Nach den drei bzw. mit den Abentergeschichten vier Bänden mit Geschichten Leo am Bruhls wendet sich die Edition Dornbrunnen mit dem kleinen lesenswerten phantastischen Werk Alfred Bries einem weiteren Autoren zu, den die Zeit zu Unrecht über die hier gesammelten Geschichten hinaus vergessen hat.
Als Schriftsteller veröffentlichte der 1870 geborene Brie auch unter dem Pseudonym A. Maxime eine Reihe von unterschiedlichen Texten in verschiedenen Genres. Durch seine Beiträge für die lustigen Blätter erregte er Ärger bei den betroffenen Personen und landete schließlich sogar für einen Monat im Gefängnis. Krimi und Detektivgeschichten, Gesellschaftsdramen aber auch während des Ersten Weltkriegs patriotische Durchhaltegeschichten ergänzt das umfangreiche, aber nur selten in Buchform gesammelte Werk Bries. Zusätzlich arbeitete er als Übersetzer.
Während der Naziherrschaft wurde die Familie Brie erst drangsaliert. Drei seiner Kinder verließen Deutschland rechtzeitig. 1942 deportiert, kamen sie in den Konzentrationslagern um, wobei Bries Frau ihren Mann noch um knappe zwei Jahre überlebte, bevor sie in Auschwitz vergast worden ist.
Bei den sieben Geschichten ist auffällig, dass Alfred Brie auch gerne auf eine indirekte Anrede der Leser über den Erzähler zurückgreift. In der ersten Geschichte „Exotische Liebe“ schreibt ein toter Freund von einer besonderen Liebe, die zu einem Fluch geworden ist. Nach einem Besuch auf einem Jahrmarkt hat er sich in eine feurige arabische Frau verliebt, die allerdings darauf besteht, dass er ihr treu bleibt. Ansonsten würde sie ermordet werden und auch sein Leben wäre nicht mehr sicher. Natürlich treten die Ereignisse wie vorhergesagt ein, als sich der Briefschreiber neu verliebt und die Frau heiratet. Alfred Brie präsentiert „Fakten“, er liefert keine Erklärungen und die verschiedenen Aspekte laufen nicht nur in der Phantasie der Leser zusammen, der Briefschreiber erkennt zu spät, dass er selbst naiv gehandelt hat.
Auch „ Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde“ ist eine Geistergeschichte mit einem Einfluss aus dem Jenseits auf die Gegenwart. Eine junge Frau heiratet den perfekten Mann, der allerdings schon einmal verheiratet gewesen ist. Das Schicksal der ersten Frau wird sie im Laufe der Story erfahren. Sie versucht, ihrem Mann einen Liebesbrief zu schreiben, aber eine unheimliche Kraft hält sie davon ab. Alfred Brie baut die bedrohliche Atmosphäre geschickt auf. Einzelne Informationen fallen zwar wie ein Puzzle zusammen, locken den Leser aber auch auf eine falsche, fast klischeehafte Fährte, bevor sich das Schicksal doppelt. In „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde“ gibt es auch keine weit hergeholten potentiellen Erklärungen – siehe „Das Medusenhaupt“ – oder unerklärliche Funde – „Exotische Liebe“ -, es kann sich um ein tragisches Unglück handelt oder eine Hand, die tatsächlich aus dem Jenseits zugegriffen hat.
Auch die letzte Story der Sammlung „Die graue Motte“ reiht sich in diese kleine Phalanx von Geschichten mit Racheabsichten von jenseits des Grabs ein. Ein junger, hoch verschuldeter Schnösel schreibt seiner Braut, dass er sie nicht mehr heiraten kann, weil er dem Geld folgen und angeblich eine Zwangsheirat eingehen muss. Als er keine Antwort von seiner ehemaligen Braut bekommt, macht er sich auf den Weg nach Hause und erlebt eine doppelte Überraschung. Alfred Brie spielt nur mit Andeutungen. Der durchgehende Faden ist die Motte, welche nicht nur dem Licht entgegenstrebt, sondern der einzige stumme Zeuge des ganzen Geschehens ist. Natürlich ist es kein Zufall, das sie final im richtigen Moment auftaucht. Natürlich kann es ein Zufall sein, dass sie schließlich den Kreis schließt und die potentiell sich Liebenden wieder vereint. Die Geschichte lässt sich in beide Richtungen interpretieren, aber wie die ersten beiden Texte gehört sie zu heute noch lesenswerten Texten mit übernatürlichen Untertönen, in denen Alfred Brie durchgehend tragische Liebesgeschichte zeichnet.
Bei „Das Medusenhaupt“ geht von dem Fund auf einem im Meer treibenden, ansonsten sehr gut erhaltenen Segelschiff eine Gefahr aus, welche der treue Jagdhund des Erzählers zuerst zu spüren bekommt. Auch hier handelt es sich um eine Geschichte innerhalb einer Geschichte, der kritische Geist könnte von einer Art Jägerlatein sprechen. Die Atmosphäre ist bedrohlich, der Leser ahnt den Handlungsverlauf und die mögliche Erklärung wird während des letzten Absatzes konsequent nachgeschoben. Aber Beweise gibt es nicht.
Sowohl in „Der Untergang von Lang Fu“ als auch „Die Alabasterurne“ beschreiben zwei Ärzte stellvertretend für den Leser bekannten ihre Erlebnisse. In „Der Untergang von Lang Fu“ soll der Arzt einem Mann sein gebrochenes Bein heilen. Er ahnt nicht, dass er mittelbar an der Weiterentwicklung einer tödlichen Bedrohung für die ganze Menschheit beteiligt ist. In dieser nihilistischen Story gibt es nur eine finale Lösung. Die Zusammenhänge werden dem Leser erst am Ende der Geschichte klar, nachdem der Arzt spannungstechnisch schon erläutert hat, dass er für den Tod von mehr als zehntausend Menschen verantwortlich ist. Nur mittelbar verantwortlich, wie sich herausstellt. Das unterscheidet seine Handlungsweise von anderen Geschichten, in denen rücksichtsloser, im Grunde naiver technischer Fortschritt die Gefahren ignoriert.
Bösartiger, pointer ist „Die Alabasterurne“. Ein Arzt wird Abends auf eine Jacht gerufen. Er soll unter den anwesenden Männern denjenigen herausfinden, die am kränksten ist. Dieser soll freiwillig die aus einem Grab stammende und vielleicht mit einem Fluch belegte Alabasterurne öffnen. Auf nur wenigen Seiten treibt Alfred Brie ein intelligentes Spiel mit seinen Lesern, da munter die Prämissen aus egoistischen Motiven verschoben werden, damit sie sich trotzdem erfüllen. Viele der Storys enden auf dunklen, ein wenig bösartigen Noten, wobei manchmal auch dem Zufall auf die Sprünge geholfen wird. Das ist auch bei „Die Alabasterurne“ der Fall und trotzdem funktioniert der Text großartig.
„Der Schal der Marietta“ bezeichnet Alfred Brie als Fragment. Das ist auch richtig, denn der auf dem Schal liegende mögliche Fluch und das Schicksal der unbedarften Trägerin werden nicht ausreichend vorbereitet. Die Charaktere sind im Vergleich zu den manchmal nur wenig längeren Texten deutlich rudimentärer entwickelt und die Pointe kommt dieses Mal aus dem Nichts.
Die sieben hier gesammelten Kurzgeschichten sind alle pointiert und gut geschrieben. Nicht jede Wendung ist auch aufgrund der Kürze der Texte ausreichend vorbereitet und manchmal strebt der Autor zu sehr dem dann überraschenden Ende entgegen. Wie bei Leo am Bruhls Kurzgeschichten handelt es sich um Storys, die in Tages- oder Wochenzeitungen sowie deren Beilagen zur Unterhaltung der vor allem an den Tagesgeschehen interessierten Leser gedacht gewesen sind. Leichte, in diesem Fall phantastische stimmungsvolle Unterhaltung, deren Plot sich auf den wenigen Seiten auch vollständig zu entfalten hat. Herausgeber Sven R Schulz hat neben einer ausführlichen Veröffentlichungshistorie der abgedruckten Geschichten auch einige Informationen über Alfred Brie und das grausame Schicksal seiner Familie in einem ausführlichen und vor allem auch sehr lesenswerten Nachwort zusammengetragen.
Mit der vorliegenden Sammlung entreißt der Herausgeber wieder einen dieses Mal nicht reinen Phantastikauoren der Vergessenheit und zeigt auf, wie unterhaltsam die heute kaum beachteten Kurzgeschichten in den entsprechenden Periodika gewesen sind.

- Herausgeber : Verlag Dornbrunnen; 1. Edition (25. Januar 2025)
- Sprache : Deutsch
- Taschenbuch : 56 Seiten
- ISBN-10 : 3943275779
- ISBN-13 : 978-3943275773
