Im Schatten der Hydrangea

Gabriele Behrend

Zu den Stärken in Gabriele Behrens bisherigen Romanen und Kurzgeschichten gehörte die emotional humanistische Grundkonstante, die abseits der Science Fiction Ideen überzeugend funktionierte.  Technik und futuristischer Hintergrund haben ihre Arbeiten einem Genre zugeordnet, sind aber niemals im positiven Sinne wegweisend gewesen. Entblättert ein Leser ihre Arbeiten von den angesprochenen Komponenten, bleiben es überzeugend humanistische, in der Gegenwart der Leser fest verankerte und vor allem allgegenwärtige Probleme ansprechende Geschichten, deren Grundtenor trotz einer Reihe von dunklen Unter- bzw. Zwischentönen erstaunlich positiv ist.  Ihre Figuren gehen niemals einfache Wege, aber sie beschreiten sie mit einer erstaunlichen Entschlossenheit. Auch in dem Kammerspiel „Im Schatten der Hydrangea“ wachsen insbesondere die Frauen über sich hinaus.

Die technische Ausgangsbasis ist dabei nicht einmal neu. Mittels zweier an MRT Anlagen erinnernden „Kammern“ kann ein Therapeut in das Bewusstsein, in die Seele des jeweiligen Patienten eindringen, der entweder im Koma oder im Wachkoma liegt. Auf diese Art und Weise soll eine Heilung von Innen versucht werden, wenn die Patienten von außen nicht mehr ansprechbar sind. Die Technik wird in diesem Roman auf das Rudimentärste reduziert. Sie spielt im Grunde keine entscheidende Rolle. Das Eindringen in das fremde Bewusstsein eines Menschen ist keine neue Idee. Filme wie „The Cell“, Philip K. Dicks Kurzgeschichten oder die virtuellen Welten des Cyberpunk mit der Verschmelzung von Mensch und Maschine haben den Weg geebnet.

Das ist die Ausgangsbasis eines Drei-  Personen- Stücks, deren Verbindungen immer enger werden. Dabei spielt Gabriele Behrend geschickt mit den Personenkonstellationen.

Emilia hat versucht, Selbstmord zu begehen. Sie wurde leblos in ihrem eigenen kleinen Garten gefunden, nachdem viele ihrer Pflanzen eingegangen sind. Im Wachkoma wird sie in die Berliner Charite überführt, wo die Ärztin Agniezka Kowal über ihr weiteres Schicksal entscheiden soll.

Es gibt für Komapatienten eine relativ neue Behandlungsmethode, die schon einige Erfolge zeigt. Da Doktor Kowal die Aufgabe hat, entweder für ein eigenständiges Aufwachen der Patientin oder eine Verlegung in eine Langzeitpflege zu sorgen, entschließt sie sich, in Emilias Inner Space eindringen zu lassen. Sie heuert Jules Meyer an, einen in dieser Hinsicht erfolgreichen Psychotherapeuten, der in Emilias Bewusstsein eindringen und mit ihrem im Körper „gefangenen“ Ich Kontakt aufnehmen soll, um die Ursache dieses weiteren Selbstmordversuchs zu untersuchen und die Patientin zum eigenständigen Aufwachen zu bewegen.

Auch wenn der Roman relativ kurz, sehr prägnant geschrieben und der Handlungsfaden ausgesprochen stringent ist, stellt er gleichzeitig mehr für die Autorin als die Leser eine vielschichtige Herausforderung dar.

Im Mittelpunkt stehen auf sehr unterschiedliche Art und Weise die beiden Frauenfiguren. Agnieszka Kowal ist eine engagierte attraktive Ärztin, die als Single sich auch außerhalb der Regelarbeitszeiten um ihre Patienten zu kümmern sucht. Auch wenn viel Herzblut in ihren Job steckt, kann sie dem Kosten Regime des Krankenhauses auch nicht entkommen und muss aus den Verhältnissen das Optimale machen. Sie kann spröde und abweisend sein, auf der anderen Seite aber auch herzlich. Sie findet Jules Meyer attraktiv, auch wenn sie sich Teile dieser seltsamen Anziehung anfänglich nicht erklären kann. Auf der anderen Seite kämpft sie auch wie eine Löwin für ihre Patienten und sucht sie in ihren hilflosen Zuständen zu schützen. Teilweise handelt sie - für den Leser nur bedingt erkennbar - auch opportunistisch, vielleicht sogar ein wenig egoistisch, wobei Gabriele Behrend die Handlung bis in das Finale auch ein wenig zurechtbiegt, damit ihre anfängliche Handlungsweise inklusive des ersten Eindringens in Emilias Traumwelt später besser nachvollziehbar ist. 

Sie lernt aber auch aus den Vorgängen, wobei Gabriele Behrend die Ärztin eine Plotwedung nicht hinterfragen lässt. Als Figur entwickelt sich Doktor Kowal ausgesprochen ambivalent. Ihre emotionalen Wendungen zu Beginn der Geschichte machen es nicht leicht, mit der Figur warm zu werden. Das ändert sich im Verlaufe des Plots, wobei sie final vielleicht ein wenig zu “fraulich”, fast mütterlich wird. Aber das gehört zu einer dunklen Geschichte, in welcher die Figuren im Grunde aus eigener Kraft die jeweiligen Täler der Tränen oder einzelne Entwicklungsschritte hinter sich lassen müssen. 

Emilia steht im Mittelpunkt der Geschichte. Je weiter der Plot fortschreitet, desto mehr Informationen erhält der Leser über die junge, im Wachkoma liegende Frau. Damit der Plot funktioniert, benötigt Gabriele Behrend einige auch schematisch wirkende Elemente. So wurde Emilia als Kind von ihrem Vater missbraucht, der ihr auf der anderen Seite aber auch den grünen Daumen vererbt. Ihre Mutter scheint entweder weggeschaut zu haben oder sie hat es nicht bemerkt. Emotional unsicher, aggressiv gegenüber der Familie, gleichgültig im Job ist der kleine Garten ihr einziges Refugium. Er wird sich auch in den Traumwelten widerspiegeln., Als ihre geliebten Pflanzen eingehen, fühlt sie sich als komplette Versagerin und beschließt Selbstmord zu begehen.

Im Wachkoma präsentiert Gabriele Behrend ihr Bewusstsein über mehrere Ebene. Ihr persönlicher Zaun ist ein riesiges Weizenfeld, in der Mitte ihre kleine Hütte. Der Weizen muss im metaphorischen Sinne den Weg für Besucher freimachen. Diese müssen auch den Weg erkennen, wie Doktor Kowal bei ihrem ersten Besuch in Emilias Bewusstsein schmerzlich feststellen muss. Emilia sieht sich selbst als Cowgirl, was allerdings nur ein äußerliches Erscheinungsbild ist. In ihrem tiefsten Inneren ist die verängstigt und nicht (mehr) in der Lage, wichtige Entscheidungen zu treffen. Hinter dieser Ebene steht mit der im Titel erwähnten Hydrangea – eine Hortensienart – in ihrer Lieblingsfarbe blau ein Hort des Schutzes. Bei Schwierigkeiten zieht sich Emilia in die Hortensie zurück, es ist auch ihr Schlafplatz. Damit assoziiert sie ihr Leben auch mit zahllosen Bildern aus Feen bzw. Märchenbüchern. Es gibt allerdings auch noch ein bodenloses Loch. Das Ende allen Lebens. Emilia wird mehrmals in Versuchung geführt – aus eigenem Antrieb, aber auch manipuliert -, sich in diesem Loch zu stürzen und ihre ganze Existenz zu beenden.

Die verschiedenen Ebenen lernt der Leser vor allem anfänglich ausschließlich durch die Beschreibungen des in ihre Psyche eindringenden Psychotherapeuten Jules Meyer kennen. Geschickt wechselt Gabriele Behrend dabei die Perspektiven.  Emilia bewegt sich in der subjektiven Ich- Erzählperspektive und nimmt die von ihr geschaffene Umgebung als gegeben und damit auch nicht ausführlich  beschreibungswürdig hin. Jules Meyer ist zu Beginn der Geschichte nicht nur der Mittler zu Doktor Kowal, sondern vor allem auch zum Leser.

Jules Meyer ist vielleicht der schwierigste Charakter dieses Buches. Während Gabriele Behrend Emilia und Doktor Kowal im Laufe der Geschichte deutlich besser definiert und literarisch in den Griff bekommt, benötigt sie Jules Meer vor allem aus dramatischen Gründen. Hier greift die Autorin auf eine Reihe von Klischees zurück, die in dieser Form nicht mal nötig gewesen wären. Jules Meyer ist ein selbstbewusster Mann Mitte vierzig, der sich für  einen Gott dieser neu im Entwicklungsstadion befindlichen Therapie hält. Er ist attraktiv und beginnt schnell mit Doktor Kowal zu flirten. Auch von Emilia fühlt er sich auf eine anfänglich fast kindlich naive Art und Weise angezogen. Eine klassische Dreieckskonstellation, belastet durch den Missbrauch Emilias, aber auch einen One Night Stand mit Doktor Kowal. In der Theorie würde diese Ausgangsbasis ausreichen, um ein psychologisches Drama mit einem Mann zwischen zwei Frauen zu entwickeln.

Gabriele Behrend überdreht allerdings diese Prämisse, in dem sie – quasi aus dem Nichts und charakterlich nicht wirklich gut vorbereitet – das Missbrauchsthema wieder aufgreift. Dabei geht sie erstaunlich platt vor. Natürlich ist es ein schmaler Grat, einen sehr attraktiven und von sich überzeugten Mann schnell zu einem sexuellen Psychopathen zu machen, dem es doch um Macht geht. Dabei bleibt die sexuelle Beziehung zwischen Kowal und Jules Meyer fragwürdig. Ein klassischer One- Night Stand nach zu viel Alkohol oder gibt es doch andere Hintergründe? Warum sich plötzlich derart charakterlich drehen und handelt es sich wirklich um einen Einzelfall.

Auch juristisch ist eine weitere Frage offen. Wie lässt sich ein  Missbrauch in einer Traumwelt über Aussage gegen Aussage beweisen? Ab wann ist eine Vergewaltigung wirklich eine Vergewaltigung? Vor allem in einer medizinisch noch im Teststadion befindlichen Heilungsmethode. Ohne Fragen gibt es ausreichend Leitlinien, welche das Verhältnis zwischen Patient und Therapeuten definieren und sie hier während des letzten Drittels des Romans verletzt werden. Jules Meyer verhält sich immer exzentrischer und verletzt eine Reihe von klinikinternen Anweisungen. Abschließend macht er es seinen „Gegnern“ auch leicht.  Hintergründe werden nicht mehr erläutert.

Gabriele Behrend benötigt allerdings auch einen Trick, um Jules Meer zur Verantwortung zu ziehen. Doktor Kowal muss lügen, um Resultate zu erzielen. Die Autorin skizziert den Widerspruch beider „Behandlungen“, beider imaginäre Handlungsorte. Er könnte nicht größer sein, dient aber auch pragmatisch als Bühne und nicht mehr Ablenkung hinsichtlich des Finals.

Die Kürze des Textes bedeutet allerdings auch, dass Gabriele Behrend gezwungen ist, das Tempo anzuziehen und nach dem sehr guten Auftakt oberflächlicher zu agieren und die Puzzlestücke mit ein wenig zu viel Willen und weniger Geschmeidigkeit ineinander zu passen. Die Geschichte ist deswegen nicht weniger spannend und anstatt sich in juristischen Kleinigkeiten zu verfangen, ist es frau, die entschlossen und vielleicht auch ein wenig rechtswidrig die Zügel in die Hand nimmt. Literarisch für die Leser zufriedenstellend, allerdings bei rückblickender Betrachtung auch – wie erwähnt –  zu hinterfragen.

Hinsichtlich der Mind- Therapie agiert Gabriele Behrend ambivalent. Wie jede neue Technologie kann sie ein Segen – in den richtigen Händen, wie es Doktor Kowal abschließend präsentiert – oder ein Fluch – siehe Narzissten wie Jules Meyer – sein. Aber das gilt nicht nur für die medizinische Technik, sondern die ganze menschliche Existenz. Die Autorin fällt kein finales Urteil, das je nach Richtung klischeehaft oder stereotyp sein müsste. Sie überlässt es den Lesern, ein finales Urteil zu fällen, wobei das Schlussbild im positiven Sinne auch Bände spricht.

Nicht wegen der Ausgangsidee, sondern der zu komprimierten Darstellung und den teilweise auch ein wenig pragmatisch dem Plot untergeordneten Charakteren steht „Im Schatten der Hydrangea“ literarisch auch im Schatten – diese Wortwiederholung ist beabsichtigt – ihres Debütromans „Salzgras & Lavendel“, in dem sie sich auch mit dem Inner Space, der menschliche Psyche und dem Eindringen von äußeren Einflüssen auseinandergesetzt hat. Isoliert betrachtet ist „Im Schatten der Hydrangea“ aber trotz der angesprochenen Schwächen eine interessante, diskussionswürdige Lektüre mit Ecken und Kanten, aber leider auch einige zu offensichtliche Plot Konstruktionen.    



Gabriele Behrend
IM SCHATTEN DER HYDRANGEA
AndroSF 165
p.machinery, Winnert, Mai 2023, 172 Seiten, Paperback
ISBN 978 3 95765 328 4 – EUR 14,90 (DE)
E-Book: ISBN 978 3 95765 775 6 – EUR 4,99 (DE)