Daedalos 16

Michael Siefener, Ellen Norten & Andreas Fieberg

Mit „Daedalos“ 16 erscheint schon die vierte Ausgabe der Neuauflage im Verlag p. machinery. Die Herausgeber Michael Siefener, Ellen Norten und Andreas Fieberg haben wieder ein breites Spektrum von phantastischen Geschichten, begleitet von historischen Bildern und Stichen zusammengestellt.

 Peter Schünemann schreibt als Friedrich zu Weyerstadt- Hohenthal – natürlich in dessen Nachlass gefunden – über „Feuerbrunst“. Sowohl der Titel der Geschichte als auch der Autor ziehen in die bekannte Publikation „Irrlicht“ ein, welche der Protagonist gerne Abends bei einem Glas Wein mit seiner Frau liest, die er auf dem Marburg Con kennen gelernt hat. Die zahlreichen Anspielungen auf Veranstaltungen und Magazine, welche der Leser kennt, geben der phantastischen Geschichte einen realen Hintergrund. Als der Erzähler – ominöse Hinweise auf eine Tragödie gibt es natürlich von Beginn an zu Hauf – der Spur der Geschichte „Feuerbrunst“ in der Veröffentlichung und damit auch seiner Frau, die eine geborene Weyerstadt- Hohenthal ist und die ein der Protagonistin der Geschichte vergleichbares Schicksal erlitten hat, folgt, kommt es natürlich zur Tragödie.

 Je weiter sich der Autor von der angesprochenen realistischen Handlungsebene entfernt, um so schwerer fällt es ihm, die phantastischen Aspekte positiv stringent unter Kontrolle zu halten. Es schieben sich Versatzstücke des Genres in den laufenden Plot, die nicht gänzlich stören. Aber irgendwie fällt der Story auch der große Aha Effekt und das Ende mit einem entsprechenden Epilog befriedigt auch nicht ganz die Neugierde des Lesers. Dabei ist die Story wie viele andere Arbeiten dieser „Daedalos“ Ausgabe stimmungsvoll und flott geschrieben. Auf den ersten Seiten wird eine Neugierde geweckt, die Erwartungshaltung ist höher als es vielleicht in der Kürze des Textes abschließend zufrieden stellend zu erzählen ist. Keine schlechte Geschichte. Aber gegen Ende auch eine leicht vorhersagbare Story.

„Das geheime Trimoire“ (Julia Mostowa) spielt in der Ukraine des 19. Jahrhunderts. Die Protagonistin Nastja sieht einen geheimnisvollen Mann, der ihrer Mutter immer Medizin bringt. Sie verliebt sich in diesen Mann, der sie aber auch in der Ehe auf Abstand hält. Er verbietet ihr das Zimmer zu betreten, in dem er die heilenden Tränke braut. Als sie eine Affäre mit einem Lateinlehrer beginnt, den ihr Mann engagiert hat, ist es nur noch ein kleiner Schritt in die Katastrophe. Julia Mostowa baut ihren Handlungsbogen konsequent aus. Viele Fragen werden anfänglich nicht erläutert und der Leser ist sich wie die Hauptfigur unsicher, ob die Antworten wirklich der Wahrheit entsprechen oder sich eine weitere Lüge hinter dem dominanten Wesen ihres Mannes versteckt. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse, wobei die Autorin die phantastischen Elemente sehr effektiv einsetzt. Mit dem Epilog hält sie sich eine Hintertür offen. Stimmungsvoll gehört „Das geheime Trimoire“ zu den besten Storys dieser Sammlung. Nicht nur in der Zeit, sondern auch in eine andere „Welt“ versetzt fügt Julia Mostowa sehr konsequent eine Idee an die Nächste.

 Ellen Nortons „Haddock“ ist der feuchte Traum eines jeden Hundebesitzers. Für jeden Hund stellt die Beziehung zu „seinem“ Menschen im idealsten Fall sein ganzes Leben dar. Hier ist es genau anders herum. Die Enkelin besucht die Großmutter. Gemeinsam machen sie einen Ausflug an den Fluss. Sie können Belfast sehen, vielleicht auch das Dock, an dem die „Titanic“ gebaut worden ist. Und damit verbinden sich Gegenwart und Vergangenheit auf eine interessante Art und Weise. Jeder Hundebesitzer würde – wie eingangs erwähnt – sofort ja sagen und trotzdem verdeutlicht die Autorin, wie weit eine Verantwortung gegenüber einem Tier reichen kann. 

 Für die Kürze ist Nikolaus Schwarz „Licht aus, sie kommen!“ überzeugend kompliziert. Der Autor erweckt mit den ängstlichen alten Leute auch dank eines Einschubs eine gewisse Erwartungshaltung im Leser, welche er anschließend direkt auf den Kopf stellt. Im letzten Abschnitt der Geschichte zeigt sich, dass sowohl die alten Leute – unwissend – als auch der Leser nicht Unrecht hatte. Diese besondere Konstellation macht den Reiz der im Vergleich zu einigen leicht verkopften Texten dieser Sammlung der kurzen Story aus.      

 Träume sind immer ein wichtiges Thema in der dunklen Phantastik und damit auch für „Daedalos“. „Der Himmel bleibt niemals leer“ (Alexa Rudoplh) verbindet Science Fiction Elemente wie eine Roboterkatze oder das Exil auf dem Mars mit klassischer Phantastik eines  dunklen Waldes natürlich mit einem entsprechenden Geheimnis. Der Protagonist scheint sich in diese Idylle zu Träumen, bis er dem einzigen Bewohner des Waldes begegnet, der vor allem mit den Ruinen verbunden ist. Der Übergang wirkt ein wenig sprunghaft, die Autorin versucht anfänglich zu viel in ihren Protagonisten hineinzuinterpretieren. Dadurch wirkt der Beginn der Story ein wenig zu bemüht. Mit dem Wechsel in den Wald; der kurzzeitigen Flucht aus der Einsamkeit in eine allerdings andere Art von Leere gewinnt der Plot an Atmosphäre und die bizarren „Entdeckungen“ runden schließlich die Story wohltuend und zufrieden stellend ab.

 Auch Björn Helbigs „Die Strafe“ scheint sich lange Zeit im Bereich des traumatischen und weniger verträumten zu bewegen. Der Protagonist ist von einer Aufgabe besessen. Ablenkungen stören ihn in seiner Konzentration, die zu Hause hochgehalten wird. Auch wenn der Autor nicht alles abschließend erklärt und der Leser sich einiges eher zusammensuchen muss, überzeugt der Alptraum insbesondere in der ersten Hälfte mit dem Intellektuellen, der mehr und mehr die Bodenhaftung verliert. 

 In Andreas Müllers „Lichtspielträume“ ist der Titel gleich Programm. Der Protagonist hat seltsame Träume. Hilfe von außen durch entsprechende Ratgeber führt auch ins Nichts. Am Ende treffen „Illusion“ und „Leben“ aufeinander. The Show must go on, wie der letzte Satz treffend zum Ausdruck bringt. Ein aufmerksamer Leser ahnt die Verbindungen zwischen den einzelnen Elementen, aber wie einige andere Kurzgeschichten und Romane, in denen die Illusion auf der in diesem Fall fiktiven Leinwand und die Leben zusammentreffen, bleiben eher Momentaufnahmen in Erinnerung als die ganze, recht kurze Story.

 Zu den besten, aber auch einfachsten Geschichten gehört „Schmerzgrenze“ ( Alexander Klymchuck). Zwei Polizisten suchen die Hilfe bei einem Spezialisten für Insekten. Ein Mann ist durchgedreht, hat mehrere Morde in einem Amoklauf begangen und sich dann selbst gerichtet. Der Leser ahnt den weiteren Handlungsverlauf und doch zieht die Geschichte durch die sachliche Erzählstruktur und vor allem den weiten historischen Bogen, welchen der Autor schlägt, den Leser in seinen Bann. Das Ende ist allerdings höchstens pragmatisch konsequent zu nennen. Hier fehlt vielleicht eine letzte überraschende Wendung.

 Zu den kürzesten Geschichten dieser Ausgabe gehört „Sei folgsam“ von Horst- Dieter Radke.  Aus der Ich Perspektive geschrieben folgt der Leser als Wortspiel auf den Titel einem devoten Mann, der für eine Frau mit Katze alles machen würde. Als die Probezeit abgelaufen ist, trifft er eine fatale Entscheidung. Die Pointe kommt nicht gänzlich aus dem Nichts, ist aber ein wenig überraschend. Sie  impliziert, dass der Ich- Erzähler zwar nicht das letzte „Opfer“, aber auch nicht eines von wahrscheinlich vielen Zielen ist. Gut geschrieben, kurzweilig. Die Miniatur wirkt – positiv gesprochen – wie eine der zahlreichen kleinen phantastischen Zeitungsgeschichten, mit denen die Leser der  Nachrichtenseiten voller düsterer Meldungen ein wenig aufgeheitert werden sollten.

Manfred Kyber ist der Klassikautor dieser Ausgabe. Michael Siefener stellt ihn  ausführlich vor. Es lohnt sich, mit dem Lebenslauf dieses heute vor allem noch durch seine Tiergeschichten bekannten und immer wieder gerne nachgedruckten Autoren zu beginnen, um einen Eindruck in dessen Werk zu gewinnen, für das humorvolle Gorteske „Das Gerippe“ mit seiner erstaunlich zeitlosen Pointe steht.

Der Tod mit Eieruhr und natürlich Sense besucht einen alten Mann, um ihn abzuholen. Dieser ignoriert die Symbolik und verwirrt mit den Tod  mit Anmerkungen auf sein landwirtschaftliches Handwerkszeug, aber auch die Eieruhr. Die Dialoge sind ausgesprochen pointiert.  Als Theaterkritiker weiß sich das Opfer geschickt zu wehren, dreht dem Tod das Wort buchstäblich im Munde um und schickt ihn zu einer neuen, anderen Arbeit. Die Pointe ist köstlich., Nicht jede gute „Tat“ wird wirklich vergolten.    

„Daedalos“ 16 ist eine weitere mindestens solide, teilweise bei den längeren Geschichten sehr gute Ausgabe. Stilistisch versuchen die Autoren der Tradition der frühen Phantasten zu folgen und legen sehr viel Wert auf Stimmung und überzeugende Dialoge. In technischer Hinsicht gehört „Daedalos“ weiterhin mit großen Abstand zusammen mit „Exodus“ zu den besten momentan verfügbaren Genremagazinen. Einige der hier gesammelten Geschichten verfügen rückblickend über zu einfache Pointen, der Plot fließt im gleichmäßigen Tempo dahin und endet in einem für den aufmerksamen Leser zu früh erkennbaren Höhepunkt. Den Texten fehlt manchmal die Falltürattitüde, mit welcher nicht nur den Protagonisten, sondern auch dem Leser der literarische Boden unter den Füßen weggezogen werden könnte.

 Aber zusammen mit den historischen Zeichnungen unterhalten die zehn Geschichten mit den angesprochenen Einschränkungen trotzdem gut, wobei ausgerechnet Manfred Kyber als Senior mit seiner ironisch- zynischen Art am ehesten den Weg vorgibt.         

 

 

DAEDALOS 16: Der Story-Reader für Phantastik

  • Herausgeber ‏ : ‎ p.machinery (27. Februar 2025)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 80 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3957654459
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3957654458
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