Die Novemberausgabe beginnt mit der traditionellen Fragerunde an den Herausgeber Neil Clarke, der einige wichtige Punkte seiner Leser aufgreift. Allerdings hat Neil Clarke einzelne Fragen wie das Einreichen von Texten und die Reaktion auf die von K.I.s erzeugten Geschichten schon mehrmals beantwortet.
Nicht ganz ernst gemeint ist Joao Pedro de Mahalaehs Artikel „What ist he Retirement Age of a Jedi“, mit dem er über den Star Wars Kult hinaus auf einzelne Aspekte der modernen Arbeitswelt und der vielschichtigen Herausforderungen eingeht.
Die beiden Interviews könnten nicht unterschiedlicher sein. Mit K.A. Teryna interviewt Arley Sorg eine russische Autorin, die auch noch in der Sowjetunion lebt und sich irgendwie um die politischen Verhältnisse herumschifft. Einige ihrer Kurzgeschichten schon in den letzten Jahren in „Clarkesworld“ erschienen, ein erster Roman in den USA in Vorbereitung. R.T.Ester kommt dagegen aus Nigeria, seine Familie lebt seit einigen Jahren in den USA. Trotzdem finden sich Wurzeln seiner Abstammung in seinem Werk. Die beiden sehr unterschiedlichen Lebenswege werden in „Clarkesworld“ immer wieder durch Kurzgeschichten von Autoren nicht nur aus Afrika oder Osteuropa, sondern auch verstärkt aus Lateinamerika stammend kombiniert. Inzwischen sind fast fünfzig Prozent der Storyeinreichungen nicht mehr aus den USA, wie Neil Clarke in diesem Vorwort auf eine weitere Leserfrage antwortet. Während der Anteil chinesischer Geschichten dadurch automatisch zurückfällt, bietet Neil Clarke ganz bewusst den anderen Kontinenten eine entsprechende Plattform.
Sieben Geschichten – davon zwei Novellen – sind Bestandteil der vorletzten „Clarkesworld“ Ausgabe des Jahres 2025.
R.H. Wesleys „The Stone Played at Tengen” ist eine faszinierende Geschichte, die von einem Japaner geschrieben worden sein könnte. Sie spielt im späten 19. Oder frühen 20. Jahrhundert. Am Himmel erscheint eine seltsame Sternenformation über Japan, welche an Muster des Spiels Go erinnern. Der Kaiser stellt ein Team von Spielexperten zusammen und versucht eine Kontaktaufnahme, wobei die starren Regeln, nach denen die Meister im Gegensatz zur im Sterben liegenden Ehefrau eines der Experten spielen eher hinderlich sind. Die Ausgangsprämisse ist faszinierend, selbst wenn der Leser die Spielregeln von Go nicht wirklich kennt. Die Charaktere sind dreidimensional mit ihren starren Stärken und emotionalen Schwächen. Vor allem die Reaktion der Außerirdischen ist drastisch, in dem sie sich den Meistern als spieltechnisch überlegen erweisen. Das löst eine Krise in Japan auf. Hintergründe werden nicht erläutert. Ist es eine natürliche Evolution, das zwei so unterschiedliche Völker das gleiche Strategiespiel kennen oder haben die Fremden die Japaner über lange Zeit mit ihren Stärken, aber auch statischen Schwächen beobachtet? R.H. Wesley bietet keine finale Lösung an, aber der Leser wird sowohl auf der zwischenmenschlichen wie auch strategischen Ebene einfach gut unterhalten.
Zu den längsten Texten und mit dem Britsh SF Award 2025 ausgezeichnet gehört Tade Thompsons „The Apologists“. Die Handlung beginnt mit einigen brutalen Morden an einer Frau und ihrer jungen Tochter. Ein Polizeidetektiv beginnt den Fall zu untersuchen. Die Geschichte spielt in einer Art futuristischen London, wobei Tade Thompson auch sichtlich Freude hat, falsche Spuren in dieser Geschichte zu legen. Das Verbrechen ist aber eher eine Art Schlüssel, um alles zu hinterfragen. Diese Ausgangsidee ist rückblickend nicht neu, Tade Thompson nutzt nur den modernen Film Noir als Katalysator. Vieles erinnert an eine brutalere, vielleicht auch weniger ästhetische, aber genauso paranoide Welt, wie sich Philip K. Dick in vielen seiner Kurzgeschichten und Romane entwickelt hat. Durch den kalten, distanzierten Stil, die eher pragmatische Zeichnung der Protagonisten empfindet der Leser weniger für Thompson Figuren als zum Beispiel Dicks aus dem Alltag gerissene Antihelden, aber neben den brutalen Gewalt und dem an giallos erinnernden verwinkelten, im Grunde niemals in sich logisch erklärten Plot ist es Tade Thompons gute Strukturierung der Geschichte, welche den Leser an der von Beginn an überforderten, aber stoisch ermittelnden Polizistin mitreißt.
Zu den originellsten Geschichten dieser „Clarkesworld“ Ausgabe gehört sicherlich Chisom Umehs „Prerequisites for the Creation of a Possible Predicted World“. Der Titel ist buchstäblich Programm. Künstliche Intelligenz erschafft eine besondere Art der Spielwelt. Aus der Zukunft wird in die Vergangenheit geblickt und diese ist auch besuchbar. Die Themen der Vergangenheit sind dann allerdings ein Blick in die Zukunft, was teilweise schräg wirkt. Als die K.I. die 1962er Weltausstellung in Seattle nachbildet, kommt es zu einem Konflikt. Die Autorin konzentriert sich allerdings auch auf die eher die romantische, in erster Linie aber anscheinend sexuelle Beziehung zwischen einem Hausmeister und der Abteilungsleiterin, so dass der einfach denkende Mann schließlich den Mut aufbringt, den Menschen seiner Zeit den Spiegel ihrer Fehlleistungen vorzuhalten und sie im Moment der Katastrophe von den Auswirkungen zu warnen, deren Wurzeln in der rassistischen Politik der Amerikaner in den sechziger Jahren liegen. Das wirkt ein wenig belehrend und aufgesetzt, aber die Geschichte ist beginnend mit der im Grunde schrägen Idee eines Blicks zurück in die Zukunft schon originell aufgesetzt, so dass der Leser diese Sollbruchstellen angesichts des hohen Tempos und der interessanten Zeichnung der Figuren nicht wirklich auf den ersten Blick erkennt.
Aus dem Spanischen stammt die Übersetzung von Sue Burke der Ramiro Sanchiz Story „Trees at Night“. Ausgangspunkt ist der Absturz des Tunguska Meteoriten in Sibirien des Jahres 1908. Aber in dieser Alternativweltgeschichte werden durch den Einschlag seltsame Kreaturen befreit und ein Tor zu einem weitentfernten Planeten in einer fernen Zukunft geöffnet. Wer sich an den Invasoren angesteckt hat, versucht auf der fernen Welt Heilung zu finden, wobei hier in erster Linie mit den Klischees gespielt wird, denn die „Krankheit“ ist natürlich keine Infektion im klassischen Sinne.
Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt. Im Mittelpunkt steht ein Junge, der an der Krankheit leidend die ferne Welt aufsucht und dort eine Art Bibliothekar trifft, der sich mit ihm anfreundet. Die Science Fiction Elemente werden in dieser seltsam surrealistischen Geschichte eher pragmatisch beiläufig genutzt; der Plot nicht chronologisch erzählt und der Autor legt erstaunlich viel Wert darauf, eine Art magischen Realismus zu erzeugen. Das Problem liegt im eher schwachen Ende. Der Autor will von Anfang an keine Antworten liefern, sondern mit der aus dem „klischeehaften“ Auftakt einer Invasion von einer anderen Welt die Leser intellektuell einschläfern, um sie dann in der Theorie zu überraschen. Das funktioniert trotz des gehobenen wie getragenen Stils und der interessanten Beziehung zwischen dem Bibliothekar und dem Jungen nicht immer gänzlich zufriedenstellend.
Die beiden langen bzw. sehr langen Novellen werden von einigen Miniaturen „begleitet“. „The Fire Burns Anyway“ von Kemi Ashing- Giwa ist eher eine Charakterstudie als eine abgerundete Geschichte, in welcher Träume aufgezeichnet und dann quasi verteilt werden. Dabei lässt sich das Synonym des Traums relativ leicht mit dem Begriff der Kunst ersetzen, von welcher der Künstler lebt oder durch seine künstlerische Exzentrik verhungern kann. Nicht viel Handlung, nett geschrieben, aber zu ambitioniert für das Format.
Der kürzeste Text ist Brent Baldwins „Ratlines“, knapp über eintausend Worte. Ein Rebell wird entkörpert und dient quasi nur mit seinem Gehirn als Raumschiffpilot. Während einer Reise mit einer Elite, welche den Aufständischen zu entkommen sucht, trifft er seine eigenen Entscheidungen und den schwierigen Umständen. Der Plot endet wenig überraschend, der Hintergrund ist zu rudimentär entwickelt, aber das Thema Unterdrückung und dementsprechend Rache natürlich zeitlos.
Während die Auftaktgeschichte das Strategiespiel Go in den Mittelpunkt gestellt hat, konzentriert sich D.A. Xiaolin Spires „Jade Fighter“ auf eine virtuelle Martials Arts Version. Bei ihren Trainingsessions trifft die Erzählerin auf einen Gegner, der menschlicher wirkt als die Avatare. Sie freunden sich an. Auch wenn der Grundton der Geschichte warmherzig ist und mehr auf „zwischenmenschliche“ Beziehungen Wert legt, wirkt der Plot auch ein wenig zu konstruiert, da an keiner Stelle nachhaltig erläutert wird, warum eine der Nebenfiguren so über ihre virtuellen Brüder und Schwestern intellektuell herausragt.
Durch die beiden sehr originellen längeren Texte, aber auch die Forst Contact Go Variation ist „Clarkesworld“ 230 beginnend mit dem schönen Titelbild eine der besten Ausgaben des Jahres 2025 und dank der international Interviews – so wird in Russland eine Anthologie vorbereitet, in welcher Strugatzki Geschichten im Stil markanter anderer Autoren neu, aber auch dementsprechend anders erzählt werden – mit einem Blick über den international Gartenzaun versehen.

