
1992 veröffentlichte Rainer Castor seinen einzigen serienunabhängigen Science Fiction Roman, wobei das melancholische Ende durchaus Luft für eine Fortsetzung in sich getragen hat. Kritisch gesehen sind die von Rainer Castor allerdings geschickt veränderten Vorlagen gut zu erkennen.
Die Idee der Versetzung eines Individuums von der Erde auf eine fremde Welt stammt ohne Frage von Edgar Rice Burroughs, wobei Rainer Castor die „Stargate“ Variante mit einem bewaffneten, aber überforderten und innerhalb von Sekunden nach Ankunft auf der Welt reduzierten Teams gewählt hat. Auch die Ideen eines intergalaktischen Weltenbaums in Anlehnung an die nordischen Sagen um Yggdrasil erinnern ein wenig an die grüne Technik aus den „Terranauten“ Romanen.
Im Gegensatz allerdings zu Burroughs Überhelden, die auf der Erde schon sich als Persönlichkeiten etabliert hat, greift Rainer Castor auf einen Physiker namens Mark Dillinger zurück. Seine Eltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen und haben ihm ein Vermögen hinterlassen. Trotzdem ist er ein Außenseiter, der sich in menschlicher Gesellschaft nicht wohl wühlt. Mit dieser Variation verbindet Castor den Leser intensiver mit seinem wichtigsten Protagonisten, aus dessen Blickwinkel inklusiv der intimen Ich- Perspektive der ganze Roman erzählt wird. Dillinger ist ein klassischer und damit auch ein wenig klischeehaft gezeichneter Theoretiker, der später angesichts des Eintreffens einer Kiste von Waffen und anderem notwendigen Material der amerikanischen Armee doch seine Bewunderung gegenüber der pragmatischen Haltung der Soldaten ausdrücken muss. Natürlich findet er isoliert auf einer fremden Welt relativ schnell eine wahre Liebe und kann sich auch an die unterschiedlichen Kulturen auf seiner Quest über diese nicht unbedingt vergessene, aber unbekannte und wie bei Burroughs archaische Welt anpassen. Als Protagonist wird er erst im letzten Drittel des Buches zugänglicher und damit auch weicher. Rainer Castor beschreibt ihn anfänglich aus der Position des Wissenschaftlers im Elfenbeinturm, der zwar aufgrund der Funde in der Arktis neugierig geworden ist, aber am liebsten diese Artefakte auf seinem Schreibtisch hätte. Der sperrige, allerdings nicht überdimensional gezeichnete „Held“ macht es schwierig, unabhängig von den zahlreichen, auf den Leser einstürzenden Fakten in den Roman einzudringen. Wie bei seinen späteren Perry Rhodan Arbeiten ist es sinnvoll, sich „Gea“ über den Hintergrund der Geschichte zu nähern, der unabhängig von den erkennbaren Vorlagen originell und lesenswert ist.
Die technischen Ideen eines verwachsenen Universums mit den Toren basierend auf den nordischen Sagen entstammt eher der „Terranauten“ Saga. In kurzen, immer am Rande der Belehrung geschriebenen Exkursen erläutert Rainer Castor manchmal den Handlungsbogen sehr stark unterbrechend seine Theorie und verbindet die Wikinger mit den Bewohnern dieser fremden Welt. Nicht umsonst sind die rätselhaften Ruinen mit dem Tor/ dem Artefakt an einem heute eher unzugänglichen Ort in der Tradition von Burrough entwickelt worden. Im Vergleich zu dessen „Venus“ oder „Mars“ Romanen fügt Rainer Castor aber eine unmögliche Erklärung hinzu und impliziert, dass es sich bei den Toren um eine Art gigantisches Wesen handelt, dessen Schlünde die Tunnel bilden und das empfindlich auf Störungen des Gleichgewichts reagiert. Diese „grüne“ Ansatz ist interessant, zumal Marek Dillinger mit dem amerikanischen Team bestehend vor allem aus Soldaten natürlich auf einer archaischen Welt landet. Ohne die Struktur der Tore und der Tunnel wirklich nachhaltig zu erläutern, bleibt es bei Theorien, die während des ein wenig abrupten Endes mit einer Art spontanem Rücktransport allerdings vom Autor selbst auf den Kopf gestellt werden. Der eigentliche Planet mit seinen unterschiedlichen Kulturen und Machtgruppen erinnert dann allerdings an eine moderne Version von Burroughs phantastischem Mars und seiner Venus. Die schwer bewaffneten Streitkräfte werden umgehend ausgeschaltet. Eine Idee, die Michael Crichton wahrscheinlich zufällig in einem Zeitreisethriller „Timeline“ ebenfalls umsetzt. Beide Autoren unterstreichen damit, dass Ausbildung und Bewaffnung im Gleichschritt mit überheblicher Arroganz tödlich ist. Im Gegensatz zu Crichton, dessen Helden später waghalsig dem eigenen Verstand vertrauen müssen, schicken die amerikanischen Oberbefehlshaber quasi als Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens und des ungewissen Schicksals des Teams eine Kiste mit schweren Waffen und natürlich nicht ausreichender Munition hinterher. Diese den anderen Kulturen überlegenen Waffen werden anschließend effektiv eingesetzt, um sich aus verschiedenen schwierigen Situationen zu befreien. In dieser Hinsicht macht es sich Rainer Castor stellenweise ein wenig zu einfach und isoliert den sich anfänglich gut anpassenden Marek Dillinger, seine neue Freundin und eine Handvoll Getreuer wieder vom Hintergrund seiner Schöpfung. Das Tempo des Plots variiert. Marek Dillinger als junger, wissenschaftlich gebildeter Mensch der achtziger Jahre – keine Videospiele, keine Phantasie und eine eher theoretisch denn pragmatische Einstellung - hat natürlich anfänglich Schwierigkeiten, die verschiedenen, sich gegenseitig bekämpfenden Kulturen auf dieser schönen, aber natürlich primitiven Welt zu verstehen. Alleine der Übergang von einer Welt zur anderen ist für ihn unerklärlich. Mit wissenschaftlicher Logik kommt er nicht weit, auch wenn gerade seine Vorbildung ihm an einigen Stellen hätte helfen können. Vielleicht steht sich der junge Rainer Castor bei diesem Frühwerk noch ein wenig selbst im Weg, in dem er überambitioniert und gegen den Fluss der Handlung agierend zu viele Kulturen auf den Protagonisten und damit den Leser einwirken lässt. Da Maren Dillinger vieles erklärt werden muss anstatt das er es praktisch erleben kann, leidet der Lesefluss unabhängig von den interessanten, teilweise auf den irdischen Hochkulturen basierenden Völkern, denen er auch in Kombination mit fremden, an die irdische Sagenwelt erinnernden Kreaturen begegnet. Wie intensiv sich Rainer Castor mit seiner Schöpfung identifiziert hat, zeigt, dass er immer wieder auf eine Kunstsprache – ebenfalls in Anlehnung an die alten Sprachen untergegangener Völker – zurückgreift. Leser und Protagonist sind in dieser Hinsicht auf Augenhöhe, wobei Rainer Castor teilweise vergisst, den eigentlichen Plot mit kurzen spannenden Actionszenen voranzutreiben. Im Vergleich zu Burroughs kümmert sich Rainer Castor mehr um die Details, während der Amerikaner vor allem die Dynamik in den Vordergrund gestellt hat.
Ab Mitte des Buches ändert sich das Tempo. Den Hintergrund ausreichend erläutert gewöhnt sich Maren Dillinger an diese Welt. Im Gleichschritt mit weiteren Informationen über seinen Hintergrund wird der Protagonist zu einem assimilierten Teil dieser Kultur. Vieles lernt er von der jungen, natürlich attraktiven, aber im Vergleich zu klassischen Pulpgeschichten auch nicht auf den Mund gefallenen Frau Cysanthi an seiner Seite. Sie ist deutlich zugänglicher und dient mehr und mehr als Identifikationsfigur des Lesers. Positiv verzichtet Rainer Castor auf die Klischees vieler Pulpgeschichten und reduziert Dillinger nicht auf einen eindimensionalen Überhelden in der Tradition von John Carter bis Flash Gordon.
Ein weiteres Aspekt ist aber interessant. Gea ist mehr als nur ein Planet mit unterschiedlichen Kulturen. Beginnend mit der Implikation, das die Tore keine technische Entwicklung sind, sondern als Tunnel oder hohle Äste in einer die Welten verbindenden gigantischen Baum erscheinen könnte – die Yggdrasil Legende wird in Kombination mit den nordischen Sagen mehrfach expliziert und ausführlich erwähnt – greift Rainer Castor auch die Idee auf, dass die Menschen bzw. im übertragenen Sinne die Bewohner Geas mit der Natur und nicht gegen sie leben müssen. Während das Faustrecht auf der primitiven Welt Geas nicht unbedingt auf die Erde übertragbar ist – hier bleibt die Frage offen, warum angesichts der Entwicklungen der letzten zweihundert Jahre eigentlich nicht ? - deutet Rainer Castor an, dass die zumindest theoretische Existenz eines Weltgeists als heilendes, aber auch ausgleichendes Element der technokratisch orientierten Erde gut tun würde. Der Platz reicht nicht aus, um ihm Roman diese Thesen noch einmal umsetzen und die Ambivalenz des Endes impliziert die Möglichkeit, das Marek Dillinger vielleicht sogar alles „geträumt“ und durch den Verlust seiner Eltern im Halbwahn „erlebt“ hat. Da das Buch mit dem erfolgten Übergang beginnt und teilweise die Erlebnisse die Surrealität eines Traums ausstrahlen, wäre diese These nicht von der Hand zu weisen.
Unabhängig von diesen offenen Fronten zeigt „Gea- die vergessene Welt“ aber einige Stärken Rainer Castors. Als kein ausschließlich sich, nicht negativ gemeint Spannungsautor sehender Schriftsteller entwickelt er durch einen fundierten, aus verschiedenen, allerdings auch erkennbaren Quellen gespeisten Hintergrund eine archaische Welt, die als Mischung aus den Fantasy Geschichten eines Fritz Leibers – nicht selten wirken die Städten wie aus dessen phantastisch magischen Orient stammend – sowie den Pulpabenteuer Burroughs inklusiv wunderschöner Prinzessinnen und böser Monster überzeugt. Es sind die vielen Details inklusiv einer selbst entwickelten Sprache, einem Hang zu einer detaillierten, minutiösen Beschreibung der Kulturen in Kombination mit einigen nordischen Sagen, die „Gea“ unabhängig von der allerdings sich teilweise ein wenig überambitioniert und in sich phlegmatisch einige Klischees ausnutzenden Handlung auch heute noch zu einem vielschichtigen Science Fiction Roman machen, der viel mehr ist als die erkennbaren Vorbilder.
- Format: Paperback Seiten: 352
- Verlag: Blitz
- Preis: 29.80 DM
