Ramey Campbells 1991 veröffentlichtes Werk „The Count of Eleven” ist der letzte, bislang ins Deutsche übersetzte Roman des britischen Horror Autoren. Wie fast alle seine längeren Arbeiten erschien er in der Horror Reihe des Knaur Verlages. Titeltechnisch passen beide Bezeichnungen zu dieser ungewöhnlichen Arbeit mit einem theatralisch sympathischen Massenmörder, dessen psychopatische Motive der Leser jederzeit nachvollziehen kann.
Der Originaltitel „The Count of Eleven” bezieht sich auf zwei Aspekte der Persönlichkeit des Mörders. Jack Orchard ist ein Durchschnittsbürger mit einem fast unnatürlichen Interessen an Zahlen, Quersummen und deren potenzielle Bedeutungen für ihn. Elf ist seine Glückszahl. Daher ist es unvermeidlich, dass sie im Titel erscheint. Der Count, also Graf, manifestiert sich erst im Laufe der Geschichte als eine Inkarnation von Jack Orchard. Die Persönlichkeitsspaltung schreitet langsam, aber kontinuierlich voran.
Der deutsche Titel bezieht sich auf einen Kettenbrief. Jack Orchard betreibt eine schlecht gehende Videothek „Fine Films“ mit Ausleih Cassetten. Der Roman spielt Anfang der neunziger Jahre, eine Versetzung des Plots in die Gegenwart wäre auch gar nicht möglich. Internet und Handys würden gegen eine Reihe von Plotelementen sprechen. Jack Orchard erhält eines morgens einen Kettenbrief, der ihn auffordert, von dem Schreiben dreizehn Kopien – daher der Titel – zu machen und an andere Leute zu verschicken. Dann wird ihn das Glück heimsuchen.
Da in dem Laden nichts los ist, will er mittels einer Lötlampe die Außentür abbrennen und später neu streichen. Ein verwirrter alter Mann aus der Nachbarschaft belästigt ihn förmlich in seinem Laden. Die nicht ausgestellte Lötlampe setzt die Plastikhüllen der VHS Cassetten in Brand, schnell greifen die Flammen auf das Gebäude nieder und alles wird ein Raub der Flammen.
Jack Orchard ist im Grunde über die Brandkatastrophe froh und sieht irgendwann durch einen Zufall einen Wink des Schicksals, den ihn der Brief prophezeit hat. Denn die Videothek ist versichert, die Cassetten sogar zum Einkaufspreis. In seiner Euphorie macht Jack dreizehn Kopien und schickt sie wahllos an Menschen aus dem Telefon, deren Namen umgesetzt in Zahlen für Jack Orchard Glück verheißen.
Kurze Zeit später brachen einige Katastrophen auf ihn ein. Sein ehemaliger Partner hat die Versicherung gekündigt, ihm aber nicht Bescheid gesagt. Verschiedene Jobs zerschlagen sich. Ein weiterer Kredit wird ihm verweigert und der Chef seiner Frau wird wegen Unterschlagung verhaftet, sie ist arbeitslos. Natürlich verweigert Jack Orchard die Bank auch ein Darlehen, um sich entweder neue Filme für einen neuen Laden zu kaufen oder in ein größeres Haus zu ziehen.
Ramsey Campbell ist ein zu souveräner Autor, um die Handlung in einer Abfolge von Aktion und Reaktion zu beschreiben. Aus Jack Orchards Sicht ist das Abschicken der Briefe eine Aktion, die ihm eigentlich Glück bringen sollte. Erst gegen Ende der Geschichte macht Ramsey Campbell dem Leser klar, wie Jack Orchard zum Empfänger eines Kettenbriefes geworden ist. Die Reaktionen sind die einzelnen unglücklichen Situationen, mit denen Jack Orchard und seine Familie konfrontiert werden. Dabei bewegt sich Ramsey Campbell auf einem schmalen Grat zwischen glaubwürdigen Unglück und Slapstick. An einer Stelle schauen Campbell und seine Tochter „Adel verpflichtet“, den legendären Streifen, in dem Alec Guinness nach und nach seine Verwandten tötet, um in der Erbfolge voranzukommen. „The Count of Eleven“ könnte als eine Art „Adel verpflichtet“ des Horrorgenres angesehen werden. Jack Orchard erwartet kein großes Erbe, aber mit jeder Aktion auf die empfangenen Reaktionen versucht er dem imaginären Glück auf die Sprünge zu kommen und ihm wieder näher zu kommen. Ramsey Campbell hat seinen unterhaltsamen Roman auch entlang dieser Basis konstruiert. Der Leser denkt einige Zeit zusammen mit Jack Orchard, das das Glück nur zu den auf pervertierte Art und Weise Tüchtigen zurückkommt und in einer Hinsicht ist der inzwischen immer öfter auftretende und Jack Orchards Persönlichkeit verdrängende Graf ausgesprochen tüchtig.
Viele der Unglücke bewegen sich zwischen alltäglich - Jack Orchards Tochter wird von drei vagabundierenden Kleinkriminellen Brüdern überfallen und zusammengeschlagen; Jack Orchard erhält wegen seines zweifelhaften Rufs nach dem Videotheken Brand einige berufliche Absagen – und absurd. Der Brand in der Videothek basiert auf Unachtsamkeit. Keine Frage. Jack Orchard hätte die Lötlampe ausmachen können. Aber das Verhalten der desorientierten alten Mannes, denn Orchard nicht unter Kontrolle bekommt nach dem Auftreten eines noch verrückter agierenden Straßenpredigers, erreicht Dimensionen, welche Leser vor allem aus den mehrfach zitierten Stan & Laurel Filmen kennen. An einer anderen Stelle ist es Jack Orchards aufbrausendes eigenes Verhalten, das Lösungen verbaut. Sie wirken aber in dieser geballten Form auch konstruiert. Sie müssen konstruiert sein, damit die aus Ramsey Campbells Sicht zugänglichste Lösung funktioniert. Die Empfänger der ersten dreizehn Briefe müssen mittels Anrufen (aus Telefonzellen oder von der Arbeit) überzeugt werden, dass sie Jack Orchards Glück helfen, indem sie die Kopien der Briefe weiter verschicken.
Diese Taktik scheint auch zu funktionieren, denn mit jedem Besuch - einige haben die Briefe weitergeschickt, andere werden für ihre Ignoranz vom Grafen auf eine grausame Art und Weise bestraft – kehrt kurzzeitig das Glück zurück. Die Orchards gewinnen eine Reise nach Kreta, auch wenn die Ziehung eher manipuliert ist. Ein anonymer Spender steckt ihnen nach dem Überfall auf die Tochter Geld zu. Orchard findet einen gut bezahlten. aber langweiligen Job in einer Bibliothek; seine Frau wird von dem Verdacht befreit, bei den Veruntreuungen des Chefs mitgewirkt zu haben. Diese Glücksmomente sind kurz und bestärken Jack Orchard, das er auf dem richtigen Weg ist, bevor die nächste obligatorische Katastrophe eintritt.
Neben dieser stark durch geplanten, aber gut zu lesenden Handlung manipuliert Ramsey Campbell seine Leser auch auf der charakterlichen Ebene. Jack Orchard ist der typische durchschnittliche Verlierer des Lebens, der an seinem eigenen naiven Traum scheitert. Eine Videothek mit gehobener Unterhaltung. Jack Orchard liebt seine Familie und würde alles für sie tun. Im Grunde übernimmt der Graf diese Aufgabe und das schlechte Gewissen wird bis zum süß sauren, melancholischen Ende auch gut von Jack Orchard unter Kontrolle gehalten.
Das liegt vor allem an den Opfern. Sie sind durchgehend unsympathisch und egoistisch beschrieben. Das bedeutet nicht, dass jeder Empfänger dieser Briefe gleich ermordet wird. Hier spielt Ramsey Campbell mit den Lesern. Auch einige nicht sympathische Charaktere haben die Briefe weitergeschickt und dürfen leben. Viele der Empfänger der Briefe haben diese weggeworfen. Auch die zweite Chance in Form einer persönlichen Übergabe lehnen sie ab. In diesem Fall übernimmt der Graf mit der für die Vernichtung der Videothek verantwortlichen Lötlampe die Kontrolle. Als Film würden die Mordszenen „The Count of Eleven“ zu einem Video Nasty machen. Sie sind auch für die nicht selten in einem ironischen Grundton geschriebene Handlung ausgesprochen brutal, aber vieles spielt sich trotzdem in der Phantasie der Leser ab oder wird durch Jack Orchards komplett bizarr verzerrte Sichtweise auch relativiert. Sterben ist niemals einfach. Bis auf einen Tod.
Der finale Wendepunkt beginnend mit einer förmlichen Odyssee nach einem perfekten Versteck – heute im Grunde unmöglich – ist die tödliche Bedrohung eines komplett Unschuldigen, weil Jack Orchard/ der Graf sich einmal „verschätzt“ haben. Ramsey Campbell arbeitet noch einmal die natürlich kranken, abergläubisch geprägten und absurden Motive des Täters heraus, welche sich aber auf das Grundbedürfnis des Schutzes der eigenen Familie vor unkontrollierbarer Unbill reduzieren lassen. Das entschuldigt die Taten nicht, der Leser zeigt aber für diesen vom eigenen Aberglauben angetriebenen Mörder auch Sympathie. Damit unterscheidet sich dieser Horrorthriller – es gibt nichts Übernatürliches in der Geschichte, alleine der Aberglaube ist dominierend – auch von einigen Romanen, die Ramsey Campbell in den achtziger und neunziger Jahren geschrieben hat. Die cineastischen Anspielungen – Campbell hat jahrelang auch Filmrezensionen geschrieben – ziehen sich wie ein roter Faden nicht nur durch diesen Roman. Die Charaktere sind – wie angesprochen – ein wenig pragmatisch gezeichnet, aber die Familie Orchard ist dreidimensional entwickelt und gehört zusammen mit den Sterling aus „Midnight Sun“ zu den zugänglichsten Figuren in Ramsey Campbells inzwischen sehr umfangreichen Werk.
„The Count of Eleven“ bzw. “Der Fluch der dreizehn Briefe” gehört zu den besten, originellsten frühen Romanen Ramsey Campbells und ist mit dem Blick auf eine Ära vor dem Handy/ vor dem Internet auch heute noch empfehlenswert wie lesenswert. Eine Wiederauflage wäre zu begrüßen, auch wenn die von Marcel Bieger gut übersetzte Geschichte antiquarisch leicht zu erwerben ist.
- Knaur Horror Taschenbuch
- Umfang: 496 Seiten
- Sprache : Deutsche
- ISBN-10 : 3426700085
- ISBN-13 : 978-3426700082
