen ist. 1945 versuchte er der nationalsozialistischen Partei beizutreten, damit er medizinische Versorgung erhalten konnte.

Das Schicksal des Herrn Blaugast wirkt in dieser Hinsicht prophetisch. Am Ende von „Severins Gang in die Finsternis“ fällt der getriebene Protagonist einem Objekt seiner Begierde förmlich in den Schoss, nachdem er die Frau abgöttisch geliebt und von ihr schließlich auch abgewiesen worden ist. Der gestrandete Blaugast ist gesundheitlich so angeschlagen, so hilflos, dass einer Frau voller Mitleid sich ihm annehmen muss. Der Besessene ist tief gefallen und seine vor allem sexuell getriebene Obsession hat zu seinem sozialen wie persönlichen Untergang geführt.

Die posthume Veröffentlichung im Jahre 1984 rückt den provozierenden Roman aus dem  alten Prag aber auch in ein anderes Licht. Schon „Severins Gang in die Finsternis“ ist eine sprachlich intensive Auseinandersetzung mit Leppins Heimatstadt Prag und der Boheme, dessen König der Autor ausgehend von seiner gesicherten beruflichen Existenz gewesen ist. Dieser Ruhm ist schnell vergangen. Aber kritisch gesprochen beschreibt „Severins Gang in die Finsternis“ nur den Verfall eines Durchschnittsbürgers, seine von Trieben gesteuerte Suche nach einer Art Liebe, die er selbst nicht einordnen kann. Einige Jahre vor Paul Leppin hat sich Heinrich Mann in „Professor Unrat“ schon mit diesem Thema auseinandergesetzt und „Blaugast“ ist eher eine Variation von Heinrich Manns gesellschaftskritisch deutlich mehr prägnanten Roman. Bei Heinrich Mann ist es ein angesehener Professor in einer mittleren deutschen Großstadt – natürlich Heinrich Manns Lübeck -  , der einer Animierdame im Nachtclub verfällt. Nicht nur in der Realität, sondern vor allem hinsichtlich des Klatsches und Tratsches ist Lübeck eine Insel und beginnend mit seinen Schülern verliert Professor  Unrat schnell seinen Ruf, seine Stellung und schließlich auch seine persönliche Integrität.         

Klaudius Blaugast ist wie Severin, aber vor allem auch Paul Leppin ein Angestellter im mittleren Behördendienst. Seine Arbeit ist eintönig, langweilig, wird aber gut bezahlt, so dass er zu Beginn der Geschichte keine wirkliche Not leidet. Die Geschichte beginnt mit einer Begegnung. Er trifft auf seinen alten Schulkamerade Schobotziki, der Blaugast seit vielen Jahre nicht mehr gesehen hat. Auf der Schule waren sie aber keine echten Freunde, auch wenn sich Blaugast das während der ersten Gänge in seine persönliche Finsternis einredet. Schobotzki erzählt ihm, dass er seine Aussaat – seinen Samen – verbreiten möchte. Anfänglich schockiert, aber angeregt beginnt Blaugast seinem Freund zu folgen.

In einer Kellerkneipe begegnet Blaugast Wanda und verfällt ihr. Die Begegnung mit Wanda ist die erste (vielleicht auch einzige) Begegnung zwischen einer Frau und Blaugast. Hier findet sich auch der größte Unterschied zwischen „Severins Gang in die Finsternis“ und dieser nihilistischen Geschichte. Bei Severin spielen vier Frauen Schicksal, wobei er die Tochter eines jüdischen Antiquars eher benutzt, mit ihr ein Kind zeugt und sie aktiv von sich stößt. Blaugast ist nicht in der Lage, eine frau von sich zu stoßen.

Aus einer seltsamen Mischung bestehend aus sexueller Gier und Mitleid nimmt er Wanda bei sich auf. Er beginnt sein Geld mit ihr zu verprassen und kündigt schließlich seinen Job. Ab diesem Moment dreht sich auch die Geschichte, denn die lebenstüchtige Wanda erkennt, dass sie wieder Geld anschaffen muss und beginnt sich in Blaugast Wohnung zu prostituieren. Anfänglich ist Blaugast  nur eine Art Voyeur, der Mann auf der anderen Seite des Vorhangs. Aber mehr und mehr wird er zu Wandas Sklaven, der sie bedienen muss. Den Männern, die sie bedient, putzt Blaugast die Schuhe; holt Zigaretten oder Alkohol. Erniedrigender Höhepunkt und Katalysator für den immer schneller fortschreitenden Verfall Blaugst ist ein Besuch Schobotzkis, der Blaugast moralische Schwächen erkennt und ihn noch mehr drangsaliert als andere Freier. Blaugast flieht aus seiner Wohnung, dem einzigen Schutzort seiner inzwischen aufgelösten bürgerlichen Existenz und beginnt auf der Straße zu leben.

Neben Heinrich Mann – „Professor Unrat“ wird Paul Leppin gekannt haben – zeigen sich erhebliche Einflüsse Leopold von Sacher- Masochs. In seiner Novelle „Venus im Pelz (aus dem Jahr 1870) beschreibt der Autor eine Beziehung zwischen Severin (!) und einer reichen Witwe Wanda (!), die auf Bitte Severins zu seiner Herrin wird. Zehn Jahre später hat die echte Wanda eine Replik auf „Venus im Pelz“ geschrieben. Paul Leppins Severin ist noch ein getriebener Mann, der Frauen benutzt, aber auch von Frauen ausgenutzt wird. Da er insgesamt vier Frauen begegnet und Paul Leppin sich lange Zeit eher auf Stimmungen denn eine fortlaufende Handlung konzentriert, ist der sittliche Verfall Severins nicht so krass, so schockierend wie bei Blaugast, der seine Wanda nicht bitten muss, ihr Sklave zu sein. Ohne viele Diskussionen, aus dem alltäglichen Leben kommend fügt sich Blaugast in die Sklavenrolle, wie ein Hündchen um Aufmerksamkeit der Herrin buhlend. Natürlich durchläuft Blaugast auch ein Wechselbad der Gefühl, erfährt aber keine sexuelle Erfüllung mehr. Bei Sacher- Masoch gibt es eine vertragliche Beziehung zwischen Wanda und Severin, bei Paul Leppin beginnt sich Wanda breit zu machen. Anscheinend hat sie von Beginn an das Mitleid des emotional unterentwickelten Protagonisten ausgenutzt.

„Blaugast“ ist aber die Arbeit eines deutlich älteren Paul Leppins als „Severins Gang in die Finsternis“. „Severins Gang in die Finsternis“ fließt vor Leben über. Das unbeschwerte Leben in Prag, der Tanz am Abgrund am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Prags nur vordergründig funktionierende Schmelztiegel Gesellschaft – bestehend aus den deutschsprachigen und tschechischen Volksgruppen, sowie einer starken jüdischen Präsenz – zeigte auch wegen der aufkommenden nationalen, aber noch nicht nationalsozialistischen Tendenzen Brüche. Severin bewegt sich zwar durch das alte Prag mit seinen Kneipen, vermeidet aber alle Konfliktherde. Die Juden verachtet er, mit den Tschechen kann er nur wenig anfangen. So sind seine Begegnungen vor allem mit Deutschstämmigen oder Osteuropäern, die sich in Prag unwohl und einsam fühlen. Bei „Blaugast“ spielt der Hintergrund Prags nur noch eine bedingte Rolle, da sich die Handlung schnell von den wahrscheinlich illegalen Kneipen in Blaugast Wohnung und schließlich in die Slums verlegt, die es in jeder größeren Stadt gibt. „Blaugast“ wirkt wie die Analyse des eigenen Lebens, der verschenkten Möglichkeiten. Mehr als zwanzig Jahre nach dem Ende der Boheme, des beschwingten Lebens in Prag erschienen wirkt die stringente, dunkle, fatalistische und im Grunde auch deprimierende Geschichte eines durch die eigene Triebhaftigkeit verschenkten Lebens wie ein verbitterte Rückblick Paul Leppins auf die vergangenen Jahre. In einem Nachwort zu „Severins Gang in die Finsternis“ spricht einer von Paul Leppins literarisch wissenschaftlichen Weggefährten von einer der letzten Lesungen, die Leppin als älterer Herr abgehalten hat. Vom Alter, vielleicht auch seiner stetig schlechter werdenden Krankheit gezeichnet. Findet Paul Leppin Erfüllung in  den Augenblicken, in denen er sich in eine andere Welt – die aus seinen Geschichten, vor allem seinen Gedichten und Büchern – begibt und die Zuhörer teilhaben lässt. Auch Blaugast flüchtet sich mehr und mehr in Illusionen, welche Paul Leppin allerdings unkritisch wie distanziert beschreibt. Während der Leser Severin förmlich auf Augenhöhe begleitet, bleibt Blaugast eine erbärmliche Kreatur, ein Schicksal, das den Leser nur für die Länge der Geschichte wirklich berührt. Ganz bewusst beschreibt Paul Leppin seinen Blaugast weniger als handelnde Person, sondern als einen Mensch, dem etwas geschieht. Beginnend mit der schließlich fatalen Begegnung mit dem narzisstischen Schulfreud ist „Blaugast“ noch mehr ein Getriebener als Severin. Blaugast findet schnell keinen Ausweg mehr. Will es lange  Zeit auch nicht. Seine Flucht aus den eigenen vier Wänden ist nicht mit Severins Streifzügen durch die Nacht zu vergleichen. Auf der Straße zeigt Blaugast längere Zeit einen erstaunlichen Überlebenswillen, auch wenn Paul Leppin nicht so Details zurückschreckt und das Leben auf der Straße genau als das charakterisiert, was es damals wie heute ist: die Jagd nach ein wenig Essen und einem Schlafplatz. Am Ende findet Blaugast eine Art von Frieden, weil er schließlich der Welt durch seine Krankheit entsagt. Das ist kein Happy End, das die ist fatalistische Erkenntnis Paul Leppins, das jedes Leben im Grunde sinnlos ist und nur die Momente zählen, die ausgerechnet  sein jüngeres Alter Ego Severin trotz einiger Rückschläge erlebt hat. In dieser Hinsicht ist „Severins Gang in die Finsternis“ wahrscheinlich der aus heutiger Sicht interessantere, lebendigere und vielleicht auch illusionäre Roman, während „Blaugast“ deutlich verbitterter, intensiver, provozierend und schockierend wirkt.

Stilistisch handelt es sich bei beiden Geschichten um ausdrucksstarke, außergewöhnliche Bücher, die sich mit den nicht selten zu  moralisch dargestellten unterdrückten Leidenschaften von jüngeren -  Severin – wie älteren – Blaugast - Männern  auseinandersetzen, die schließlich ihren Leidenschaften gegen den eigenen Willen verfallen und an ihnen scheitern.  



Blaugast: Ein Roman aus dem alten Prag

  • Herausgeber ‏ : ‎ Hofenberg (29. März 2019)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 80 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3743729970
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3743729971