Gespensterkrimi 207. Orbit der Verdammten

Marie Erikson

Science Fiction und Horror hat auf der einen Seite eine lange Tradition, auf der anderen Seite allerdings auch einen langen Bart. Nur wenige Autoren können die perfekte Symbiose aus beiden Genres verfassen. Vor allem dann nicht, wenn ihnen nicht Giger mit seiner „Alien“ Kreatur streng über die Schulter schaut.

Die Perry Rhodan Autoren Marie Erikson hat schon einen eher klassischen Gespensterkrimi für die Bastei Reihe verfasst. Erfahrungen im Gruselgenre hat sie durch eine Reihe von Heftromanen gemacht, die sie für den Bastei Verlags Dauerbrenner John Sinclair geschrieben hat. Sie ist seit einiger Zeit etabliertes Teammitglied der Perry Rhodan Stammmannschaft.  

Jetzt präsentiert sie den Versuch, die beiden Genres zu kombinieren und scheitert trotzt der kurzweiligen Unterhaltung auf einem zufriedenstellenden Niveau, weil sie schließlich beginnend mit dem eher ermüdenden, teilweise offenen Ende die verschiedenen roten Fäden nicht „pünktlich“ in Hinblick  auf den Heftumfang zusammenführen kann.

Der Auftakt der Geschichte ist die beste Sequenz, auch wenn hier eine Reihe von Klischees berührt werden. Die Menschheit hat zumindest einen Prototyp eines Gefängnisses im Orbit installiert. Die geplanten weiteren Einheiten sind nicht gebaut worden. Im Laufe der Geschichte stellt sich heraus, dass die Überwachung der Strafgefangenen nur ein Aspekt dieses Baus ist. Die von Marie Erikson präsentierte Erklärung ist ein weiteres starkes Element dieses Buch. So absurd die von der ausgeschickten Expedition zusammengestückelten Informationen auf den ersten Blick scheinen, so stark bleiben sie im Gegensatz zu stringenten, aber auch sehr mechanischen Handlung im Gedächtnis des Lesers. Das ist eine der originellsten Wendungen der jüngeren Horror Science Fiction. David Wellington hat sich in den letzten Jahren nach der eigenen Etablierung als moderner Unterhaltungskünstler in den Horrorbereichen Zombies, Vampire und Werwölfe ebenfalls mit dieser Kombination aus Science Fiction und Horror befasst. Im zweiten Band seiner gegenwärtig im Heyne Verlag publizierten Trilogie greift der Amerikaner dann wieder eher auf Mythos aus Lovecrafts Werk zurück, als weiterhin eigenständig seine Geschichte zu entwickeln. In dieser Hinsicht ist Marie Erikson David Wellington überlegen. In den Punkten klassischer Spannungsaufbau und Präsentation eines wirklich überzeugenden Endes leider noch nicht.

Eine kleine Gruppe mit unterschiedlichen Motiven wird zum im Orbit befindlichen Gefängnis geschickt, mit dem die Erde den Kontakt verloren hat. Sonden oder Roboter sind  keine opportunen Mittel. Dabei reicht die Motivation der kleinen Besatzung von einer letzten, natürlich gut bezahlten Mission bis zur Suche nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen, welche die Grundlage der Handlung bilden.

Die Station wirkt verlassen. Die Eindringlinge finden die klassischen Instrumente einer Horrorhandlung. Erst ein blutiger Handabdruck natürlich auf der Scheibe einer der Türen, später zwei Leichen und dann lange Zeit nichts. Buchstäblich nichts. Sie durchstreifen die dunklen endlos wirkenden Korridore des Schiffes. Sie kommen in eine isolierte Sektion. Sie spielen sich gegenseitig morbide Streiche, deren Hintergrund von Marie Erikson nicht gänzlich überzeugend auf der charakterlichen Ebene herausgearbeitet worden ist und langsam scheint zumindest ein Teil der Crew wahnsinnig zu werden, nachdem eine junge Influencerin mit Beziehungen nach ganz oben etwas auf dem von ihr aufgenommenen Material sieht.

Marie Erikson macht nicht den Fehler, das Agatha Christie Zehn-Negerlein-Spiel anzugehen. Es sterben bei ihr Menschen. Es sterben auch dreidimensionale Charaktere. Aber um fair zu sein, schon mit der Ausgangslage verfügt sie positiv wie negativ nur über einen eingeschränkten Personenkreis, aus dem sich die Opfer rekrutieren müssen. Es gibt zwar gegen Ende mit einem Bruch der bisherigen Handlungslinie noch weitere Personen, aber Marie Erikson bindet sie absichtlich nicht aktiv in den laufenden Spannungsbogen ein.

Die Protagonisten sind zufriedenstellend bis überzeugend, aber auch nervig charakterisiert worden. Immer ein wenig pragmatisch am Rande des Klischees versucht die Autorin ihre wenigen Charaktere zu etablieren und sie dann in auf den ersten Blick immer extreme Situationen zu stoßen. Das gelingt an einigen Stellen sehr gut.  Allerdings hat die Autorin im mittleren Abschnitt des Romans Schwierigkeiten, die Spannungskurve aufrechtzuerhalten. Jede „dramatische“ Entdeckung wird irgendwie distanziert und eher belehrend präsentiert ,so dass der Leser das Interesse am Fortschreiten der Handlung verliert und die wenigen Knalleffekte insbesondere im ersten Drittel der Geschichte in den Hintergrund treten.

Positiv ist, dass Marie Erikson mit ihrem Science Fiction/ Horror Hybrid für die Gespensterkrimis neues Terrain betreten hat, auch wenn ihre Geschichte bis auf die mehrmals erwähnte mindestens interessante Grundidee ein wenig zu schematisch herkommt. Negativ ist, dass insbesondere das Heftromanformat gegen Ende zu ihren Ungunsten die Handlung zusammendrängt und mit dem Sprung zu einer weiteren, sich außerhalb des Gefängnisschiffes  etablierenden Handlungsebene wirklich zu viele Klischees gespielt werden.  Halboffene Enden sind zufriedenstellend, aber hier fehlen zu viele notwendige Erklärungen, als das der Leser das wirklich klischeehafte Abschiedsbild ernst nehmen kann.

Zufriedenstellende Unterhaltung, geschrieben in einem angenehmen, aber manchmal auch in Hinblick auf die Bildung von Atmosphäre eher sperrigen Stil mit zu wenigen Variationen kommt es bei „Orbit der Verdammten“ auch auf die Erwartungshaltung der Leser an. Je nach der Perspektive ist das Glass weiterhin halbvoll, für viele erfahrene SF Leser allerdings leider halbleer.        

Bastei Heftroman

64 Seiten