Das Ministerium der Zeit

Kaliane Bradley

Der Heyne Verlag legt als Hardcover den Debütroman der Autorin Kaliane Bradley vor, der 2024 in England erschienen ist.  Als eine Adaption durch die BBC angekündigt worden ist, kamen Plagiatvorwürfe gegen die Autorin auf. So gibt es eine spanische Fernsehserie mit dem Titel „El Ministerio del Tiempo“. Außerhalb des Titels gibt es nur wenige inhaltliche Überschneidungen. Das Konzept der Serie ähnelt eher der kanadischen Fernsehserie “Travellers”. Aber die Idee eines geheimen “Ministeriums” - der Begriff ist ein wenig hoch gegriffen, da es sich um eine kleine Spezialeinheit handelt - findet sich sowohl in der angesprochenen Fernsehserie Roman wie auch in Kaliane Bradleys Buch wieder. Es gibt aber keine Episode, in welcher die Franklin Expedition eine Rolle spielt. 

 Bradley nahm ausführlich zu den Vorwürfen Stellung und sagte aus, dass sie sich bei der Konzeption ihres Buches auf die historischen Fakten der Franklin Expedition und den Roman „The Terror“ (Dan Simmons) bezogen hat. Die weibliche Protagonistin stammt aus einem nicht veröffentlichten Manuskript, das in ihrer Heimat während der Unterdrückung durch die roten Khmer spielte. Nachdem sie die Geschichte abgeschlossen hat, entnahm sie dem ursprünglichen Plot Elemente und versuchte, dem Roman einen neuen Rahmen zu geben. Trotzdem lassen zahlreiche Serien wie “Outlander” als mögliche sehr freie Inspiration, aber auch kein Plagiat grüßen.  Viele Kritiker sprechen davon, dass es erstens nicht ausreichend gewesen ist und zweitens die Idee, hier Fan Fiction als etwas Eigenständiges ohne Nennung der Inspirationen zu veröffentlichen, ein schmaler Grat ist. 

Der Hinweis ist “Outlander” mit zeitlich umgekehrten Vorzeichen  ist aber nicht die einzige Ähnlichkeit zu bekannten Werken. Der Protagonist Commander Graham Gore ist ein britischer Offizier und Teilnehmer an der Franklin Expedition. Kurz vor seinem Tod wird er quasi im Jahre 1847 abgepflückt und in die Zukunft transportiert. Diese Menschen heißen in der Zukunft „Expats“. In der kanadischen Fernsehserie „Travellers“ wurden aus der Zukunft die Bewusstseine von Freiwilligen in unsere Gegenwart versetzt. Ihre Wirtskörper standen an der Schwelle des Todes und mit dem Erlöschen der ursprünglichen Existenz konnte neues Leben erschaffen werden. In der Vergangenheit sollen sie die zukünftige Menschheit retten. Dabei kommt es zu Konflikten zwischen verschiedenen Gruppen.

Die aus ihrer Zeit „entführten“ Menschen erhalten in der Zukunft einen Paten, eine Brücke, welcher sie durch das Leben in der Zukunft führt. Dieser Pate ist der eigentliche Erzähler des Buches. Er bleibt namenlos und ihre Charakterisierung ist erstaunlich oberflächlich. Es handelt sich um eine Tochter eines Briten und einer Frau aus Kambodscha. Auch Kaliane Bradley stammt aus einer Mischehe. Aber der kulturelle Bezug fällt relativ schnell unter den Tisch, da es in erster Linie anfänglich um gegenseitige Anziehung trotz unterschiedlicher Herkunft und in zweiter Linie um Sex geht.  Natürlich hilft die junge Frau nicht nur dem attraktiven Mann, sich in der Zukunft zu orientieren. Es entstehen auch Gefühle zwischen den Beiden. Das ist grundsätzlich nicht verwerflich und wird teilweise auch gut beschrieben. Aber als Autorin ist Kaliene Bradley noch nicht erfahren genug, um ihre Protagonisten wirklich dreidimensional und über die pointierten Zwiegespräche hinaus als lebendige Figuren zu entwickeln. Das wirkt manchmal sehr mechanisch.  

Die Idee eines Menschen außerhalb seiner Zeit oder seines Ortes – wer denkt nicht gerne an das große Messer, das Crocodile Dundee in den USA geschwungen hat? – ist weder neu noch ein Boden, auf dem Romanzen aufgebaut werden können.  Viele dieser Missverständnisse werden nicht nur im vorliegenden Roman ausgesprochen charmant bis witzig beschrieben. Die vorhersehbaren Begegnungen, aber auch Missverständnisse ziehen den Leser ausgesprochen gut in die laufende Handlung hinein, ohne das er sich wirklich fragen muss, warum die Menschen aus der Vergangenheit geholt werden. Niemand findet die sich anbahnende Beziehung zwischen der Vergangenheit und Zukunft auffällig. Also handelt es sich um kein Novum, auch wenn die Autorin immer wieder versucht, die Einzigartigkeit dieser seltsamen Anziehungskraft zwischen zwei so unterschiedlichen, sich aber erstaunlicherweise hinsichtlich ihrer Stärken und Schwächen auch gut zu ergänzenden Menschen herauszuarbeiten. Das wirkt bemüht, überfordert aber ihre literarischen Fähigkeiten.

Unabhängig von der Charakterentwicklung deutet die Autorin an, dass das „Ministerium der Zeit“ nicht nur die Zeitlinie bewahren, sondern die Zukunft vor einer ökologischen Katastrophe bewahren möchte. Wozu es da ein Mitglied der Franklin Expedition bedarf, wird an keiner Stelle wirklich überzeugend und nachhaltig genug herausgearbeitet. In „Travellers“ wurden einzelne Gruppen in die Vergangenheit geschickt, um eine zerstörte zukünftige Erde zu retten und globale Katastrophen – beginnend mit dem Einschlag eines Kometen über besiedelten Gebiet über die Versuche mit einem nicht zu kontrollierenden Antimateriereaktor bis zum Schutz einer zukünftigen amerikanischen Präsidentin, welche viele grüne Weichen stellten sollte – zu verhindern. Natürlich griffen sie dabei in die sich noch entwickelnden Zeitlinien ein. Aber eine gigantische künstliche Intelligenz hat in der Zukunft die unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten berechnet und ist zu der Ansicht gekommen, dass ein Eingriff in der Vergangenheit – die Zukunft für die Zuschauer – mehr Menschen rettet, als dass diese absichtliche Verschiebung der gesamten zukünftigen Entwicklung schadet.  So weit geht Bradley nicht einmal in Ansätzen. Während “Travellers” ausgesprochen komplex immer wieder verschiedene Szenarien entwickelte, bleibt hier alles vage. 

In diesem Buch handelt es sich um fünf unterschiedliche Charaktere, die aus Europa bis in die Antarktis gerettet worden sind. Sie stehen in keinem Zusammenhang, sie haben nichts wirklich Großes in ihrer Zeit geleistet und vor allem wird nichts über die Zusammenhänge erzählt. Der Leser wird mit den Fakten konfrontiert und kann sich die einzelnen Ideen hinter dieser Vorgehensweise zusammenreimen. Die in der Folgezeit nachgereichten Erklärungen machen das Geschehen eher unwahrscheinlicher als glaubwürdiger. Das ist zu wenig für einen Roman, der erstens zu einem Bestseller geworden ist und zweitens auch noch preiswürdig sein könnte.

In der zweiten Hälfte des Buches versucht die Autorin mit einer Spionin aus der Zukunft – die Verbindung zu den beiden Hauptfiguren ist relativ eng – den Spannungsbogen zu beleben und der sich entwickelnden Romanze deutlich mehr Dynamik zu geben.  Hier überspannt die Autorin den Bogen, in dem sie einen der wichtigsten Aspekte der Zeitreisethematik auf den Kopf stellt. David Gerrold hat in seinem wunderbaren, in den siebziger Jahren publizierten Roman „The Man, who Folded Himself“ einmal den gordischen Knoten dieser Thematik zu durchschlagen versucht. Ihm blieb nur das Mittel der Farce.  Kaliane Bradley stellt eine gewagte These auf. Die Zeitmaschine oder besser Zeitversetzungsmaschine ist niemals  wirklich erfunden worden. Das wirkt auf den ersten Blick verstörend, da der Leser ja gleich zu Beginn eine effektive Nutzung dieser Idee verfolgt hat. Aber in der vorliegenden Konstellation kann das nicht der Fall sein, weil die Erfindung aus der Zukunft in die Vergangenheit gereicht worden ist, wo sie nicht erfunden, sondern nur benutzt worden ist. Um dann in der Zukunft „entwickelt“ zu werden. Das ist in jeglicher Hinsicht unlogisch und funktioniert auch nur in einem romantischen Roman, dessen Schwerpunkt nicht auf einem stringenten Plot oder inhaltlicher Logik liegt, sondern alleine auf dem Thema, wann sich die Beiden kriegen. Nicht einmal „ob“.

Unabhängig von der Unlogik, mit welcher die Autorin die relevanten Science Fiction Elemente angegangen ist und die niemals eine Nominierung für die wichtigsten Science Fiction Preise verdient hätte- lässt sie auch andere wichtige Themen fallen. So erfolgt die Akklimatisierung des Zeitreisenden nur in eine Richtung. Sein historisches Umfeld – bis auf den Konsum von Tabak – wird ebenso ignoriert wie die sozialen Veränderungen, welche die Menschheit seit dem 19. Jahrhundert durchlaufen hat. Immerhin haben es die Leser mit einem britischen Offizier und dank der Teilnahme an der waghalsigen Franklin Expedition auch mit einem Abenteurer zu tun, der in der Zukunft auf einige Ecken und Kanten sowie verbale Schlagfertigkeit reduziert wird. Das reicht wahrlich nicht aus, um aus ihm einen wirklich überzeugenden Charakter zu machen. 

Schlimmer ist, dass die Autorin selbst in der soliden deutschen Übersetzung neben der fehlenden Struktur der Geschichte mit einem frustrierend offenen Ende – vielleicht unbewusst gleich als Beginn einer Serie geplant ? – gerne mit ausführlichen Metaphern arbeitet. Der Stil wirkt dadurch überfrachtet und soll vielleicht die Künstlichkeit der Zukunft im direkten Vergleich zur Realität der Vergangenheit symbolisieren. Aber die Erzählstruktur ist herausfordernd, das Tempo wirkt nicht ausbalanciert genug und der Leser hat nur die Möglichkeit, diese Romane als solches zu akzeptieren und sich auf der Welle der stetig entwickelnden Hormone weitertragen zu lassen oder das Buch in dieser Form zur Seite zu legen. Eine Mitte gibt es nicht. Mit dieser Vorgehensweise und den eher rudimentär entwickelnden wissenschaftlichen Grundideen und dem fehlenden Bezug zur literarischen Inspiration, dem herausragenden Werk „The Terror“, ist „Das Ministerium der Zeit“ eine dieser zahlreichen Veröffentlichungen, die in einer verbalen Zusammenfassung von vielleicht fünf Minuten Länge überzeugen, aber als Roman, als Drama in sich zusammenfallen. Die Liebesgeschichte reicht in diesem Fall nicht aus, um interessierte Science Fiction Leser bei der Stange zu halten.     

Die Leser müssen sich entscheiden. Wer eine weitere „Fisch aus dem Wasser“ romantische Komödie ohne viel emotionalen Tiefgang mit einer namenlosen weiblichen Erzählerin lesen möchte – das Alter und vor allem die Herkunft stammen nicht nur zufällig mit den Daten der Autorin überein – der wird zumindest oberflächlich gut unterhalten. Als Science Fiction Geschichte ist „Das Ministerium der Zeit“ eine Reihe enttäuschend und wer diesen Roman unter anderem für die HUGO vorgeschlagen hat, sollte sich wahrlich schämen und die Klassiker des Genres noch einmal, wahrscheinlicher aber zum ersten Mal lesen. Dazu ist der Plot zu dünn, zu unlogisch und vor allem zu stark konstruiert. Zeitreisen sind nicht immer logisch und nicht selten muss der imaginäre Zeitfluss auch „gebogen“ werden, aber die Autorin unternimmt nicht einmal einen entsprechenden Versuch. Schade um das ganze Potential, das hier verschwendet worden ist.    



Das Ministerium der Zeit: Roman. „Eine sehr spannende, komische und traurige Geschichte über uns Menschen und darüber, wie...

  • Herausgeber ‏ : ‎ Penguin Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 23. April 2025
  • Auflage ‏ : ‎ Deutsche Erstausgabe
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 384 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3328603530
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3328603535
  • Originaltitel ‏ : ‎ The Ministry of Time