
Wer der Struktur seines offiziell unter seinem Namen veröffentlichten Erstlings „The Cutie“ genau folgt, wird viele dieser Züge in dem acht Jahre später entstandenen „Somebody owns me money“ wieder erkennen. Ein nicht unsympathischer Protagonist, der eher durch einen Zufall in einen Mord, den er nicht begangen hat, verwickelt wird. Im Laufe der Ermittlungen folgt ein zweiter Mord, bevor der Bogen auf die persönliche, aber nicht professionelle Ebene zurückgeführt wird und der in beiden Romanen neben den Schwingen der Liebe als Amateurdetektiv wider Willen agierende Protagonist den Täter in kleiner Runde überführen kann. Während „The Cutie“ allerdings über ein zynisches sehr offenes Ende verfügt, ist „Somebody owns me money“ deutlicher leichter angelegt und unterhält auf einer fast humorvollen Ebene. Westlake bietet quasi seinen Stammlesern zwei Variationen eines ähnlichen, aber nicht gänzlich gleichen Themas an, wobei der frühere „The Cutie“ atmosphärisch und strukturell der bessere, der vielschichtigere Roman ist.
Taxifahrer Chet Conway hat zwei Schwächen: die Pokerrunde mit Freunden zweimal die Woche und das Wetten auf Pferde bei seinem Broker. Da das Kartenspielen nicht unbedingt gut läuft, ist er auf Einnahmen aus seinem anderen Geschäft dringend anwiesen. Als ihm ein Trinkgeldunwilliger Fahrgast einen Außenseitertipp für ein Rennen in Miami „schenkt“, winkt das große Geld. Das Pferd gewinnt wirklich. Nur als er seinen Gewinn bei seinem Broker abholen möchte, muss er erfahren, dass dieser ermordet in seiner Wohnung liegt. Der Verdacht fällt nicht unbedingt gleich auf ihn, aber neben der Polizei interessieren sich zwei verfeindete Gangs für das Ableben ihres Mannes und die plötzlich auftauchende sehr attraktive Schwester des Toten hat auch ein Interesse dran, den Mörder relativ schnell aufzufinden.
Westlake hat die meisten seiner Roman ausschließlich aus der Perspektive des Protagonisten erzählt. Diese nachhaltige, nicht immer in der Ich- Erzählerebene ausgedrückte Identifikation mit dem „Helden“ hilft, den Leser auf Augenhöhe zu halten. Es werden keine Informationen nachgeschoben und auch die Ermittlung/ Bestrafung des Täters erfolgt aufgrund des vorliegenden Wissens und der Interpretation einzelner Fakten. Für den Hardboiled Hintergrund hat Westlake zwar keinen Sherlock Holmes Roman mit einem Amateurermittler verfasst, aber zumindest die Grundzüge aus Fakten und Beobachtungen sehr gut aneinandergereiht. Was „Somebody own me money“ leichter erscheinen lässt, ist die Wahl der Protagonisten. Wie in den meisten amerikanischen Komödien handelt es sich um einen „normalen“ Menschen, der allerdings als Taxifahrer gegen seine offensichtliche Bildung den leichtesten Job gewählt hat. Wie der Auftragsmörder für die örtliche Mafia beschreibt Chet Conway die Vorzüge seines Jobs pragmatisch: freie Arbeitszeiten, immer unterwegs, keine echte Verantwortung und Kommunikation mit den Mitmenschen. Was in „The Cutie“ zynisch und provozierend erscheint, wirkt im vorliegenden Roman humorvoll, denn die ganzen Attribute arbeiten schließlich in einem teilweise absurd erscheinenden Momentum im Mittelteil des Romans gegen den überforderten „Helden“, der nur seine 900 Dollar Gewinn haben möchte. Wenn die Exkurse in die kapitalistisch sozialistische Verbrecherauffassung exzentrisch erscheinen, wird diese Surrealität durch die realistische Beschreibung New Yorks wieder ausgeglichen. Wie viele Westlake Helden entwickelt Chet Conway seine Überlebensfähigkeiten während der Ermittlungen und geht immer wieder neue Wege, wobei er nach außen eher wie ein opportunistischer Feigling erscheint und den beiden ihn im Hintergrund folgenden Banden eher nach dem Munde redet, um zu überleben. Dafür endet der Roman auch auf einer leichteren Note, wobei in „Somebody owns me money“ der Katalysator für die Tat realistischer erscheint als das Zufallsprinzip in „The Cutie“. Auch erscheint die Motivation Conways, dem Täter alleine bzw. später mit der attraktiven Schwester zu folgen, besser heraus gearbeitet als die Arbeit des Auftragskillers, der spätestens an zwei Stellen der eigenen Gesundheit wegen die Ermittlungen hätte einstellen können.
Während Chet Conway gegen manches Klischees agiert und sich ständig mit seinem „Chef“ wegen der Arbeitszeiten als freier Taxiunternehmer streiten muss, platziert Westlake um die Identifikationsfigur des Lesers herum insbesondere im Vergleich zu „The Cutie“ eher blasse Nebenfiguren. Das Opfer agiert nur als Leiche, dessen Frau bleibt ein seltsamer Schatten zwischen potentieller Verdächtiger und naiver Gespielin anderer Mächte. Die Schwester des Opfers wäre der einzige Vollblutcharakter und Westlake bemüht sich, der Romanze eine erträgliche und vor allem auch überzeugende Tiefe zu geben. Das gelingt ihm nur spärlich, weil Conway als ehrlicher Spieler charakterisiert werden muss, der nicht das Honorar der Schwester annimmt, um seine Spielschulden zu begleichen. Auf der anderen Seite versucht der Autor dieser attraktiven jungen Frau an der Grenze des damals zulässigen eine Persönlichkeit zu geben. Von einem Rollenwechsel – unschuldige naive Frau und Auftragskiller, überforderter Taxifahrer und zumindest Berufsspielerin – kann nicht gänzlich ausgegangen werden, aber Conways offensichtliche Schwächen soll seine Partnerin wider Willen und spätere zumindest kurzzeitig Geliebte ausgleichen. Vielleicht hätte dieser Punkt eher und nachhaltiger herausgearbeitet werden. So bleibt zu Beginn die Frage offen, wie ehrlich die beiden Fremden miteinander umgehen. Hätte sich Conway nur für das Honorar und gegen die Spielerehre entschieden, wäre ansonsten der Roman schon an diesem Punkt zu Ende. Sie vertraut dem ihr unbekannten Mann zu schnell und zu sehr, um nachhaltig überzeugend gezeichnet zu werden. Die Doppeldeutigkeit ihrer Handlungen wird auch im Vergleich zu anderen Westlakes wie „361“ schmerzlich vermisst und lässt den Plot eher wie ein unrealisiertes Drehbuch eines Familienkinofilms der späten sechziger Jahre erscheinen.
In anderen Westlake Romanen stehen die Frauen zwischen zwei Extremen, sind immer nur grau charakterisiert und beeinflussen durch ihre mittelbaren Entscheidungen unmittelbar den Handlungsverlauf. Diese Ambivalenz fehlt dem Roman zu Gunsten, aber auch teilweise zu Lasten der inneren Spannung. Die Jagd nach den verschwundenen neunhundert Dollar Gewinn wird mehr und mehr zu einer Art McGuffin und die Notwendigkeit, rechtzeitig die Schuldscheine einzulösen, verleiht dem Plot keine objektive Dynamik.
Viel mehr konzentriert sich Westlake vor dem durchaus realistischen und mit viel Selbstironie beschriebenen alltäglichen Leben in New York auf eine Reihe von fast an „Dick Tracy Comics“ erinnernden Szenen, die ohne dessen konzentrierten und teilweise lakonischen Schreibstil absurd gewirkt hätten. Obwohl sich Conway zwischen den einzelnen Handlungsorten hin und her bewegt, schließt Westlake den Roman Orts technisch nach einer 360 Grad Kehre wieder fast am Ausgangspunkt des Geschehens. Wie in anderen klassisch angelegten Westlakes kommt der Leser weder auf den Täter noch dessen Motive. In vielen seiner Arbeiten ist der Leser dem potentiellen Täter schon im Verlaufe der Handlung begegnet, er kann diese Nebenfiguren nur nicht einschätzen. Dieser Versuch, gewöhnliche, fast unscheinbare Menschen vielleicht auch durch im Affekt begangene Taten aus ihrer Umwelt zu reißen, funktioniert angesichts der Konzeption des Buches zu wenig. Während „The Cutie“ wie im Kinofilm „Millers Crossing“ seinen dunklen Abstieg mit der Enttarnung des Täters und dessen offensichtlicher Dummheit beginnt, erreicht „Somebody owns me money“ eher einen komischen Höhepunkt, in dem Taschendiebstähle noch einmal für Spannung sorgen müssen. Dabei ergeben sich die Täter buchstäblich nach ihrer Enttarnung in ihr Schicksal. Wie schon angesprochen wirkt die von „Nero Wolfe“ oder „Poirot“ kopierte Vorgehensweise auf den ersten Blick archaisch, aber Westlake ist sich zumindest im Vergleich zu einigen anderen Hardboiled Autoren seiner Pflichten als Erzähler bewusst und entlarvt nicht nur den Täter, sondern lässt den Protagonisten das Geschehen für Leser und Augenzeugen noch einmal überzeugend zusammenfassen.
„Somebody owns me money“ ist ein oberflächlich unterhaltsamer Roman, der auf der einen Seite zumindest realistisch, aber eindimensionale Figuren präsentiert, auf der anderen Seite dank seines hohen Tempos und vor allem der angesprochen im Original gut zu lesenden Dialoge kurzweilig ohne anzustrengen solide unterhält.
June 2008
ISBN: 978-0857683571
Cover art by Michael Koelsch
Taschenbuch, 282 Seiten
