Im ersten seit vielen Jahren neu übersetzten Roman des Waliser Science Fiction Autoren Alastair Reynolds treffen literarisch sich Edgar Allen Poe („Die Erzählung des Arthur Gordon Pym“) und Jules Verne („Die Eissphinx“) gemeinsam mit H.P.Lovecraft („Die Berge des Wahnsinns“), um Algis Budrys zu lesen. Was auf den ersten oberflächlichen Blick wie eine Mischung aus vertrauten Ideen oder gar Texten erscheint, entwickelt sich dank Alastair Reynolds adäquaten Stil mit teilweise pointierten doppeldeutigen Dialoge zu einer verzweifelten Suche an einem Ort, den lange Zeit weder die Leser erahnen können noch der Ich- Erzähler wiedererkennen will.
Durch die episodenartige Struktur zwingt Alastair Reynolds seine Leser insbesondere hinsichtlich der Übergänge zu einer bemerkenswerten Aufmerksamkeit, denn es gibt innerhalb der Handlungsstruktur eine Reihe von ähnlich scheinenden und sogar ablaufenden Sequenzen, die sich aber doch in ihrem ureigenen Kern voneinander unterscheiden und mit zahlreichen Irrungen/ Wirrungen sowie unbewusst „feigen“ Entscheidungen doch auf ein gemeinsames Ziel hinlaufen. Dabei ist es für Alastair Reynolds eine literarische Herausforderung, die richtige Balance zwischen Spannung und Informationen anfänglich zu finden und später auch zu halten. Wie bei einigen Romanen anderer Autoren hat der Leser das unbestimmte Gefühl, als wenn der Weg, die Reise wichtiger als das Ziel ist.
Der Ich- Erzähler und Autor phantastischer Stoffe – zumindest in seiner Kabine und unveröffentlicht – ist der Schiffsarzt Dr. Silas Code. In seinem bisherigen Leben eher mäßig erfolgreich versucht er schon in den Vierzigern mit dieser Expedition in Richtung Bergen / Norwegen – Ziele sind Schall und Rauch – seinen Erfahrungsschatz zu erweitern und das Geld zu verdienen, um sich in Plymouth als Arzt selbstständig zu machen. Die „Demeter“ ist auf der Suche nach einem geheimnisvollen gigantischen Bauwerk, das im ewigen Eis eingeschlossen worden ist. Kaum am Ziel zeigt sich, dass die Voraussetzungen für die Expedition auf Lügen basieren und ein früheres Schiff – die Europa – im See unterhalb des Bauwerks gestrandet und die Besatzung verschollen ist. Die Expedition endet in einer Katastrophe.
Damit ist der erste Handlungsbogen abgeschlossen und das gesamte Szenario etabliert. Alle weiteren „Episoden“ basieren auf den hier präsentierten Grundlagen und sind doch gänzlich anders.
Insbesondere im ersten Abschnitt erkennt der Leser die Hommage an Poe und Jules Verne, der eine Fortsetzung zum zu offen endenden einzigen Roman des Amerikaners geschrieben hat. Alastair Reynolds nimmt sich Zeit, die einzelnen Charaktere vorzustellen. So gibt es einen jungen Mann namens Dupin – der erste analytische Detektiv der Literaturgeschichte trug den Namen C.Auguste Dupin und stammte natürlich aus der Feder Poes -, der weit aus mehr unbewusst weiß als er zugeben kann und weniger will. Allerdings hat Reynolds seinen Text vor der Lebenszeit Poes und damit auch der Erschaffung des einzigartigen Detektivs angesiedelt.
Wie viele Figuren ist Dupin aber nur eine rudimentär entwickelte Randfigur. Reynolds konzentriert sich auf den unentschlossenen Silas, der liebend gerne in seinem abenteuerlichen Roman mit Erfindungen voller Anspielungen auf Jules Verne schreibt. Den Roman durchzieht eine gewisse Doppeldeutigkeit und so ist es wenig überraschend, dass Silas sich in dem Augenblick in eine literarische Klemme geschrieben hat, als die Demeter ihr vorläufiges Ziel im ewigen Eis erreicht. Die „Wirklichkeit“ hat die Phantasie des Autoren eingeholt.
Silas ist auch kein klassisches Held. Als Dreh- und Angelpunkt in einer sich im Laufe der Handlungen entwickelnden Art und Weise ist er im Grunde seines Herzens ein Feigling. Seine medizinischen Fähigkeiten sind mindestens zufriedenstellend, wenn auch nicht entsprechend zertifiziert. So rettet er ein Crewmitglied, nachdem ihm ein Eisblock auf den Kopf gefallen ist, mit der Öffnung seines Schädels. Aber generell ist er ein Mann, der eher reagiert und nicht agiert. Schnell weiß er aus seiner subjektiven Perspektive, dass er zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Alastair Reynolds stellt mit einem fast sadistischen Vergnügen diese Perspektive auf den Kopf, denn in Wirklichkeit ist er der einzige Mann zur richtigen Zeit an einem exotischen Ort.
Die einzige Frau an Bord ist Milady Ada Cossile. Sie stammt aus einer reicheren Familie, ist gebildet wie arrogant und verfügt über ein undefiniertes Wissen über den Horizont hinaus. Das zeigt sich am ersten Höhepunkt der Geschichte, in dessen Verlauf sie als einzige nicht vom Geschehen überrascht worden ist. Zwischen den ersten Sequenzen dient sie als eine Art Überleitung, wobei sie handlungstechnisch gleich zu Beginn jeden neuen Abschnitts wieder in den Hintergrund tritt. Mit ihren pointierten Kommentaren und vor allem ihrer Fähigkeit, den stoisch passiven Silas immer wieder konsequent zu reizen, ist sie der Katalysator der weiteren Ereignisse, auch wenn Silas Dreh- und Angelpunkt bleibt.
Schlüsselfigur ist der junge Dupin. Das wirkt als Aussage nach der Hälfte des Buches paradox, aber Alastair Reynolds Plot ist so auf links gedreht, dass aus Nebencharakteren schließlich Katalysatoren mit tragischem Hintergrund werden; ein Mensch nicht unbedingt ein Mensch sein muss und selbst die künstliche Intelligenz menschlich werden darf. “Sie” genießt sogar diese spät ihrer Programmierung zugefügte Komponente, so dass Reynolds ein metaphorisches Happy End präsentieren kann, das auf Dupins Schicksal basiert, aber vor allem Silas und Cossile betrifft. Im letzten Abschnitt des Buches bedarf es in diesem Punkt einzelner konstruktiver Wendungen, welche Reynolds solide präsentiert, aber den Leser manipulierend nicht wirklich ausreichend vorbereitet hat. Daher sind die in der Vergangenheit spielenden Szenen des Buches auch deutlich faszinierender als die ferne Zukunft, auch wenn manches ein wenig an Rainer Zuchs “Planet des dunklen Horizonts” erinnert. Beide Romane spielen hauptsächlich jenseits des Asteroidengürtels, beide Romane sind First Contact Geschichten und beide Bücher enthalten Elemente, die eher an Lovecraft denn eine klassische Science Fiction Story erinnern. Aber im direkten Vergleich zu Rainer Zuchs stringenter Geschichte spannt Alastair Reynolds in der Theorie einen Bogen, der Jahrhunderte umfasst; in der Realität seiner Geschichte aber nur wenige Tage, vielleicht auch nur Stunden.
Im Gegensatz zu den allgegenwärtigen Hauptfiguren erscheinen alle anderen Charaktere – der reiche Förderer der Expedition, der aber über die originäre Initiative lügt; der pflichtbewusste Kapitän oder die einzelnen Besatzungsmitglieder – eher pragmatisch entwickelt und dienen in den dramatischen Szenen als eine Art notwendiges Kanonenfutter. Aber Reynolds bleibt sich in seiner Grundausrichtung treu. Keine der Nebenfiguren durchläuft eine Wandlung; keiner der Charaktere steht so im Mittelpunkt wie der passive Dupin und keiner Figur wird direkt/ indirekt die Existenzgrundlage “entzogen”.
Die Rolle der verschollenen „Europa“ Besatzung konzentriert sich auf kryptische Warnungen, wie sie der Leser aus der Feder eines anderen populären Autoren kennt: H.P. Lovecraft. Während es sich bei Lovecraft nicht selten um dunkle Andeutungen handelt, manifestieren sich bei Reynolds diese Prophezeiungen auf eine gänzlich überraschende Art und Weise, deren roter Faden nur das seltsame ”Bauwerk” als Ziele der Expeditionen ist.
Während Jules Verne die Poe Charaktere im ewigen Eis eine Eissphinx finden ließ, schuf H.P. Lovecraft in „Die Berge des Wahnsinns“ eine gigantische, uralt wirkende Anlage am Südpol, an der sich Alastair Reynolds bei seinem eigenen Bauwerk zumindest in den ersten beiden Abschnitten der Geschichte orientiert hat.
Die Faszination von Reynoldfs Roman legt in der Gesamtbetrachtung. Klassische Expeditionsstorys mussten - wie die ersten drei Abschnitte des Buches - immer vorwärts betrachtet werden. Die Fahrt dahin; der Weg “rein” und schließlich der Fund. Auch in Algis Budrys “Projekt Luna” oder Lovecrafts “Berge des Wahnsinns” dominierte diese Struktur. In einem entscheidenden Punkt unterscheidet sich Reynolds von diesen Werken. Die Protagonisten - dieser Begriff ist entsprechend weit gefasst und die eigentliche Überraschung auf der charakterlichen Ebene - müssen ab einem Punkt rückwärts denken und sich entsprechend orientieren. Jeder Weg dorthin ist im Kern ein Versuch, wegzukommen. Auch hier ist Dupin Dreh- und tragischer Mittelpunkt der Ereignisse. Mit ein wenig Pathetik spielt Reynolds mit einigen klassischen Elementen des Genres und stellt die Emotionalität der Rationalität gegenüber. Hinzu kommt, dass er diese Sichtweisen konträr seinen Figuren zuordnet und der grundsätzlich streng logisch denkende Charakter emotional agiert, während emotionale Menschen rational zu handeln beginnen. Diese Kreuzung erfolgt ohne Konstruktion, ohne Vorbereitung aus dem Moment heraus und macht das - nüchtern betrachtet - eher schematische, aber konsequente Ende zu einer puren Achterbahnfahrt abseits der greifbaren Ereignisse.
“Das Schiff der flüsternden Träume” ist angesichts der sich wie eine Perpetuum Mobile entwickelnden Handlung ; der finalen Wendung und schließlich auch der angesprochenen interessant gezeichneten Hauptfiguren mit dem Arzt Silas und Cossile als kommentierende und leider allwissende Leitfigur eine gänzlich überraschende Lektüre, die wie einige von Reynolds Novellen aus seinem bisher von barocken Space Operas dominierten literarischen Kosmos positiv heraus.
Wie überzeugend die Geschichte ist, zeigt die finale Diskussion um das Thema Sterben oder besser ein wenig länger leben. Keine Ewigkeit, aber nahe dran. Irgendwie und vor allem irgendwo. Geschickt bringt Alastair Reynolds seine Handlung wieder zum Anfang zurück, dabei ignoriert auf die eine oder andere Art und Weise durch subjektives Vergessen die Ereignisse “zwischendurch”. Der Rest ist eine pure Abenteuergeschichte, die auf einer klassisch klischeehaften Prämisse basiert, sich aber eigenwillig wie eigenständig konsequent weiterentwickelt, damit sich alles ändern muss, um zu bleiben, wie es ist.

- Herausgeber : Heyne Verlag
- Erscheinungstermin : 13. August 2025
- Auflage : Deutsche Erstausgabe
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 368 Seiten
- ISBN-10 : 3453323807
- ISBN-13 : 978-3453323803
- Originaltitel : Eversion
