Als zweiter Band der Joanna Russ Werksausgabe erscheint in „Erwachende Welten“ der Schlüsselroman „Der weibliche Mann“ in einer überarbeiteten Übersetzung in Verbindung mit mehreren Kurzgeschichten, Artikeln und Rezensionen.
Der 1970 entstandene, aber erst fünf Jahre später in den USA veröffentlichte Roman ist bislang zweimal auf deutsch erschienen. 1979 unter dem irreführenden Titel „Planet der Frauen“ in der Knaur Science Fiction Reihe und 21 Jahre später als „Eine Weile entfernt“ beim Argument Verlag. In der dritten deutschen Ausgabe werden die beiden ursprünglichen Übersetzer – Werner Fuchs für den Knaur Verlag, Hiltrud Bontrup für Argument – genannt. Hannes Riffel ist anhand einer Originalausgabe durch die beiden in ihren Entstehungszeiten verankerten Übersetzungen gegangen und hat für die dritte Ausgabe die beste aller Welten zusammengestellt.
Schon früh begann Joanna Russ in ihren Science Fiction den männlichen Blick auf das Genre zu hinterfragen, teilweise auch zu karikieren und entwickelte als Feministin Gegenentwürfe zu den aus ihrer Sicht sexistischen Ansicht ihrer männlichen, aber auch nicht selten kutschenden weiblichen Kollegen. Dabei bewegt sich Joanna Russ selbst auf einem sehr schmalen Grat in dieser komplexen, manchmal auch komplizierten Geschichte, denn eine ihrer Hauptfiguren impliziert, dass ein feministisches Utopia nur über das Töten der Männer zu erreichen ist. Damit stellt sich Joanna Russ teilweise auf die gleiche primitive Stufe der Frauen gegenüber aggressiven Männer. Unabhängig von dieser steilen These, die sich mehr im Roman versteckt als das sie den roten Leitfaden bildet, ist markant, dass Joanna Russ im Gegensatz zu vielen anderen Autoren, welche die Science Fiction Versatzstücke für ihre sozialpolitische Propaganda missbrauchen, das Science Fiction Genre liebt und deswegen auch souverän mit den Versatzstücken des Genres umgehen kann. Als Rezensenten für „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“ hat sie über viele Jahre auf eine scharfzüngige, aber nicht uncharmante Art und Weise ihren Kollegen den Eulenspiegel ins Gesicht und ihre Werke sowohl in naturwissenschaftlicher, technischer oder nicht selten sozialen Hinsicht förmlich demontiert.
Daher auch der Drang, es in den eigenen Geschichten mindestens anders, wenn nicht besser zu machen. Ein Druck, unter dem einige ihrer längeren Arbeiten allerdings auch leiden und deswegen vor allem aus der Distanz von über fünfzig Jahren seit ihrer Entstehung auch dogmatisch belehrend wirken, bevölkert mit klassischen, aber auch notwendigen Stereotypen des Feminismus. Mit dieser Aussage soll die Wichtigkeit Joanna Russ Werks keinen Deut herabgesetzt, aber zumindest in einzelnen Abschnitten auch ein wenig geerdet werden.
Joanna Russ ist mit ihrer Science Fiction tief im Genre verwurzelt und extrapoliert gleichzeitig moderne feministische, aber auch soziale Ideen. Nicht immer klappt es, wie sie selbstironisch in einer Fussnote ihrer Rezensionssparte in „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“ in Bezug auf die sexuelle Umorientierung ihres Protagonisten in „And Chaos died…“ zugibt.
Aber „The Female Man“ ist aus der Perspektive von Frauen die Umkehr von „And Chaos died…“ sowie eine Vervierfachung. Vier Welten, vier unterschiedliche Frauencharaktere, deren Vornamen alle mit „J“ beginnen, aber am Ende im Dinner´s werden fünf Gerichte bezahlt. Im Nachwort zu „Erwachende Welten“ findet sich ein Hinweis auf einen Liebhaber einer der Js“. Aber es passt eher zu Joanna Russ Charakter, dass sich in diesem mehr und mehr autobiographisch gefärbten Roman eine weitere „J“, eine zweite Joanna – Joanna Russ – an den Tisch geschlichen hat, um mit ihren „Kindern“, ihren Inkarnationen einen tollen Nachmittag bei gutem amerikanischen Essen, den entsprechenden Gesprächen und viel Lästereien über Männer verbringen wollte.
Der Roman beginnt mit einem Genre Klischee. Janet Evason taucht plötzlich in Jeannine´s World auf und verschwindet wieder. Keine wirklich neue Idee, denn in der letzten echten „Alyx“ Geschichte taucht auch plötzlich eine Frau – in diesem Fall aus einer anderen Zeit – bei einer Familie auf und freundet sich mit der pubertierenden Tochter an.
Hinzu kommt, dass weder die Ausgangswelt noch die erste Besuchswelt dem Leser vertraut ist. Jeannine´s Welt entspricht dem New York der Endsechziger Jahre, allerdings ohne den Zweiten Weltkrieg und damit einer anderen großen Depression. Eine Frauenbewegung entwickelte sich genauso wenig wie die Hippiekultur. Politisch erzkonservativ wirkt alles in dieser Welt farblos. Nicht umsonst ist Jeannine Nancy Dadier Single, wahrscheinlich auch Jungfrau. Sie arbeitet als Bibliothekarin und lebt mir ihrer Katze Mr. Frosty zusammen, ihrem Männerersatz. Ihre gesichtslose Familie möchte, dass Jeannine endlich heiratet, egal welchen Mann. Obwohl sie ein einsames Leben führt und eher eine Zweckehe eingeht, könnte Jeannine nicht nur die intelligenteste der vier Frauen sein. Sie ist auch Joanna Russ erste Identifikationsfigur, die sich trotz ihrer feministischen Ansichten, ihrem unbändigen Freigeist hinsichtlich ihrer Fähigkeiten, ihrer Scharfsinnigkeit, aber auch Scharfzüngigkeit hinter dem geschriebenen Wort versteckte.
Jeannine wird – natürlich wenig überraschend – in dieser Geschichte durch die Begegnung mit Janet, aber auch anderen Welten die größte Wandlung vollziehen. Sie wird eher als Maus, als Hausfrau angesehen, worüber sie sich aufregt. Auf der anderen Seite ist ihre Kritik an ihrem Freund Cal und einem weiteren Mann, den sie kurz wie oberflächlich trifft, zu krass, zu hart und vor allem auch zu klischeehaft. Vor allem attackiert sie einen Mann, der noch nicht weiß, welchen beruflichen Weg nach dem College einschlagen will. In den siebziger Jahren wie heute nicht unbedingt überraschend. Die einzige Erklärung für Jeannine Kritik wäre, dass sie einen Mann fürs Leben als Hausfrau sucht, der sie ernährt.
Janet Evason kommt aus Whileaway. Der Titel dieser Welt ist künstlich wie die Zukunft. Alle Männer sind vor achthundert Jahren an einer rätselhaften Seuche gestorben. Keine neue Idee. Autoren von Mary Shelly bis Stephen/ Own King haben sich an diesem Sujet versucht. „The Female Man“ unterscheidet sich von diesen Versuchen, weil erstens die weibliche Gesellschaft natürlich sehr gut ohne „Mann“ auskommen kann und zweitens das Buch ausschließlich aus einer weiblichen Perspektive mit den entsprechenden subjektiven Ansichten erzählt wird.
Joanna Russ spielt aber mit den Erwartungen der Leser. Denn Whileaway ist ein Paradies, das anscheinend auf Blut aufgebaut ist und den pazifistischen Charakter ihrer Bewohner auch Lügen strafen könnte. Die Autorin diskutiert nicht die Möglichkeit, dass die Ziele die Mittel rechtfertigen. Diese potentielle Schwäche zeigt sich auch in dem schon angesprochenen „And Chaos Died…“ wo ein homosexueller Mann Befriedigung mit einer Frau findet und zumindest kurzzeitig seine Augen geöffnet werden. Die Verschiebung der von Joanna Russ als Erzählerin etablierten Prämissen wirkt verstörend und in sich nicht unbedingt logisch. Am Ende dieses Romans hat der Leser das unbestimmte Gefühl, als wenn eine Seuche nicht ausreichend, nicht wirklich zufriedenstellend ist. Janet Evason ist eine selbstbewusste Frau, die sich den Medien in der dritten noch zu besuchenden Welt stellt und die männlichen Klischees provozierend auf den Kopf stellt. Whileaway ist als Welt der größte Widerspruch in sich. Technisch mit künstlicher Befruchtung weit fortschrittlich leben die Menschen in erster Linie von Agrarwirtschaft. Sie sind Selbstversorger. Es gibt keine Sexualverbrechen, die Kinder können nackt über die Felder laufen, ohne dass sie begafft werden. Streitigkeiten werden in Form von Duellen durchaus bis zum Tod ausgetragen. Wie der Wechsel zwischen den Welten wirklich zustande kommt, bleibt ungeklärt. Hier folgt Joanna Russ Alfred Besters bahnbrechenden existentiellen Roman „Tiger! Tiger!“.
Aber die Autorin hat auch eine Obsession mit großen Hintern. Immer wieder wird dieses Klischees von Frauen und Männern erwähnt. Auffällig ist auch, dass sich die Frauen in dieser Welt fünf Jahre ganztägig um die Kinder kümmern, die anschließend in Internate abgegeben werden. Mit zwölf sind die Jugendlichen erwachsen. Ab dem fünften Jahr müssen die Mütter dann wieder arbeiten und weinen, weil sie das Haus wieder verlassen müssen. Anscheinend sind Jogginganzüge ein wichtiges Kleidungsstück, Make Up wird nicht mehr benötigt und auch wenn sie in Lebensgemeinschaften zusammen leben, reisen sie immer alleine. Sie haben Sex untereinander, aber Joanna Russ entwickelt in dieser Welt keine echten Beziehungen. Sie arbeiten nur wenige Stunden am Tag, fühlen sich aber trotzdem als Vollzeitkräfte und wechseln ihre Jobs/ Aufgaben wie Hemden. Wer sich nicht den gemeinschaftlichen Regeln unterwirft, dem droht die Todesstrafe. Es gibt keine Kriege, keine echte Regierung, aber auch keine Anarchie. Vieles wirkt erstaunlich ambivalent und damit leider auch steril. Und das wäre laut der Autorin die perfekteste aller nicht perfekten Welten.
Es ist kein Zufall, dass Janet und Jeannine in Joanna Welt reisen, welche am ehesten der Realität der Leser entspricht, allerdings aus der scharfzüngigen Perspektive der Autorin Russ charakterisiert worden ist. Janet wird interviewt, allerdings werden ihre Exkurse in die sexuellen Geflogenheit auf Whileaway durch eine Werbeunterbrechung zensiert. Auf einer Party beginnt Joanna die Kontrolle zu übernehmen. Weder Jeannine aufgrund ihrer Isolation noch Janet – nur Frauen auf ihrer Welt – kennen sich mit „Männern“ aus. Auf einer Cocktailparty enden schließlich die Flirtversuche eines Mannes mit Janet in dessen Niederschlag. Natürlich verstößt Janet damit gegen die guten Sitten auf jeder dekadenten Cocktailparty mit festen Rollen für Männer – auf der Jagd- und Frauen – willige Opfer. Aber gleichzeitig unterstreicht Janet mit ihrem Schlag, dass Frau dem Mann nicht grundsätzlich unterlegen sein muss.
Warum Joanna allerdings “The Female Man” in dieser Konstellation sein soll, wird von der Autorin zu wenig überzeugend herausgearbeitet. Ein “Female Man” ist eine Frau, die sich entgegen der stereotypen Erwartungshaltung der Männer verhält. Emanzipiert ist für Joanna Russ anscheinend zu schwach, weil diese Art von Frau nach einem harten sozialen Kampf stärker und entschlossener ist. Nicht nur, als ihre Geschlechtsgenossen, sondern im perfekten Fall auch den Männern intellektuell überlegen. Das hat bei Joanna zur Isolation von Frauen und Männern geführt.
Joanna Russ macht sich dann wieder einen Spaß daraus, mit den Rollenklischees zu spielen und in der am meisten realistischen der vier Welten die Nebenfiguren teilweise satirisch, manchmal karikierend zu überzeichnen und ihre aufgeblähten Egos als intellektuelle Hohlräume zu entlarven.
Janet lernt anschließend auf dieser Welt nicht nur Joannas Familie kennen, sondern auch ihre Nichte Laura Rose, welche Janet zu bewundern beginnt. Das gleiche Szenario findet sich in der schon angesprochenen vierten „Alyx“ Geschichte allerdings vor dem Hintergrund der großen Depression und in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Laura möchte gerne eine sexuelle Beziehung zu Janet aufbauen.
An dieser Stelle fügt Joanna Russ noch eine weitere interessante Komponente ein. Damit die Gesellschaft auf Whileaway so funktionieren kann, sind Beziehungen zu Partnern, die vom Alter her Eltern oder Kinder sein könnten, Tabu. Genau wie in Joannas Welt immer noch die Beziehung zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern.
Mit einem Abstecher zu Whileaway geht es anschließend in Jaels World. Die vier Frauen sind inzwischen vereint. Da Joanna Russ immer wieder die Perspektiven wechselt, ist es nicht ganz einfach gleich zu erkennen, wer diesen Abschnitt der langen Reise durch verschiedene unterschiedliche, aber im Kern auch vereinte Welten erzählt.
In der nächsten und letzten Welt treffen sich Joanna, Jaennine und Janet mit Jael, im Grunde dem Organisator der verschiedenen Reisen. Jael oder besser: Alice Jeal Reasoner ist im Grunde ein weiblicher Wolverine. Sie hat silberne Krallen, die unter ihrer Haut “angebracht” worden sind und Stahlzähne. In ihrer Welt bekämpfen sich Männer und Frauen seit vier Jahren aus ihren jeweiligen Ghettos. Whileaway war in dieser Hinsicht anscheinend effektiver und eine der offenen Fragen ist, warum Jaels Vorgesetzte sich die ihnen bekannte Alternativwelt als Vorbild genommen haben. Das könnte an den Beziehungen zwischen den beiden Enklaven liegen, welche Joanna Russ eher nebenbei offenbart. Dabei sind die Frauen auch nicht besser als die Männer. Eine These, welche die Autorin auf den anderen bislang besuchten Welten immer offensiv durch ihre Figuren vertreten hat.
Jaels Welt ist wahrscheinlich am Schwersten und gleichzeitig auch am Leichtesten zu akzeptieren. Der Leser muss die Rollen nur wieder zurücktauschen. Männer und Frauen befinden sich aus ihren Enklaven heraus in einem Krieg, der seit mehr als vierzig Jahren andauert. Aber es gibt auch Handelsbeziehungen zwischen Männern und Frauen. Gegenstand sind insbesondere Kinder. Das Frauenland behält die Mädchen und tauscht die geborenen Jungen gegen wichtige Güter. Um ihre Sexualtriebe zu befriedigen, werden die Jungen operiert, die auf den ersten Blick nicht männlich genug erscheinen. Sie werden in der Männerwelt zu den neuen „Frauen“, während die Frauen selbst ausschließlich homosexuelle Beziehungen haben. Dank der künstlichen Befruchtung und damit in der ausschließlichen Verantwortung der Frauen besteht das Geschlecht fort.
An dieser These sind zwei Dinge interessant. Männer und Frauen scheinen in der kriegerischen Auseinandersetzung keinen Sieg erringen zu können. Ein typischer Abnutzungskrieg, von dem die anderen drei Reisenden und damit die Leser auch nur verbal erfahren. Joanna Russ beschreibt keine Kriegsszenen. Nicht ganz klar ist, warum die fortpflanzungsfähigen Frauen den Männern nicht im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser abgegraben haben. Anscheinend sind sie zwar auf die Güter angewiesen, ein Mangel erscheint aber nicht lebensbedrohend. Auf der anderen Seite ohne „Nachwuchs“ wären die Männer am Ende. Die Frauen hätten zwar das Problem, den männlichen Nachwuchs irgendwie unter Kontrolle zu halten und nicht den Feinden zu übergeben. Aber die Welt ist nicht überbevölkert, so dass sich wahrscheinlich irgendwo ein Versteck, eine Insel finden lassen würde.
Der Leser muss diese Ausgangsbasis akzeptieren, damit der weitere Handlungsverlauf funktioniert. Mit Jael ist die Expansion der Geschichte auch zu Ende und Joanna Russ beginnt die einzelnen Facetten ihres Plots zu ordnen.
Jael ist eine Agentin. Im Gegensatz zu Alyx reist sie nicht durch die Zeit, aber dank der vorhandenen Technik und unter einem erheblichen Energieaufwand kann sie zwischen den Welten wandeln. Das können die Männer auf der anderen Seite anscheinend auch. Jael kann nicht in der Zeit reisen. Ausführlich engt Joanna Russ die zahlreichen Optionen ein. Eine Reise in die Vergangenheit kann genau wie eine Reise in eine relative Zukunft nur quer erfolgen. In andere Welten, aus denen die Agenten keine Informationen für die eigene Welt oder das eigene Schicksal mitnehmen können. Dadurch wird auch eine Manipulation der Vergangenheit verhindert. Das letzte Thema hat Joanna Russ vor allem in den ersten Alyx Geschichten mehrfach aufgegriffen, obwohl die Zeitagentur sich beim Abschöpfen der Meere sehr viel Mühe gegeben hat, keine wichtigen Gegenstände oder Menschen in die Zukunft zu bringen. Alyx ist ein unfall gewesen.
Jael hat unterschiedliche Inkarnationen ihrer Selbst, das gleiche Genmaterial zusammengeführt, um der Auseinandersetzung mit den Männern eine andere Note zu geben. Alle vier reisen in die Männerdomäne, um mit ihren Feinden zu verhandeln. Der Aufwand rechtfertigt bislang nicht das Ergebnis. Joanna Russ lässt Männer und Frauen die üblichen sozialen Klischees von einem gleichberechtigten Leben austauschen, wobei die Definition des Begriffs Gleichberechtigung sehr unterschiedlich ist. Hier helfen die Erfahrungen zweier „J“s, in deren Welt ebenfalls die Männer dominieren. Natürlich handelt es sich um Joannna und Jaennines Welten. Bei Janet gibt es ja keine Männer mehr.
Ab diesem Moment überschlagen sich die Ereignisse, den Wolverine Jael verliert die Geduld bei den Verhandlungen und wird abschließend ihren komplexen, aber vielleicht auch ein wenig klischeehaften Plan offenbaren, der schließlich an ihnen selbst scheitern könnte.
Bis auf Laura Wilding sind alle anderen neun Kapitel des Buches in der Ich- Perspektive der drei Frauen Joanna, Janet und Jael erzählt worden. Nur Jeannines Geschichte wird in der dritten Person durchgehend erzählt. Aber Joanna Russ bleibt bei den Erzählperspektiven ambivalent. Es besteht die Möglichkeit, dass plötzlich die Ich- Erzählerin über sich in der dritten Person spricht. Das macht die Lektüre teilweise schwierig, unnötig kompliziert und nicht – wie von der Autorin beabsichtigt – komplex.
Am Ende verlässt die Autorin sogar die etablierten Handlungsmuster und macht deutlich, dass es sich um eine Geschichte handelt, die in einem Buch niedergeschrieben worden ist. Dieses Durchbrechen des bisherigen Erzählrahmens erfolgt gleichzeitig mit dem allerdings inzwischen konsequenten auseinanderbrechen des Rahmens.
Ihre vier Frauenfiguren hat Joanna Russ im Grunde geteilt. Auf der einen Seite Joanna und Jeannine, die aus Welten stammen, in denen Feminismus sich nicht sonderlich entwickelt hat und die sich im Grunde nach Männern sehnen, aber Frauen lieben wollen. Konträr sind Janet und natürlich die Amazone Jael. Es ist ausgerechnet Janet, welche Jaels Plänen widerspricht. Ausgerechnet die Welt, welche das Männerproblem endgültig und anscheinend zur eigenen Zufriedenheit gelöst hat. Diesen Widerspruch löst Joanna Russ nicht auf und wirkt dadurch in ihrer Argumentationskette auch ein wenig unsicher.
Während die Science Fiction Elemente ambivalent eingesetzt worden sind, wirkt die Geschichte auf eine gänzlich andere Art und Weise zeitlos. Auch wenn der von Joanna Russ manchmal propagierte Feminismus bis zur Wiederwahl Trumps aus der Zeit gefallen schien, sind Passagen dieses Buches hochaktuell. Es geht vor allem um das Bild, das das andere Geschlecht sich von dem jeweiligen “Gegenüber” macht. Bei der Party wird den Frauen gezeigt, wie man flirtet, vielleicht auch nach der Feier mit den Männern ins Bett geht und doch gegen den Willen der natürlich dominierenden Männer die eigene Persönlichkeit behält. Natürlich sind diese Szenen überzeichnet, aber mit pointierten Dialogen und einem scharfen Auge als Beobachter entwickelt Joanna Russ die alltäglichen Begegnungen und damit einhergehend für viele Frauen auch unangenehmen Situationen literarisch weiter und passt sie in ein Buch ein, in dem sich Frau schließlich am Ende wehrt. Zumindest teilweise einen Pyrrhussieg erringen. Mehr schafft Jael nicht, weil ihr der Dolchstosslegende folgend von einer Schwester die Werkzeuge aus den starken Händen genommen werden.
Auf dem Höhepunkt der Feminismuswelle entwickelt Joanna Russ verschiedene postfeministische Welten, von denen keine perfekt ist. Selbst eine Verschmelzung der unterschiedlichen Welten würde nicht wirklich helfen. Frau ist devot in ihren Rollen gefangen, Mann dominiert eine Stufe über dem Tier oder ist ausgerottet. Es gibt keinen Zwischenbereich.
Hier liegt auf der anderen Seite vielleicht eines der Probleme. Joanna Russ ist sich ihrer Position auch nicht sicher. Ohne Frage ist sie eine intelligente Kritikerin, welche die Klischees des Begriffs Ehe und damit Beziehung genüsslich vor ihren intellektuellen Lesern ausbreitet und dann weniger selektiert als obduziert. Das zeigt sich nicht nur in diesem Roman, sondern auch in der beigefügten Buchkritik. Aber Joanna Russ hat auch Angst vor einer emotionalen Perfektion. Es gibt nicht eine perfekte Welt, wobei Whileaway vielleicht dem Paradies am Nächsten kommt. Joanna Russ hat Angst vor Beziehungen und nutzt die Frauen von den Männern verpassten Rollenklischees auch als Schutzschild ihrer eigenen Unsicherheit. Der einzige Sex, der in diesem Buch beschrieben wird, findet zwischen einer der Frauen und ihrem Sexroboter statt. Die anderen Frauen schauen wie Voyeure zu. Es gibt keine echte Beziehung zwischen den Frauen, obwohl sie sich ähnlich sehen, noch kommt eine der Frauen aus einer gefestigten Beziehung. Dabei spielt es keine Rolle, ob hetero oder homosexuell. Ihre Frauen müssen unglücklich sein. Glückliche Frauen scheint Joanna Russ zu verachten und damit reiht sie sich in die Phalanx der angebotenen Klischees ein, welche sie eigentlich den Männern auf ihre bärtigen Leiber schreiben wollte. Der Leser muss diese im Grunde einsamen, gebrochenen und nur zur Rache entschlossenen Frauen akzeptieren, die von einer Welt zur Nächsten reisen, aber für sich nicht wirklich etwas mitnehmen, um „The Female Man“ – unbewusst denkt mancher Leser auch, dass der Titel umgekehrt angesichts des Plotverlaufs mehr Sinn machen würde – zu definieren.
Joanna Russ Blick auf die Männer, auf die klischeehaften Märchen und damit auch die Rollenklischees ist genauso verzerrt wie der Blick der patriarchalischen und in ihren Augen dominanten Männer auf selbstbewusste Frauen. Im Grunde haben beide Seiten Angst, dass ihre Blickwinkel verzerrt sind und finden nicht die goldene Mitte. Diese Schwäche unterstreicht die Reise der Frauen, an deren Ende ein waghalsiger Plan steht, andere Welten zu erobern, zu domestizieren und von „Mann“ zu säubern. Genauso wie Mann zumindest in Jaels Welt wieder in jeder Frau nur ein williges oder unwilliges Sexobjekt sieht, das sich wie die operierten Jünglinge ihm zu unterwerfen hat.
Aber das Buch ist auch dem Zeitgeist geschuldet. So lässt die Autorin aufzählen, welche Aufgaben/ Berufe Männer - dominierend- und Frauen - dienend/ sozial - im unmittelbaren Umfeld einer der Frauen haben. Fünfzig Jahre nach der Veröffentlichung des Buches hat sich diese Aufstellung nur bedingt verschoben, droht sogar wieder in die entgegengesetzte Richtung abzudriften. Aber natürlich wirkt die Aufstellung auch manipulativ. Wann hat Frau schon mehr Kontakt zu einem hochrangigen Politiker oder einem hochrangigen General als mit einer Krankenschwester? Joanna Russ kann sich einen ironischen Seitenhieb auf Nonnen allerdings nicht verkneifen.
Auch wenn die Science Fiction Elemente allgegenwärtig sind, macht Joanna Russ den Fehler, den sie in ihren Kritiken für “The Magazine of Fantasy & Science Fiction” vor allem James Gunn mit “Die Horcher” angekreidet hat. Zu wenig SF, zu viel Soap Opera. Auch “The Female Man” nutzt SF Elemente pragmatisch, um teilweise die fortlaufende Handlung erdrückend die feministische Position in verschiedenen Varianten zu präsentieren. Zwischen den pointierten und das überwiegend männliche Verhalten karikierenden und entlarvenden Szenen und der angesprochenen Erklärung für Querreisen zu anderen Welten finden sich zu viele Szenen, in denen Joanna Russ auf die metaphorische Kanzel steigt und predigt, was das Zeug hält. Zu Lasten der fließenden Lesbarkeit eines Romans. Damit soll nicht ausgedrückt werden, dass ihre Worte sinnfrei oder unwichtig sind. Das Gegenteil ist der Fall, aber es wirkt erdrückend, wie Joanna Russ im Gegensatz zu ihren Rezensionen wenig charmant aufklärt/belehrt.
Mit der abschließenden Metaebene baut Joanna Russ allerdings aus ihrer Sicht unberechtigter, ihrem Blickwinkel nicht entsprechender Kritik aus dem männlichen Lager und vielleicht auch einigen Frauen vor. Ein geschickter Schachzug.
„The Female Man“ kennt keine Mitte und das macht den Reiz dieses Buches aus, denn ohne Provokation gibt es keine Reaktion und damit auch keine Meditation. Joanna Russ ist zu diesem Zwischenschritt nur bedingt in der Lage gewesen, aber ihre provokante Sichtweise ist ein Schlüssel für den Fortgang, aber nicht Fortschritt der menschlichen Gesellschaft, die sich nicht selten mehr als einen Schritt zurück bewegt, um intellektuell und sozial wieder ein kleines Stück nach vorne zu kriechen. Und das ist die zeitlose Botschaft dieses vielleicht ein wenig strukturell ergrauten, aber immer noch provozierend bahnbrechenden Romans.
Die beiden Kurzgeschichten haben auf sehr unterschiedliche Art und Weise mit Whileaway zu tun.
Für die erste Kurzgeschichte „Als alles anders wurde“ (1972) erhielt sie ihren einzigen Nebula Award. Whileaway ist in Kurzgeschichte die Kolonie auf einem fremden Planeten und nicht nur einen technischen Schritt in eine Alternativwelt entfernt. Die Männer sind wie in dem später folgenden Roman einer Seuche vor 30 Generationen gestorben. Janet Evason lebt auf dieser Welt und wird alarmiert, als ein Raumschiff von der Erde mit einer männlichen Besatzung landet. Sie wollen sich mit den Frauen auf dieser Welt klassisch fortpflanzen, was die bisher aufgebaute Kultur auf diesem Planeten in Frage stellt.
Joanna Russ lässt das Ende dieser Geschichte offen. Während Janet Evasons Frau gerne die Dinge in die eigene Hand nimmt, ahnt die Protagonistin, das sich die Entwicklung nicht mehr stoppen lässt und schaut fatalistisch in die Zukunft. Joanna Russ hat sich bei ihrem stringenten, melancholischen Plot an Keith Laumers „Die Krieg gegen die Yukks“, aber auch Ursula K. Leguins „Die linke Hand der Dunkelheit“ orientiert, wobei sie unbedingt dreidimensionale Frauen in den Mittelpunkt ihrer Geschichte stellen wollte. Mehrmals hat Joanna Russ Ursula K. leGuin vorgeworfen, dass sie nicht über Frauen schreibt, sondern ihre Protagonistinnen Abziehbilder männlicher Erwartungen sind. Auf wenigen Seiten hat die Autorin ein Konzept entwickelt, das überzeugender ist als im wenige Jahre später veröffentlichten Roman „The Female Man“. Es fehlen die Absurditäten wie das Mutter/Kinder Verhältnis; die dicken Hintern, aber vor allem auch der Aspekt, dass die Frauen vor Äonen die Männer entsorgt haben. Die Gesellschaft funktioniert auf einer archaisch- technischen Ebene. Technik ist vorhanden, wird aber effektiv zur Verbesserung des Lebensstandards eingesetzt.
Die zweite Kurzgeschichte „Ein paar Dinge, die ich über Whileaway weiss“ ist im Grunde keine Story, sondern besteht aus Zitaten des Romans. Joanna Russ distanziert sich am Ende von ihrer Geschichte: „ Ich bin eine Lügnerin. Ich war nie auf Whilaway“. Bis dahin ist es eine nur teilweise alternative Version der entsprechenden Passagen des Romans. Isoliert betrachtet, auf die Stärken fokussiert wirkt der Text sogar kraftvoller als ihm Roman. Die Grundstruktur ist anders. Allerdings beantwortet der Roman nicht die hier aufgeworfenen Fragen, was eine der Schwächen beider Geschichten ist.
Im sekundärliterarischen Teil finden sich drei Kolumnen aus „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“. Joanna Russ geht mit einer Reihe von Autoren nicht sanft um. Insbesondere James Gunn bekommt sein Fett bei „Die Horcher“ ab. Science Fiction trifft Soap. Mit Ursula K. Leguin geht sie in sozialer Hinsicht hart um, wenn sie ihre zwischenmenschlichen Beziehungen als Alibi entlarvt und darstellt, dass es nur vordergründig exotisch ist. Kate Wilhelm, Brian W. Aldiss oder Robert Silverbergs „Es stirbt in mir“ werden geerdet. Alles anerkannte Klassiker des Genres, denen Joanna Russ eine ausgesprochen pointierte und detaillierte Betrachtung zugesteht. Sie stellt übrigens auch Norman Spinrads “Der stählerne Traum” in den hier nachgedruckten Kolumnen vor.
In der ersten Kolumne finden sich auch Rezensionen zu zwei Anthologien mit erotischen bzw. sexuellen Inhalten. Das perfekte Spielfeld für eine aufgeschlossene Frau und Kritikerin. Mit Genuss nimmt sie die aus ihrer Sicht prüden Geschichten auseinander und findet nur bei wenigen Storys lobende Worte. Ihre Buchkolumnen gehören zu den Besten in „The Magazine of Fantasy & Science Fiction“, das unter anderem mit Anthony Boucher, Avram Davidson, Algis Budrys und jetzt Charles de Lint über namhafte Buchkritiker verfügte. Charles de Lints Rezensionen wirken gegen Joanna Russ Texte wie Streicheleinheiten.
Für die “Village Voice” hat sie “Future of Marriage” und “Marriage: For and Against” rezensiert. Dabei schreibt sie aus eigener Erfahrung hinsichtlich ihrer Ehe mit Albert Amateau zwischen 1963 und 1967. Als diese Kolumne erschien, hatte sich Joanne Russ noch nicht geoutet. Mit sichtlichem Vergnügen entlarvt sie die verschiedenen, in beiden Büchern aufgeworfenen Thesen, wirft sie gegen die Steinwand der klassischen Rollenmodelle und sammelt die “Trümmer” genüsslich auf. Dabei scheut sie nicht, ihre feministische Position in den Mittelpunkt zu stellen, aber auch ihre Mitfrauen hinsichtlich ihrer Naivität und vor allem ihrer fehlenden Objektivität gegenüber der Institution Ehe zu kritisieren.
Aus dem Oktober 1971 stammt der hier abgedruckte Artikel „Wie sich die Substanz von Genres abnutzt“. Auch wenn Joanna Russ auf verschiedene Genres wie den Vampirzyklus eingeht, steht im Mittelpunkt das Science Fiction Genre.
Sie teilt die einzelnen Themen in drei Blocke ein: Unschuld, Plausibilität und Dekadenz. Auch wenn es eine zeitliche Abfolge gibt, können Autoren unterschiedlicher Blocke neben einander agieren und veröffentlichen. So gehört für sie Larry Niven zu einem der besseren Autoren der Plausibilität, dessen Veröffentlichungen aber in das vom New Wave geprägte Zeitalter der Dekadenz fallen. Folge der Leser Joanna Russ Gedanken allerdings weit, dann ist alles, was nach der Plausibilität kommt, Bestandteil der Dekadenz: Cyberpunk, die barocken Space Opera und schließlich auch die gegenwärtige Solar oder Social Fiction. Damit wird die Autorin diesen (aus ihrer Sicht noch unentwickelten) Genres nicht gerecht. Wahrscheinlich hätte Joanna Russ diesen Artikel irgendwann überarbeitet und den drei Phasen wahrscheinlich drei weitere verordnet. So steht diese Arbeit aus dem Jahr 1971 für sich. Am Beispiel des Roboters mit drei Arbeiten von Ambrose Bierce, Isaac Asimov und schließlich Brian W. Aldiss entwickelt sie ihre Ideen am literarischen Objekt. Ihr Schlussfolgerungen sind faszinierend.
Im Vergleich zu Bierce/Asimov/Aldiss folgt die Evolution des Vampirgenres keiner klassischen Chronologie. Für Joanna Russ ist Stoker „Dracula“ eine Rückschritt im direkten Vergleich zu Franjus „Carmilla“. Sie kann sich nicht erklären, warum Stokers literarisch minderwertigere Geschichte populärer ist als „Carmilla“. Dabei geht Joanna Russ sogar auf die Adaption „Dracula“ mit Bela Lugosi als Hauptdarsteller ein.
In ihren Essays und Buchkritiken zeigt sich noch deutlicher als in ihren Kurzgeschichten und wenigen Romanen, wie intensiv und mit viel kritischer Freude sich Joanna Russ mit der Science Fiction auseinandergesetzt hat. Dabei verzichtet sie auf eine feministische Sichtweise – es sei denn, sie kritisiert ihre Schriftstellerkolleginnen ob ihrer vordergründigen Intentionen – und nähert sich den Büchern mit einer bestechenden, schneidenden Logik, die durch ein überdurchschnittliches Allgemeinwissen in den Sozial- wie Naturwissenschaften zusätzlich untermauert ist.
Jeanne Cortiel geht in ihrem Nachwort auf die unterschiedlichen Übersetzungen von “The Female Man” - jedes Buch hat ihre Zeit - und die Entstehung der Geschichte ein. Sie versucht diesen experimentellen, provozierenden und doch nicht gänzlich befriedigenden Roman nicht nur in Joanna Russ Gesamtwerk - kurz vor der Veröffentlichung des Buches, an dem sie fast fünf Jahre mit Unterbrechungen gearbeitet hat, outete sie sich als lesbisch - einzuordnen, sondern vor allem auch in die literarischen Bewegungen auch außerhalb des Genres in den siebziger Jahren. Viele autobiographische Züge sind teilweise unauffällig, dann gewollt in die vier unterschiedlichen Frauen eingeflossen, wobei Joanna Russ am Ende wie Jael hilflos, unzufrieden und zornig zurückbleibt.
Der zweite Band der Werksausgabe ist nicht nur wegen des wieder zugänglichen Romans “The female Man” eine allerdings in der Zeit seiner Entstehung zu betrachtende intensive, herausfordernde, aber nicht gänzlich befriedigende Lektüre, sondern vor allem wegen des Ergänzungsmaterials in Form der Rezensionskolumnen, in denen Joanna Russ besser zum Ausdruck bringen kann, was sie von der Science Fiction im Allgemeinen und von sich selbst im Besonderen erwartet. “Als alles anders wurde” ist der literarische Höhepunkt dieses Sammelbands, auf wenigen Seiten verdichtet, blickt der Leser ganz tief in Joanna Russ ängstliche und doch starke Seele.

- Herausgeber : Memoranda; 1. Edition (4. Dezember 2024)
- Sprache : Deutsch
- Taschenbuch : 380 Seiten
- ISBN-10 : 3910914241
- ISBN-13 : 978-3910914247
- Originaltitel : The Female Man
