Neil Clarke beendet mit seinem kurzen Nachwort das Jahr 2025.Wie die letzten Jahren in kommerzieller Hinsicht eine Herausforderung, aber da Neil Clarke sich vor einigen Jahren von einem Herzinfarkt erholt hat, sieht er vieles inzwischen gelassener. Das Thema muss ihn aber immer noch beschäftigen, da er es mindestens drei- bis viermal pro Jahr in seinen einleitenden Worten erwähnt.
Gunnar de Winter schreibt in „Decoding Animal (and Alien?) Language“ über den Stand der Forschung hinsichtlich der Kommunikation mit Tieren. Neben zahlreichen Beispielen extrapoliert er verschiedene Kommunikationsarten und hofft, sie bei der ersten Begegnung mit den Außerirdischen nutzen zu können. Wenn diese allerdings sehen, wie die Menschen mit Tieren umgehen, wird wenig Interesse an einer Kommunikation geschweige denn einer Begegnung bestehen.
Die beiden Interviews von Arley Sorg konzentrieren sich auf zwei sehr unterschiedliche Bereich. Mit Simon Stalenhag spricht er über die Netflix Adaptionen, seinen neuen im Norden von Schweden spielenden Roman und die Besonderheit, aus dem hohen Norden griffige, aber auch mahnende Science Fiction zu schreiben. Ed Finn und Joey Eschrich sind Autoren und gemeinsame Herausgeber zugleich. Darum ist auch ein Schwerpunkt die von ihnen publizierte Anthologie mit ökologischen Geschichten, während Arley Sorg einzeln auf den in erster Linie Kurzgeschichtenwerk und die Schwierigkeit eingeht, einen entsprechenden Markt zu finden.
Zwei Novellen, fünf Kurzgeschichten und keine Miniaturen bilden den Inhalt der letzten 2025er Ausgabe von „Clarkesworld“, die sich wie ein feiner Wein in der zweiten Jahreshälfte qualitativ wieder zurückgekämpft hat, nachdem die ersten Ausgaben des Jahres 2025 eher klischeehaft alte Themen in neue, aber irgendwie unpassende Mäntel packten.
R.T. Esters „Tomorrow. Today” verfügt über eine interessante Ausgangsbasis mit einem kranken Jungen, der alle vier Jahre einen neuen Körper erhält. Sein natürliches Wachstum ist gehemmt. Vier Jahre lang altert der Junge nicht. Intelligent stellt er seinem Vater Fragen, ob er immer weiter altern muss, ob er sich die Körper selbst aussuchen kann und welche Bedeutung dieser Wechsel für ihn ein. Klassische Coming-of-Age Themen werden in einer anderen Verpackung und vor allem begleitet von intelligenten Fragen präsentiert. Hinzu kommt die Frage, ob ein fremder Körper eine Einschränkung der Individualität bedeutet.
Deutlich positiv unterhaltsamer ist Michelle Z. Jins “Imperfect Solutions”, die auf einem Kolonialplaneten im Alpha Centauri System spielt. Der jugendliche Protagonist hat die ihn auch einschränkende Fähigkeit, Wahrscheinlichkeiten im Kopf zu berechnen. Jede Art von Wahrscheinlichkeit. Dadurch sieht er Probleme auf die Kolonie zukommen, welche die meisten der Erwachsenen nicht in ihren Planungen haben. Einige der Wahrscheinlichkeiten sind allerdings für die Leser klarer erkennbarer und basieren auf rein ökonomischen Schlussfolgerungen, wobei der Rücktransport von Rohstoffen zur Erde von einer unwirtlichen Welt im Grunde keinen Sinn macht. Michelle Z. Jin nimmt sich einem bekannten Thema auf eine humorvolle, ungewöhnliche Art und Weise an, sodass der Leser am Ende mehr an den Berechnungen des jugendlichen Protagonisten als an der eigentlichen Handlung interessiert ist.
Deutlich dunkler, allerdings über eine leider rückblickend sehr bekannte Prämisse, ist „The Cold Burns“ von Anne Wilkins. Die Menschen leben auf einer erschöpften Erde nach einer Art Verbrauchsscore. Wer die zehn überschreitet, wird offiziell eingefroren und in die neue Kolonie zum Mars geschickt. Der gerade in einer dieser Deep Freeze Anlagen angefangene Jakobs erfährt die Wahrheit hinter der von der Regierung initiierten Aktion und wird quasi in eine aus dem Nichts kommende Gegenbewegung hineingezogen. Neben der unerwarteten und wenig zufriedenstellend vorbereiteten Wende gibt es noch einige technische Defizite. So können Menschen nicht von minus 200 Grad innerhalb weniger Minuten aufgetaucht und gleich wieder aktiv werden. Diese technischen Schwächen unterminieren den dunklen Tonfall der Geschichte, wobei – wie angesprochen – die Grundidee aus den siebziger Jahren stammt.
Die längste Geschichte ist Robert Reeds „Between Here and Everywhere“. Sie spielt wieder an Bord seines gigantischen Raumschiffs, wobei sich der Autor bemüht, neue Ideen in diesen inzwischen komplexen Zyklus einzuführen. Das Problem liegt aber in der grundliegenden Struktur. Mehr und mehr versucht Robert Reed neue Ansätze oder Ziele quasi in jedem Kapitel in die Geschichte einzubauen, ohne einen Konflikt zu lösen. Das wirkt einmal überzeugend und interessant, aber der Autor hat zu oft zu diesem Mittel gegriffen und zu selten die Erwartungen der Leser nicht nur in diesem, sondern auch anderen Texten erfüllt. So breitet sich nicht zuletzt auch aufgrund der Länge eine gewisse Leere im Leser aus. Da helfen selbst die bizarren Ideen, der technisch überzeugende Hintergrund und die solide, aber nicht charismatische Zeichnung der Protagonisten nicht. Nicht das Thema, sondern vor allem Robert Reed wirkt ausgeschrieben und sollte sich einmal eine längere Pause gönnen.
Die zweite längere Geschichte ist „The Hole“ von Ferenc Samsa. In einer unbestimmten Zukunft teilen sich die Menschen die Städte mit sogenannten Golems, künstlichen Dienern, die aber keine Androiden sind. Die wenigen Menschen verbringen ihre Zeit vor allem in Vergnügungsstädten und vegetieren dekadent dahin. In diesen Häusern werden ihnen immer wieder zwanzig Minuten quasi als eine Art „Film“ angeboten. Dabei reicht das Spektrum von Gewalt über Sex bis zu Krankheiten, welche die Menschen „sterblich“ und damit auch emotional empfänglich machen. Weitere Hintergrundinformationen erhält der Leser leider nicht. Dabei ist das Ausgangsszenario bizarr, verstörend und gleichzeitig auch mahnend. Das Problem ist der originäre Plot mit einem abtrünnigen Golem und einem Menschen, der ihn jagen muss. Dazwischen unterhält sich der Mann durch ein Loch in der Wand mit seiner Nachbarin, einer jungen Frau.
Auch wenn nicht alle Strukturen zufriedenstellend erklärt worden sind und viele Fragen offen bleiben, überzeugt die Geschichte durch die verstörende Atmosphäre; die zahlreichen bizarren Ideen und die seltsam distanzierte und doch anziehende Zeichnung der wenigen handelnden Menschen. Zu den Schwächen gehört der statische Grundplot mit der Verfolgungsjagd und ein zu offenes Ende. Aber „The Hole“ ist deutlich progressiver und innovativer als einige andere der hier publizierten Geschichten und überzeugt auch erzählerisch mehr als zum Beispiel Robert Reeds in allen Punkten zu rudimentäre Novelle.
Die kürzeste Geschichte der Ausgabe ist “The Sepulchral Aegis” von Rob Gilman. Auch der Autor nimmt ein altbekanntes Thema Generationenraumschiffe - und stellt es auf den Kopf. Durch einen unerklärlichen Zufall nimmt ein solches Raumschiff auf dem Weg zu einem potentiellen Kolonialplaneten einen Fremden an Bord, der sich als eine Art Übermensch erweist. Der Kontrast zwischen den antiquierten Technik an Bord; dem Zwiespalt, die Besatzung aus dem Tiefschlaf zu wecken und dem neugierigen Besucher wird vor allem durch pointierte Dialoge ausgedrückt. Schon die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Technik machen eine Kommunikation, geschweige denn ein Verständnis auf Augenhöhe schwierig, so dass einige für den Leser allerdings klar erkennbare Missverständnisse entstehen.
“Home grown” (Madeleine Vigneron) ist die dunkleste und zynische Geschichte dieser “Clarkesworld” Ausgabe. Zwei Schwestern werfen eine Münze. Der Sieger kriegt den quasi letzten Platz an Bord eines Generationenraumschiffs - damit bildet die etwas längere Erzählung auch eine kleine Themengruppe mit Rob Gilmans Story - , auch wenn diese Prämisse ein wenig unwahrscheinlich ist. Es geht vor allem um Erinnerungen, um Schuldgefühle des Gewinners, als sie auf einer fremden Welt eine eigene Familie gründet. Unabhängig von der kürze des Textes sind die Charaktere sehr dreidimensional, sehr zugänglich beschrieben worden, wobei Zugänglichkeit keine rein positive Darstellung der Figuren einschließt. Die “überlebende” Schwester ist auch selbstsüchtig, eine Niederlage beim Münzwurf hätte sie schwer verletzt und diese Ecken/ Kanten machen die Geschichte so lesenswert.
“Clarkesworld” 231 gehört zu den stärksten Ausgaben des Jahres 2025. Die beiden längeren Texte heben sich qualitativ mit sehr gut und eher zufriedenstellend auf, aber die kürzeren Geschichten ragen durch die Nutzung bekannter Ideen auf sehr originelle Weise deutlich heraus und zeigen, dass man jungen Hüpfern durchaus alte Themen anvertrauen kann.

